Sven Kosinski (Quelle: rbb/Kim Neubauer)
Audio: Fritz | 20.01.2020 | Studiogespräch mit Kim Neubauer | Bild: rbb/Kim Neubauer

Projekt Housing First für Obdachlose in Berlin - "Ich kann endlich wieder sagen: Ich gehe nach Hause"

Fünf Jahre lebte Sven Kosinski auf der Straße. Er hatte sich bereits mit seinem Schicksal abgefunden. Doch über das Projekt Housing First hat er jetzt das erste Mal seit Jahren in Berlin wieder eine Wohnung. Von Kim Neubauer

Es ist schon einige Monate her, seit Sven Kosinski das letzte Mal auf der Straße übernachtet hat. Trotzdem wird er die Reaktionen der Menschen so schnell nicht vergessen: "Es reichen die Blicke der anderen Bevölkerung. Wie die einen angucken, wenn man auf der Straße liegt - das ist schon abwertend." Er schüttelt den Kopf und fasst sich an den Rahmen seiner Brille.

Als der 41-Jährige vor einigen Jahren für eine Zeit ins Gefängnis musste, kündigte er seinen Mietvertrag. Doch nach kurzer Zeit durfte er die Haftanstalt wieder verlassen und stand ohne Wohnung da, lebte ab diesem Zeitpunkt auf der Straße. Er wendete sich an soziale Einrichtungen, bemühte sich um eine Wohnung und scheiterte am Berliner Wohnungsmarkt, bekam immer nur Absagen.

Das ging nicht spurlos an ihm vorbei: "Ich bin in einen Sumpf gefallen, aus Alkohol und Drogen", sagt er. "Ich habe mich fast mit meinem Leben auf der Straße abgefunden."

Aus dem Gefängnis direkt auf die Straße

Aus einigen Wochen auf der Straße wurden dann insgesamt fünf Jahre und Sven Kosinski glaubte nicht mehr daran, überhaupt nochmal eine eigene Wohnung zu bekommen. "Wenn man immer nur Ablehnungen bekommt, lässt man sich gehen", sagt er. "Man findet sich damit ab, dass man im Obdachlosenheim stirbt oder ewig da lebt." Doch genau dort, in einer Notunterkunft für obdachlose Menschen, erzählte ihm eine Sozialarbeiterin von Housing First.

Das Konzept des Modellprojekts ist anders, als in Deutschland sonst praktiziert wird: Menschen auf der Straße bekommen eine Wohnung, ohne dass sie Voraussetzungen erfüllen müssen. Sie müssen nicht nachweisen, dass sie einen eigenen Haushalt führen können, keine Süchte haben oder schuldenfrei sind. 

"Ein Mensch ist sicherer in einer Wohnung, um dort seinem Drogenkonsum nachzukommen, als wenn er das auf der Straße machen muss", erklärt Sozialarbeiter Stefan Laurer von Housing First Berlin das Grundverständnis des Projekts.

Sven Kosinski bewarb sich Anfang vergangenen Jahres dort und bekam schon fünf Monate später, Anfang Mai 2019, seine eigene Wohnung. Er lebt inzwischen in einer Einzimmerwohnung in Berlin-Hohenschönhausen und macht eine Maßnahme beim Arbeitsamt. "Ich kann endlich wieder sagen: 'Ich gehe nach Hause', das ist echt etwas ganz anderes, als 'Ich gehe zurück ins Heim'."

Eine Wohnung bekommen, ohne Bedingungen erfüllen zu müssen

Housing First Berlin ist als dreijähriges Modellprojekt in Berlin angelegt und wird von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales finanziert. Seit Oktober 2018 hat das Projekt bereits 25 Personen in eigenen Wohnungen untergebracht und bietet den Menschen auch soziale Hilfen zur Rückkehr in den Alltag an. Themen wie Suchtberatung, Wiederaufnahme von Arbeit, Haushaltsführung oder Gesundheit können mit den Mitarbeitenden von Housing First besprochen werden.

"Wenn man erstmal die Hürde überwunden hat, dass man sein eigenes, gepflegtes Zuhause hat, kann man auch den Rest aufarbeiten."

Sven Kolinski

"Wenn die Wohnung da ist und die Haupthürde überwunden ist, bieten wir Hilfen an. Die sind allerdings freiwillig - und das ist auch ein wichtiges Merkmal von Housing First", erzählt Stefan Laurer, der schon seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe arbeitet.

Sven Kosinski kann nicht jede Woche an den Treffen von Housing First teilnehmen, da er werktags arbeiten muss, telefoniert aber regelmäßig mit Stefan Laurer. "Wenn ich ein Problem habe, kann ich es ansprechen. Aber ich muss es nicht machen, denn sie drücken mich nicht. Das ist alles auf freiwilliger Basis."

Nach Hause kommen, kochen und fernsehen

Obwohl Sven Kosinski  in seiner Zeit auf der Straße lieber in Notunterkünften übernachtete, gab es auch die Nächte, in denen er sein Lager draußen aufschlug: an der Warschauer Straße oder der Jannowitzbrücke, Orte an denen jeden Tag Tausende Menschen unterwegs sind und Privatsphäre unmöglich ist. Ein ganz normaler Alltag ist für ihn deshalb etwas ganz Besonderes: nach der Arbeit nach Hause kommen, die Tür schließen können, etwas kochen und dann fernsehen. "Wenn man erstmal die Hürde überwunden hat, dass man sein eigenes, gepflegtes Zuhause hat, kann man auch den Rest aufarbeiten."

Housing First

Das Projekt Housing First will Obdachlosigkeit langfristig begrenzen. Es bietet Vermietern und Hausverwaltungen zusätzliche finanzielle Sicherheiten und die Gewähr, dass die Mieter weiterhin betreut werden, und damit einen Anreiz, dem Projekt Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Housing First wurde in den USA in den 1990er Jahren ins Leben gerufen und wird seit Oktober 2018 auch in Berlin umgesetzt. Das Modellprojekt ist auf drei Jahre angelegt.

Betroffene sollen einen eigenen unbefristeten Mietvertrag bekommen, müssen aber auch in der Lage sein, über Transferleistungen die Miete aufzubringen und mit dem Housing-First-Team zusammenzuarbeiten.

Träger des Modellprojekts Housing First Berlin ist eine Projektpartnerschaft aus Neue Chance gGmbH und Berliner Stadtmission. Zweiter Träger ist Housing First für Frauen, hinter dem der Sozialdienst katholischer Frauen steht. Die Umsetzung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

In Finnland wird das Konzept flächendeckend seit 2008 angewendet. Es ist das erste europäische Land, in dem die Zahl der Obdachlosen stetig sinkt. Alle finnischen Bürgerinnen und Bürger bekommen eine dauerhafte Unterkunft, wenn sie ihre Wohnung verlieren. Ein Drittel der Langzeitobdachlosen konnte damit von der Straße geholt werden.

Sendung: Fritz, 20.01.2020, 06:40 Uhr

Beitrag von Kim Neubauer

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7 Kommentare

  1. 7.

    Das man traumatisiert ist das stimmt schon, aber auch an diesen Problem kann man arbeiten und wenn man eine eigene Wohnung hat, kann man es auch besser verarbeiten. Es kommt natürlich auch darauf an, ob man es auch möchte. Eine eigene Wohnung löst nicht gleich alle Probleme, aber es ist ein verdammt wichtiger Faktor um weiter an sich zu arbeiten.

  2. 4.

    Es ist richtig, dass diejenigen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen anfälliger für Wohnungslosigkeit sind und wiederum diejenigen, die wohnungslos sind, Eindrücken, Bedingungen und Gefahren ausgesetzt sind, die psychische Beeinträchtigungen hervorrufen können.

    Ich würde Ihnen aber ausdrücklich widersprechen, sollten Sie tatsächlich von der Idee des Würdeverlusts überzeugt sein. Sie ist nicht veräußerbar, auch nicht durch lebensfeindliche Umstände. Ferner sind Diskriminierung von Wohnungslosen sowie die Lebensbedingungen nicht zu individualisieren. Es ist ein gesellschaftlicher Missstand, Wohnungslosigkeit überhaupt zu ermöglichen, zuzulassen.

    Ergo braucht es Fachpersonal, von dem der Staat im sozialen Bereich generell zu wenig fördert. Da ist dieses Projekt ein wegweisender Leuchtturm, da es auf horizontaler, gleichwertig anerkennder Ebene arbeitet und auch an psychologische Betreuung weiterleiten kann.

    Ich freue mich außerordentlich für Herrn Kosinski.

  3. 3.

    Diesen Satz halte ich nicht für allgemeingültig: "Wenn man erstmal die Hürde überwunden hat, dass man sein eigenes, gepflegtes Zuhause hat, kann man auch den Rest aufarbeiten." - Wohnungslosigkeit bringt immer die Gefahr der Traumatisierung durch die Vielzahl von psychisch belastenden Begleitumständen mit sich, und mit der Zerstörung des Selbstwertgefühls geht auch die Fähigkeit zur Regenerierung gegen Null. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Art. 1 Abs. 1 GG

  4. 2.

    ein sehr gutes Projekt!
    Es wäre sehr sehr schön wenn es Bundesweit ausgedehnt würde.
    Menschen sind nicht dazu ausgestattet dauerhaft obdachlos zu leben- deshalb wäre es dringesnd motwendig
    das Recht auf eine eigene Wohnung im Grundgesetzt zu verankern.

  5. 1.

    Ein sehr sichtiges Projek. Weiterhin viel Erfolg!

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