Symbolbild: Unterricht in einer Ballettschule (Quelle: dpa/Alexandr Kryazhev)
Video: Abendschau | 30.01.2020 Torsten Mandalka | Bild: dpa-Symbolbild/Alexandr Kryazhev

Staatliche Ballettschule Berlin - Vorsitzende von Aufklärungs-Kommission legt Amt nieder

Sie sollte die Vorwürfe gegen die Staatliche Ballettschule untersuchen, nun legt Hannelore Trageser nach heftiger Kritik ihr Amt nieder. Eine ehemalige Schulleiterin könne nicht unabhängig aufklären, bemängelten Schüler. Von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

Hannelore Trageser, die die Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe wegen möglicher Kindeswohlgefährdung an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin leiten sollte, hat ihr Amt niedergelegt. Nach Informationen von rbb24 Recherche reagierte Trageser auf zuletzt laut gewordene Kritik: Eine ehemalige Schulleiterin könne in dieser Sache nicht wirklich unabhängig arbeiten.

Trageser erklärte dazu: "Ich bin die Letzte, die die Aufklärung der im Raum stehenden Kritik an der Schule irgendwie behindern will. Die Diskussion um die Eignung meiner Person verzögert und behindert jedoch diese Aufklärungsarbeit, und daran möchte ich nicht beteiligt sein. Daher lege ich die Beauftragung mit sofortiger Wirkung nieder und stehe für die Mitarbeit in der Kommission nicht weiter zur Verfügung."

Die Bildungsverwaltung hatte die Personalentscheidung damit begründet, dass Hannelore Trageser die Struktur der Schule gut kenne und die speziellen Bedürfnisse dort einschätzen könne. Sie hatte die Schule bis 2007 geleitet und ist damit die Vorgängerin des aktuell in der Kritik stehenden Leiters Ralf Stabel. Danach hatte Trageser als Schulentwicklungsplanerin gearbeitet. Wer ihr als Leiterin der Kommission nachfolgen wird, steht noch nicht fest.

Externe Clearingstelle wird eingerichtet

Zusätzlich zur Kommission werde die Bildungsverwaltung eine externe Clearingstelle einrichten. Dorthin sollen sich Eltern, Schülerinnen und Schüler und Ehemalige wenden können. Sie soll von einem externen Kinder-und Jugendschutzexperten geleitet werden und an die Abteilung der Bildungsverwaltung angedockt sein, die den Kinder- und Jugendschutz verantwortet.

Eine solche Stelle habe auch bei der Aufklärungsarbeit der Sonderkommission Ballettakademie in Wien wertvolle Dienste geleistet, sagt Christina Aumayr-Hajek rbb24 Recherche. Sie ist die Kommunikationsverantwortliche der Sonderkommission Ballettakademie, die ähnliche Vorwürfe an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper untersucht hat. In Wien war diese Stelle vom größten Krankenhaus der Stadt koordiniert und mit entsprechenden Experten ausgestattet worden. Empathie sei das wichtigste im Umgang mit den Betroffenen gewesen, sagt sei. "Das kostet die Betroffenen viel Kraft, weil vieles, das Jahre oder Monate zurückliegt, einfach nochmal sehr präsent ist. Da kommt irrsinnig viel ans Tageslicht, das einfach über Jahrzehnte und Jahre unter den Teppich gekehrt wurde. Und das löst natürlich bei den Betroffenen nochmal sehr viel aus", gibt Aumayr-Hajek zu bedenken.

Schülervertretung verfasste gemeinsames Statement

Am Dienstag hatten sich die Schülerinnen und Schüler schulintern zu Wort gemeldet. In einem fünfseitigen Statement schrieben sie, dass jetzt die Zeit sei, "Probleme offen anzusprechen und Negatives herauszustellen, um endlich Veränderungen zu erreichen". Sie äußerten in dem Text, der in der Schule am Schwarzen Brett veröffentlicht worden war, "deutliche Bedenken" gegenüber der Kommissionsleitung.

Das Statement ist im Rahmen einer Schülervollversammlung entstanden, die das Schülersprecherteam einberufen hatte. Kinder und Jugendliche aus allen Jahrgängen und Klassen seien am 27. Januar in die Schule gekommen, um über die aktuellen Entwicklungen zu diskutieren. Man wolle Stellung beziehen, heißt es auf der ersten von insgesamt fünf Seiten – und dass in der Diskussion deutlich geworden sei, "dass die Anschuldigungen größtenteils der Wahrheit entsprechen".

Beschimpfungen und Selbstverletzungen

Außerdem erheben die Schüler weitere Vorwürfe gegen die Leitung der Schule: Es mangele dem Personal an pädagogischer Ausbildung, es sei zu Essstörungen, Depressionen und Selbstverletzungen gekommen, ohne dass die Schulleitung reagiert hätte.

Mehrere Kinder hätten sexuelle Anzüglichkeiten erlebt, ebenso wie Beleidigungen, Demütigungen. Trainer würden eine diskriminierende Sprache nutzen, Schüler gegeneinander aufhetzen, immer wieder käme es zu Mobbing. In dem Dokument heißt es: "Für viele Schüler*innen der Staatlichen Ballettschule Berlin sind Äußerungen wie 'du Arschloch', 'du bist zu fett' oder 'du dummes Stück Scheiße' vollkommen normal."

Body Shaming gehöre zum Alltag, vor allem die Schülerinnen seien regelmäßig gemessen und gewogen worden. "Die Aufforderung zum Abnehmen geht einher mit der Drohung schlechtere Zensuren zu bekommen." Somit fließe das Erscheinungsbild in die Benotung ein. Diesem Vorwurf hatte die Senatsschulverwaltung in der vergangenen Woche auf Nachfrage von rbb24 Recherche noch widersprochen.

Auf erneute Nachfrage gab die Senatsverwaltung für Bildung an, die Schüler der Schulkonferenz hätten bei Gremiensitzungen und Vollversammlungen nach Angaben mehrerer Teilnehmer die genannten Vorwürfe bisher nicht erhoben. An diesem Freitag sei ein entsprechendes Gespräch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Kommission geplant. Dabei soll es auch um die Frage gehen, inwieweit man vertrauensvoll zusammenarbeiten kann.

Nicht nur Kritik

Ihr Statement möchte die Schülervertretung aber nicht nur als Kritik verstanden wissen. "Wir sind hier, weil wir einen Traum haben und diesen verwirklichen wollen und uns ist bewusst, dass der Weg dorthin schwer sein kann", schreiben sie. "Aber es gibt auch gute Beispiele dafür (auch an unserer Schule), wie dies besser laufen kann und es gibt Gesetze, die eingehalten werden müssen."

Das Statement liegt inzwischen auch den Mitgliedern des Bildungsausschusses des Abgeordnetenhauses vor. Regina Kittler, Ausschusssprecherin für schulische Bildung, will die Schülervertretung nach den Winterferien zum Gespräch einladen. "Wenn ich in Briefen lese, dass Schülerinnen und Schülern in der Schule vermittelt wird, dass wenn sie so weitermachen, ihre Schule geschlossen wird, dann macht mich das fassungslos." Aus ihrer Sicht sei daher "natürlich die Personalfrage zu stellen".

Sendung: Abendschau, 30.01.2020, 19.30 Uhr

Beitrag von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

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15 Kommentare

  1. 15.

    In einem Statement vom 27. Januar hat sich die gesamte Schülerschaft klar gegen die derzeitigen Zustände an der Schule positioniert. Die Winterferien sind vorbei und alle fragen sich, wo bleibt denn nun endlich die eingesetzte Kommission? Arbeitet die schon? Eine für alle zugängliche Clearingstelle sollte eigentlich eingerichtet werden. Noch ist nichts öffentlich. Spielt die Senatsverwaltung hier auf Zeit? Inzwischen weht der Wind an der Schule immer rauer und wieder wird Angst geschürt! Was muss denn noch passieren, damit die Schulleitung bis zur Klärung aller Vorwürfe endlich suspendiert wird und alle wieder in Ruhe und ohne Angst arbeiten können?
    Der Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses sollte das in seiner nächsten Sitzung nochmals thematisieren.

  2. 14.

    Sehr geehrter Herr Ballettfreund, mir stellt sich die Frage, ob es tatsächlich die Schüler sind, die all das in Frage stellen, oder hier eher machtpolitische Interessen seitens der Feinde der Schulleitung im Vordergrund stehen.
    Wenn man ihre Zeilen ganz genau liest, scheint es, als kämen Sie aus den Kreisen der Ballettschule.
    In jedem Fall sollte sich die Ballettwelt emanzipieren, dennoch sollte man so fair sein den Verantwortlichen Zeit zum reagieren/ neu zu strukturieren/ umgestalten zu geben! Und ganz schlimm wäre es, eigene Interessen mit Schülerwohl zu tarnen!

  3. 13.

    Frau Trageser hat ihr Amt als Kommissionsleiterin nieder gelegt. Die Frage ist, kann Frau Orgis als derzeitige Verantwortliche in der Senatsschulverwaltung unvoreingenommen entscheiden? Auch sie war einige Zeit an der SBB als Fachbereichsleiterin für Internationales und QUALITÄTSMANAGEMENT tätig. Es wundert nicht, wenn die Schüler*innen vor diesem Hintergrund erst einmal die Modalitäten der Zusammenarbeit mit der Kommission hinterfragen wollen.
    Ich begrüße die Initiative von Frau Regina Kittler, sich in Gesprächen mit den Schüler*innen ein eigenes ungeschöntes Bild über die Situation an der SBB verschaffen zu wollen, zumal offensichtlich Mitarbeiter und Schüler*innen immer noch vom Schulleiter unter Druck gesetzt werden.

  4. 12.

    Entschuldigung......,aber es muss natürlich^ bisherigem Leben^heissen.Habe es leider zu spät bemerkt.

  5. 11.

    Könnten Sie sich bitte etwas mässigen und nicht in beleidigender Art un Weise ihre Wut dokumentieren! Ihr Kommentar ist einfach nur abartig und unverschämt.......ein wenig mehr Achtung wäre doch angebracht,aber dies haben Sie in ihrem bisher6 Leben sicher nicht gelernt!???

  6. 10.

    Warum sollten diese Schülerinnen Ihnen das erzählen? Das, was da wirklich passiert? Warum? Die Schülerinnen wollen Sie schließlich nicht enttäuschen. Sie nicht, auch nicht ihre Eltern, die einen hohen preis für eine angeblich umfassende Ausbildung bezahlen.

  7. 9.

    Weg mit ELITEschulen! Wir brauchen Schulen, wo Kinder nicht gedrillt werden, sondern was lernen. Schreiben beispielsweise. Auch in Kommentaren dürfen Rechtschreib- und Grammatikregeln beibehalten werden. Auch für Absolventen von diesen Eliteschulen, die zerstörte Kinderseelen in geschundenen, ausgemergelten Körpern bei gleichzeitig unzureichender Allgemeinbildung zurücklassen. Aber egal, die 20 Jahre bis zur Invalidenrente kriegt man auch noch rum...

    Wer kein anderes Leben kennengelernt hat, wird immer diesen Drill total toll finden. Diese Entbehrung, die Härte. Wer das braucht, bittesehr... aber wir brauchen das nicht - ausgemergelte TänzerInnen, deren Seelen für den kurzen Ruhm - wenn überhaupt - gebrochen wurden.

  8. 8.

    Ich habe bisher zwei Schülerinnen von meinem Ballettstudio zur Ausbildung an die Staatl.Ballettschule geschickt,welche ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben und zu denen ich immer im engen Kontakt stand.Sie hätten mir auf jeden Fall von solchen Vorkommnissen berichtet.

  9. 7.

    Sie haben recht, was die Einstellung zur Ausbildung und zum Beruf angeht. Zu wünschen wäre es allen, dass sie sich so wie Sie gerne an die Ausbildung an der SBB erinnern mögen.
    Sie haben nicht recht mit der Annahme es sei eine Kampagne gegen die Schule.
    Nach dem was bisher bekannt wurde, ist zu vermuten, dass das erst die Spitze des Eisberges ist.
    Schüler und Mitarbeiter haben sehr viel Mut bewiesen hier Probleme anzusprechen, Veränderungen zu fordern und damit an die Öffentlichkeit zu treten. Das lässt hoffen.
    Die Kommission hat keine leichte Aufgabe, dieses geschlossene System hinter der schönen Fassade aufzubrechen.

  10. 6.

    Da muss ich leider widersprechen. Laien und Nichtkenner dieses Berufes,können gar nicht einschätzen, welcher Verzicht,Disziplin und absolutes ^Brennen^ für die Sache absolut notwendig sind.Ohne Druck und gewisse Strenge geht es nun mal nicht und wer dies alles nicht aushalten kann,sollte es lassen!Ich bin selbst Absolventin dieser Schule und es waren die Schönsten meines Lebens und bin heute noch sehr dankbar für diese tolle Ausbildung,welche bis heute prägt!Ich halte das Ganze für eine Kampagne gegen diese Eliteschule und es passt zur Berliner Kulturpolitk!

  11. 5.

    Finde ich ok, und ich kann auch verstehen, dass man als ehem. erfolgreiche Lehrerin in so einer Kommision gar nicht alles entdecken möchte - da wurden ja ggf. Lebenswerke ruiniert. Wer will schon seine eigene Lebensleistung von anderen zerstört wissen?

    Nun gut, JEMAND muss also eine UNABHÄNGIGE Kommission leiten, in der unabhängige Mitglieder völlig unvorbelastet schauen, was da läuft/lief. Dazu sind im Grunde genommen nur außenstehende Nichttänzer geeignet, die keine Elite-SPORT-Schule besucht haben, denn auch bei anderen Sportarten weht ein rauer Wind. Nur wird da vielleicht nicht täglich GNTM gespielt - als Grundlage für Zensuren.

    Ich hoffe, dass so der Weg frei wird für glückliche Kinder, die ihre Leidenschaft für einen Sport (oder Akrobatik) ausleben können, ohne fürs Leben gezeichnet die Schule zu verlassen, mit oder ohne Abschluss.

    Danke dem RBB, der sich hier zum Anwalt der Kinder gemacht hat.

  12. 4.

    Hört sich ja kein bisschen besser als GNTM an.

  13. 3.

    Angesichts der Entwicklungen, die hier nunmehr öffentlich werden, ist nicht nur die "Personalfrage" zu stellen, sondern ist meiner Meinung nach schnellstmöglich so zu beantworten = die Schulleitung muss sofort entmachtet werden. Die Schüler*innen stehen unter Druck der aktuellen Schulleitung!

  14. 2.

    Schade! Frau Trageser war damals eine der inspirierendsten Lehrerinnen und insbesondere uns Schülern stets wohlgesonnen! Ich habe selten eine so besonnene Lehrkraft erlebt und ihren Unterricht in allerbester Erinnerung. In Anbetracht der Vorwürfe wäre eine Lehrerin, auf deren Unterricht wir uns stets alle gefreut haben, die beste Wahl für den Vorsitz.
    Während ihrer Zeit als Schulleiterin ermöglichte Frau Trageser uns das Abitur, wofür ich persönlich unglaublich dankbar bin. Sie wäre ein Gewinn für diese Kommission gewesen!

  15. 1.

    Schade, dass nur noch wenige Politikschaffende soviel Anstand und Courage besitzen, in einer solchen Situation den Weg frei zu machen, um sich nicht dem Vorwurf der Voreingenommenheit auszusetzen ...

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