Archivfoto: Neubaugebiet in Berlin-Hellersdorf mit Wohnungen des Typs WBS 70 (Quelle: dpa/Klaus Franke)
Bild: dpa/Klaus Franke

Interview | 50 Jahre Wohnungsbauserie - "WBS 70 war eine richtige Forschungsarbeit"

WBS 70 heißt das Erfolgsmodell der DDR in Sachen Plattenbau. Gebaut wurde diese Serie von 1970 bis 1990: Praktisch, kompakt und optimal in der Produktion, sagt Christine Edmaier, Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Macken waren inklusive.

rbb: Die Wohnungsbauserie 70 – kurz WBS 70 - wird 50 Jahre alt. Kurz nach der Wende ist dieser Plattenbau verteufelt worden. Wie blicken die Architektinnen und Architekten von heute auf die WBS 70?

Christine Edmaier: Wir haben heute wieder die Herausforderung, sehr schnell und günstig Wohnungen bauen zu müssen, deshalb ist das ein sehr aktuelles Thema. Deswegen lohnt es, sich anzuschauen, wie das damals entstanden ist. Die WBS 70 basiert auf einer Zusammenarbeit der TU Dresden mit der Bauakademie in Berlin und fünf Wohnungsbaukombinaten. Das Ganze war eigentlich eine richtige Forschungsarbeit. Es wurde getüftelt und entwickelt, bis man serienreif war und die WBS 70 in großen Massen herstellen konnte.

Was kann man denn heute von der WBS 70 übernehmen? Eigentlich will ja keiner mehr in der Platte wohnen.

Ich würde nicht sagen, dass keiner mehr so wohnen möchte, denn die Wohnungen sind heute wieder erstaunlich beliebt. Sie sind ja auch sehr praktisch: Sie wurden bis ins letzte Detail rationalisiert, und die Grundrisse sind gar nicht so schlecht. Ich würde zwar nicht sagen, dass man das heute wieder genauso bauen würde, denn die Wohnbedürfnisse sind inzwischen andere geworden. Aber wir sollten uns vielleicht insofern ein Beispiel daran nehmen, als dass wir auch heute wieder sehr viel forschen müssen, bis wir zu solchen optimierten Wohnungen kommen. Damals ging es nicht nur um gute Grundrisse und einfache Herstellbarkeit, sondern es ging bis zur Baustellen-Produktion, also auch von der Produktion her war das Ganze optimiert.

Ich stelle mir vor, dass man auch heute in der Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungsinstituten an solchen Typenwohnungen arbeiten kann. Heute ist es ja meistens so, dass einfach der freie Markt abgefragt wird, und die großen Baufirmen aufgefordert werden, Lösungen anzubieten. Das ist eben ein großer Unterschied zu damals, die WBS 70 ist wirklich in gemeinsamer Forschung entwickelt worden.

Was war denn gelungen und was nicht?

Es gab bei der WBS 70 durchaus auch Probleme, gerade die innenliegende Küche, das würde man heute nicht mehr so machen. Auch die innenliegenden Badzellen mit Lüftungen sind nicht sehr ökologisch gewesen. Aber insgesamt hat es eben funktioniert. Es sind 650.000 Wohnungen gebaut worden, die hatten größtenteils Balkon, und es gab auch in den Grundrissen Variationen.

Später wurde dann auch versucht, auf städtebauliche Situationen Antworten zu finden, zum Beispiel mit abgeschrägten Segmenten. Aber natürlich hat die WBS 70 sich in erster Linie dafür geeignet, auf dem freien Feld gebaut zu werden. Das ist ein Problem, das man heute anders lösen müsste. Man müsste die Typen flexibler machen, denn heute wollen wir nicht mehr in unzähligen gleichartigen Zellen übereinander gestapelt werden.

Stichwort individuelles Wohnen: Hatten die Bewohner damals Einfluss auf die Grundrisse, konnten sie mitplanen?

Nein, das ging bei der WBS 70 nicht, da konnten die Bewohner nicht individuell mitplanen. Aber es zeigt sich heute bei den Umbauten, dass innerhalb dieses Systems relativ viel möglich ist. Man kann damit arbeiten, man kann Segmente herausnehmen und Geschosse runternehmen, es ist ein Baukastensystem. Und es ist auch heute wieder so - egal ob das Platten sind oder nicht. Das günstigste ist natürlich, immer die gleichen Grundrisse übereinander anzuordnen, weil man dann eben alle Schächte und alles durchziehen kann.

Die WBS 70 wurde ja 20 Jahre lang gebaut, von 1970 bis 1990. Hätten sie nicht noch länger gebaut werden können?

Die Serie wurde in diesen 20 Jahren tatsächlich immer weiterentwickelt. Einerseits wurden sie immer weiter rationalisiert, weil sie immer preiswerter werden musste, andererseits wurden aber auch immer wieder Verbesserungen vorgenommen im Lauf der Zeit. Aber ich denke, nach 20 Jahren ist auch das ausgereifteste Produkt irgendwann am Ende. Das kann man durchaus mit einem Auto vergleichen. Dann muss man nach den neuen Standards und neuen Bedürfnissen wieder ein neues Produkt entwickeln. Das wäre auch heute möglich.

Die Platte abgefeiert, abgestiegen, plattgemacht, auferstanden

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Heike Schüler für die Abendschau.  

Video Plattenbau-Modernisierung in Templin

WBS 70 in Cottbus (Quelle: rbb)
rbb

Sendung: Brandenburg Aktuell, 25.12.2019, 19:30 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Wohne seit 1976 im WBS 70 mit 6m Balkon und Aussenküche. Wurde von der WG energetisch saniert, das Treppenhaus sehr gut Schall isoliert. Einziges Problem, sinnlose Belästigung durch "Lüftungsüberprüfung/Wartung" seit dem Einigungsvertrag.

  2. 7.

    Die Menschen würden heute noch genauso in diese Wohnungen einziehen, wenn sie gebaut würden. Sogar trotz einiger Problemchen wie Schallschutz. Bei Altbauten haben die Mieter auch keinen Einfluss auf die Gestaltung wie bei den wenigsten Wohnungen ebenso.
    Wir müssen sehr viele und günstige Wohnungen und zwar in kurzer Zeit bauen, weil immer mehr Menschen in die Städte drängen und zudem ein riesiger Investitionsstau existiert. Stattdessen gibt es Supermarktbungalows und Reihenhaussiedlungen.
    Statt zu handeln wird überlegt ob man überhaupt planen sollte. In Null Komma Nix könnte man die Grundrisse anpassen, Bad und Küche Fenster verpassen. Das täten die Studies an einem Tag durch planen.

  3. 6.

    Der nach dem Tod des Architekten so bezeichneten Gropiusstadt lag immerhin eine gestalterische Gesamtidee zugrunde, auch wenn sie - anders ihr Urheber das ursprünglich vor hatte - dann in die Vertikale gezogen wurde. Die Wendung in die Höhe widerspricht allerdings der menschlichen Anschauung, solange die Genickstarre nicht das Normalmaß des Menschlichen darstellt und die Vogelperspektive nicht die alltägliche Fortbewegungsart des Menschen widerspiegelt.

    So können derlei Wohnsiedlungen - völlig gleich, ob "Ost" oder "West" - nur aus gehöriger Distanz und aus erheblicher Höhe ertragen werden. Wer sich aber auf die eigene Wohnung zubewegt, hat schlechtere Karten. Der sieht nur ungestalte(te) Fronten. Ein Dilemma, das sich auch mit noch so viel Forschung nicht aufheben lässt. Das liegt eben im Gesetz der Serie - anders als bei klassischen Altbauten, die aus der Fußgänger- und Pferdeperspektive gebaut worden sind.

  4. 5.

    AZU :zwar wurden die Gropiusstadt -Häuser nicht aus Platten errichtet,
    ABER die Wohnungen und Ähnlichkeiten sind sehr auffällig--auch in der Vermietung

  5. 4.

    AZU :zwar wurden die Gropiusstadt -Häuser nicht aus Platten errichtet,
    ABER die Wohnungen und Ähnlichkeiten sind sehr auffällig--auch in der Vermietung

  6. 3.

    Mehrgeschossige Wohnungsbauten in wetterunabhängigen Fabrikhallten industriell vorzufertigen und an der Baustelle zusammen zu setzen ist eigentlich eine naheliegende Idee, und die Pionierarbeit in der DDR auf diesem Gebiet sollte angemessen gewürdigt werden.
    "Käsereibe" heißt das Londoner Leadenhall Building wegen seines keilförmigen Aussehens im Volksmund. Es zählt zu den innovativsten Gebäuden der Welt.
    Die Teile des Turms wurden außerhalb des Geländes gebaut, an den Bauplatz geliefert und zuletzt wie ein riesiges Lego-Set zusammengesetzt.

  7. 2.

    Solche Ideen bräuchte man auch. In anderen Ländern werden wieder Plattenbauten gebaut. Das geht schnell und löst die Wohnungsnot.

    Heutige Plattenbauten sind nicht mehr mit WBS70 zu vergleichen. Gerade Schalldämmung und Komfort sind weitaus höher.

    Berlin muss im großen Stil bauen. Gerade jetzt wo große Firmen in die Stadt ziehen, kommen noch mehr Leute hier her.

  8. 1.

    Damals haben wir gut und gerne darin gewohnt. Heute würde ich aber nicht mehr in der Platte leben wollen.

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