Archivbild: Sonnenblumen vor Plattenbauten (Wohnungsbauserie WBS 70) im Neubaugebiet Marzahn in Berlin (Ost), aufgenommen 1985. (Quelle: dpa/Hans Wiedl)
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Bild: Video: Brandenburg Aktuell | 23.12.2019 | Stefanie Otto

50 Jahre Plattenbausystem WBS 70 - Damals war die Platte ein Geschenk

Sie ist die Platte aller Platten: Mit dem Bausystem der WBS 70 wurden in der DDR rasend schnell ganze Neubauviertel hochgezogen. Erst geliebt für ihre Modernität, später als "Arbeiterschließfächer" verschmäht, erlebt sie jetzt ihr Comeback. Von Stefanie Otto

Es sind die frühen 1970er Jahre in der DDR: Immer mehr Menschen zieht es in die Städte oder in die Nähe neuer Fabriken. Aber viele Altstädte sind marode oder zerstört. Wohnraum muss also her und das schnell. Partei- und Staatsführung setzen deshalb zunehmend auf Neubau: Plattenbauten aus vorgefertigten Beton-Fertigteilen sollen die Wohnungsnot lindern und dabei möglichst wenig kosten.

Nach einigem Experimentieren mit den Typen P1 und P2 wird ab 1970 die Wohnungsbauserie "WBS 70" entwickelt. Mit größeren Decken-Elementen und tragfähigeren Wänden kann man nun noch zügiger in die Höhe bauen - bis zu elf Geschosse können so entstehen.

Halle bekommt gleich ein ganzes WBS-70-Viertel

Die ersten Wohnungen des neuen Typs werden 1973 in Neubrandenburg gebaut, in den folgenden Jahren wird mit der WBS 70 überall in der DDR schnell Wohnraum geschaffen. In Halle-Neustadt entsteht ein ganzes WBS-70-Viertel, große Teile des Berliner Neubaugebietes Marzahn-Hellersdorf stammen aus der WBS 70 und auch in vielen Städten Brandenburgs wurde mit dem Plattenbausystem schnell Wohnraum geschaffen. 

Die WBS 70 soll vor allem funktionell sein, um den Bedürfnissen der Bewohner gerecht zu werden. So kann man mit nur wenigen Elementen, die im Werk vorgefertigt werden, verschiedene Wohnungsgrößen und -varianten realisieren. Das Zusammensetzen einer Wohnung dauert dann auf der Baustelle nur noch wenige Tage. Ganze Gebäude werden innerhalb von sechs Monaten bezugsfertig.

"Die Wohnungen waren auf modernstem Stand. Müllschlucker, Fernwärme, gut geschnitten, gut beleuchtet. Es gab relativ große Abstände zwischen den Gebäuden. Das heißt, da war auch viel Luft und viel Freiraum zum Beispiel für Kinder", begründet Harald Engler die große Beliebtheit der WBS-70-Wohnungen. Am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner betreut er heute das Archiv für Bau- und Planungsgeschichte der DDR. "Die Leute sind gern da eingezogen, weil sie aus Altbauten kamen, die das nicht bieten konnten. Wo es reingeregnet hat oder nicht dicht genug war, wo man mühsam heizen musste."

Fast 650.000 dieser Wohnungen werden gebaut

Trotz der schnellen Fertigung müssen viele DDR-Bürger lange auf ihre Neubauwohnung warten. Familien mit Kindern können eher eine der begehrten Unterkünfte ergattern. "Das war ein Glücksmoment für die Leute", erklärt Harald Engler. "Deshalb gibt es auch viele emotionale Bindungen an diese Neubauwohnungen. Das ist für sie ein Teil ihrer Identität und ihrer Sozialisation - was man von außen nicht so begreifen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat."

Komplette Plattenbauwohnung des Typs WBS 70 im DDR Museum. (Quelle: imago images/Bernd Friedel)
Bild: imago images/Bernd Friedel

Durch das ehrgeizige Wohnungsbau-Programm sollen die Wohnverhältnisse für mehr als die Hälfte der DDR-Bürger verbessert werden. Kostenpunkt: 200 Milliarden DDR-Mark. Das ursprüngliche Ziel von drei Millionen neuen Wohnungen wird zwar nie erreicht - mit fast 650.000 Wohnungen hat die WBS 70 jedoch wie kein anderer Wohnungstyp das Stadt- und Landschaftsbild der DDR geprägt.

Manche sind bis heute gern in der Platte geblieben

Joachim Mausolf ist ein "Plattenbau-Urgestein" aus Prenzlau - er fühlte sich wie ein König, als er 1982 mit Frau und zwei Kindern aus einer engen, feuchten Altbauwohnung in die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit Balkon einziehen konnte. Es gab Warmwasser aus der Wand, Fernwärme und eine Einbauküche.

Mausolf wohnt noch heute mit seiner Lebensgefährtin in derselben, mittlerweile sanierten, Wohnung im Erdgeschoss. Er ist bewusst hier geblieben. Zum Einkaufen geht er nur um die Ecke, zum Briefkasten eine halbe Treppe, die Miete ist günstig und die Leute im Haus sind nett. Das Besondere an ihrem Wohngebiet: Es gibt kaum Leerstand, keinen Abriss und eine funktionierende Infrastruktur. Hier funktioniert die Platte heute noch.

Plattenbau-Upcycling in Templin

Die in den siebziger und achtziger Jahren erbauten WBS-70-Wohnungen weisen bis heute eine gute Bausubstanz auf. Gleichwohl sind die Gebäude in die Jahre gekommen.

Wie man den Typ WBS 70 aktuell einem Facelifting unterzieht, zeigt ein Beispiel in Templin. Aus den 48 Einheits-Wohnungen eines Hauses entstehen dort gerade 36 neue Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen. Dafür werden alte Leitungen ersetzt, Wände isoliert, Bäder und Fassaden erneuert. Auch der Grundriss kann ohne großen Aufwand verändert werden: So bekommen zum Beispiel Küchen, die bisher nur eine Durchreiche hatten, jetzt ein Fenster.

Wohnen in der Platte ist wieder angesagt

Wohnen in der Platte sei wieder angesagt, erklärt Fred Peters von der Wohnungsbaugesellschaft Templin: "Die Wohnungen im Plattenbau erfreuen sich einer hohen Nachfrage, weil die Mieten auch nach dem Umbau günstig bleiben und man hier auch barrierefrei wohnen kann."

Mit dem Umbau will die Templiner Wohnungsbaugesellschaft eine bessere soziale Mischung in die Nachbarschaft bringen. Die Sanierung eines Blocks wird fast 4,5 Millionen Euro kosten. Die zukünftige Miete soll bei sieben Euro kalt pro Quadratmeter liegen und die Wohnungsgrößen zwischen 50 und 90 Quadratmetern. Im April sollen die ersten Mieter wieder in die alte, neue WBS 70 einziehen.

Für Ostalgiker und Retro-Fans

Das Grabenviertel in Berlin-Hellersdorf wurde bereits im Jahr 2000 komplett saniert. Nur eine 3-Raum-Wohnung im Erdgeschoss der Hellersdorfer Straße 179 blieb, wie sie war: Sie wurde von der Wohnungsbaugesellschaft auserkoren, um die Wohnkultur der DDR am Original festzuhalten.

Seit 2004 kann man die wieder hergerichtete Plattenbau-Museumswohnung besichtigen. Innen wirkt es, als hätten die Mieter vor 30 Jahren einfach alles stehen und liegen lassen, so detailgetreu und authentisch ist die Einrichtung.

Mitarbeiter und Mieter der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land haben für die Museumswohnung Möbel und persönliche Gegenstände zusammengetragen. Vom Puddingpulver über den Zahnputzbecher bis hin zur Einbauküche, Schrankwand und Polstergarnitur ist hier alles original. Selbst Tapeten, Fußbodenbelag, Türen, Lichtschalter und vieles mehr sind komplett aus DDR-Produktion. Wolfgang Sawatzki hat selbst lange so gewohnt und führt heute Besucher durch die Museumswohnung. Von ihm kann man viele Anekdoten rund um die Platte erfahren.

Video: Die Museumswohnung in Berlin-Hellersdorf

Schild der Museumswohnung WBS 70 (Quelle: rbb)
rbb

Von der Platte abgeschaut

Zwar werden Neubauten nicht mehr wie in der DDR aus dem Boden gestampft. Aber auch heute soll es angesichts des angespannten Wohnungsmarktes in Berlin preiswert und schnell gehen. Ein aktuelles Bauprojekt, das sich einige Ideen von der WBS-70 abgeschaut hat, befindet sich in der Dolgenseestraße in Berlin-Lichtenberg. Hier entstehen zwei Zehngeschosser mit knapp 680 Wohnungen. Im Erdgeschoss werden eine Kita, Arztpraxen und Gewerbe untergebracht.

Nicht nur äußerlich erinnert die kompakte Bauweise an die Plattenbauten der Siebziger Jahre. Architektin Barbara Elwardt hat in dem Neubau Bäder eingeplant, die fix und fertig angeliefert werden. Das wurde auch bei der WBS-70 schon so gemacht.

Modulares Bauen könnte ein Comeback erleben

Modulares Bauen ist heute der Fachbegriff für Gebäude, deren Teile zuvor industriell gefertigt und auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden. Ebenso wie den DDR-Plattenbauten haftet Fertigteilhäusern häufig der Ruf des Hässlichen und Billigen an. Angesichts steigender Personalkosten und Fachkräftemangel könnte modulares Bauen jedoch ein Comeback erleben. Das prophezeit zumindest eine Studie der Unternehmungsberatung McKinsey. Je nach Auswahl von Materialien und Design bestehe auch nicht die Gefahr eines ästhetischen Alptraums.

Im Dolgensee-Center, wie das Quartier in Lichtenberg ab 2020 heißen soll, wird so preiswert wie möglich gebaut. Die Hälfte der Wohnungen ist für Mieter mit kleinem Geldbeutel reserviert. Dort soll der Quadratmeter 6,50 Euro kosten.

Die Platte abgefeiert, abgestiegen, plattgemacht, auferstanden

Sendung: Abendschau, 26.12.2019, 19:30 Uhr

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7 Kommentare

  1. 7.

    Seit wann gibt es das Märkische Viertel hnd die Gropiusstadt? Die Westberliner "Plattenbau" Siedlungen?

  2. 6.

    Na dann herzlichen Glückwunsch...
    Für die damalige Zeit war es ´Hightec´. Vor allem die Miete, 90 Mark für über 90 m², war unschlagbar. Wären die Abstände zwischen den 11ern mancherorts nbsl grösser gewesen, wäre auf Dach-/Fassaden- und Umlandbegrünung geachtet worden und der Schallschutz nbsl besser, wäre es damals wie heute der perfekte Wohnraum.

  3. 5.

    Die Platte war kein Geschenk, sondern eine aus der Not geborene Lösung. In der sozialistischen Mangelwirtschaft war selbst die notdürftige Instandhaltung älterer Wohnhäuser kaum möglich und politisch auch nicht erwünscht. Als endlich eine Sanierung ermöglicht wurde, wurde das "Geschenk" schnell in die Ecke geworfen und umgezogen.

  4. 4.

    In der Dolgenseestraße hätte maximal nur halb so hoch gebaut werden dürfen, aber so entsteht ein enges dunkles Ghetto, wo ich keine Wohnung geschenkt habe möchte.

  5. 3.

    Wir sind gerne da eingezogen und das obwohl wir in einem Haus am Wasser mit Garten wohnten. Da gab es Außenklo, Kachelofen, Baden in einer mobilen Zinkbadewanne und für Warmwasser musste auch im Sommer die Kochmaschine angeworfen werden oder der Waschkessel in der Waschküche angeheizt werden. Mein Onkel der hatte sogar noch eine Pumpe für Kaltwasser auf dem Hof. Meine Oma musste sogar ein Etagen Bad/Klo mit 4 anderen Familien teilen.
    Und dann Zentralheizung, Innen-WC mit Badewanne und fließend Warmwasser, Balkon, Helle Zimmer, Spannteppich (oder wie das hieß)perfekt. Und ich finde den Schnitt bis heute gelungen. Wo jetzt in Marzahn die Bäume größer sind und die Fassaden verkleidet, ist es einfach nur genial abgesehen von der sozialen Mischung. Die war ja früher anders.
    Das jetzt nach so vielen Jahren auch mal Sanierungen anstehen ist wohl der Normalfall bei allen Häusern.
    Ich finde, man sollte das in einer modernen Variante wieder aufleben lassen bei der riesen Wohnungsnot im Lande.

  6. 2.

    "Mit dem Bausystem der WBS 70 wurden in der DDR rasend schnell ganze Neubauviertel hochgezogen."
    Nicht nur mit dieser WBS, sondern vorher schon mit der quasi "Vor-WBS70"-Platte, der IW64. Mit diesem Typ entstanden die ersten wirklich kompletten Wohnkomplexe der DDR.

  7. 1.

    DAZU :zwar wurden die Gropiusstadt -Häuser nicht aus Platten errichtet,
    ABER die Wohnungen und Ähnlichkeiten sind sehr auffällig--auch in der Vermietung

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