05.08.2019, Berlin: Schüler gehen während der Eröffnung der Integrierten Sekundarschule Mahlsdorf durch das Treppenhaus. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: Abendschau | 06.01.2020 | D. Bednarek | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Zehn Jahre Sekundarschule - "Gefühlte Mauern gibt es nicht mehr"

Vor zehn Jahren galten Hauptschulen als Auffangbecken für Jugendliche mit schlechten Noten – kein Durchkommen nach oben. Aus Haupt-, Real- und Gesamtschulen wurden 2010 dann Sekundarschulen. Haben die Schüler dort bessere Perspektiven? Von Kirsten Buchmann

Mit der Hauptschule geht es so nicht weiter. So sah es Karin Stolle, Rektorin der Schule in der Jungfernheide, damals. 2010 setzte sie deshalb die von der rot-roten Koalition beschlossene Schulreform um – und legte ihre frühere Hauptschule und eine Realschule zu einer Sekundarschule zusammen.

Für sie war das überfällig: An ihre Schule kamen all diejenigen, die den Sprung an die Realschule nicht geschafft hatten, und auch nicht an eine Gesamtschule. Es waren "Schülerinnen und Schüler in schwierigen familiären Verhältnissen, die sich an unserer Schule konzentriert haben", beschreibt Stolle die Situation. Rund jeder Dritte schaffte keinen Abschluss.

Spagat zwischen ehemaligen Haupt- und Realschülern

Nach der Reform kamen Realschüler mit einem höheren Lernniveau dazu. Die Lehrer an der neuen Sekundarschule mussten einen Spagat hinbekommen: 26 statt 16 Jugendliche in einer Klasse unterrichten, und jeden einzelnen zum Lernen bewegen.

Wie das funktionieren kann, zeigt der Unterricht von Ethiklehrer Yagmur Gündogu. Schülerinnen und Schüler verfassen Texte zum Thema Mütter, zu diesem Thema haben sie etwas zu sagen. "Ich finde, Mütter sind wunderbare Personen im Leben eines Kindes." "Meine Mutter ist für mich da, aber sie ist auch ziemlich oft arbeiten, weil sie alleinerziehend ist", erzählen Schülerinnen. Der Track "Von dir Mama" von Rapper Samy Deluxe soll als Lernmittel helfen.

Die Schule hat sich einen guten Ruf erarbeitet

Trotzdem bleiben alte Probleme, Lehrer sind mit schwierigen Schülern konfrontiert. "Respektvoll oder gewaltfrei miteinander umgehen, diese Regeln werden missachtet", sagt die Schulleiterin. Schüler, die in großen Klassen ausrasten, schickt sie zeitweise zu einer Sozialarbeiterin in eine kleine Lerngruppe, um daran zu arbeiten, wie sie sich in den Griff bekommen können.

Der schlechte Ruf als frühere Hauptschule hallte lange Zeit nach. Erst nach zehn Jahren ändere sich die Schülerklientel, und Stolle nimmt, so sagt sie, Erfolge wahr. So sank die Quote ihrer Schulabbrecher von zwischenzeitlich 32 auf 15 Prozent. Obwohl also immerhin noch jeder Siebte die Schule an der Jungfernheide ohne Abschluss verlässt, hat sie sich jetzt einen guten Ruf erarbeitet: Für die siebten Klassen bekommt sie genügend Anmeldungen - sogar als Erstwunsch.

Um die besseren ihrer Schüler zu fördern, organisiert die Rektorin, dass sie an Wettbewerben teilnehmen und extra auf ihre Prüfungssituationen für den Mittleren Schulabschluss vorbereitet werden. Schwerpunkte ihrer Schule sind Naturwissenschaften und digitale Bildung.

Auch Mauern zum Gymnasium aufgestemmt

War die Schulreform also insgesamt ein Erfolg? Rektorin Karin Stolle und Ethiklehrer Yagmur Gündogdu sind sich einig, dass sie es ist.

Gündogdu erzählt, dass er damals selbst auf einer Realschule war, und sich den Schulhof mit Hauptschülern geteilt hat. "Wir hatten ein bisschen Angst vor der anderen Seite. Gefühlte Mauern waren da, das gibt es nicht mehr." Jetzt, findet er, sollte man noch die Mauern zum Gymnasium einreißen.

Einen Spalt breit hat die Schule an der Jungfernheide sie schon aufgestemmt. Die Schulleiterin rechnet vor: Rund zehn Prozent ihres letzten Zehntklässlerjahrgangs besuchen in diesem Schuljahr erstmals eine gymnasiale Oberstufe. Die gibt es seit August im Verbund mit drei weiteren Schulen, an einem anderen Standort.

11 statt 30 Prozent ohne Abschluss

Ohne den Stempel Hauptschüler sehen auch die Jugendlichen für sich inzwischen bessere Chancen auf einen Job. Das motiviert. Die Refik-Veseli-Schule verlassen inzwischen nicht mehr rund 30 Prozent ohne Abschluss, sondern elf Prozent.

Dort hat Rektorin Ulrike Becker das Ruder herumgerissen: mit viel deutscher Sprachförderung, mit Theaterprojekten oder Schüler-Schüler-Feedback im Unterricht. Außerdem arbeiten Studierende als Lerncoaches an der Schule und begleiten diejenigen, deren Abschluss gefährdet ist. Damit die Schüler voneinander lernen können, achtet Becker darauf, in den Klassen unterschiedliche Leistungsniveaus zu mischen.

Das kann sie. Sie erhält mehr Anmeldungen, als ihre Schule in Klasse 7 freie Plätze hat. Seit Eltern mit einer Unterschriftensammlung vor rund drei Jahren eine gymnasiale Oberstufe für die Refik-Veseli-Schule erstritten haben, wollen sogar Schüler mit Gymnasialempfehlung aufgenommen werden. "Das ist sehr wichtig, weil die Leistungsträger hier als Lernlokomotive für die anderen Schülerinnen und Schüler wirken", sagt Becker.

IHK: "Restschulen" jetzt Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe

In anderen Sekundarschulen bricht nach wie vor jeder Dritte die Schule ab. Aus Sicht der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) sind mit der Schulreform vor zehn Jahren die Probleme nicht gelöst: 58 Prozent der Unternehmer würden weiterhin bemängeln, dass Bewerber mangelhaft lesen, schreiben und rechnen können. Es gebe immer noch Restschulen - diesmal nicht die Hauptschulen, sondern die Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe.

Die Bildungsverwaltung verweist dagegen darauf, dass die Zahl der Schüler mit größeren Problemen gesunken sei. Es seien Strukturen für eine bessere Berufs- und Studienorientierung geschaffen worden. Insgesamt stoße die Schulstrukturreform auf breite Akzeptanz.

Rund zehn Jahre nach der Schulreform scheint der Wall zwischen den Schulen einfach anders zu verlaufen: Jetzt haben die ISS ohne gymnasialer Oberstufe die schlechteren Karten. Wer schon aus der Grundschule halbwegs gute Noten mitbringt, entscheidet sich eher für eine Schule, an der er womöglich auch das Abitur machen kann.

Die ersten Schülerinnen und Schüler der Refik-Veseli-Schule werden genau das bald geschafft haben. Für sie steigt in diesem Jahr eine Party. Schulleiterin Ulrike Becker ist stolz. Rund 30 Schülern kann sie im Juni das Abizeugnis in die Hand drücken.

Beitrag von Kirsten Buchmann, Inforadio

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6 Kommentare

  1. 6.

    Gegenüber dem dreigliedrigen Schulsystem ist die ISS eine Verbesserung, aber dennoch keine Überwindung konstruierter und weiterführender klassistischer Ausgrenzungen sowie der immer noch virulenten Abhängigkeit des Schulerfolgs von den willkürlichen Zulassungen nach sozio-ökonomischem Huntergrund und nicht zuletzt der Konstruktion von "Bildungsferne". Wenn allen Schüler*innen dieselben Möglichkeiten offenstehen sollen, dann muss ein Staat das auch umsetzen, statt im Voraus einzuteilen. Bildung ist ein Menschenrecht. Da gibt es keine Differenzierung hinsichtlich einer wie weit führenden Bildung, akademisch oder nicht. Ergo müssen allen alle Wege eröffnet werden. Insofern kann ich mich der Forderung der beiden Lehrkräfte nur anschließen.

    Schule wird als Selektionsort nicht angemessen reflektiert. Wenn selbst die Rektorin von den Schüler*innen mit Gymnasialempfehlung als "Leistungsträger*innen" spricht, im Gegensatz zu allen anderen, dann ist das Schubladendenken.

  2. 4.

    Zitat: "jeden einzelnen zum Lernen bewegen" - kann und darf nicht Lehrauftrag sein!

  3. 3.

    Ein geschönter Artikel ! DAS kann und darf nicht die Aufgabe von Journalismus sein, denn es spielt den Politikern in die Hände die die " ist doch alles gut …" Aussage zur Hauptaussage ihrer katastrophalen Schulpolitik machen. Hier wird aber auch klargestellt, das bestimmte Leistungen nicht vom System sondern von einzelnen engagierten Lehrern und SchulleiterInnen erbracht werden. Was bleibt ist, das man mit 60% nicht ausgebildetes "Lehrkräften" keinerlei Richtungsweisende Veränderungen erzielen kann. Hier bleibt das Versagen der Politik.

  4. 2.

    Ein geschönter Artikel, der auf einen positiven Sonderfall einer Sekundarschule fokussiert.

    "In anderen Sekundarschulen bricht nach wie vor jeder Dritte die Schule ab. " Das heißt im Klartext, die Situation an Berliner Schulen ist katastrophal. Abbrecherquote 33 % bei den "anderen" Sekundarschulen.

    Berlin hat seit längerem mit einem Mangel an ausgebildeten Lehrern, Defiziten bei der Qualität und Ausfall von Unterricht zu kämpfen. Bei Vergleichstests in Lesen, Schreiben und Rechnen etwa schneiden Berliner Schüler regelmäßig schlecht ab.

    "Die Situation ist dramatisch, aus der Bildungsverwaltung hören wir jedoch nur Beschönigungen" sagt GEW-Landeschef Tom Erdmann.

  5. 1.

    Wirklich? Stehen die Mauern vielleicht doch mitten in den Schulen?! Oder hat sich das 2019 alles verbessert? "Vor allem die Jugendlichen mit Türkisch als Herkunftssprache gehen mit 19 Prozent häufiger ohne einen Schulabschluss von der Schule ab als noch im Vorjahr (11 Prozent ). Anstieg um 8 Prozent. Dasselbe trifft auf die Jugendlichen mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch oder Türkisch zu (21 Prozent ohne Schulabschluss im Jahr 2018 und 15 Prozent im Jahr 2017). Dies entspricht einem Anstieg um 6 Prozent." und "An den Integrierten Sekundarschulen (ISS) erreichen 69 Prozent der Jugendlichen mit Deutsch als Herkunftssprache den MSA bzw. den MSA+. Für die anderen beiden Sprachgruppen sind es mit 47 Prozent (türkische Herkunftssprache) bzw. 51 Prozent (andere Herkunftssprache als Deutsch oder Türkisch) deutlich weniger." Auch weiterhin auffällige Unterschiede beim Erfolg von Mädchen und Jungen.
    http://schulforum-berlin.de/noch-mehr-zehntklaessler-in-berlin-ohne-abschluss/

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