Ein Fahrradfahrer fährt während einer Demonstration des neuen Abbiegeassistenten neben einem Lastwagen (Quelle: dpa/Jens Büttner)
Video: Abendschau | 28.02.2020 | Rainer Unruh | Bild: dpa/Jens Büttner

Ausrüstung mit Abbiegeassisitenten - "Eine Riesenbelastung, die nicht zu stemmen ist"

Etwa 3.900 Lkw sind in Berlin unterwegs und müssten mit Abbiegeassistenten nachgerüstet werden. Der Bund und das Land Berlin fördern den Einbau. Doch private Unternehmen sehen sich benachteiligt. Von Juliane Kowollik

In laufenden Jahr sind bereits fünf Radfahrer in Berlin bei Unfällen im Straßenverkehr tödlich verletzt worden (zum Vergleich: 2019 starben insgesamt sechs Radfahrer im Berliner Straßenverkehr), drei davon verursacht durch einen rechtsabbiegenden Lastwagen oder Bus.

Laut Unfallforschung der Versicherer könnten 40 Prozent davon durch einen elektronischen Abbiegeassistenten vermieden werden. Ein solcher erfasst über Kameras den toten Winkel rechts neben dem Fahrzeug. Befindet sich ein Mensch oder Gegenstand im toten Winkel, ertönt ein akustisches und optisches Warnsignal. Je nach Ausführung wird der Bereich auf einem Monitor angezeigt.

Die EU-weite flächendeckende Pflichteinführung ist bis 2024 geplant. Um vorher schon Menschenleben zu retten, hofft die Politik auf freiwillige Nachrüstung und fördert diese: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat die "Aktion Abbiegeassistent" ins Leben gerufen. Jährlich werden 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ein Unternehmen kann sich bis zu 80 Prozent der Kosten, maximal aber 1.500 Euro erstatten lassen (ein Abbiegeassistent kostet nach Angaben des ADAC zwischen 760 und 3.400 Euro). Berlin folgt: Ab dem Frühjahr sollen zwei Millionen Euro bereitgestellt werden, nochmal so viel im kommenden Jahr. 

Viele landeseigene Unternehmen haben nachgerüstet

Die landeseigenen Berliner Unternehmen wurden von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) aufgefordert, mit gutem Beispiel voranzugehen und schnellstmöglich nachzurüsten. Viele sind dem Aufruf gefolgt: Die Berliner Wasserbetriebe, die Messe Berlin, die Johanniter und die BVG haben bereits alle großen Fahrzeuge mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet, die BSR kommt auf 87 Prozent. Bis zum Frühjahr sollen alle Fahrzeuge umgerüstet sein, danach folgen auch die kleineren bis 3,5 Tonnen.

Aber wie sieht es bei den privaten Unternehmen aus? Christian Sünkler ist mittelständiger Spediteur und hat klar die finanzielle Belastung vor Augen: "Wenn man Fahrzeuge ad hoc nachrüstet, sagen wir zehn Lkw, kommt man schnell auf 15.000 bis 20.000 Euro. Das ist eine Riesenbelastung, die sicherlich nicht zu stemmen ist. Das muss man über das Jahr verteilen oder auf Neuanschaffungen warten."

Christian Sünkler hat bisher 16 seiner 20 Lastwagen freiwillig nachgerüstet, bei der Förderung ging er leer aus: "Ich hatte mich beworben für das Programm vom Bundesverkehrsministerium, hatte aber keinen Zuschlag bekommen. Das ging nach dem Windhundverfahren. Da haben Großflotten Vorteile gegenüber kleinen und mittelständigen Unternehmen wie wir gehabt."

Viele Unternehmen scheuen die hohen Investitionskosten. DHL sagte dem rbb, sie rüsten ihre Lkw nicht nach, zu groß sei sonst der Wettbewerbsnachteil. Stattdessen schulten sie lieber ihre Fahrer, denn Verkehrssicherheit sei ihnen wichtig.

"Etwa Hälfte der Unfälle könnte verhindert werden"

Radfahren in Berlin bleibt weiterhin gefährlich, sagt Ragnhild Soerensen von Changing Cities. Der Radfahrerverein hatte beim Entwurf des Berliner Mobilitätsgesetz mitgewirkt und fordert bis 2030 deutlich sicherere Radwege, vor allem auf den 1.600 Kilometer Hauptstraße. Maßstab müssten 10-Jährige sein, die sich sicher im Verkehr bewegen können müssten. Bislang sei deutlich zu wenig geschehen, es fehle auch an verbindlichen Fristen und Bauvorhaben. "Wir freuen uns über jeden, der freiwillig in einen Abbiegeassistenten investiert. Das ist sicherer für alle. Etwa die Hälfte der Unfälle mit abbiegenden Lkw könnte so verhindert werden, das zeigt die Verkehrsforschung schon seit Jahrzehnten."

Nur etwa die Hälfte der etwa 3.900 Lastwagen in Berlin ohne Abbiegeassistenten könnten mit dem zukünftigen Landesförderprogramm nachgerüstet werden. Bis dahin können Radfahrer nur auf die Großzügigkeit privater Unternehmen hoffen, und vor allem selbst besonders vorsichtig fahren. Denn das Pochen auf die eigene Vorfahrt hilft bei einem Lkw-Unfall erfahrungsgemäß nicht weiter. 

Sendung: Abendschau, 28.02.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Juliane Kowollik

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18 Kommentare

  1. 18.

    Schon klar, die Fahrradfahrer bekommen dann 5 sec. Mindestgrün und schon ist das Problem gelöst. So einfach ist das leider nicht.

  2. 17.

    " ... wenn die Straßen mit PKW/LKW grün haben, haben die Fußgänger und Radler halt rot. Fertig."

    Ich würde da Ihre Forderung bzw. Ihren Grundsatz präzisieren: Wenn Fahrzeuge entlang der Fahrbahnen in Fahrtrichtung geradeaus grün haben, haben auch zu Fuß Gehende und Radfahrende entlang dieser Fahrbahn grün. D. h.: Alle Rechts- und Linksabbiegenden haben dann rot, weil sich ja folglich die Verkehrsströme beim Abbiegen kreuzen.

    Ich bin sehr dafür, dieses an sich sinnvolle Prinzip einzuführen, habe aber die Skepsis, dass Einige damit nur bestimmte Fortbewegungsarten meinen.

  3. 16.

    Warum nicht umgekehrt? Rechtsabbieger dürfen erst fahren wenn alle die geradeaus wollen durch sind? Ach, huch?! Das gibt es ja schon.

    Die Hauptgründe für die folgenschweren Unfälle sind:

    1. Heillose Überforderung

    2. Rücksichtslosigkeit

    3. Die Oberlehrer wie "Berlinerin", die womöglich noch mit ihrem KfZ ihre "Belehrungen" unterstreichen wollen

    Zu 1. hilft das allgemeine Tempo auf 30 km/h herunterzusetzen, die Aufmerksamkeit wächste, der Stress wird geringer.
    Zu 2. helfen einfach nur drastischere Strafen, sprich den Bußgeldkatalog verschärfen.
    Zu 3. hilft nur Pappe weg auf Lebenszeit.

  4. 15.

    wenn die Straßen mit PKW/LKW grün haben, haben die Fußgänger und Radler halt rot. Fertig. Diese Umrüstkosten müsste zwar Senatens tragen, aber sie sind gering. Früher gabs an jeder Ampel eine kleine Fahrradampel, man kann aber auch einfach aufs Ampelglas den Fußgänger/Radler aufkleben.

    Natürlich hilft das nur denen, die auf die FARBEN überhaupt achten. Heut radeltet mir so eine merkbefreite Hausfrau mit Tüten am Lenker wieder bei rot direkt vors Auto - ich ahnte es schon beim Anblick der schlenkernden Tüten und hielt vorsichtshalber... aber ehrlich? Die hätte ich mal ausführlich belehrern müssen *mecker*!

  5. 14.

    Zitat: "Warum setzt man nicht die einfachste Idee um. Radfahrer fahren an der Ampel einfach später los als der LKW der neben ihnen steht."

    Nun, diese Abbiegeunfälle passieren ja nicht ausschließlich bei gleichzeitigem Ampelstart. Ich gehe sogar davon aus, dass es häufiger bei bereits geschalteter Ampel, also, wenn der Radler sich bereits in Fahrt befindet, zu Unfällen kommt.

  6. 13.

    2018 sind in Deutschland 445 Radfahrer*innen tödlich verunglückt; vor allem Vorfahrts- und Abbiegeunfälle waren laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann dafür die Unfallursache.

  7. 11.

    Wenn Blinde immer wieder versuchen, über Farben reden ...
    Wann sind Sie das letzte mal am Steuer eines "vollverspiegelten" LKW abgebogen?

  8. 10.

    "mit gutem Beispiel vorranzugehen"
    voran schreibt sich mit einem r

  9. 9.

    Ja genau: "Der von drüben"!!!
    Bleib am Besten auch da, oder schau mal in Amsterdam vorbei, dort wird vorgemacht, wie es funktionieren kann zwischen Auto-, Fahradfahrern und Fußgängern.

  10. 8.

    Warum setzt man nicht die einfachste Idee um. Radfahrer fahren an der Ampel einfach später los als der LKW der neben ihnen steht. Gibt es eigentlich Statistiken ab 1980 oder 1990 zu Unfällen mit LKW und Radfahrern?

  11. 7.

    Wenn ich die Radfahrerhordenauf den Straßen und Gehwegen sehe, ist mir klar, daß das nicht gut gehen kann. Im Großstadtverkehr muß man schon ein gut geschulter und vor allem charakterfester Radfahrer sein, will man niemandem zur Last fallen. Organisierte Fahrer, die immer nur nach den Pflichten der Anderen und deren Rücksichtnahme schreien, gehören in die Straßenbahn.

  12. 6.

    Den Betrieben, die ihre Fahrzeuge nicht umrüsten wollen, sollte man eben diese Fahrzeuge wegnehmen. Und so sollte doch ein Fahrzeug ohne abbiegeassistenten fahren und dabei jemand zu Schaden kommen, also sollte nicht nur den Fahrer die Strafe treffen, sondern auch das Unternehmen er sollte Schadenersatz oder Schmerzensgeld an die Opfer bzw dessen Hinterbliebene zahlen müssen. Sagen wir das Tausendfache dessen, was ein abbiegeassistent gekostet hätte.

  13. 4.

    Bis 2030 sollen die Berliner Straßen sicher sein? In zehn Jahren wird dann vielleicht insgesamt 1500 tote Radfahrer geben? Ist das ernst gemeint? Kleine Städte wie Utrecht geben 340 Euro pro Kopf für Radwege aus, Berlin Eurocent-Beträge. Vielleicht bekommen das Geld für die Abbiegeassistenten lieber die Radwegebauer???

  14. 3.

    Lieber RBB, den toten Winkel bei Lastern gibt es seit mehr als 10 Jahren EU-weit nicht mehr. Der ADFC informiert https://adfc-berlin.de/radverkehr/sicherheit/information-und-analyse/121-fahrradunfaelle-in-berlin-unfallstatistik/222-exkurs-der-tote-winkel.html
    Insofern kann der Abbiegeassistent auch nicht mit Kameras in den toten Winkel schauen. Bitte korrigieren Sie Ihren Artikel.

  15. 2.

    Also, RadfahrerInnen müssen ihren Helm und weitere Schutzkleidung selbst bezahlen. Ich weiß, daß das geringere Summen sind. Sie sind ja keine Unternehmer.

  16. 1.

    Die "Riesenbelastung" ist ein Klacks für solche Unternehmen. Immerhin sparen die Millionen dadurch, dass sie niedrige Löhne zahlen.

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