January 30, 2020, Hong Kong, China: Residents seen wearing surgical masks while crossing the road in order to prevent the spread of the Wuhan corona virus © Geovien So via www.imago-images
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Meinung | Panik vor dem Coronavirus - Der Erreger in uns

Die Angst vor dem Coronavirus breitet sich schneller aus als das Virus selbst. Asiatisch aussehende Menschen klagen über Diskriminierung, während den Apotheken die Atemmasken ausgehen. Ein Gegenmittel gibt es nicht - für beides, meint Sebastian Schöbel.

Als meine Tochter jüngst bei ihrer Kita-Freundin spielen war, erzählte ihre Mutter zwischen Kindergeschrei und rotzigen Nasen, dass sie die Berliner Feier zum chinesischen Neujahrsfest sausen lasse. "Zu viele Chinesen da", sagte sie, das Coronavirus mache ihr Sorgen.

Die Familie kommt aus Wuhan, China. Später ärgere ich mich, dass ich sie nicht gefragt habe, wie es eigentlich ihren Eltern geht, die noch immer dort leben.

Immer neue Verdachtsfälle, ausverkaufte Atemschutzmasken, abgeriegelte Städte: Nachrichten über das Coronavirus bestimmen seit Tagen die deutschen Schlagzeilen. Medien schaffen es, gleichzeitig vor dem Virus und der Panikmache zu warnen – nicht selten im gleichen Satz. Zeitgleich sterben Menschen an der gewöhnlichen Grippe - vergleichsweise ohne viel Beachtung.

Anekdotische Einzelschicksale

Dazu kommen Geschichten über die Diskriminierung von asiatisch aussehenden Menschen: #ichbinkeinvirus wird zum Sammelbegriff für anekdotische Einzelschicksale und individuelle Beobachtungen. Menschen, die sich in Bus und Bahn von Asiaten wegsetzen, Boulevardzeitungen mit rassistisch klingenden Überschriften, unpassende Witze von Kollegen.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher China-Gesellschaften (ADCG) beklagt die "drastisch steigende Verunglimpfung und Ausgrenzung von chinesischen Menschen bis hin zum offenen Rassismus", die chinesische Botschaft in Berlin interveniert beim Auswärtigen Amt, nachdem eine 23-jährige Chinesin in Berlin von zwei Frauen bespuckt und geschlagen worden sein soll. Der Zusammenhang mit der Coronavirus-Panik wird zum Teil explizit hergestellt. Nachgewiesen ist er nicht.

Unerwartete Antworten

Ich will in Berliner China-Restaurants und Asia-Märkten nachfragen, ob ihr Geschäft leidet, ob Mitarbeiter angefeindet wurden. Vor dem ersten Laden frage ich mich, ob ich Chinesen eigentlich von Vietnamesen oder Koreanern überhaupt unterscheiden kann - und nicht das schon rassistisch ist.

Im ersten Restaurant unweit der Messe störe ich den Inhaber gerade beim Frühstück. Er legt die Wurstsemmel auf den Teller und schlendert zu mir herüber, reicht mir die Hand. Diskriminierung? Weniger Kundschaft? "Nein", sagt er, "nichts bemerkt". Sein Gesichtsausdruck ist freundlich, er scheint zu merken, dass das nicht die erwartete Antwort ist. Ich verabschiede mich und denke auf dem Weg zum Ausgang darüber nach, ob das nicht auch berichtenswert wäre.  

Die nächsten Versuche enden ähnlich unbefriedigend: Mal ist niemand aus der Chefetage da, mal wird mein Anliegen gar nicht verstanden. Oder zu gut verstanden: Die Mitarbeiterin an der Kasse eines asiatischen Mini-Marktes wirkt sichtlich nervös, wendet immer wieder ihren Blick ab. Nein, keiner da, der was sagen kann. In einem weiteren Restaurant ist die Tür auf, aber kein einziger Gast oder Mitarbeiter zu sehen. Plötzlich kommt ein Passant rein, geht schnell aufs Klo und wieder raus. "Haben wohl Angst wegen Corona", raunt er mir zu. Die erbetenen 50 Cent für die WC-Nutzung zahlt er nicht.

"Dazu sagen wa nüscht"

Zwischendurch meldet sich ein chinesisches Kulturzentrum telefonisch auf meine Anfrage zurück. "Icke weiß nich, wat Sie für 'ne Vorstellung von uns haben", berlinert es mir entgegen. "Aba dazu sagen wa nüscht." Ein auf China spezialisiertes Forschungsinstitut meldet sich nur per Mail. Man sei gerade "personell ausgedünnt" und könne kein Interview anbieten. Ich halte kurz inne. Ausgedünnt. Ach ja, Schulferien.

Letzter Versuch in einem großen Asia-Markt in Charlottenburg: Mitarbeiter räumen gerade Waren ein, ich spreche einen jungen Mann an: "Ist jemand aus der Geschäftsleitung da? Ich würde gerne über die Angst vor dem Coronavirus und vor Diskriminierung deswegen sprechen." Er grinst mich an, ich meine zu hören wie er sagt "Und jetzt kommt ihr alle zu uns?" Er spricht in sein kleines Funkgerät und ruft lachend etwas zu seiner Kollegin. Ich verstehe kein Wort, aber fühle mich ziemlich dumm. Ein Mann kommt auf mich zugelaufen, reicht mir die Hand. Mit seinem Hoodie und der Kapuze auf dem kahlen Kopf sieht er ein bisschen aus wie Ai Weiwei. Nur würde der kein Ikea-Family-Schlüsselband aus der Hosentasche hängen lassen. Nein, das Geschäft laufe normal, seine Mitarbeiter hätten auch nichts von Diskriminierung erzählt. Wenn überhaupt würden weniger Chinesen kommen. Warum genau kann er nicht erklären.

Im italienischen Florenz stellt sich derweil ein asiatisch aussehender Mann auf die Straße, mit verbundenen Augen und einer Gesichtsmaske, und teilt auf einem Schild mit: "Ich bin kein Virus". Am Ende nehmen ihm Passanten Augenbinde und Maske ab und umarmen ihn.

Gesichtsmasken - um was zu schützen?

Solche Szenen finde ich nicht. Szenen, die das Gegenteil zeigen, aber auch nicht. Auf der Busfahrt zurück in den Sender muss ich kräftig niesen. Eine dicke Erkältung, schon seit Tagen. "Gesundheit", sagt eine Frauenstimme. Ich will mich umdrehen, muss aber wieder niesen. Dann schaue ich in das Gesicht einer asiatischen Frau. Sie lacht breit. Und sagt nochmal: "Gesundheit." Ich bedanke mich. "Viel Wasser und warmen Tee trinken", rät sie mir, bevor sie aussteigt.

Ich habe mal gelesen, in Asien tragen so viele Menschen Gesichtsmasken, weil sie, wenn sie krank sind, andere Menschen vor Ansteckung schützen wollen [vice.com]. Die Masken sind dort inzwischen sogar Mode-Accessoires, in verschiedenen Farben und mit Duftnote.

In Deutschland werden sie jetzt von gesunden Menschen gekauft, die nur sich selber schützen wollen. Und in der Kita meiner Kinder hängen jetzt wieder Poster, auf denen steht: Achtung, Erkältungszeit. Bitte kranke Kinder zu Hause lassen und nicht mit Medikamenten fit machen, um sie abgeben zu können.

Ich denke an den Rat der Chinesin im Bus. Tee habe ich keinen. Dafür Aspirin Complex.

Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

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Antwort auf [Sebastian Schöbel] vom 06.02.2020 um 08:32
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19 Kommentare

  1. 19.

    Mann kanns auch übertreiben und kann sich vor Angst in die Hosen machen wenn ich unterwegs bin und beobachte die Menschen auch in den Einkaufsläden da kann mann nur lachen einfach nur Krank

  2. 18.

    Panik? Welche Panik? Ich sehe nur aufgebauschte, mediale Panikmache... Ich kenne auch niemanden der panisch ist deswegen...

  3. 17.

    Ein humorvoller Artikel mit einem ernsten Hintergrund. Danke für die Leichtigkeit in den Zeilen. Die Aussage zwischen diesen sollten sich Meckerheinis und Misepetris mal zu Herzen nehmen - vllt aber haben Sie sie damit bereits überfordert, Herr Schöbel...

  4. 16.

    Ich denke es wird wie immer mit viel Panik und viel gefährlichem Halbwissen gearbeitet.
    Das einzige was übrigens bei einer Erkältung hilft ist, Ruhe und viel trinken, es gibt dafür kein gegenmittel auch kein Aspirin complex.
    Solche Mittel können sogar eher gefährliche nebeneffekte erzeugen, indem sie die Krankheit erstmal dämpfen und die danach umso stärker auftritt, dann mit dem bekannten tödlichen Folgen, ja auch bei einer einfachen Erkältung!
    Das schlimmste ist übrigens dieses in die Hand oder Faust genießerei, damit wird danach alles kontaminiert was mit der Hand denn später angefasst wird, mal abgesehen davon dass man alles schön quer auf seine Nachbarn verteilt.
    Also bitte einfach in die Armbeuge niesen wenn möglich, das ist einer der besten Schutzmaßnahmen überhaupt!

  5. 15.

    Sie hören einen Ton? Na sowat. Ich schreibe zum Thema, wohin Hysterie führen kann, geführt hat und aktuell wieder hinführt. Wenn Sie alles auf Ihre Person beziehen, kann ich da och nüscht dran ändern, das ist allein Ihr Problem.

  6. 13.

    Vielleicht sollten Sie mal erst Ihren Ton ein wenig überprüfen!
    Die meisten Grippetoten entstehen übrigens nicht wegen der falschen Schätzung des eintreffenden Virus sondern wegen der Impfverweigerung vieler Menschen (ausgenommen natürlich derer, die keine Möglichkeit zur Impfung haben).
    Was hat es mit Rassismus zu tun, wenn man schlicht und ergreifend recht hilflos der Gefahr einer Ansteckung ausgeliefert ist? Wo schreibe ich, dass jeder Asiate einen Virus hat etc? Mal überlegen wo man die Rassismuskeule rausholt und wo man sie vielleicht doch lieber stecken lässt (übrigens ist mein bester Freund Asiate (Thailänder)).

  7. 11.

    Was nützt mir Imfpung (welcher Virus tatsächlich herumflirren wird, ist Spekulation, auch eine Imfpung ist ein Garant, nicht zu erkranken) und "erforschter Virus", wenn er mich umbringen kann? Studieren Sie mal die Statistiken zu Grippetoten jährlich in D. und Europa.

    Unsicherheit ist ein Lebensprinzip, und Rassismus ist Rassismus. Die Ausbreitung der Pest erzeugte ähnliche Reflexe der Feindseligkeit, damals gegen Juden und Türken. Absolut primitiv und Produkt einer angstbesetzten Übergangszeit. Das sollte mal ins Bewusstsein treten, so am Anfang des 21. Jahrhunderts ...

  8. 10.

    Wenn es die Ausmaße der spanischen Grippe annimmt mache ich mir Sorgen, nicht vorher!

  9. 9.

    Dieser Bericht ist doch schon um einiges differenzierter, als es der von gestern war.Wieso über die Grippe nicht im ähnlichen Umfang und mit ähnlicher Sorge berichtet wird, erschließt sich mir hingegen sehr wohl. Immerhin könnte man sich gegen die Grippe impfen lassen und es gibt (wusste ich vorher nicht) wohl sogar ein Medikament. Weiterhin ist der Virus erforscht. Der aktuelle Corona-Virus hingegen ist noch recht unbekannt. Vieles sind hier noch Vermutungen und Schätzungen. Dennoch nehmen die Todesfälle zu und als Ältere werden bereits Menschen ab 60 bezeichnet. Die schwere Vorerkrankung kann bereits eine Herzrhythmusstörung sein (Zivilisationskrankheit und weit verbreitet)...da wundert einem die Sorge der Menschen nicht. Zudem ist man bereits ansteckend, obwohl man keine Symptome hat und überdies gilt als Verdachtsfall nur wer in China war oder Kontakt hatte...wie soll man das jedoch wissen (anonyme Masse in der Bahn etc.). Die Unsicherheit ist daher keine Panik sondern real.

  10. 8.

    Hallo Herr Dieter F.
    Ich empfinde es als ausgesprochen anstrengend, dass sie hier wegen den Erkältungssymptomen des Autors solch ein großes Rad drehen. Ich verstehe diesen Zusatz für mich als künstlerische Freiheit und vielleicht sogar Zudichtung zur eigentlichen Botschaft des Autors. Ich teile auch nicht jeden Gedanken des Artikels, aber, wie meine Vorredner schon treffend sagte, es ist mal etwas anders formuliert. Nicht diese ständige Panikmache der Medien. Da sind wir aber dann auch schon wieder beim Grundkonfonflikt!!!! Schaltet den Kopf ein und denkt selbst nach. Erkundigt euch dort, wo die Kompetenz (in diesem Fall z.B. bei der Charité) liegt.

    Herr Dieter F. Wenn Sie auch mal einen Beitrag kommentieren, der ihnen gefällt, fänd ich das gut. Sonst entsteht irgendwann ein sehr negatives Bild. Jeder soll seine Meinung haben, aber hey, man muss sie nicht immer zum Besten geben. Sie schimpfen über eine Erkältung. Deshalb ist der Artikel doch aber keineswegs schlecht!!!

  11. 7.

    Schöner Beitrag! Er zeigt so nebenbei was hilft: Bodenständigkeit und eine Prise Humor. Es gibt in D 12 nachgewiesene Fälle, der Verlauf der Erkrankung in Europa ist milde, so Experten. Also: alle mal runterkommen. Unser Gesundsheitsproblem hier heißt immernoch "Grippe".

  12. 6.

    Es ist zweifelsohne genau DIESE Art der Berichterstattung, die dem einen oder anderen Mediennutzer vielleicht vor Augen führt, dass doch ziemlich viele andere Medienbeiträge ihren Ursprung ausschließlich in zeitgeistiger Emotionalisierungs- und Empörungskultur haben. Die Auswirkungen, wenn Leser oder Zuschauer übergebühr beunruhigt oder nervös gemacht werden, kann man dann wiederum an den nachfolgenden Berichten über völlig irrationale Reaktionen, wie z. B. Diskriminierungen asiatisch aussehender Personen, ersehen. Mehr Abgleich mit dem alltäglich-realen Leben in unserer Stadt und dem gesunden Menschenverstand, anstatt der gebetsmühlenartigen Wiederholung irgendwelcher Angst-Superlative, finde ich daher ausgesprochen informativ, erfrischend und auch beruhigend.

  13. 5.

    Interessanter Beitrag, gut geschrieben!

  14. 4.

    Wer krank ist bleibt Daheim!
    Gerade jetzt, wo nicht nur die Grippe an Fahrt aufnimmt, sondern Corona eine potentielle Gefahr ist, finde ich es unverantwortlich was dieser "Journalist" treibt. Mit einer selbstdiagnostizierten Erkältung geht man nicht los und schüttelt Supermarkt- und Restaurantangestellten die Hand und niest dann in einem öffentlichen Bus! Ich bin entsetzt über dieses Verhalten! Kaum jemand kommt mit mehr Menschen in Kontakt als ein Journalist und ausgerechnet der geht krank zur Arbeit. Unverantwortlich ist das! Als könne irgendwer an sich selber den Unterschied zwischen einer milde verlaufenden Gruppe, und einer Erkältung selbst feststellen. Und auch wenn sie Corona abtun, aber unmöglich ist eine Ausbreitung auch in D nicht.

  15. 3.

    Muss es denn immer Drama sein...?! Ich finde es interessant zu erfahren, dass sich in Berlin die Welt ganz normal weiter zu drehen scheint, während die Medien anderes vermuten lassen!

  16. 1.

    Mal ganz ehrlich... für solche Art von "Journalismus" bezahlt der rbb noch was? Ein billiger, nichtssagender Beitrag. Traurig.

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