Eine Pflegekraft versorgt ein Kind auf einer Kinderintensivstation / Symbolbild (Quelle: dpa/Ole Spata=
Video: Abendschau | 06.02.2020 | Lisa Wandt | Bild: dpa/Ole Spata

Fehlendes Pflegepersonal - Charité räumt Fehler auf Kinderkrebsstation ein

Auf der Kinderonkologie der Charité fehlt seit Monaten Personal. Nun räumt die Klinik Fehler bei der Personalführung ein. Wie weitreichend die Folgen des Pflegenotstands sind, zeigt der Fall eines leukämiekranken Kindes, das nicht aufgenommen werden konnte.

Die Leitung der Berliner Charité hat Fehler im Umgang mit dem Pflegepersonal auf der Kinderkrebsstation des Hauses eingeräumt. "Gerade in der Kinderonkologie gerät man sehr leicht in eine Zwickmühle, dass man auch dem Personal gegenüber [...] mit der Krankheit der Kinder argumentiert", sagte Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung, dem ARD Magazin Kontraste. Er räumte ein, dass dieses Vorgehen einen enormen psychischen Druck auf Pflegekräfte ausübt. "Ich glaube, dieser Druck ist möglicherweise auch zu stark ausgeübt worden."

Der Berliner Universitätsklinik fehlen bereits seit Längerem Pflegekräfte auf der Kinderkrebsstation. In den vergangenen anderthalb Jahren gab es außergewöhnlich viele Kündigungen, wiederholt mussten Stationsbetten geschlossen werden oder Aufnahmestopps für neue Patienten verfügt werden.

Im Dezember hatten Mitarbeiter rbb|24 von erodierenden Arbeitsbedingungen berichtet, die bei ihnen Angst, Wut und Unsicherheit ausgelöst hätten. Frei kündigte damals Lösungen an, mit denen ein akuter Personalmangel gelöst werden sollte. Derzeit werden zwar wieder neue Patienten aufgenommen, dennoch bleiben einige Patientenbetten dauerhaft gesperrt; nach wie vor ist das Pflegeteam unterbesetzt.

Klinik konnte leukämiekrankes Kind nicht aufnehmen

Die anhaltende Unterbesetzung hat konkrete Folgen für die Versorgung junger Patienten. Dem ARD Magazin Kontraste ist der Fall eines Kleinkindes bekannt, das im vergangenen Jahr nicht an der Kinderonkologie aufgenommen werden konnte, weil offenbar aufgrund von Personalmangel nicht alle Betten der Station belegt werden konnten. Mehrere Quellen haben den Vorfall bestätigt.

An einem anderen Berliner Krankenhaus war bei dem Kind Leukämie diagnostiziert worden. Da diese Klinik jedoch nicht über eine eigene Krebsstation für Kinder verfügt, wurde versucht, einen Platz an der Charité zu erhalten. "Bei uns auf Station hatten wir leider keine freien Betten und auch sonst im Haus war trotz intensiver Bemühungen kein Bett zu finden", sagte ein Kinderarzt der Charité, der unerkannt bleiben möchte. "Wir mussten die Verlegung des Kindes daher zunächst ablehnen."

Im ersten Krankenhaus habe sich der ohnehin kritische Zustand des Kindes über Nacht weiter verschlechtert. "Am nächsten Tag konnte das Kind dann zu uns verlegt werden, aber es verstarb leider rasch. Das hat uns alle sehr mitgenommen", so der Kinderarzt der Charité. "Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können."

Die Charité äußerte sich mit Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht nicht zu dem Fall.

Frei hofft, Situation bis Sommer lösen zu können

Die Presseabteilung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), der gleichzeitig auch Berlins Wissenschaftssenator ist, teilte auf Anfrage mit, dass bundesweit Kliniken speziell geschultes Pflegepersonal für Kinderkrebsstationen suchen. "In Absprache mit der Senatskanzlei […] hat die Charité zugesichert, schnell verlässliche Wege zu finden, um eine Situation wie zum Beispiel im Dezember 2019 künftig zu vermeiden." Die Klinik verschaffe sich gerade selbst einen Überblick zu den Problemen im Haus, hieß es. "Die Charité hat eine Task-Force gebildet, um die Situation der Einzelkliniken in der Pädiatrie zu untersuchen."

Ulrich Frei, Vorstand der Krankenversorgung, Charité Berlin. (Quelle: rbb/L. Wandt))Ulrich Frei

Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung an der Charité, sucht weiter nach geeignetem Pflegepersonal für die Kinderonkologie der Klinik. "Wir hoffen, dass wir innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate dort wieder einen Aufbau zustande kriegen." In der aktuellen Situation werde dies allerdings nicht einfach, sagte er. "Ich glaub, der Drops ist gelutscht." Da der Personalmangel öffentlich diskutiert werde, "kann man auch keine Leute gewinnen", so Frei.

Sendung: Das Erste, 06.02.2020, 21:45 Uhr

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18 Kommentare

  1. 18.

    Das kommt davon wenn ein gesundheitssystem zur Geldmacherei verkommt, immer weniger Schwestern für immer mehr Patienten. Aber daran wird nichts geändert...

  2. 17.

    Niemand kann beurteilen, wie sich die Schwestern und Pfleger fühlen. Man ist einfach nur noch ausgelaugt, 8h arbeiten ohne Pause arbeiten oder on Top noch mit Überstunden, ohne zur Toilette zu gehen, weil man es einfach nicht schafft, ach so... aber getrunken hat man ja sowieso nicht im Dienst.
    Und Streik ist wohl in einer Klinik nicht so einfach, wie in der Industrie oder am Flughafen, das wäre vielleicht mal zu Bedenken. Es muss immer eine Notversorgung geben und schwerstkranke Patienten kann man wohl kaum sich selbst überlassen.
    Ich habe in dieser Abteilung über 20 Jahre gearbeitet und das über viele Jahre sehr gerne. Alle Anstrengungen um Verbesserungen seitens der Pflege wurden belächelt und abgewiegelt.

  3. 16.

    Hey "versteha", was ist mit Dir nicht i.O.? Ich habe in der Kinderonko mehr. Jahrzehnte gearbeitet. Ich habe so viele Kinder leiden und leider auch sterben sehen. Das unbeschreibl. Leid, welches die kl. Pat., ihre ges. Familie und auch wir, die dort arbeiten, ertragen müssen kann ich nicht in Worte fassen. Jahrelang hat das Pflegepersonal auf die sehr schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam gemacht. Die Bereichleitungen, Pflegedienstleitung, Klinikleitung, Personalrat ...alle wurden involviert. Es ist nur noch schlimmer geworden. 3 PK kümmern sich um 19 Pat. während Chemo, lebensbedrohliche Kompl. und sterbenden kleinen Pat. und dem Gefühlschaos der verzw. Angehörigen. Bis vor einigen Jahren waren noch 5 PK im FD, was auch schon zu wenig war. Wie soll man da diesen kr. Kindern gerecht werden können? Es ist kein Beruf wie jeder Andere. Es sind keine Maschinen. Und glaube mir, niemand von uns hat gejammert. Ich habe kapituliert,arbeite nun woanders und merke, es geht auch anders.

  4. 15.

    @ versteha
    Sie verstehen das leider falsch. Wenn sie den Artikel genau lesen, jammern die Pflegenden nicht, sondern gehen aus ihrem Beruf heraus um sich zu verbessern. "Jammern" können dann die Patienten, welche, wie hier zu lesen, nicht versorgt werden. Im Übrigen ist es nicht an der Pflege etwas zu ändern, sondern an allen die ein funktionierendes Gesundheitssystem in Anspruch nehmen wollen. Schließlich zahlen sie ihre Kassenbeiträge in der Erwartung im Notfall etwas dafür zu bekommen - oder etwa nicht? Und auf die Situation der Pflege wird nun wirklich schon lange genug hingewiesen!

  5. 14.

    Ach ehrlich Leute man kann es wirklich nicht mehr hören, fehlende wertschätzung wenig Gehalt, das gibt es doch in jedem Job und nicht nur in der Pflege.
    Statt zu jammern und hier mit Fatalismus "Deutschland geht den Bach runter und blablabla", einfach mal dafür was tun dass sich was ändert mit entsprechenden Forderungen und Streiks!
    Immer nur jammern bringt uns hier nicht weiter.

  6. 13.

    Sehr geehrter Berliner,
    genau man schafft die Zeitarbeit ab und führt die Leibeigenschaft wieder ein - Problem gelöst!
    Diese Zustände sind erst der Anfang, es gibt genügend Studien und Berechnungen die belegen, daß die Pflege in den nächsten 10 bis 15 Jahren zusammenbrechen wird. Nämlich dann, wenn ein großer Teil der Pflegenden in den Ruhestand treten wird und der Nachwuchs fehlt. Das Schlimme daran ist, daß es zum Gegenlenken zu spät ist. Mit der gewinnorientierten Umstrukturierung des Gesundheitswesens wurden auch viele Ausbildungsplätze
    in der Pflege abgebaut, da unrentabel.
    Das Ganze ist politisch gewollt, sonst wäre es nicht eingetreten!
    Armes Deutschland

  7. 12.

    Wertschätzung ist das richtige und wichtige Wort.
    Ich habe fast 30 Jahre in der Kinderklinik gearbeitet und in den letzten Jahren wurde nur mit Macht und Druck agiert. Die Situation verschlechterte sich mit der aktuellen Führungsriege der Pflegedienstleitung. Von Wertschätzung keine Spur.
    Die Pflegekräfte gehen, das ist jetzt das Ende der Fahnenstange. Alles so traurig.
    Es ist ein schöner Beruf, aber nicht um jeden Preis.
    Ich bin froh, dass ich raus bin.

  8. 11.

    Zur Thema Personalmangel auf der Kinderonkologie kann ich nur sagen, dass es dieses Problem schon seit Jahren gibt.Mein Sohn war ab 2014 dort in Behandlung und musste sich aufgrund seiner Erkrankung regelmäßig alle drei Wochen zur stationären Chemotherapie einfinden. Es war jedesmal ein Betteln um ein Bett. Mehrmals täglich musste man anrufen und nachfragen, ob wir kommen dürfen. Das Pflegepersonal war sehr engagiert, aber chronisch unterbesetzt und meist auch dankbar, wenn sich die Eltern in die Pflege mit eingebracht haben. Das es jetzt so weit gekommen ist, dass ein Kind gar nicht behandelt wurde, schmerzt sehr und mein Mitgefühl ist bei den Eltern.

  9. 10.

    Der Zustand in unserer Kliniken ist katastrophal,sowie das System des ganzen Gesundheitswesen,das Ganze hab ich selbst erlebt,meine Reha nach einer Gehirnblutung wurde abgebrochen weil die Krankenkasse nicht mehr zahlen wollte,dabei war ich noch gut dran,meine Schwägerin traf das gleiche,nur sie hatte Krebs,das Resultat kann sich jeder selbst ausmahlen.Gesundheit war schon immer ein Zuschussgeschäft,Aber hier soll Gewinn gemacht werden.

  10. 9.

    Die Situation in dieser Abteilung hat sich über Jahre !!! verschlechtert, die letzten eineinhalb Jahre sind nur das traurige Endergebnis einer unmöglichen Personalpolitik der Führungsebene. Es gab schon vor längerer Zeit Berichte in der Presse darüber. Wo bleiben Konseqenzen für die, die das verzapft haben?
    Schade um alle Pflegekräfte, die weg gegangen sind und dort viele Jahre zuvor gerne gearbeitet und ihre Arbeit nicht nur als Job gesehen haben.

  11. 8.

    Richtig, JEDEN EINZELEN TAG passieren in diversen Kliniken Fehler durch Unterbesetzung und Stress, es passieren Dinge zu langsam und zu spät, die interdisziplinäre Kommunikation bleibt auf der Strecke, es werden wichtige Zustandsveränderungen nicht oder zu spät weiter gegeben...! Die Pflege leidet,die ärztliche Betreuung leidet, die Qualität ist kaum gegeben und die Sicherheit ist nicht vorhanden...weder für Personal noch für Patienten oder Angehörige.

    Und alleine mit mehr Gehalt löst man das Problem nicht...!
    Wer pflegt, tut dies hoffentlich mit dem Anspruch, so zu versorgen als sei man selbst der Patient...und der Frust und das Ausbrennen, weil dieses Ziel nicht erreicht werden kann, bei dieser Besetzung...enorm.

    Es ist wie immer - solange „nichts“ passiert aka. öffentlich wird, wird nichts getan. Nun ist einer von vielen vielen Missständen bekannt geworden und es wird dargestellt als sei dies das Problem einer EINZIGEN Station eines EINZIGEN Krankenhauses, um die dramatischen Dimensionen klein zu halten...!

    Mein Beileid an die Eltern und an alle, sie tagtäglich in einer solchen Betreuung sind und an die Pflegenden, die diesen Frust und Druck erdulden müssen.

    Ich bin froh, nicht mehr stationär zu arbeiten...!

  12. 7.

    Sehr tragisch! So langsam beschleicht einem das Gefühl, das Deutschland gerade den Bach runter geht! Was funktioniert überhaupt noch? Glück, wer gesund ist!

  13. 6.

    Ich hoffe sehr, dass sich die Eltern äußern werden. Es sollte ans Licht gebracht werden, warum Kinder, die auf die Krebsstation gehören, nicht verlegt werden und dann sterben; vielleicht hätte das verhindert werden können. Aber leider läuft im deutschen Gesundheitssystem etwas völlig falsch.
    Es fehlen überall Ärzte und Pflegekräfte: so kann ich durchaus auch die Seite der Pfleger und Schwestern verstehen.

  14. 5.

    Schafft Zeitarbeitskräfte im Pflegebereich ab. Die Festangestellten gehen zur Zeitarbeit, weil sie dort mehr verdienen und sich die Schichten aussuchen können. Das kann doch nicht wahr sein, dass es solche Zustände gibt !

  15. 4.

    Wären die Eltern privat versichert gewesen, hätte das Schicksal wo anders zugeschlagen. Mein Vorschlag, den Soli für die Gehälter der Pflegekräfte einzusetzen und das Problem wäre gelöst! Ein Advokat schreibt 3 Briefe für eine Summe, was eine Pflegefachkraft im Monat bekommt!

  16. 3.

    Es bewahrheitet sich wieder, dass erst etwas passieren muss, bevor die Verantwortlichen sich Gedanken machen. Von verausschauendem Handeln kann keine Rede sein. Es kommt auch nur : " Der Drops ist geluscht, weil das Problem öffentlich wurde und die Chance dadurch zunichte gemacht wird, kompetente Pflegekräfte zu finden!!!!"???? Die Charite hat den Karren bewusst an die Wand gefahren und die Patienten leiden dadurch. Kein Wunder warum es keine Pflegekräfte gibt, die unter den inhumanen Bedingungen arbeiten wollen, Wertschätzung ist ein Fremdwort!!! Nur noch die Zahlen zählen..........

  17. 2.

    Das hört sich alles sehr heuchlerisch an was der alte Mann da erzählt, wenn man nach Monaten anfängt sich einen Überblick über die Probleme im eigenen Haus zu verschaffen. Nur wenn schlimme Dinge passieren wird man offiziell mal kurz aktiv. Und es betrifft ja nicht nur die Kinderklinik und nicht nur dieses Krankenhaus. Dort ist es nur ganz besonders emotional und nun auch dramatisch zu Tage getreten. Das Grundproblem ist die Unattraktivität des Pflegeberufs und dessen fehlende Wertschätzung.

  18. 1.

    Der Personalmangel betrifft nicht nur einzelne Fachbereiche, sondern die gesamte Pflege. Die Pflege braucht eine viel bessere Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung. Wann endlich handelt die Politik?

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