Aktivistinnen von FemPlak plakatieren nachts in Berlin-Moabit (Quelle: rbb/Mara Nolte)
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Video: rbb|24 | 13.02.2020 | Mara Nolte | Bild: rbb/Mara Nolte

Gewalt gegen Frauen - Wenn das FemPlak-Kollektiv nachts durch Berlin zieht

"Papa hat Mama umgebracht": Das Kollektiv FemPlak hinterlässt provokante Botschaften auf Häuserwänden in Berlin. Mit ihren Plakaten wollen sie Passanten zum Nachdenken bringen - über Gewalt gegen Frauen. Anne Kohlick war bei einer nächtlichen Aktion dabei.

Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex ermordet. Als diese Zahlen aus der Kriminalstatistik von 2018 im vergangenen Herbst Schlagzeilen machen, beginnt ein feministisches Kollektiv nachts Plakate an Berliner Häuserwände zu kleben. Ihre erste Botschaft "Stop Femizide" kleistern sie im Oktober 2019 auf eine Mauer in Berlin. Den Schriftzug fotografieren sie und posten das Bild bei Instagram auf dem Account @femplak_berlin.

50 neue Fotos sind seitdem hinzugekommen, oft schwarz-weiß gehalten – mit Slogans, die Passanten zum Stehenbleiben und Nachdenken bringen sollen: "Man(n) tötet nicht aus Liebe", "noch 18 Femizide dann ist Weihnachten", "Papa hat Mama umgebracht". Besonders der letzte Satz provoziert. "Das bleibt selten länger als eine Nacht hängen", sagt Alexandra vom FemPlak-Kollektiv. "Die Leute reißen einzelne Buchstaben ab, sodass die Botschaft nicht mehr lesbar ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nur plakatieren, sondern auch Fotos davon machen und sie über Social Media verbreiten."

Kleister rühren ohne Cis-Männer

Über Instagram ist das Berliner FemPlak-Kollektiv mittlerweile auf 50 Mitglieder angewachsen, die in wechselnden Gruppen zusammen plakatieren. An einem Donnerstagabend im Januar treffen sich sechs von ihnen in einer Moabiter WG. Noah und Fiona haben A4-Blätter mitgebracht, auf die jeweils ein großer Buchstabe gemalt ist. Zusammengesetzt ergeben sie Slogans wie "No means no" und "Liebe mit Respekt ohne Gewalt". Während die einen im Badezimmer Tapetenkleister aus Pulver und Wasser anrühren, diskutieren die anderen bei einem Tee, welche Botschaften sie heute Abend kleben wollen.

"Es gibt bei uns keine Chefs. Wir entscheiden alles zusammen und jede macht, worauf sie Lust hat", sagt Fiona, eine Französin Mitte zwanzig. "Die einen wollen eher plakatieren, aber wir brauchen auch Leute, die Fotos bei Instagram posten, über neue Botschaften nachdenken und Buchstaben malen." Bei den nächtlichen Streifzügen dürfen alle mitmachen – außer Cis-Männern, also solchen, die als Mann geboren wurden und sich selbst auch so fühlen. Die große Mehrheit der Männer.

Aktivistinnen von FemPlak plakatieren nachts in Berlin-Moabit (Quelle: rbb/Mara Nolte)Öffentliche Aufmerksamkeit für das Tabuthema "Gewalt an Frauen" - darum geht es den Aktivistinnen

"Wir riskieren mehrere hundert Euro Bußgeld"

"Viele von uns haben schon Gewalt von Männern erlebt. Uns dagegen zu wehren, das Schweigen darüber zu brechen, darum geht es bei unseren Plakaten", sagt Noah und fügt hinzu: "Natürlich heißt das nicht, dass alle Männer Täter sind oder dass Männer nicht auch Feministen sein können." Aber bei FemPlak gehe es um Empowerment – nicht nur von Frauen, sondern auch von Inter- und Transsexuellen, Menschen, die sich jenseits der binären Geschlechter verorten oder asexuell sind, betont Noah.

Fiona und Alexandra füllen den fertigen Kleister über der Badewanne in zwei Eimer ab. Anna testet zwei Walkie-Talkies, die sie mitgebracht hat. Ihre Handys nehmen die Aktivistinnen nachts zum Kleben nicht mit – aus Angst, die Polizei könnte sie orten. Dass sie etwas Illegales tun, ist ihnen bewusst, deshalb bleiben sie anonym. "Wir riskieren im schlimmsten Fall mehrere hundert Euro Bußgeld", sagt Robin beim Losgehen. Kleistereimer und Pinsel tragen sie und die anderen versteckt in großen Einkaufstüten. "Wenn wir erwischt werden und Strafe zahlen müssten, würden wir alle zusammenlegen."

Kleben unter Zeitdruck

Die Gruppe bleibt neben einem dunklen Spielplatz stehen. Ist die Hauswand voller Graffiti hier ein guter Hintergrund für ein Plakat? "Wir suchen einerseits nach Orten, wo viele Menschen unsere Botschaften sehen", sagt Noah. "Andererseits wollen wir möglichst ungestört sein, während wir kleben." Anna schaut sich auf der Straße um: keine Passanten in Sicht. Sie postiert sich mit dem Walkie-Talkie an einer Ecke und gibt den anderen ein Zeichen, dass sie mit dem Plakatieren anfangen können.

Schnell taucht Noah den Pinsel in den Kleistereimer und grundiert die Wand mit Kleber. Alexandra platziert die Buchstaben darauf, die in der richtigen Reihenfolge bereitliegen. Noch eine Schicht Kleister obendrüber, fertig: "Wir kleben, ihr schreit - sie vergewaltigen, ihr schweigt."

"Ich spüre mein Herz total"

"Wir hatten schon unangenehme Begegnungen mit Passanten beim Plakatieren, die uns gedroht haben, die Polizei zu rufen", sagt Noah. "Ein paar Mal mussten wir weglaufen, weil ein Streifenwagen in der Nähe war. Gleichzeitig wissen wir von Fällen sexualisierter Gewalt, die nicht verfolgt werden – trotz Anzeige. Um dieses Missverhältnis geht es auf dem Plakat."

Noah schaut sich mit den anderen nach einer passenden Wand für die nächste Botschaft um: "Ich spüre mein Herz total. Aber ich weiß, wir machen das Richtige – auch wenn das nicht die Art von Öffentlichkeitsarbeit ist, die der Gesetzgeber vorsieht."

Aktivistinnen von FemPlak plakatieren nachts in Berlin-Moabit (Quelle: rbb/Mara Nolte)030 - 611 0300: Die Nummer der Hilfe-Hotline bei häuslicher Gewalt auf einem Plakat von FemPlak

Über ein Tabuthema nachdenken

"Im Internet ist unser Publikum eine sehr begrenzte Gruppe" – oft feministische Gleichgesinnte, sagt Alexandra. "Aber insgesamt wissen nur wenige über Femizide Bescheid. Auf der Straße stolpert jeder zwangsläufig über unsere Botschaften." Noah ergänzt: "Die Leute müssen sich zumindest gedanklich mit einem Tabuthema beschäftigen. Wenn sie zu zweit sind, reden sie vielleicht sogar darüber."

Die Idee zu den Plakaten gegen Femizide kommt aus Frankreich: In Paris sind seit dem vergangenen Sommer hunderte solcher Poster in den Straßen aufgetaucht, nachdem die Organisation "Féminicides par compagnons ou ex" begonnen hat, eine Liste zu erstellen – mit allen Frauen, die in Frankreich von ihrem Partner oder Ex ermordet wurden.

Fotos der Plakate verbreitet der Account @collages_feminicides_paris auf Instagram, knapp 30.000 Abonnenten folgen den Posts. "Mittlerweile hat jede größere Stadt in Frankreich so ein feministisches Plakat-Kollektiv", sagt Alexandra. Sie kommt wie Fiona aus Frankreich und lebt seit ein paar Jahren in Berlin. "Inzwischen sind wir eine internationale Bewegung mit Ablegern hier in Deutschland, aber auch in Italien, Belgien, Portugal."

"Er hat die Polizei gerufen"

Vor dem Schaufenster eines leer stehenden Ladenlokals bleibt die Gruppe stehen. "So eine glatte Oberfläche wie das Glas hier ist perfekt für Plakate", sagt Alexandra. "Darauf halten sie besonders gut." Weil die Glasfront exponiert an einer Straßenecke liegt, entscheiden sie sich für einen kurzen Schriftzug – damit es schnell geht: "No means no" – Nein heißt Nein. Der Grundsatz des 2016 reformierten Sexualstrafrechts in Deutschland.

Während Noah und Alexandra die letzten Buchstaben kleben, beobachtet Robin ein Auto, das auffällig langsam an ihnen vorbeifährt. Der Fahrer lässt die Scheibe herunter, hat sein Handy am Ohr und gibt jemandem die Adresse des Ortes durch. "Er hat die Polizei gerufen", ist sich Robin sicher. Über das Walkie-Talkie gibt sie den anderen ein Zeichen, abzuhauen. Die Gruppe teilt sich auf und läuft in unterschiedliche Richtungen davon. Die Kleistereimer lassen sie unterwegs hinter Stromkästen zurück.

Für Notfälle wie diesen hat das Kollektiv vorab einen Treffpunkt vereinbart. Auf dem Weg dorthin hört Robin in der Ferne eine Sirene, aber das Geräusch nähert sich nicht: "Nochmal Glück gehabt. Aber für heute lassen wir es bleiben in der Gegend hier." Am Wochenende ist die nächste Plakat-Aktion geplant - bald auch mit Botschaften auf Arabisch und Russisch.

Beitrag von Anne Kohlick

Kommentar

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Antwort auf [Jan] vom 13.02.2020 um 18:12
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7 Kommentare

  1. 7.

    Vielleicht sollten Sie sich mal mit dem Inhalt der Plakate auseinandersetzen, anstatt sich darüber aufzuregen das Plakate geklebt werden.
    Sie sollten mal nicht vergessen, das selbst in einem zivilisierten Land wie Deutschland die Vergewaltigung in der Ehe (durch den Ehemann) noch bis 1997 straffrei war. Ich arbeite hier täglich mit Personen aus anderen Ethnien zusammen. Ich kann ihnen versichern, dass das Bild der Frau bei diesen Personen ein ganz anderes ist, als in unserer Gesellschaft. Schon mehrfach musste ich einschreiten, weil der Mann seine Frau sonst vor meinen Augen (in einer Behörde) geschlagen hätte. Ich musste als Ansprechpartner fungieren, weil meine Kolleginenn nicht Ernst genommen wurden und hab auch schon Sprüche gehört wie z.B. "Ist doch nur eine Frau".

    Die Aktionen und Plakate dieser Organisation, auch in anderen Sprachen, können gar nicht laut und offensichtlich genug sein.

  2. 4.

    Zettel an ne Wand kleben macht einen also zum "organisierten Straftäter",
    Ok, wow.... ich glaube, Sie haben noch nie eine echte Traftat erlebt.
    Gerade als Frau (laut Usernamen) sollten Sie sich lieber mit den Inhalten dieser Zettel solidarisieren, oder? ;)

  3. 3.

    @Andreas S - ich glaube nicht das das was ist was man mit dem linken Spektrum vergleichen kann! Diese Aktionen sind wichtig, schade nur das solche Sachen nicht auf all den großen Plakatwänden in Berlin ganz offiziell geklebt werden! So richtig durch das Familien Ministerium zum Beispiel! Dafür würde ich gern meine Steuern eingesetzt wissen! Gewalt gegen Frauen in Familien gegen Kinder ist ein so übles Thema ...... ja einfach nur traurig! Weiter kleben auch wenn ich strikt gegen Graffiti bin aber das ist wichtig und es müssen viel mehr drauf gestoßen werden! Es ist ein zu großes Tabu in der Gesellschaft

  4. 2.

    Schön und gut, aber in fremde Kunst (Graffiti) zu kleben ist nicht OK.

  5. 1.

    Das klingt fast, als ob der RBB organisierte Straftäter verherrlicht. Im linken Millieu ist es normal, dass die die Taten verharmlost werden, weil eigene politische Ziele über dem Strafgesetzbuch stehen.

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