Obdachlose Menschen liegen unter einer Brücke am Zoo (Bild: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 07.02.2020 | Sylvia Wassermann | Bild: dpa/Paul Zinken

Obdachlosenzählung - Freiwillige Helfer zählen knapp 2.000 Obdachlose in Berlin

Mindestens 2.000 Menschen leben in Berlin auf der Straße. So viele haben Freiwillige bei der ersten systematischen Obdachlosenzählung registriert. Die tatsächliche Zahl der Obdachlosen in der Stadt dürfte allerdings deutlich höher sein.

Bei der bundesweit ersten systematischen Obdachlosenzählung in Berlin sind 1.976 Menschen gezählt worden - deutlich weniger als bisher angenommen. Davon seien gut 800 Menschen auf Straßen angetroffen worden, teilte die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Freitag mit. Knapp 950 Menschen hielten sich demnach in den Einrichtungen der Kältehilfe auf.

Verwiesen wurde allerdings darauf, dass bei der als "Nacht der Solidarität" bezeichneten Aktion vor gut einer Woche viele Menschen nicht erfasst wurden, die auf der Straße leben. Daher seien weitere Zählungen geplant.

Ein Drittel der befragten Obdachlosen gibt Auskunft

Berücksichtigt wurden bei der ersten Zählung nicht nur die obdachlosen Menschen, die die freiwilligen Helfer auf der Straße und in den Kältehilfe-Einrichtungen angetroffen haben. Insgesamt verteilen sich die Zahlen so auf die Aufenthaltsorte:

  • Kältehilfe: 942
  • Straße: 807
  • S- und U-Bahn: 158
  • Warte- und Wärmeraum Gitschiner Straße: 42
  • Rettungsstellen der Berliner Krankenhäuser: 15
  • Polizeigewahrsam: 12

Etwa ein Drittel der Obdachlosen auf den Straßen habe den Zählteams über die eigene Lebenssituation Auskunft gegeben, hieß es weiter. 55 Prozent von ihnen seien zwischen 30 und 49 Jahre alt, 84 Prozent seien Männer.

Viele weitere Obdachlose dürften sich der Zählung entzogen haben. Bereits im Vorfeld der Aktion hatte es Kritik gegeben. Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen bezeichnet die "Nacht der Solidarität" als würdelos und bedrohlich. Einige Obdachlose lägen wegen kleinerer Delikte wie Schwarzfahren mit der Justiz im Clinch. Manche dieser Obdachlosen würden deshalb Angst bekommen und versuchen, sich so einer Aktion zu entziehen.

Zählteams verpflichteten sich zur Zurückhaltung

Die Erhebung fand in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar statt, um die Verhältnisse einer möglichst normalen Nacht darzustellen. 2.600 Freiwillige, erwartet wurden 3.700, zählten Obdachlose auf festgelegten Routen in der Stadt und befragten sie zu ihrem Alter, Herkunft, Geschlecht, dem Zeitraum ihrer Wohnungslosigkeit und ihrer Situation auf der Straße.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach betonte zum Auftakt der Erhebung, dass sich die Zählteams zur Zurückhaltung verpflichtet hätten. "Wenn jemand sagt, er möchte nicht befragt werden, dann ist es so und dann respektieren wir das."

Deutschlandweit die erste Zählung

Mit der Erhebung kam Berlin langjährigen Forderungen nach. Mit den Daten sollen Hilfsangebote für Obdachlose verbessert werden. Bisher existierten lediglich grobe Schätzungen zur Zahl der Obdachlosen in der Hauptstadt. Diese gingen von 6.000 bis 10.000 Menschen aus.

Sendung: Inforadio, 07.02.2020, 8 Uhr

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34 Kommentare

  1. 34.

    Aber nicht im Speckgürtel Berlins,besonders im S-Bahn Bereich finden Sie nicht eine freie (günstige)Wohnung. Starker Zuzug aus Berlin,Mietpreise teilweise noch höher. Wenn Sie mehr als 1000,-€ kalt für eine 3-Raum -Wohnung zahlen können,sind Sie willkommen. Ansonsten...Obdachlose???

  2. 33.

    An Plätzen und in Parkanlagen, wie z.B. dem Görli und am Kotti, haben die Streetworker gezählt, die dort täglich arbeiten. Das war vermutlich auch in der Hasenheide der Fall.

  3. 32.

    Das es nach der Zählung keine Hilfe gibt, ist Ihre Unterstellung,der Plan ist ein ANDERER. Aber kritisieren ist ja leicht.
    Und die vielen Obdachlosen,die nicht aus Deutschland stammen, leben hier auf der Straße,weil sie schon in ihrer Heimat durchs Raster gefallen sind. Wer sich also nicht zählen lässt oder nur die Zählung kritisiert, verhindert mehr,dass sich etwas bessert,als die,die sich von der Zählung EINE Grundlage für weitere Projekte versprechen.

  4. 31.

    Erst einmal danke für Ihren Einsatz und ansonsten schließe ich mich Ihrem Kommentar an.
    Viele Obdachlose wurden ja vom Verband der Wohnungslosen und anderen dazu aufgefordert,sich nicht zählen zu lassen. Von dort kommt aber nur Kritik und kein besserer Vorschlag.
    Dazu fällt mir nur ein Spruch ein: " Wenn ich was mache,ist es falsch. Mache ich nichts,ist es auch nicht richtig."

  5. 30.

    Also für alle,die sich hier so aufregen und rbb24 hat ja selbst schon Stellung genommen: Das " nur" im Artikel bezieht sich auf die Diskrepanz zwischen der Schätzung von 6.000 bis 10.000 Obdachlosen in Berlin und den tatsächlich gezählten von 1.976 Personen. Wer den Artikel unvoreingenommen liest,kann das auch ohne Hilfestellung erkennen.
    Ich weiß wirklich nicht,wieso hier aus div. Ecken schon
    wieder in alle Richtungen geschossen wird.
    Wichtig sind aus meiner Sicht sichere Übernachtungsmöglichkeiten für alle Obdachlosen und speziell für Frauen und Obdachlose mit Hund. Mit Schließfächern ,um Diebstähle zu verhindern. Projekte wie " Housing first" usw. müssen erweitert werden. Und für all das muss man den Bedarf ermitteln und deshalb die Zählung.

  6. 29.

    Es wäre schon interessant wie viele sich nicht zählen ließen. Für das „Palazzo Prozzo“ in Mitte ist Geld da, nicht aber für die Obdachlosen.

  7. 28.

    Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein. Kurz vorher wurden scheinbar die Obdachlosen vom Dreieck Funkturm vertrieben.

  8. 26.

    Los Angeles, Berlin, Äpfel und Orangen. Sie vergleichen hier zwei völlig unterschiedlich Städte, die sich in zwei völlig unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen befinden und schon allein wegen ihrer Größe überhaupt nicht miteinander verglichen werden können.

  9. 25.

    Ich finde es peinlich für Deutschland, dass wir so tun als ob es für viele Menschen keine Wohnung gibt. Im Notfall kann man 50km und mehr auf das Land fahren. Dort stehen massenweise Wohnungen leer. Für einen Obdachlosen ist es eine Kleinigkeit dort hinzufahren. Ich würde in so einem Fall sogar zu Fuss dort hingehen.
    Nach der Zählung hätte man alle Personen auf die ländlichen Städte verteilen können. Die Behörden könnten quasi sofort eine Bleibe und Sozialhilfe zur Verfügung stellen.

  10. 24.

    Natürlich hat ein Obdachloser im Prinzip auch Anspruch auf Unterstützung wenn er sich nicht zählen lässt. Aber statistische Zahlen sind nun einmal auch Entscheidungsgrundlage für staatliche Entscheidungen. Wenn dann zu wenig Unterstützung angeboten wird, darf sich bitte auch niemand beschweren. Zum Beispiel wäre es jetzt konsequent nicht mehr als 2000 Kälteschlafplätze in Berlin anzubieten. Mehr werden ja anscheinend nicht gebraucht

  11. 23.

    An vielen Orten an denen sich Obdachlose aufhalten wurde gar nicht gezählt. Zum Beispiel im Volkspark Hasenheide, wo regelmäßig auch Zelte stehen. Ist bekannt, warum in den Parks nicht gezählt wurde?

  12. 22.

    Fragt sich aber auch, welches "System" diese Leute hat fallenlassen.
    Wie schon erwähnt entstammen ja nicht alle dem hiesigen System.
    Ausserdem gibt es auch noch Leute, die das "System" gar nicht auffangen kann, weil von den Leuten verweigert.

  13. 21.

    Man könnte das ja einfach hochrechnen. Schafft man bei Wahlprognosen ja auch und eine exakte Zahl wird man ohnehin nicht bekommen.

  14. 20.

    Das Wort "nur" ist berechtigt, wenn man die Zahl mit anderen Städten gleicher Einwohnerzahl vergleicht. Die Stadt Los Angeles (nicht County) hat knapp 4 Millionen Einwohner, ähnlich wie Berlin, aber über 36.000 Obdachlose, ein Anstieg von 16 Prozent in 2019.

  15. 19.

    Würdelos oder entwürdigend finde ich die Aktion nicht, sie bringt doch ein Ergebnis. Ich bin steuerlich und einwohnermelderechtlich erfaßt. Wenn mein personalausweis abläuft und ich keinen Reisepaß parallel besitze, erhalte ich eine freundliche Aufforderung der entsprechenden Amtsstelle, mir Ausweispapiere ausstellen zu lassen.
    Warum also melden sich Wohnungslose nicht oder lassen sich nicht zählen? Wir sind durchaus gewillt zu helfen.
    Diejenigen, die so sehr gegen die Zählung gewettert haben, scheinen keine Lösung zu wollen.

  16. 18.

    Vielen Dank für die schnelle Berichterstattung.
    Ich war auch unterwegs in der Nacht und habe diese kritisierte Zählung mitgemacht.
    Nach den Erfahrungen der Fachleute in den letzten Jahren gibt es viele Menschen, die unerkannt bleiben wollen. Wobei das mit dem Wollen so eine Sache ist, denn durch Sozialisation, starken Drogen- einschließlich Alkohol-Konsum ist bei vielen Menschen von Wollen nicht zu reden.
    Wenn jetzt nur 2 000 Wohnungs- und Obdachlose gezählt wurden, bezieht sich das auf die Schätzung von bis zu 10 000 Menschen. Wo sind die anderen 8 000?

  17. 17.

    Liebe Lola,

    Das "nur" in der Überschrift ist nicht zynisch oder relativierend gemeint.
    Es bezieht sich zum einen auf Schätzungen, die von einer höheren Zahl von Obdachlosen ausgehen. Und zum anderen darauf, dass viele Obdachlose sich nicht haben zählen lassen.

    liebe Grüße,
    Ihre rbb24-Redaktion

  18. 16.

    Guten Tag,

    Das "nur" in der Überschrift ist nicht zynisch oder relativierend gemeint.
    Es bezieht sich zum einen auf Schätzungen, die von einer höheren Zahl von Obdachlosen ausgehen. Und zum anderen darauf, dass viele Obdachlose sich nicht haben zählen lassen.

    liebe Grüße,
    Ihre rbb24-Redaktion

  19. 15.

    Und jetzt wo der Senat die Zahlen hat, was wird daraus gemacht. Wahrscheinlich gar nichts - alles heisse Luft. Die Zählung hätten sie sich sparen können und lieber anfangen sollen, etwas dagegen zu tun.

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