Winterdienst-Fuhrpark in Dresden in Bereitschaft (Bild: dpa)
Video: zibb | 14.02.2020 | Nicole Ris | Bild: dpa

Kaum Einsätze in Berlin - Was die milden Temperaturen für Winterdienste bedeuten

Im Februar 2010 ärgerte man sich in Berlin noch über Schneeberge und spiegelglatte Gehwege, zehn Jahre später ist von Frostwinter nichts zu spüren. Am Sonntag werden bis zu 16 Grad erwartet. Ist die Branche der Winterdienste in Gefahr? Von Frank Preiss

So gut wie kein Frost, keinerlei Schnee, Temperaturen im teilweise zweistelligen Plusbereich: Der Winter zeigt Berlin seit Wochen die warme Schulter, am Sonntag erwarten Meteorologen frühlingshafte 16 Grad in der Hauptstadt. Vielen stellt sich da die Frage: Was machen die Winterdienste der Hauptstadt - ohne Eis und Schnee? Daumendrehen und mit angstvollem Blick schmelzende Umsatzberge beobachten? Und steht angesichts des Klimawandels nicht das komplette Geschäftsmodell eines Winterdienstbetriebs vor dem Aus?

Familienbetrieb räumt seit mehr als 60 Jahren

In Berlin gehen Dutzende Unternehmen eben dieser Berufung nach und sorgen Jahr für Jahr zwischen November und April für eis- und schneefreie Straßen und Gehwege. Neben der Berliner Stadtreinigung (BSR), die per Gesetz den Löwenanteil davon übernimmt, existieren teilweise seit Jahrzehnten zahlreiche mittelständische Familienbetriebe, die sich spezialisierte Teams und hochtechnisierte Fuhrparks zugelegt haben. 

Mit Rabatten gegen das milde Wetter

Die Lankwitzer Firma Mochow leistet seit 1959 vor allem im Süden Berlins Winterdienst und ist damit nach eigenen Angaben so lange in dem Bereich tätig wie kein anderes Unternehmen in der Stadt. Peter Mochow hat das Familienunternehmen 1998 von seinem Vater übernommen. Er war nach seinen Angaben schon in jungen Jahren bei Winterdienstfahrten dabei und schippte auch selbst den Schnee. Besonders die harten Winter 1978/79 und 2009/10 sind ihm in Erinnerung geblieben. Er gibt sich ganz sicher: "Laut unserem Wetterdienst Wettermanufaktur kommt schon bald der Winter von 2009/10 zurück. Die nächsten Winter werden in Berlin wieder schneereich."

In diesem Winter sind seine 80 Mitarbeiter bisher nur zu 25 Kontrollfahrten und sechs Streueinsätzen wegen überfrierender Nässe aufgebrochen, fest kalkuliert sind für jede Saison 30 Einsätze. Dafür werden die Winterdienstler in Bereitschaft gehalten, "wie bei einer Betriebsfeuerwehr. Wir stehen 24 Stunden täglich sechs Monate lang immer bereit, um mit einer Reaktionszeit von 60 Minuten die Touren zu starten“, berichtet er. Zur Zielmarke fehlen also noch 24 Einsätze, aber Mochow bläst kein Trübsal und ist nicht in Alarmstimmung: "Die Saison läuft noch bis Ende April, der Winter ist noch nicht vorbei. Und es gab auch in milden Wintern im März noch genügend Arbeit."

Doch auch falls es mild und trocken bleibt, steigen keine Existenzängste in ihm hoch. "Der Kunde zahlt eine Saisonpauschale ähnlich einer Versicherung, die ist immer gleich, egal ob viele oder wenige Einsätze nötig sind. Die Mitarbeiter bekommen auf jeden Fall 30 Einsätze bezahlt, egal ob sie geleistet werden oder nicht", erklärt Mochow. Auf das veränderte Klima hat er indes kreativ reagiert: "Wir geben seit mehreren Jahren einen Milde-Winter-Rabatt bei Vertragsverlängerungen an unsere Kunden weiter."

"Bislang kein einziger Einsatz"

Auch der Geschäftsführer der Schmargendorfer "Alpina Schneedienst GmbH", Martin Gwiazdowski, sagt, er habe keine großen Zukunftsängste, trotz ernüchternder Einsatzzahlen. Sein Unternehmen hat in diesem Jahr noch keinen einzigen größeren Einsatz absolviert. "Nur einzelne vereiste Pfützen vor einem Seniorenheim oder auf einem Marktplatz mussten wir entfernen", berichtet Gwiazdowksi. Hinzu kamen bislang 15 Kontrollfahrten. "Wir haben trotzdem keine Existenznöte. In den letzten Jahren gab es für uns keinen Umsatzrückgang", betont er.

Die Einsatzfahrzeuge des Winterdienstes Alpina (Bild: Alpina GmbH)Blieben meist auf dem Firmengelände: die Winterfahrzeuge von Alpina

Für Stabilität sorgen auch hier feste Pauschalen, die vom Kunden unabhängig von der Witterung bezahlt werden. Hinzu kommt: Mildes Winterwetter hilft beim Sparen, da keine großen Kosten für Sprit und Streugut anfallen. Gleichzeitig bleiben allerdings die Personalkosten hoch, denn: "Die Beschäftigten für die Winterdienstarbeiten sind in Bereitschaft und erhalten monatlich Pauschalen. In den monatlichen Pauschalen sind die Winterdiensteinsätze bereits mitvergütet. Bei sehr starken Wintern muss teilweise nachvergütet werden." Gwiazdowksis Mitarbeiter erhalten den gesetzlichen Mindestlohn, seine Ausgaben sind damit in den letzten Jahren gestiegen. Doch die Preise hat Gwiazdowksi trotzdem nicht erhöht: "Das lässt sich gerade bei diesem milden Wetter nicht vermitteln", räumt er mit Blick auf die Kunden ein.

Alpina-Chef warnt vor Dumping-Anbietern

Eine weitere Schattenseite des milden Winters: Die festen und wetterunabhängigen Kundenpauschalen verleiten manche dazu, neue Winterdienstbetriebe zu gründen, die mit geringem Aufwand schnelles Geld machen wollen. "Diese neuen Betriebe beschaffen sich in der Regel ältere und reparaturanfällige Winterdienstfahrzeuge und versuchen sich über Billigangebote bei unseren Kunden mit Billigpreisen anzubieten. In der Regel sind diese Betriebe nicht leistungsfähig und existieren nur bis zu den ersten Wintereinsätzen", warnt der Alpina-Chef.

BSR hält 540 Fahrzeuge bereit

Schauen wir noch zu jenem Winterdienst, der in Berlin am meisten zu tun hat, wenn dann doch mal Schnee liegt: die Berliner Stadtreinigung. Sie ist für Fahrbahnen und Radstreifen, Haltestellen, Radwege sowie bestimmte Plätze und bestimmte Fußgängerzonen zuständig. Das Ganze summiert sich auf mehrere Tausend Kilometer.

Im November vergangenen Jahres hatte die BSR grünes Licht für die kalte Jahreszeit gegeben. Die BSR sei für die Wintersaison gut gerüstet, 2.100 Beschäftigte sowie 540 Räum- und Streufahrzeuge stünden in den Startlöchern, hieß es damals. Und nun? Kollektives Daumendrehen? Mitnichten, wie uns BSR-Sprecher Sebastian Harnisch aufklärt. "Auch in der aktuellen Winterdienstsaison sind wir schon einige Einsätze wegen Glättegefahr durch gefrierende Nässe beziehungsweise Reif gefahren", betont er und verweist auf entsprechende Mitteilungen auf Twitter.  

BSR will Klimawandel entgegenwirken

Ebenso wie seine Branchenkollegen fügt auch der BSR-Sprecher mit Blick auf die nächsten Wochen hinzu: "Generell gilt: Der Winter ist noch nicht vorbei." Die BSR-Winterdienstsaison endet am 31. März. Anders als bei kleineren Unternehmen werden die Winterdienstmitarbeiter bei der BSR bis dahin allerdings nicht in Bereitschaft gehalten. "Unsere Winterdienst-Einsatzkräfte sind normalerweise in der Straßenreinigung tätig. Wenn sich winterliche Wetterverhältnisse abzeichnen, schalten unsere Straßenreinigerinnen und Straßenreiniger sozusagen auf Winterdienst um. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Fuhrpark: Die meisten unserer Winterdienstfahrzeuge sind Straßenreinigungsfahrzeuge, die kurzfristig für den Winterdienst umgerüstet werden können", erklärt Harnisch.

Die BSR will derweil ihren Beitrag dazu leisten, dass es nicht auf Dauer auch während der Wintermonate mild und trocken bleibt - und hat verschiedene Klimaschutzmaßnahmen ergriffen: So sollen auch im Winterdienst Fahrzeuge von Diesel- auf Elektroantrieb umgestellt werden, wie Harnisch ankündigt. "Wir haben bereits einzelne konventionelle Kehrichtsammelfahrzeuge mit Schneepfluganbauplatte in vollelektrische Varianten umbauen lassen. Außerdem beobachten wir intensiv die Entwicklung der Brennstoffzellen-Technologie." Wann beides zum Einsatz kommen könnte, ließ Harnisch offen.

Sendung: zibb, 14.02.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Frank Preiss

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7 Kommentare

  1. 7.

    "Gwiazdowksis Mitarbeiter erhalten den gesetzlichen Mindestlohn, seine Ausgaben sind damit in den letzten Jahren gestiegen." - Warum wird es als positiv herausgehoben, wenn eine Firma den schlechtesten zulässigen Lohn zahlt?

  2. 6.

    Bei mir ist es umgekehrt:
    Ich hätte gern mal wieder einen richtigen Winter.
    Der letzte Absatz ist aber freilich diesbezüglich sehr beruhigend:
    Da die ausbleibenden Schneefälle der letzten Jahre ja bekantlich auf ein (!) von den bösen Menschen addiertes Grad zurückzuführen sind, wird uns die BSR künftig davor bewahren, indem die Natur nicht mehr durch Dieselabgase geschädigt wird, sondern nur noch durch Produktion und Entsorgung von Akkus (die ja, wie man weiß, auf Bäumen wachsen und biologisch abbaubar sind).
    Schätze mal, nun darf ich doch wieder anfangen, im Einzelhandel nach Fäustlingen zu fahnden.

  3. 5.

    Einerseits gut, dass es kaum noch schneit.
    Andererseits ist es schade um den Winter als Jahreszeit.
    Unser Schlitten steht seit 3 Jahren ungenutzt im Keller herum.

    Ich ertappe mich dabei, mir Schneeräumvideos auf YT anzuschauen. ...

    https://youtu.be/e5gQXtNr6Mc

    Schönen Restwinter noch...

  4. 4.

    @Berlinerin

    Die BSR macht eine sehr gute Arbeit.

    Gehwege sind nicht vollends Sache der BSR.
    Da müssen die Grundstückseigentümer für entsprechende Aufträge sorgen.

  5. 3.

    Kann man statt der Schneeschippe vorne am Fahrzeug auch ne Kehrrolle anbringen? Ich würde mich freuen, wenn die BSR mal gelegentlich den Krempel von den Straßen und Gehwegen beseitigt, also Stöckchen, Blätter, Dreck, Sand, Kippen, Kacke...

  6. 2.

    "....weitgehend frostfreie Winter in der Zukunft". Könnten Sie mir das bitte garantieren? Das wäre eine Erleichterung für mich. Frost- und schneefrei wäre toll.

  7. 1.

    Die Winterdienstler müssen wohl auf einen klimawandelbedingten Zusammenbruch des Golfstroms hoffen. Alle andren Szenarien sehen ja weitgehend frostfreie Winter in der Zukunft.

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