Fahrräder stehen in Berlin vor dem Charite Campus Virchow-Klinikum. (Quelle: dpa/Zinken)
Video: Abenschau | 13.02.2020 | Lisa Wandt | Bild: dpa/Zinken

Berliner Charité - Dokumente belegen Personalmangel auf Kinderkrebsstation

Eigentlich sollte es auf der Kinderonkologie der Berliner Charité einen Personalschlüssel von mindestens eins zu drei geben. Doch interne Dokumente zeigen: Die Vorgaben wurden regelmäßig unterschritten - und zwar deutlich. Von Markus Pohl und Lisa Wandt

Die Charité hat die tariflich vereinbarten Personalschlüssel für Pflegekräfte in der Kinderkrebsstation über mehrere Quartale hinweg weit unterschritten. Das belegen interne Controlling-Dokumente der Berliner Klinik, die dem ARD-Politikmagazin Kontraste exklusiv vorliegen. Die Zahlen aus den Jahren 2018 und 2019 bestätigen Vorwürfe ehemaliger Pflegerinnen und werfen gleichzeitig Fragen zu öffentlichen Darstellungen der Klinik auf.

Pflegeschlüssel deutlich verfehlt

Kurz vor Weihnachten hatte die Kinderonkologie der Charité wegen des Personalmangels in der Pflege einen temporären Aufnahmestopp für neue Patienten verkünden müssen. Damals berichteten Pflegekräfte dem rbb von zahlreichen Kündigungen wegen massiver Arbeitsüberlastung. So sei der zugesicherte Personalschlüssel auf der Kinderkrebsstation regelmäßig unterschritten worden. Im Tarifvertrag der Charité wurde 2016 für die Allgemeine Kinderonkologie (Station 30i) eine durchschnittliche Mindestbesetzung von eins zu drei festgelegt – also eine Pflegekraft auf drei Patienten. Im Bereich der Knochenmarktransplantation (Station 39i) liegt der Schlüssel sogar bei eins zu zwei.

Im Januar hatte die Pflegedirektorin der Charité, Judith Heepe, gegenüber Kontraste gesagt: "Dieses eins zu zwei konnten wir halten, aber nur, wenn wir die Betten entsprechend gesperrt haben." Die internen Controlling-Dokumente zeigen, dass dieser Personalschlüssel aber zumindest im zweiten Halbjahr 2018 und im ersten Halbjahr 2019 deutlich verfehlt wurde.

Demnach lag die Besetzung in der 39i in diesem Zeitraum durchschnittlich zwischen 5,18 und 7,53 Vollzeitstellen unter der Tarifvereinbarung – das ist etwa ein Viertel des eigentlichen Personalbedarfs. Mit diesen Daten konfrontiert schränkte nun eine Sprecherin der Charité ein: Frau Heepes Aussage, man halte den Schlüssel eins zu zwei, habe nur den Zeitraum ab Juni 2019 betroffen.

Für den Bereich der Allgemeinen Kinderonkologie hatte Charité-Vorstand Ulrich Frei im Dezember dem rbb Entwarnung gegeben: Auf der Station 30i gebe es keine Probleme, dort könnten die Tagesschichten nach Tarif besetzt werden. Er gab aber auch zu: "In der Nachtschicht sind wir da etwas dünner." Laut den internen Controlling-Zahlen verfehlte die Station die Vorgabe von eins zu drei aber zumindest von Juli 2018 bis September 2019 massiv. Im dritten Quartal 2019 wurde der tariflich zugesagte Personalschlüssel sogar um mehr als zwölf Vollzeit-Stellen unterschritten.

Verdi will Charité abmahnen

Der Blick auf die Unterlagen zeigt zudem, dass auch in der Erwachsenen-Medizin die vereinbarten Personalschlüssel in weiten Teilen unterschritten wurden – sowohl im Intensiv- als auch im stationären Bereich. Meike Jäger, Verdi-Fachbereichsleiterin Gesundheit, die den Tarifvertrag mit unterzeichnet hat, kündigte jetzt im rbb-Inforadio an, die Charité abzumahnen. "Wir hören zunehmend lautstarke Kritik von den Beschäftigten, dass der Tarifvertrag nicht mehr in der Form umgesetzt wird, wie er festgehalten ist", sagte Jäger. "Wir werden da jetzt nachsteuern müssen."

Sendung: rbb Fernsehen, 13.02.2020, 21:15 Uhr

Beitrag von Markus Pohl und Lisa Wandt

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11 Kommentare

  1. 11.

    Das ist in ganz Deutschland so. Die Rahmenbedingungen, die das ermöglichen, werden von der Politik geschaffen
    Also. Immer schön weiter "sozial " AfDCDUFDPSPDFDPGRÜNELINKELISTE wählen. Dann wird das sich schon ändern.

  2. 10.

    Meine Frage, wann handelt endlich die Politik und schiebt da den Riegel vor. Die Patienten und auch das Personal sind dem Organusationsverschulden der Führungsebebe ausgeliefert. Da kann man als Schwester/Pfleger x-mal Überlastungsanzeigen schreiben, es passiert nichts daraufhin, außer das einem noch durch die Blume gesagt wird, man sollte das doch lieber bleiben lassen.
    Wie kann es sein, dass Bereiche wie die Kinderonkologie (stellvertretend für viele andere Pflegebereich, denen es auch nicht besser geht)erst in der Presse erscheinen müssen. Es ist doch offensichtlich über Jahre gehörig was schiefgelaufen???

  3. 9.

    So lange wie die Bevölkerung still bleibt, passiert nichts. Habe es diese Woche wieder selbst erlebt. Im Virchow Klinikum wahnsinnig viel Patienten, da rennt die Schwester jedes Zimmer ab um dann dem Arzt zu sagen: Zimmer 2ist frei, dann Zimmer 4 und so weiter. Der Arzt rennt dann von Zimmer zu Zimmer um die Patienten zu behandeln. Abfertigung wie am Fließband....Gesehen in der ambulanten Unfallchirurgie.

  4. 8.

    So. Das müssen also erst "Dokumente" zeigen,
    Zustände, die in allen Kliniken in D akut sind.
    Personalmangel.
    Schön, dass darüber berichtet wird und dass Verdi "abmahnen " will. Nur, wen interessierts von Seiten des Managements?
    Niemanden.
    Welches Druckmittel hätte Verdi denn, Streik?
    Den sitzen die Betriebsesoteriker ähh- wirtschaftler doch auf der rechten Gesäßbacke aus.

  5. 7.

    Da ist leider kein Problem nur der Charité. Ich weiß aus eigener Erfahrung wie auf hochsensiblen Stationen massiv an Personal gespart wird. Dies betrifft die Charité als auch Vivantes ganz extrem. Arbeitnehmer werden zu sehen immer mehr unter Druck gesetzt und sollen Therapien an Patienten etablieren, damit ordentlich abgerechnet werden soll. Es ist mittlerweile so schlimm das nicht immer sofort die beste sondern die am besten abzurechnende Therapie zu erst gewählt wird. Personalmangel wird immer abgetan und Patienten weiterhin aufgenommen obwohl vorweg immer wieder klar kommuniziert wird dass die Versorgung nicht richtig gewährleistet ist. Dann wird gesagt es geht nicht anders und schwupps steht der Patient im Flur und das eigentlich gesperrte Bett ist wieder frei, dann halt ohne richtiges Personal. Kleine Assistenzärzte fahren dieses System immer weiter mit aus Angst vor Ärger durch den chefarzt. Und diese achten oft genau auf sowas! Medizin in DTL geht steil Berg ab! seit Jahren!

  6. 6.

    Jaja, aber Herr Spahn hat ja alles im Griff. Lieber Herr Spahn, es ist peinlich.

  7. 5.

    Was nützt das Abmahnen? Die Konsequenz wird sein, dass noch mehr Betten gesperrt werden.
    Das heißt , Patienten werden nicht versorgt.
    Angeblich haben wir in Deutschland zu viele Krankenhausbetten - wo denn ? Ich höre und z.T. erlebe nur, dass man monatelang auf Termine wartet, die Ärzte überarbeitet sind, Pflegepersonal fehlt und die Patienten dann im eigenen Mist vor sich hinsiechen.
    Boah, das sind Zustände wie in der 3. Welt. Wir können nicht von heute auf morgen alle Versäumnisse der letzten 20 Jahre aufholen. Man hat einfach zu lange gespart und ist in die falsche Richtung gelaufen. Aber wenn vernünftige Arbeitsbedingungen geschaffen werden, dann kommen auch die Pflegekräfte zurück in den Beruf, in dem die meisten von ihnen gern gearbeitet haben. Man sollte sich aber beeilen, bevor sich genau diese Menschen fest in einer anderen Branche einrichten.

  8. 4.

    Warum kann der Mensch nicht einfach Fehler eingestehen, sich Hilfe organisieren und damit ein Problem lösen. Immer nur belügt man sich selbst und verursacht damit an anderer Stelle wieder Ärger, Leid und Probleme. 1. Er gab aber auch zu: "In der Nachtschicht sind wir da etwas dünner."
    2. "...habe nur den Zeitraum ab Juni 2019 betroffen..."

  9. 3.

    Meine Frau hat über 30 Jahre in der Charité in verschiedenen Abteilungen Als Krankenschwester gearbeitet. In den letzten 15Jahren waren sie immer unterbesetzt. Ist in diesem Haus unter Herrn Frei also völlig normal.

  10. 2.

    Auf den Intensivstationen der Charité das selbe. Statt 2 regelmäßig 3 und im Nachtdienst sogar 4 Patienten pro Pflegekraft. Von oben bekommt man aber zu hören, original Worte...das ist nur ihr empfinden, der Schlüssel stimmt. Ja, vielleicht wenn man sämtliches Personal auf die Pflegestellen berechnet, das aber nicht direkt am Patienten und Bett arbeitet, wie spezielle Therapeuten, Leitungs und Hilfskräfte. So rechnet man sich gesund. Das alles dokumentiert und nachvollziehbar ist, weiß man auch oben. Aber wen kratzt es, bis was rauskommt hat man schon paar Jahre schön gespart und der Laden läuft trotzdem. Auf Verschleiß des Personals und Kosten der Patienten, aber gewinnbringend. So ist das nunmal, wenn der Staat zulässt, das Krankenhäuser Wirtschaftsunternehmen sind.

  11. 1.

    Solange die Mittel in den Vorstands- und "Führungs"ebenen versickern, solange wird es kein Personal geben, für das Mittel bereitstehen.
    Aus Erfahrungen im ÖD weiß ich, dass mit jeder Um- und Neustrukturierung nur mehr obere Posten geschaffen wurden und werden, die Basis immer mehr mit immer weniger Personal zu bewältigen hat.
    Arbeitsrückstände werden Arbeitsvorrat genannt, Mitarbeitende werden im Job und menschlich verbrannt, es stehen ja genug zur Verfügung, die gerne befristet eingestellt werden usw.
    Diese Doppelzüngigkeit und Verschleierungstaktik der Geschäftsetagen macht einen wütend.

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