Zwei Köche garnieren ein Gericht auf einem Teller. (Quelle: imago-images/Westend61)
Audio: Radioeins | 18.02.2020 | Johannes Paetzold | Bild: imago-images/Westend61

9. Eat Berlin Feinschmeckerfestival - Wenn der Spitzenkoch Biberratte serviert

Zum neunten Mal bittet die Eat Berlin zu Tisch. Besucher können sich von internationalen und nationalen Spitzenköchen bekochen lassen - auf den Tellern landen dabei auch Tiere, die andere für eine Plage halten. Von Johannes Paetzold

Beim Feinschmeckerfestival Eat Berlin treten bis zum 1. März über 100 Spitzenköchinnen - und köche auf. Sie kommen von den Malediven, aus Südkorea - wie die Tempelköchin Jeong Kwan - und aus Europa. Die Mehrheit kocht aber beständig in Berlin, wie beispielsweise die Spitzenköche Tim Raue und Ralf Zacherl. Deshalb ist die Eat Berlin für Festivalleiter Bernhard Moser auch eine jährliche Standortbestimmung: "Berlin ist ein Organismus, der sich ständig ändert."

Vor allem die Haute Cuisine ist nach Angaben des Sommeliers spannend geworden. Den Gastro-Hotspots, wie Barcelona oder Kopenhagen, stehe die Hauptstadt in nichts nach. "Selbst zu London ist der Abstand nur noch knapp." Und das gelte auch eine Etage drunter, wenn die Köche ihre Sterneküchen verlassen und gut bürgerlich mit Anspruch kochen, oder sich einen Food Truck leisten. "Berlin ist gastronomisch wahnsinnig breit und gut aufgestellt."

Annäherung an die Kulinarik

Bernhard Moser wird aber auch jedes Jahr wieder gefragt, ob die Eat Berlin mit ihren Preisen zwischen 100 und 200 Euro für ein abendliches Dinner nicht zu elitär sei.  Er entgegnet: "Unsere Zielgruppe sind Menschen, die ihren Lebensweg gefunden haben und damit eine gewisse finanzielle Absicherung, die es sich leisten können und wollen, so einen Abend zu genießen." Vielmehr befürchtet er, dass Berlin "diese Angst vor dem so genannten Elitären weiter kultiviert".

Gleichwohl nimmt der Österreicher mit Berliner Wurzeln auch seine Aufgabe sehr ernst, mehr Menschen in der einstigen Servicewüste Berlin an die Kulinarik heranzuführen. So haben zum Beispiel bei der Veranstaltung "Weingrün hinter den Ohren" nur Foodies unter 30 Jahren Zutritt. Ein 3-Gang-Menü mit Weinbegleitung wird für 30 Euro angeboten.

Invasive Arten mit Roter Amerikanischer Sumpfkrebs – Crayfish Cannelloni (Quelle: Nino Halm)
Bild: Nino Halm / HOLYCRAB!

Hommage an Tim Raues Großmutter

Vom "Traveller"- Reisemagazin wurde die Eat Berlin mittlerweile zu einem der zehn besten Feinschmeckerfestivals der Welt gewertet. Das Festival verbucht von Jahr zu Jahr steigende Besucherzahlen: 2019 zählte die achte Auflage des Festivals etwa 8.500 Besucherinnen und Besucher; im ersten Jahr waren es noch 400. In diesem Jahr sind von den 72 Gourmet-Veranstaltungen bereits viele ausverkauft.

Die größte Popularität außerhalb Berlins und Deutschlands genießt Zwei-Sterne-Koch Tim Raue. In diesem Jahr tritt er als Gastgeber in der "Villa Kellermann" in Potsdam mit Günther Jauch auf. Raue wird die Rezepte seiner Großmutter neu interpretieren. "Meine Lieblingsspeise war ihr Falscher Hase mit Klopsen. In meiner Version wird das etwas ausgefeilter", sagt der Spitzenkoch. "Aber die Liebe und Wärme, die meine Großmutter jedem Gericht gegeben hat, die versuche ich bei dieser Hommage ebenfalls einzusetzen." Auf Tim Raue wartet außerdem noch eine besondere Herausforderung: Bei der "Tour de Cuisine", die von dem Berliner Gastro-Newcomer Holycrab mit invasiven Zutaten ausgestattet wurde, kocht Raue Nutria. Die Tiere sind auch als Biberratte oder Flussbiber bekannt und plagen als invasive Art ohne natürliche Feinde viele Gemeinden. Auf der Speisekarte stehen am Startpunkt der Tour vor dem Restaurant "Carl & Sophia" in Berlin-Moabit auch Sumpfkrebse, die von Holycrab direkt aus dem Foodtruck serviert werden. Die Tiere wurden in Berlin bekannt, als sie plötzlich in Scharen durch den Berliner Tiergarten wanderten.

Tim Raue, Koch, aufgenommen bei einem Pressetermin anlässlich der Vorstellung des Programms des Feinschmeckerfestivals Eat Berlin (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Auf Tim Raue wartet bei der Eat Berlin eine Herausforderung: Flussbiber | Bild: dpa

Trüffel-Jonglieren und Salat shaken

Von der Hommage an Oma bis zur Tempelküche - die Eat Berlin zeigt viele kulinarische und kreative Ideen. Beim Abend "Story Teller" geht es um Menü-Präsentation auf Berliner Porzellan. "The Show Must Go On" nennt sich das Theaterdinner mit Sterneköchin Sonja Frühsammer. Bei "Alexander die Großen" arbeiten die Spitzenköche Dressel, Huber, Herrmann und Winzer Stodden alle unter selbem Vornamen zusammen. Die Vegetarier kommen auf ihre Kosten bei "Unterirdisch", wenn im Restaurant "Richard" ein 5-Gänge-Trüffel-Menü gereicht wird. Bei Fernsehkoch Ralf Zacherl im "Schmidt Z&Ko" heißt das Thema "Cant beat the Beat". "Berlin ist immer quirlig. Wir werden mit den Gästen essen und trommeln. Jeder Stuhl ist auch eine Cajon-Trommel. Wir hoffen auf rhythmische Gäste, die den Salat rhythmisch shaken", so Zacherl.

Bei allem Jonglieren mit Trüffel-Knollen und Trommeln auf Salat ist Kochen auch immer ein kulturelles Ereignis - und dabei grenzüberschreitend. Besonders schön wird dies an zwei aufeinanderfolgenden Abenden der Eat Berlin auf den Tisch gebracht, wenn die Syrerin Malakeh Jazmati in ihrem Restaurant "Malakeh" an der Potsdamer Strasse kocht, und der israelische Küchenchef Gal Ben Moshe als Gastkoch zu Besuch ist. Am folgenden Tag ist Malakeh im "Prism" von Gal Ben Moshe zu Gast. "Wir beide", sagt Gal Ben Moshe, "haben mehr gemeinsam als ein deutscher und ein französischer Küchenchef. Wir sind nur 150 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen."

Auszeichnung für Holycrab und ihre Sumpfkrebs-Kreationen

Eine wichtige Last Not Least Dessert-Anmerkung zu diesem Festival mit den vielen Menue-Gängen: Zur Eröffnung am Donnerstagabend wurde erstmals der Preis für kulinarische Newcomer verliehen. Ausgezeichnet wurde das Holycrab-Team, die der Invasion von Sumpfkrebsen im Tiergarten und Umgebung eine großartige Kochtopfidee entgegen gesetzt haben: Sie servieren Tiere und Pflanzen, die keine natürlichen Fressfeinde haben.

Und eine besondere Erwähnung und Unterstützung verdient ebenfalls die Veranstaltung "An die Tafel Bitte" im Restaurant "Kochzimmer" in Potsdam. Es wird ein vegetarisches 6-Gang-Menü Tisch serviert, gekocht von Küchenchef David Schubert. Die Inhaber Jörg und Claudia Frankenhäuser wollen den gesamten Umsatz an die Potsdamer Tafel spenden. Denn seit Bibelzeiten sitzen wir doch alle an einem Tisch, an dem Brot gebrochen wird, an dem Essen verteilt wird, das für alle reichen soll.

Sendung: Abendschau, 21.02.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Johannes Paetzold

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

6 Kommentare

  1. 5.

    Schöner Werbetext eines Freundes des Festivalveranstalters. Die Veranstaltungen tragen genau so alberne Namen wie die Friseursalons in Friedrichshain. Das Zielpublikum isst auch gerne bei Gosch und macht auf Lifestyle. Ein denkbar armseliges und überbewertetes Event.

  2. 3.

    Auch wenn Biberratte irgendwie eklig klingt, Nutria ist äußerst köstlich und mit zartem Kaninchen zu vergleichen.

  3. 1.

    China lässt grüßen. Vielleicht ist der Verzehr mancher Wildtiere nicht ganz so ratsam -auch wenn es sich um keine gewöhnliche Ratte handelt und ein Spitzenkoch an der Zubereitung beteiligt ist......

Das könnte Sie auch interessieren