07.02.2020, Berlin: "Nein zu Gewalt im Namen der Ehre" steht auf einer Kranzschleife an der Gedenkstelle für Hatun Sürücü im Stadteil Neukölln (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 07.02.20 | Ursula Voßhenrich im Gespräch mit Henna Tahir | Bild: dpa

Interview | Mord an Hatun Sürücü - "Die Liebe wird der Familienehre untergeordnet"

Die Berlinerin Hatun Sürücü wurde von ihrem Bruder ermordet - vermeintlich im Namen der Familienehre. Die Psychologin Henna Tahir arbeitet mit Jugendlichen, in deren Familien ein solcher Ehrbegriff Alltag ist. Sie erklärt, wie sich diese Muster aufbrechen lassen.

rbb: Frau Tahir, im Zusammenhang mit dem Mord an Hatun Sürücü wird immer von einem sogenannten "Ehrenmord" gesprochen. Was heißt Ehre in diesem Kontext?

Henna Tahir: Das Hauptziel ist die Kontrolle über den Körper der Frau. Verschiedene Verhaltensweisen der Frau können die Ehre der Familie beeinflussen. Zum Beispiel die Kleidung: Sie soll sich anständig und fromm kleiden, am Besten ein Kopftuch tragen, der Körper soll möglichst bedeckt sein. Außerdem darf sie keine außereheliche Beziehung haben, also keinen Sex vor der Ehe.

Die Aufgabe des Mannes in diesem System ist es, die Durchsetzung dieser Normen zu kontrollieren. Der Bruder oder der Vater sind dafür zuständig, dass all diese Regeln eingehalten werden. Falls sie nicht eingehalten werden, sind sie es, die die Konsequenzen zu ziehen haben, zum Beispiel Gewalt im Namen der Ehre. Diese hat zwei Funktionen: Einerseits als Denkzettel nach Innen, damit die Frauen der Familie sich nicht mehr trauen zu rebellieren. Zum anderen soll die Integrität der Familie wiederhergestellt werden - als Signal an die Community: Wir handeln richtig, und wir ziehen Konsequenzen.

Wofür braucht eine Familie, die zum Beispiel vor drei Generationen aus der Türkei nach Berlin gekommen ist oder eine kurdische Familie dieses Konstrukt der Ehre? Warum ist das so wichtig?

Es geht um das Ansehen in der Community. Zudem spielt die Angst der Eltern eine sehr große Rolle. Sie haben Angst, die Kultur, die Tradition oder die eigene Religion zu verlieren.

Es gibt auch "Ehrenmorde", arrangierte Ehen oder Zwangsverheiratungen in christlichen Kreisen, in jüdisch-orthodox Sekten, in jesidischen Familien. Was daran ist eigentlich Religion?

"Ehrenmorde" sind nicht direkt von der Religion abzuleiten. Aber mit Blick auf eine konservative Interpretation des Islam gibt es ein paar Aspekte, die da reinspielen. Wenn es zum Beispiel um die Kontrolle der Sexualität geht: Sex vor der Ehe gilt als Todsünde, die es für strenge Muslime auch hart zu bestrafen gilt. Selbstjustiz ist nirgendwo in der Religion verankert, aber es gibt zum Beispiel salafistische Imame, die Ehebrecher und Ungläubige für vogelfrei erklären. Sie argumentieren: Wenn es in diesem Land nicht möglich ist, diese harten Strafen auszuführen, ist Selbstjustiz legitim.

Aber wie kann es soweit kommen, dass ein Mutter zulässt, dass ihre Tochter umgebracht wird von der eigenen Familie?

Ich denke, die Liebe in der Familie leidet sehr unter diesem Konzept der Ehre. Die Liebe wird zu einer bedingten anstatt einer bedingungslosen Liebe. Die Ehre der Familie spielt eine so große Rolle, ist ein so hoher Wert, dass die Familie die Wünsche der Kinder und die Liebe zu ihnen ihr unterordnet. Nur wenn ein Kind alle Anforderungen erfüllt, um die Ehre der Familie zu schützen, wird das Kind auch geliebt.

Der Mord an Hatun Sürücü - eine Chronologie

Sie arbeiten in Oberstufenzentren mit Jugendlichen. Was hören Sie da?

Ich habe häufig erlebt, dass das Konzept der Ehre eine große Rolle spielt. Ein Gespräch darüber zum Beispiel, dass ein Mädchen zum Studium auszieht, endet häufig damit, dass wir in der Gruppe nur noch über ihre Jungfräulichkeit reden. Die Jungs sagen dann: Die Frau muss beschützt werden, sie muss kontrolliert werden, deshalb können wir sie nicht ausziehen lassen. Da kommen leider auch oft Aussagen wie: Wenn meine Schwester einen Freund hätte, müsste ich sie schlagen, oder ich müsste sie umbringen und ihren Freund auch. Solche Aussagen hören wir leider oft bei unseren Workshops, nicht nur in Oberstufenzentren, wo wir vor allem mit geflüchteten Menschen arbeiten, sondern auch von Jugendlichen, die hier geboren und aufgewachsen sind.

Wie kann man diese Jugendlichen erreichen?

Wir versuchen, dass die Teilnehmer miteinander diskutieren und dabei die Frauen zu aktivieren. Wir fragen: Wie fühlst du dich mit diesen frauenverachtenden Aussagen? Und wir stellen Fragen, um bestimmte Widersprüche in Denkweisen aufzuzeigen. Wenn es zum Beispiel darum geht, dass der Bruder die Schwester beschützen soll, fragen wir: Wenn du Gewalt anwendest, beschützt du sie oder bedrohst du sie? Wir verurteilen sie nicht direkt oder sagen, wir sind hier in Deutschland, deshalb darfst Du das nicht sagen. Sondern wir verweisen auf die Menschenrechte, auf das Grundgesetz und auf die Wichtigkeit dieser Grundrechte für alle Menschen. Sie sollen sich die Erkenntnis in der Gruppe selbst erarbeiten.

Sie selbst stammen aus einer konservativen muslimischen Familie aus Pakistan. Was hilft Mädchen oder jungen Frauen, sich aus so einer Situation zu befreien?

Junge Frauen brauchen das Selbstbewusstsein, dass sie alleine etwas erreichen können. Dafür brauchen sie Bildung, einen Schulabschluss, eine Ausbildung, ein Studium, damit sie selbständig sein können. Aber auch Hobbys helfen, damit sie nicht allein auf ihre Rolle im Haushalt fixiert werden und sie ein Gespür dafür bekommen, was sie mögen, was sie ausmacht. Auch das stärkt enorm.

Es ist wichtig, die Jugendlichen darin zu bestärken, dass sie hier in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben führen können, damit sie sich irgendwann nicht mehr entscheiden müssen zwischen ihrer Familie und einem selbstbestimmten Leben. Dafür müssen sich die Einstellungen der Menschen sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch bei den muslimischen Gemeinden ändern. Es muss Offenheit auf beiden Seiten da sein, diese Herausforderung auch anzunehmen. Dafür sind meiner Meinung nach Begegnungen zwischen beiden Welten sehr wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Henna Tahir sprach Ursula Voßhenrich für rbbKultur.

Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.

Sendung: rbbKultur, 07.02.2020, 19.04 Uhr

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18 Kommentare

  1. 18.

    Sie haben ja recht. Nur das wirklich nicht ein einziger aufgeklärter Christ diese Gewaltaufforderungen ernst nimmt, geschweige denn die Masse an "Ungläubigen", sondern ablehnt. Die Aufklärung hat leider nur einen Teil der Menschheit erreicht und bewältigt. Islamische Religionsgemeinschaften wollen nichts davon wissen, ausgenommen die liberalen Strömungen, sie sind aber in der Minderheit. Ansonsten gilt das wörtliche Koranwort und der Kreationismus.

  2. 17.

    Bibelzitate können manchmal sehr weise sein, sind in Sachen Erziehung aber vielleicht doch nicht mehr ganz zeitgemäß.

  3. 16.

    Zum Thema Kinderliebe in der Religion: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt in früh in Zucht." (Bibel, Sprüche, 13-24) Immerhin nur Rute und nicht Pistole. Aber wahre Kinderliebe ist dies auch nicht.

  4. 15.

    Mehr als unmenschlich und sowas ist bei uns nun auch angekommen.

  5. 14.

    Wer sein Kinder liebt pfeift auf die Ehre! Liebe fordert uns auf, uns einzusetzen, gerade auch dort, wo es unbequem wird, Verantwortung zu übernehmen und über unseren Schatten zu springen.
    Und zum Thema Glauben: jedes Kind ist ein göttliches Geschenk. Wer gibt Eltern, die mit dem Schutz vor seelischen und körperlichen Schaden des Kindes beauftragt sind, das Recht es zu zerstören? Niemand!
    Religion die das rechtfertigen, sind menschenverachtend. Wer menschenverachtend ist, verachtet die göttliche Schöpfung. Ein Kind und somit göttliche Schöpfung zu zerstören - das ist eine feige, egoistische Sünde! Religionen, die das tolerieren stellen sich auf eine Stufe mit Krimminellen und dergleichen, doch von göttlicher Liebe haben sie sich weitestgehend entfehrnt.

  6. 13.

    Was für unmenschliche Ansichten , nur der Familienehre wegen die eigene Tochter und Schwester zu ermorden.

  7. 12.

    Hatun hatte damals schon meinen größten Respekt und nachdem ich den Film vor kurzem gesehen habe, noch mehr. Die Frauen, die ein freies Leben haben möchten, sollten von unserer Gesellschaft die größte Unterstützung erhalten. Das was da passiert ist und sicherlich täglich passiert, hat nichts mit Familienehre zu tun, das ist einfach nur Unmenschlich! Keine Frau hat sowas verdient!

  8. 11.

    Ich war zunächst skeptisch, da im öffentlich-rechttlichen Fernsehen sehr oft verharmlost und relativiert wird,aber ich musste mich eines besseren belehren lassen.
    Danke an Frau Maischberger, die diesen Film produziert hat. Dieser Film sollte "Pflicht" an allen Schulen in Deutschland werden. So wie in dieser Familie geht es in unzähligen Familien zu. Diese Zustände sind unerträglich.....und das mitten in Deutschland.

  9. 10.

    Hatun Sürücus Schicksal und die bei dem Thema sichtbaren Grenzen unseres Rechtsstaates (ebenso die gesellschaftlichen) fassen mich auch nach 15 Jahren immer noch an. Das Thema ist leider aktuell, wenngleich viel bei den Hilfsangeboten passiert ist. Das Grundproblem fanatischen und menschenfeindlichen Glaubens oder der Ideologien, die sich rückwärts gewand - quasi verschanzend - gegen die humanen Werte/Aufklärung unserer Zeit wenden, ist bedrückend. Selbstverständlich reden wir hier nicht nur über Muslime, die Glauben und Tradition so destruktiv interpretieren. Auch die christlichen Fanatiker sind nicht von der Hand zu weisen, hier haben sich neben den großen Playern etliche kleinere Strömungen entwickelt, die ein irritierend inhumanes Weltbild predigen. Faschistische Menschenverachter muss ich nicht erst erwähnen. Die Werte unseres Grundgesetzes stehen auf Papier, leider ist Papier sehr geduldig und kein Garant für gelebte Humanität. Es ist an uns, sämtliche Angriffe couragiert zurückzuweisen und zu verfolgen - uns aber gleichzeitig immer weiter zu entwickeln.. für Hatun und die vielen anderen Menschen, die unsinnig Leid erfahren.

  10. 9.

    Hatun Sürücus Schicksal und die bei dem Thema sichtbaren Grenzen unseres Rechtsstaates (ebenso die gesellschaftlichen) fassen mich auch nach 15 Jahren immer noch an. Das Thema ist leider aktuell, wenngleich viel bei den Hilfsangeboten passiert ist. Das Grundproblem fanatischen und menschenfeindlichen Glaubens oder der Ideologien, die sich rückwärts gewand - quasi verschanzend - gegen die humanen Werte/Aufklärung unserer Zeit wenden, ist bedrückend. Selbstverständlich reden wir hier nicht nur über Muslime, die Glauben und Tradition so destruktiv interpretieren. Auch die christlichen Fanatiker sind nicht von der Hand zu weisen, hier haben sich neben den großen Playern etliche kleinere Strömungen entwickelt, die ein irritierend inhumanes Weltbild predigen. Faschistische Menschenverachter muss ich nicht erst erwähnen. Die Werte unseres Grundgesetzes stehen auf Papier, leider ist Papier sehr geduldig und kein Garant für gelebte Humanität. Es ist an uns, sämtliche Angriffe couragiert zurückzuweisen und zu verfolgen - uns aber gleichzeitig immer weiter zu entwickeln.. für Hatun und die vielen anderen Menschen, die unsinnig Leid erfahren.

  11. 8.

    Ein weiterer sehr guter Film zum Thema Ehrenmord ist übrigens "Die Fremde".

  12. 7.

    Das hat wenig mit "Islamismus" zu tun, sondern ist m. E. vorislamisch-patriarchalisches Stammesgut, das diese Familien in ihre Religion hineingestrickt haben, ohne es je zu hinterfragen. Es gibt Imame, die diese Haltung unterstützen und nix gegen "Ehrenmorde" einzuwenden haben, auch in Berlin.
    Wie tolerant es in muslimischen Familien zugeht, entscheidet sich erst, wenn eine Frau/ein Mädchen (oder Junge, die sitzen auch oft in der Familienfalle) ihren eigenen Weg gehen will, z. Bsp, einen nicht-muslimischen Partner wählt, im kurzen Roch auf die Straße gehen will, allein oder einer selbst gewählten Clique die Disko besuchen möchte, oder, oder, oder. Vorher mag das alles nach heiler Welt aussehen.
    Hatun Sürürü hatte einen einzigen Verbündeten in ihrer Familie, den aufgeklärten Bruder, der nach Köln zum Jura-Studium ging. Er hat die Katastrophe kommen sehen und wollte sie zum Umzug nach Köln überreden, was nicht gelang, wie wir wissen. Der Bruch mit der Familie sollte kein Tabu sein.

  13. 6.

    https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/bme/202002/07/hatun-sueruecue-ehrenmord-gedenken.html

  14. 5.

    Es gibt nichts ehrloseres als die Tochter/Schwester umzubringen!

  15. 4.

    Ich sehe das genauso, denn ich kenne viele muslimische Familien in den herrscht Tolleranz und Anerkennung untereinander. Die Frauen tragen ihr Kopftuch aus religiösen Gründen und werden aber in der Familie anerkannt und nicht unterdrückt. Dieser extreme Islamismus wird von ihnen auch verurteilt.
    Menschen die nicht bereit sind unsere freiheitliche Demokratie und die Gleichberechtigung der Frauen anzuerkennen gehören ausgewiesen.

  16. 3.

    Es gibt ein hervorragendes Projekt in Berlin, "Heroes - Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre".
    https://www.heroes-net.de/
    Ein Interview mit den Männern, die dort arbeiten und sich engagieren, lässt vielleicht mehr Hoffnung auf ein Umdenken.

    Btw: wie kann man Liebe "unterordnen"? Ist das eine Sache, die man in die Schublade stecken kann?

  17. 2.

    Auf die Frage, wie es dazu kommen kann, warum die eigene Mutter zulässt, dass die Tochter von der Familie umgebracht wird, Schwammiges von der Expertin zur vermeintlichen "Liebe in der Familie". Hallo?? Mord ist Mord, Familie hin oder her. Man muss sein Kind, seine Schwester, nicht lieben, um es nicht umbringen zu lassen oder nicht umzubringen. Es nützt den Frauen auch nicht viel, wenn sie sich top ausbilden lassen können, solange die Familienkontrolle greift. Einen Deutschen als Partner? Eine Todsünde. Deutsche Frauen und Mädchen? Schlampen!
    Das GG ist übrigens unsere deutsche Verfassung! Erklärt werden sollte mal, wann die zustande kam und wieso.
    Der gerade ausgezeichnete Film "Nur eine Frau" über das Schicksal Hatun Sürücus gehört in den Unterricht, der ganze verlogene Ehrbegriff wird da schlüssig demontiert -nur dann müsste mal wohl die Zielgruppe an den Stuhl binden.

  18. 1.

    Meiner Meinung nach hat die sogenannte Ehre nichts mit Religion zu tun, sondern es geht da nur um Macht und Kontrolle. Und ich frage mich, warum diese Menschen dann hier leben, wo Freiheit unser wichtigstes Gut ist. Aber wahrscheinlich ist bei den strengen Muslimen eh alles eine Sache der Auslegung. DAfür habe ich kein Verständnis.

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