Symbolbild: Fasten - Glas Wasser, Apfel und Brot
Audio: rbb|24 | 26.02.2020 | O-Ton Dr. Michael Boschmann | Bild: imago/imagebroker

Interview | Mediziner zum Fasten - "Klassisches Fasten kann kaum jemand im Alltag umsetzen"

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit - sie dauert bis Ostern. Ist das gesund, so lange ohne Essen zu leben?  Es entlastet den Körper, sagt der Berliner Mediziner Michael Boschmann. Allerdings ist der Nahrungsverzicht nicht für alle ratsam.  

rbb|24: Herr Boschmann, am Aschermittwoch beginnt die klassische Fastenzeit, die bis Ostern dauert - also mehr als 40 Tage. Was heißt denn nun Fasten: Komplett auf etwas verzichten oder sich eher einzuschränken?

Michael Boschmann: Da gibt es zwei verschiedene Perspektiven. Das eine ist die religiöse Perspektive. Die ist schon sehr alt und es gibt sie eigentlich in allen großen Religionen. Dabei  geht es in erster Linie darum, sich einzuschränken. Und zwar nicht nur mit Essen, sondern generell. Da will man sich nach innen kehren und zu sich finden.

Das andere ist dann eher das therapeutische Fasten, das in dieser Zeit auch viele praktizieren. Da geht es darum, über eine längere Zeit die Nahrungsaufnahme deutlich einzuschränken. Nicht mit einer Nulldiät, sondern dadurch, dass man weniger als 500 Kalorien am Tag zu sich nimmt - in Form von Gemüsebrühen oder Säften.

Wie lange kann man das machen?

Klassisch sind es wirklich die biblischen 40 Tage. Die kann man – wenn man gesund ist - auch fasten, das macht der Körper problemlos mit. Aber heute ist es für die Menschen tatsächlich ein zeitliches Problem. Denn diese Form des Fastens kann man nicht nebenbei machen.  

Ursprünglich war die Fastenzeit dazu da, damit Christen in dieser Zeit der Leiden Jesus gedenken. Wird heutzutage noch viel religiös gefastet?

Bei der älteren Generation der um die 70-Jährigen schon. Aber heutzutage gehen auch viele Menschen für eine Zeit ins Kloster, um dort zu fasten. Da geht es oft um spirituelle Erfahrungen.

Was ist das Hauptziel des Fastens heute?

Die hauptsächliche Intention des Fastens ist bei vielen nicht die Gewichtsreduktion, sondern die Mobilisierung von Selbstheilungskräften des Körpers und des Stoffwechsels.

Was halten Sie denn von Fastentrends wie beispielsweise dem Intervall-Fasten?

Das sogenannte intermittierende Fasten wird zunehmend populär. Dabei gibt es drei verschiedene Möglichkeiten. Einmal das "Alternate-Day-Fasting". Da isst man am einen Tag und am anderen nicht. Die zweite Option ist, dass man fünf Tage, meistens die Arbeitstage, ganz normal isst und dann an zwei aufeinanderfolgenden Tagen nicht. Oder, was jetzt am populärsten zu sein scheint, ist die sogenannte 16:8-Diät. Da ist für acht Stunden am Tag Essen erlaubt und dann isst man für 16 Stunden nichts. Das führt zu einer unwahrscheinlichen Stoffwechseldynamik.

Bei allen drei Arten des intermittierenden Fastens ist die Aufnahme von ausreichend Flüssigkeit enorm wichtig.  

Was hat sich beim Thema Essgewohnheiten und Fasten denn geändert?

Das klassische drei- bis vierwöchige Fasten kann heute kaum jemand mehr in seinem Alltag umsetzen. Stattdessen ist es ja so, dass viele noch spätabends snacken - wenn die letzte E-Mail gecheckt ist. Auf diese Art ist der Körper die ganze Zeit in einer Speichersituation und kommt gar nicht mehr dazu, an die Fettreserven zu gehen.

Wie sollte man vorgehen, wenn man sich dazu entschließt, zu fasten?

Man sollte nicht von heute auf Morgen von hundert auf null gehen, sondern schon ein paar Tage vorher die Nahrungsaufnahme schon ein bisschen herunterfahren. Und auch dann hat man in den ersten drei Tagen mit den sogenannten Umstellungstagen zu tun. Da muss der Körper lernen, von äußeren auf innere Kalorienquellen umzuschalten. Viele haben damit ganz schön zu tun, denn es ist eine Kreislaufbelastung. Es kann durchaus zu Kopfschmerzen und Unruhegefühlen kommen, weil es eine Stresssituation für den Körper ist. Der merkt, dass von außen nichts mehr kommt und muss entsprechend umbauen. Wenn nach dem dritten oder vierten Tag diese Umstellungsphase vorbei ist, geht es den Fastenden deutlich besser - in vielen Fällen auch richtig gut. Dann nutzt der Körper hauptsächlich seine Fettreserven und zum Teil Proteine.

Wie macht sich das bemerkbar?

Es verbessern sich beispielsweise die kognitiven Leistungen des Gehirns deutlich. Wenn jemand längerfristig fastet, wird der Kohlenhydratstoffwechsel umgestellt. Für Diabetiker bedeutet das, dass sie oft ihre Medikation weglassen oder reduzieren können. Das gilt auch für Patienten mit Bluthochdruck. Das ist eine große Entlastung für den Körper.

Was gibt es noch zu bedenken, wenn man fasten will? Gibt es Fehler, die man machen kann?

Niemals sollte man beim ersten Mal auf eigene Faust losfasten, sondern sich mit seinem Arzt absprechen. Während man fastet, sollte ausreichend getrunken werden. Und man sollte auf jeden Fall währenddessen nicht nur zuhause herumsitzen, sondern sich auch täglich ausreichend bewegen.

Wer das Fasten abbricht oder beendet, muss auch bedenken, dass der Körper ja gerade auf Sparflamme läuft. Wer dann gleich wieder normal isst, bietet dem Körper so ein Überangebot, dass man trotz des vorherigen Fastens Gefahr läuft, zuzunehmen. Denn der Körper ist auch nach dem Fasten auf Übergewicht programmiert: Er wird versuchen, dieses Gewicht beziehungsweise die vorherige Körperzusammensetzung wieder zu kriegen.

Gibt es Menschen, die nicht fasten sollten?

In der Schwangerschaft sollte man nicht fasten, und auch Kinder sollten es nicht tun, oder  Patienten mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer zu Depressionen neigt, sollte es ebenfalls lassen. Denn es kann durchaus sein, dass eine depressive Stimmung durch das Fasten verstärkt wird. Auch Krebspatienten sollten nicht fasten - auch wenn es zurzeit in manchen wissenschaftlichen Foren in der Diskussion ist, dass Fasten das Wachstum von Krebszellen verringert.

Für Rheumakranke dagegen ist das Fasten gut. Denn es führt ja dazu, dass der Körper aufräumt. Sogar bei schwerer Symptomatik können die Symptome und auch die Schmerzen verringert werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

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1 Kommentar

  1. 1.

    Intervallfasten lässt sich für Leute, die keinen Schichtdienst haben gut umsetzen - die nötige Disziplin vorausgesetzt. Und die ist nahezu immer das große Problem.

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