Kunden kaufen in einem Lebensmittel-Großhandel des Dong Xuan Center am Freitag (09.04.2010) in Berlin-Lichtenberg ein. (Quelle: dpa/Kalaene)
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Audio: Radioeins | 05.02.2020 | Bild: dpa/Kalaene Download (mp3, 5 MB)

Interview | Diskriminierung wegen Coronavirus - "Das ist unterste Schublade an rassistischen Ressentiments"

Wie die Welt über das Coronavirus spricht, zeigt Rassismus gegenüber asiatischen Menschen, sagt die Journalistin Minh Thu Tran. Teilweise kann sie die Angst vor dem Virus nachvollziehen, aber nicht, wenn Klischees aus der Kolonialzeit befeuert werden.

Seit Tagen berichten Asiatinnen und Asiaten weltweit von Beschimpfungen und Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus und wehren sich mit dem Twitter-Hashtag #IAmNotAVirus oder #JeNeSuisPasUnVirus dagegen.

In einem Asia Supermarkt in Köln soll eine Mutter beim Betreten des Ladens ihre kleine Tochter aufgefordert haben, sich einen Atemschutz vor Mund und Nase zu ziehen. Das Mädchen fragte darauf, ob denn alle Chinesen krank seien. So berichten es die Betreiber des Supermarktes und überschrieben einen Facebookpost dazu mit der Aussage: "Wir sind nicht das Virus!"

rbb: Ist das mit dem Kölner Asia Supermarkt ein besonders krasses oder eher ein typisches Beispiel für das, was Asiaten und asiatischstämmigen Menschen gerade passiert?

Minh Thu Tran: Das ist ein absolut typisches Beispiel. Mir berichten Freunde und Bekannte zum Beispiel von Arztbesuchen, wo sie in Wartesälen feindlich angeschaut und von öffentlichen Räumen ausgeschlossen werden. Also ja: Das ist ein typisches Beispiel dafür, was viele Asiaten und Asiatinnen gerade jeden Tag erleben.

Ziehen sich die anderen Menschen eher zurück oder gibt es auch Beschimpfungen?

Es gibt auch Beschimpfungen, blöde Sprüche. Oder Kollegen, die tatsächlich zu asiatischen Menschen sagen: 'Haha, warst du jetzt auch in Asien, hast du jetzt das Coronavirus? Oder: 'Kann ich das essen oder kriege ich davon das Coronavirus?', wenn sie asiatische Speisen mitbringen. Viele asiatische Menschen haben ja auch eigene Betriebe, und die sagen sogar, dass die Kunden nicht mehr kommen.

Menschen zu beschimpfen, geht natürlich nicht. Aber auch dieses Wegdrücken geht eigentlich nicht, doch da ist bei vielen Menschen bestimmt auch Unwissenheit und Angst. Was kann man dagegen machen?

Naja, was kann man dagegen machen? Eigentlich nur, darüber zu sprechen. Aus einer menschlichen Perspektive kann ich ja verstehen, dass man Angst vor dem Coronavirus hat. Das ist ein neues Virus, man weiß noch nicht viel darüber. Man wusste am Anfang auch nicht genau, wie sich das Virus verbreitet. Und dann finde ich das schon eine sehr menschliche Reaktion, dass man erstmal ein bisschen Panik hat.

Was aber nicht geht, ist, dass man einfach alle asiatisch aussehenden Menschen unter Generalverdacht stellt. Viele asiatische Menschen hier in Deutschland waren seit zig Jahren nicht in Asien. Wenn man sich allein schon die Zahlen anguckt: Es sind zwar jetzt schon zehntausende Menschen infiziert. Aber wenn man das in Relation zur gesamten Bevölkerung in China setzt, sind das 0,01 Prozent.

Menschen wegen ihres Aussehens brandmarken - das ist dann ja schon Rassismus.

Klar, es ist ja nicht nur so, dass sich Leute wegsetzen oder ihre Schals hochziehen, wenn wir den Raum betreten. Oder wenn wir uns irgendwo hinsetzen. Wir lesen ja auf Social Media Anfeindungen und Sprüche, die Klischees aus der Kolonialzeit widerspiegeln. So was wie: 'Diese Chinesen essen Hunde und Katzen und andere Tiere, das ist total unzivilisiert und unhygienisch. Die haben das verdient' - also wirklich die unterste Schublade an rassistischen Ressentiments, die wir kennen, die hier wieder rausgekramt werden und denen hier eine Bühne geboten wird.

Auf dem aktuellen "Spiegel"-Titelbild ist die Zeile "Corona-Virus: Made in China" zu lesen. Darauf ist ein Mensch zu sehen, der einen Schutzanzug anhat, eine Schutzbrille, eine Atemmaske und Kopfhörer trägt. Wo fängt bei diesem Thema für Sie Rassismus an?

Es fängt überall da an, wo durch diese plakativen Titel suggeriert wird, dass alle asiatischen Menschen eine Verbindung zu diesem Coronavirus hätten. Die "Bild" zum Beispiel hatte auch getitelt: "So kam das Coronavirus zu uns" - und als Bebilderung wurde einfach eine asiatisch anmutende Familie am Essenstisch gezeigt. Es gab auch andere Titel, die noch plakativer waren. So was wie: Dürfen wir Pakete aus Asien überhaupt noch annehmen? Oder dürfen wir überhaupt noch Glückskekse essen? Da wird suggeriert, dass alles, was irgendwie in irgendeiner Weise asiatisch wäre, vielleicht eine Verbindung zum Coronavirus hat. Und das schürt natürlich Ressentiments bei der Bevölkerung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Minh Thu Tran sprachen Tom Böttcher und Marco Seiffert für Radioeins.

Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.

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19 Kommentare

  1. 19.

    Waren Sie mal persönlich von Rassismus betroffen? Wurden Sie als "enge kleine Asianutte" bezeichnet oder "dreckiger kleiner Affen-Japse"? Was maßen Sie sich eigentlich an, darüber zu urteilen, wo Rassismus stattfindet und wo nicht, wo Sie ihn doch wahrscheinlich oder soll ich lieber sagen anscheinend überhaupt nicht persönlich erlebt haben und nie davon betroffen waren? Alleine aus meinem persönlichen Bekanntenkreis wurden viele asiatisch-stämmige Deutsche allein aufgrund ihres AUSSEHENS massiv beleidigt und diskriminiert mit Bezug auf das Corona Virus. Das ist Rassismus. Ihnen wurde teils auch Gewalt angedroht oder sogar zugefügt. Sie haben anscheinend keine Ahnung davon oder es schert Sie einen Dreck, wie schwer es asiatischstämmige Menschen immer noch in Deutschland haben und wie sehr sie diskriminiert, beleidigt und gedemütigt werden. Also halten Sie sich lieber aus diesem Thema raus.

  2. 18.

    Bin gerade in Asien (nicht in China) und komme daher häufig zu spät, wen ich morgens (ca. Mitternacht deutscher Zeit) Tagesschau etc. sehe und dann was kommentieren möchte.

    Also bring ich es hier an, auch wenn es nicht ganz passt:

    Wieso spricht man immer nur von Corona? Das könnte auch SARS sein, warum sagt man nicht Wuhan-Virus, oder findet sonst eine eindeutige Bezeichnung wie bei SARS?

    Aber um auch noch was zum Thema beizutragen: Vielleicht sollte ich, wenn ich in einigen Wochen wieder in Berlin bin, in einen Asia-Markt gehen, Mundschutz tragen und sagen: Das mache ich nur, weil ich in Asien war, damit Sie sich nicht bei mir anstecken ... Rassismus ist wirklich das Letzte!

  3. 17.

    Was unterscheidet Rassissmus von Hass auf eine Gruppe von Menschen oder das wofür sie vermeintlich stehen? Wann ist das Lächerlichmachen von anderen Menschen und deren Gewohnheiten Selbstschutz, Abgrenzung, Überheblichkeit und ab wann Rassissmus? Das sind ernst gemeinte Fragen. Wie auch immer Ihre Antworten darauf aussehen werden -- die Antworten stehen nur als eine Liste von Substantiven im Artikel. Das ist zu wenig für eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Artikel thematisiert nur, dass sich etwas zum Schlechten verändert hat. Weitere Fragen: Entstehen Hass und Rassissmuss über Nacht? Der Virus schon eher. Dann ist aber der Virus nur der Anlass.

  4. 15.

    Dein Kommentar ist so ignorant. "Es ist nun mal ein Fakt, dass das Virus aus Asien stammt". Es gibt 47! verschiedene Länder in Asien. Bleiben wir bei den Fakten, Sars und die Wuhan-Grippe stammen beide aus CHINA. Ich bin persönlich auch gegen die Esskultur der Chinesen und ihre Regierung , aber warum schmeißt du alle in den selben Topf? Was ist z.B mit den Japanern, Südkoreanern und der Großteil der Russen/Türken? Falls du es nicht wusstest, die Länder liegen auch in Asien :)LG

  5. 14.

    Ich finde es skandalös das mit Chinesen so umgegangen wird.
    Was sind Wir doch für ein hysterisches Volk .
    Eine Nasendusche mit Salzwasser oder isostonischer Salzlösung und kein Virus kann sich in die Schleimhäute einnisten.

  6. 13.

    Mich hat diese Meldung echt aufgewühlt. Ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, nur weil jemand asiatisch aussieht, gleich an das Virus zu denken. Dieses können ja auch schließlich Nicht-Asiaten haben. Woher soll ich vom Aussehen von jemandem wissen, woher der kommt? Als ich vorhin beim Einkauf eine Asiatin traf, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Scheiss Rassismus.

  7. 12.

    Hier ist eine gute Beschreibung was bisher über das Coronavirus bekannt ist:
    https://www.rbb24.de/panorama/hintergrund/coronavirus-fragen-und-antworten.html
    Hier eine Übersicht wie die Mutationen bisher verlaufen sind:
    https://nextstrain.org/ncov
    Man weiss leider in der Regel nicht sofort welche Mutation welche Auswirkungen hat...

    Soviel ich weiss gibt es hier keine Einreisebeschränkungen für aus China kommende Menschen. In Hongkong werden beispielsweise wohl Menschen aus dem Mainland China derzeit in Quarantäne gesteckt:
    https://www.theguardian.com/world/live/2020/feb/05/coronavirus-live-updates-in-china-wuhan-outbreak-death-toll-latest-news-update-evacuation-coronaviruses?page=with:block-5e3a8e288f086a28115a5e19#block-5e3a8e288f086a28115a5e19

    Leider sind (zumindest lt Wikipedia) derzeit in Deutschland mehr Menschen (12) am Coronavirus erkrankt als in den USA (11) und leider ist - falls man die ersten Ansteckungen nicht im Keim erstickt der Ansteckungsverlauf exponentiell.

  8. 11.

    Ist schon klar, dass Rassisten Rassismus nicht erkennen...zumindest ihren eigenen nicht.

  9. 10.

    Das ist ein Irrtum, da werden Autoscheiben eingeworfen und Zettel an den Fahrstuhl geklebt mit Sprüchen"wir wollen euch hier nicht wir wollen keinen Virus". Wenn das kein Rassismus ist, sicher asiatische Lebenfreude. Bitte nachdenken!!

  10. 9.

    Die Bevölkerung ist erwachsen und sollte damit umgehen können. Das ist keinerlei Entschuldigung auf andere loszugehen. Und erst recht nicht die Schuld der Medien!
    Wenn ich so reagiere ist es höchstens ein Zeichen von Unwissenheit und mangelnder Bildung!!!!

  11. 8.

    Ihr wollt uns erklären was rassistisch ist und was nicht?Ihr seid doch gar nicht betroffen. Von daher steht es euch in keinster Weise zu das zu beurteilen! Und ich könnte hier mal einige Kommentare aus der U Bahn schreiben, was man sich da so anhören darf....

  12. 7.

    Abgesehen davon, das hier lebende Chinesen nicht mehr Überträger sind als alle anderen auch: Viren kennen keine Grenzen.Nationalitäten, keinen Rassismus. Für die Eingrenzung eines Virus gelten andere Regeln.

  13. 6.

    An jedem noch so abwegigen Sachverhalt wird sich von einer vermeintlichen Opfergruppe hochgezogen, um die Rassismuskeule auszupacken. Und natürlich geht es bei alldem, was hier geschildert wurde, am wenigsten um Ressentiments gegen Chinesen, sondern um das quotenträchtige Hochkochen eines Ereignisses. Das es bei einem pandemieverdächtigen Virus vor dem Hintergrund der bekannten Art der medialen Berichterstattung auch zu kritischen Blicken kommen kann, ist völlig normal. Die Sache würde sich keinen Deut anders abspielen, wenn in Berlin ein solches Virus ausbräche und ein als solcher erkennbarer Berliner in München in der Arztpraxis oder im Supermarkt aufläuft. Mit Rassismus hat das rein gar nichts zu tun.

  14. 5.

    Es ist nun mal ein Fakt, dass das Virus aus Asien stammt und demnach am ehesten durch Menschen übertragen werden kann, die ebenfalls in Asien waren oder mit dortigen Asiaten Kontakt hatten...und oh Wunder...dies sind halt oft Asiaten. Natürlich sind es auch Europäer, die dort ggf. zu Besuch waren, jedoch werden auch diese derzeit komisch beäugt, sobald man mitbekommt, dass er/sie dort zu Besuch war. Und natürlich kann man auch mit einem plakativen Bild auf die Verbreitung aufmerksam machen (um etwas zu vereinfachen)...oder sollte auf einem solchen Bild (nach aktuellem Kenntnisstand)etwa ein farbiger Afrikaner abgebildet sein, wenn es um einen Virus aus Asien geht (am besten noch mit diversem Geschlecht)….man kann es mit politscher Korrektheit auch übertreiben….und in Aiamärkten verkehren halt auch viele Bürger, die zumindest häufiger mit Kontakt zu Asien stehen, als es vielleicht andere tun. Übrigens gibt es diese Angst etc. doch sogar innerhalb Chinas....(zwischen den Regionen)..

  15. 4.

    Also was heutzutage alles als Rassismus hingestellt wird... Wenn die Mutter "Rassistin" wäre, hätte sie wohl kaum einen asiatsichen Laden aufgesucht. Und wenn das Kind einen Mundschutz nutzen soll, warum nicht? Viele Menschen = viel Ansteckungsgefahr.
    Vielleicht sollten einige Journalisten mal auf die Bremse treten.

  16. 3.

    Also ich finde diesen RBB 24-Bericht sehr gut:
    Fragen und Antworten
    Was wir bisher über das Coronavirus wissen
    29.01.20 | 16:18 Uhr
    Beschimpfungen sind nicht tolerierbar aber die Angst oder Verunsicherung von Menschen gegenüber Asiaten ,ggf. noch mit Atemschutzmaske hier in Berlin kann ich nachvollziehen. Das Coronaviris komnt nun mal aus China. Käme es aus anderen Ländern, wäre wohl diese Bevölkerungsgruppe für viele Menschen angstauslösend,weil sie sich eben nicht anstecken wollen. Ich hoffe,der Spuk hat bald ein Ende und mit der aktuellen Grippewelle haben wir doch genug zu tun. 7ch wünsche alken,dass sie möglichst gesund bleiben. Also regelmäßig Hände waschen,kein Händeschütteln oder umarmen ,wenn man nicht sicher sein kann,dass das Gegenüber gesund ist und schön in die Armbeuge niesen und nicht in die Hand.

  17. 2.

    Rassismus gab es schon immer, aber so schlimm wie in den letzten Jahren, ist es seit langem nicht mehr.
    Der Rechtsextremismus hat das Unsagbare wieder sagbar und hoffähig gemacht.

  18. 1.

    Hört bitte endlich auf damit, das Coronavirus, als Pest der Moderne hinzustellen. Die Medien schüren Angst! Diese Angst, der „unwissenden“ Bevölkerung entlädt sich, wie so oft, in der Suche eines Schuldigen. Ist ein Schuldiger gefunden, bzw. Eine ganze Ethnie, wird gegen sie mit allen Mitteln gefeuert... das ist Rassismus! Hört einfach auf so eine große Angst zu schüren, dann bleibt die Bevölkerung „normal“!

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