Ein Obdachloser schläft in Berlin auf der Straße. (Quelle: dpa/Gambarini)
Audio: Inforadio | 07.02.2020 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Gambarini

Osteuropäische Obdachlose - "Ich muss sicher sein, dass sie an einen sicheren Ort kommen"

Viele obdachlose Menschen in Berlin stammen aus Osteuropa. Die Ergebnisse der Obdachlosenzählung sollen auch Aufschluss darüber geben, wie sie besser unterstützt werden können – etwa durch Sozialarbeiter wie Wojtek Greh. Von Thomas Rautenberg

Alle Ergebnisse zur Zählung finden Sie hier.

Wojtek Greh ist gespannt, was bei Obdachlosenzählung in der vergangenen Woche herausgekommen ist. Der gebürtige Stettiner ist seit knapp vier Jahren bei der Berliner Stadtmission als Sozialarbeiter beschäftigt.

Bei der Zählung Ende Januar war er selbst als Freiwilliger in Lichtenberg unterwegs. Sechs obdachlose Menschen habe er angetroffen – nur sechs, fügt er hinzu. Das habe ihn überrascht, war er doch letztes Jahr viel als Streetworker auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs. Ob Fünf-, Sechs- oder Zehntausend Menschen heute obdachlos sind, kann er nicht einschätzen. Das wird die Zählung zeigen, am Freitag werden die Ergebnisse bekanntgegeben.

"Nach ein paar Monaten zahlt der Arbeitgeber nicht"

Aber er weiß aus seinen Erfahrungen in der Stadtmission, dass die Mehrheit der Berliner Obdachlosen nicht aus Osteuropa kommt, sondern aus Deutschland selbst: "In der Notübernachtung haben wir 120 Plätze. Die stärkste Gruppe sind die Deutschen. Circa 35 Prozent der Gäste sind aus Polen, dann kommen Rumänen und Bulgaren."

In Polen selbst gibt es etwa 30.000 Obdachlose. 80 Prozent von ihnen sind in entsprechenden Betreuungseinrichtungen untergebracht. Rund 6.000 leben tatsächlich auf der Straße. Aber nicht sie kämen in erster Linie nach Deutschland, sondern vor allem Menschen, die hier arbeiten möchten, sagt Greh. "Nach ein paar Monaten bezahlt der Arbeitgeber nicht, oder es war Schwarzarbeit. Und sie wollen nicht mit leeren Händen nach Polen zurückkommen. Sie wollen was Neues finden. Und dann kommen sie in schlechte Gesellschaft, der Alkohol kommt dazu."

Zurück nach Polen

Andere haben in Polen Schulden oder werden von der Polizei gesucht und tauchen deshalb in Metropolen wie Amsterdam, Hamburg oder Berlin unter. Seit November hat Greh fünf polnische Obdachlose zurück in die Heimat gebracht, in gesicherte Verhältnisse, wie er betont, und nicht einfach wieder auf die Straße. Darunter ist auch eine über 70-jährige Frau, die auf deutsche Sozialhilfe hoffte, aber gar keinen Anspruch hatte. Sie lebt heute wieder in Polen.

Zurück nach Polen bringen – das klinge einfach, brauche aber Vertrauen. "Das ist ein langer Prozess. Sie müssen sicher sein, dass ich ihnen helfe und nicht nur die Statistik bedienen will. Es geht um Menschen, und ich muss sicher sein, dass sie an einen sicheren Ort kommen."

Wojtek Greh wünscht sich, dass sie gesundheitlich betreut werden – und die Chance erhalten, auch wieder eine Arbeit zu bekommen.

Sendung: Inforadio, 07.02.2020, 7:25 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ja, die Menschenfeindlichkeit in vielen der osteuropäischen Staaten ist viel, viel größer als dort.
    Deswegen machen sich viele Polen und andere auf diesen langen Weg. Das ist ein schweres Erbe dort drüben. Die ehemals sozialistischen Ländern kennen nicht diese Fürsorge für ihre Bevölkerung.

  2. 3.

    Es ist nicht nur traurig sondern eine Schande, dass in diesem reichen Deutschland Menschen auf der Straße leben müssen.
    Aber wenn die Politik immer mehr Bereiche ihrer Verantwortung in private Hände legt ist es kein Wunder wenn unsere Gesellschaft unter der Maßlosigkeit privater Investoren leidet.
    Leider sehen da alle Parteien zu und nicht nur die Konservativen.
    Sicher gibt es auch wenige Menschen, die auf der Straße leben wollen. Leider aber immer mehr, die das müssen. Vor der Einführung von der Agenda 2010 war das besser geregelt. Da wurde noch Obdachlosenprävention betrieben. Danke SPD.

  3. 2.

    EU-Recht durchsetzen! Polen kriegt genug Geld und muss seinen Bürgern helfen.

  4. 1.

    Traurig, einfach nur traurig. Eine 70-Jährige Frau alleine auf der Strasse. Wahnsinn.

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