Die 23-jährige Asal aus dem Iran
Bild: rbb/Carla Spangenberg

Eine Iranerin in Berlin - "Wir haben keine Heimat"

Proteste, Tote und Sanktionen: Der Iran gerät meist dann in die Medien, wenn die Konflikte schwelen. Dabei ist das Land mehr als das, meint Asal. Was bewegt eine gebürtige Iranerin in Berlin, deren Land nicht zur Ruhe kommt? Von Carla Spangenberg

Reis mit Berberitzen und Safran, orange Bulgursuppe, duftende Kräuter. Asal steht vor dem bunten Büffet in einem persischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg. "Egal, welchen Iraner du fragst: In einem persischen Restaurant fühlt man sich wohl", sagt sie.

Asal ist 23 und gebürtige Iranerin. Als sie ein Jahr alt ist, kommt sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Deutschland: "Das ist immer eine ganz schöne Erlebnisreise, wenn Iranerinnen und Iraner sich entscheiden, auszuwandern", sagt sie. Ihre Mutter beschreibt Asal als eine Löwin: Eine starke Frau, die sich dazu entschieden hat, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Anfang der Neunziger beschließen viele Iraner auszuwandern: Die Berufsaussichten im Land sind schlecht. Meist sind es sehr gut ausgebildete Menschen: Ingenieurinnen, Juristen, Ärztinnen. Unter dieser Abwanderung leidet ein Land. Der Iran versucht, dem entgegenzuwirken, indem es die Forschung im eigenen Land stärkt. Den jungen, gut ausgebildeten Iranern sollen wieder Perspektiven im eigenen Land geboten werden.

Ankunft über Umwege

Nach einem Jahr folgt auch Asals Vater nach Europa, findet Arbeit in Italien und die Familie zieht nach Südtirol. 2015 kommt Asal dann zum Studieren zurück nach Deutschland. Zunächst zieht sie nach München, wo es schwer ist, eine Bleibe zu finden: "Die Wohnheime waren teilweise überfüllt mit den Geflüchteten", erzählt sie. Seit einem Jahr ist sie nun in Berlin für ihr Masterstudium. Sie studiert Interkulturelles Konfliktmanagement an der Alice Salomon Hochschule.

Jetzt sitzt sie im persischen Restaurant in Charlottenburg an einem Tisch mit feiner Tischdecke: ein orientalisches Muster mit Goldfäden. An den Wänden hängen Fotos von Intellektuellen und Künstlern: von Nietzsche über Dalí bis Romy Schneider. Asal gestikuliert mit ihren Händen, als sie erzählt, dass sie anfangs mit der Berliner Schroffheit nicht klar kam:

"Iraner schmieren einem erstmal stundenlang Honig ums Maul, bis sie sagen, was sie wollen. Da sind Berliner doch ein bisschen gröber." Auf Persisch bedeutet ihr Vorname "Honig". Sie ist aufgewachsen mit der iranischen Höflichkeit. An die Berliner Schnauze musste sie sich erst gewöhnen. Aber auch die rassistischen Übergriffe seien schlimmer als in anderen Großstädten, in denen sie vorher gelebt habe. Asal erzählt, sie sei schon oft beleidigt und angegriffen worden. Vor zwei Monaten habe eine alte Frau ihr an der U-Bahn in den Bauch geboxt.

Eine Heimat, die nicht zur Ruhe kommt

Nach dem Essen trinkt Asal schwarzen Tee aus einer Glastasse, dazu gibt es Trauben. "Iraner sind süchtig nach Tee, der ist noch wichtiger als der Espresso für Italiener", sagt Asal und schaut zu, wie sich der Zucker im schwarzen Tee auflöst.

Über die innen- und außenpolitischen Konflikte des Irans möchte sie nicht sprechen. Im Inneren regt sich immer wieder Widerstand gegen das Regime, der oft gewaltsam niedergeschlagen wird. Menschen kommen dabei ums Leben. Zuletzt sind die Proteste im Januar wieder aufgeflammt, als ein Passagierflugzeug abgeschossen wurde. Auch außenpolitisch gibt es immer wieder wechselseitige Provokationen und internationale Sanktionen. Ein vorläufiger Höhepunkt im Konflikt mit den USA war im Januar die Tötung des iranischen Kommandeurs Qasem Soleimani. Darauf folgte wieder ein iranischer Vergeltungsschlag. Ob Sanktionen oder Proteste: Die Folgen muss die Bevölkerung tragen.

Die Bilder und Berichte aus ihrer Heimat berühren auch Asal und andere Iraner in Deutschland: "Es tut mir weh zu wissen, dass meine Brüder und Schwestern leiden oder ihr Leben verlieren", erzählt sie. "Jedes Menschenleben ist wertvoll – egal auf welcher Seite." Mehr möchte sie zu der politischen Situation nicht sagen. Sie schlägt sich nicht auf eine Seite. Es ist schwierig, überhaupt Iraner zu finden, die öffentlich sprechen. Viele haben Angst um ihre Familien im Iran.

Ein Mix aus Allem

Asal bedauert aber auch, dass immer nur dann über den Iran berichtet werde, wenn es gerade Konflikte, Proteste, Tote oder Sanktionen gibt. Für sie ist der Iran noch viel mehr: Sie schwärmt von der Landschaft, der Wüste, den Bergen. Vom Skifahren und vom Wandern in den Wäldern. Regelmäßig besucht sie ihre Freunde und Familie im Iran. Sie liebt die Kultur, die vielen Traditionen, die Höflichkeit der Menschen: "Es ist normal, dass der Obstverkäufer dich kennt, dir etwas schenkt oder auf dein Kind aufpasst, wenn du schnell mal irgendwo hin musst."

"Wir haben keine Heimat", sagen viele ausgewanderte Iraner der zweiten Generation: Im Iran ist Asal Italienerin, in Italien die Iranerin. Ihre Zukunft sieht sie in Deutschland. "Deswegen habe ich ein neues Konzept von Heimat", erzählt Asal, "Heimat ist da, wo die Menschen sind, die mich lieben und so nehmen wie ich bin. Ein Mix aus allem." Wenn sie den Iran vermisst, lädt sie Freunde ein, kocht die persischen Gerichte, die sie von ihrer Mutter gelernt hat. Oder sie geht in ein persisches Restaurant und trinkt Tee.

Sendung: Fritz, 31.01.2020, 17.20 Uhr

Beitrag von Carla Spangenberg

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Wenn es ein Vorstellungsgespräch wäre, z.B. bei einem Außen- oder Staats-ministerium* für Job in "Liaison-Abteilung für humanitäre Organisationen, Naher Osten", da wäre aber argumentativ bißel angebracht über Dinge zu reden, um zu verdeutlichen, dass man schon gewissen Überblick über manche Realien hat. Solches "sich einbringen" ist eben umso relevanter wenn der Studiengang an für sich kaum Renomé hat während Text der Beschreibung des Studiengangs ersichtlicherweise nicht geprüft wurde.

    *Was als Beispiel gemeint. Mir ist nicht klar ob Auswärtiges Amt des Bundes so eine Abteilung hat. Bei mir ist es im Plan, damit u.a. z.B. humanitäre Schiffsladung vom preußischen Zoll bei Verladung gecheckt, damit die Ladung dann nicht eine Woche z.B. bei Lebanon im Zoll hängt bevor ausgeladen werden darf.

Das könnte Sie auch interessieren