Das Amtsgericht in der Karl-Marx-Straße in Neuruppin am 04.09.2018. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Prozess um Angriff auf Flüchtlinge - Ein Fußballspiel eskaliert

Sie sollen 2017 in Wittstock mehrere minderjährige Flüchtlinge auf einem Fußballplatz attackiert und zum Teil verletzt haben. Jetzt stehen die sechs Männer deswegen vor Gericht. Von Björn Haase-Wendt

Herrentag 2017 in Wittstock, eine Gruppe junger Flüchtlinge spielt gemeinsam mit ihrem Betreuer auf einem Fußballplatz, um sich vom Alltag abzulenken. In einem nahegelegenen Gewerbegebiet feiert eine Männergruppe den Herrentag. Sie entdecken das Spiel und kommen auf das Spielfeld, um mitzuspielen. Der Betreuer der minderjährigen Flüchtlinge erlaubt dies erst, doch dann wird das Spiel ruppiger. Es wird gepöbelt, geschubst und getreten.

So sagt es eine ermittelnde Polizistin am Montag im Prozess vor dem Amtsgericht Neuruppin aus. Dort müssen sich die sechs Männer – heute im Alter zwischen 35 und 39 Jahren – verantworten. Die Anklage wirft ihnen gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung vor. Denn als der Betreuer das Spiel aufgrund der aggressiven Spielweise beendete, soll die Situation eskaliert sein. Die sechs Wittstocker sollen laut Anklage die jungen Flüchtlinge angegriffen, getreten und zum Teil durch Bierflaschen verletzt haben. Auch sollen sie ihre Opfer gehindert haben, in die Unterkunft zu flüchten.

"Die waren nicht richtig bei sich"

Ein junger Flüchtling, der als Nebenkläger am Prozess beteiligt ist und beim Angriff verletzt wurde, sagt aus, dass die Gruppe deutscher Männer "nicht ganz richtig bei sich" gewesen sei. So hätten sie nach Alkohol gerochen und seien immer mal wieder während des Fußballspiels zu Boden gegangen.

Im Prozess erkennt er drei der Angeklagten nach eigenen Angaben sofort und sagte, sie seien an der Tat beteiligt gewesen. Woran er das genau festmachte, kann er dem Schöffengericht aber nicht erklären. Überhaupt blieben viele Details zum Tathergang offen, an die sich der Zeuge nicht mehr erinnern kann.

Die Verteidiger nutzen diese Unsicherheiten und stellen zum Teil die Glaubwürdigkeit des 20 Jahre alten Flüchtlings in Frage. Unter anderem mit Fragen, zu seinen Angaben zur Herkunft, dem Geburtstort und dem Alter. "Wenn es schon Falschaussagen zu Alter und Herkunft gibt, muss man das ja auch bei Bewertungen von den anderen Angaben einfließen lassen", kommentiert einer der Verteidiger.

Auch die Ermittlungsarbeit der Polizei gerät ins Visier der Verteidiger. Denn die geladene Ermittlerin kann sich nur auf Aussagen der Opfer beziehen. "Warum vor Ort keine Spuren wie Blut oder Fingerabdrücke an Scherbenresten gesichert wurden", will einer der Verteidiger wissen. Die Polizeibeamtin kann es nicht beantworten.

Offene Frage nach dem Motiv

Die Frage nach dem Motiv bleibt nach dem ersten Prozesstag unbeantwortet. Die sechs Angeklagten äußern sich zu den Vorwürfen nicht – auch auf Anraten ihrer Anwälte. Denkbar ist, dass die Wittstocker einen zu viel über den Durst getrunken haben und dann mit dem Spielabbruch nicht zufrieden waren. Auch ein rassistisches Motiv wäre denkbar. Obwohl keiner der Angeklagten bislang mit fremdenfeindlichen Straftaten in Erscheinung getreten ist, wie der zuständige Staatsanwalt sagt.

Allerdings gibt es auch Zeugenaussagen, über die die geladene Polizeibeamtin berichtet. So hätte es schon während des Fußballspiels nachgeäffte Affenlaute und rassistische Schimpfwörter in Richtung der Flüchtlinge gegeben.

Das Amtsgericht setzt am Freitag den Prozess fort. Insgesamt sollen im Verfahren noch 15 weitere Zeugen vernommen werden. Ein Urteil wird Ende Februar erwartet.

Sendung: Antenne Brandenburg, 10.02.2020, 16:40 Uhr

Beitrag von Björn Haase-Wendt

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3 Kommentare

  1. 3.

    Wer immer noch behauptet unsere Justiz wäre auf dem linken Auge blind, wird hier wieder mal eines besseren belehrt.
    Soviel rechts Blindheit ist nicht mehr normal.

  2. 2.

    Damit die Staatsanwaltschaft haltbare Anklagepunkte aufbringen kann, müssen sie selbst(!) und auch die Polizei sauber arbeiten. Wenn augenscheinlich nicht einmal einfachste Beweissicherung stattfand, ist das bereits ungesetzlich bzw. sogar kriminell: Es bedeutet Strafvereitelung im Amt. Auch sind Teile der Polizei nicht dafür bekannt, rassistische Vorfälle aufklären zu helfen.

    Wenn Richter*innen darüber hinaus nicht hinreichend sensibilisiert sind, was rassistische bis rechtsextreme Anfeindungen angeht, müssen sie sich, genau wie in anderen Bereichen wie Medizin oder Psychologie/ Psychiatrie, externe Expertise hinzuholen, auch wenn ein Grundverständnis für Vulnerabilitäten von Geflüchteten zwingend vorhanden sein muss.

    Dass die Verteidigung ungeahndet versucht, eine Kausalität zu konstruieren und dabei Verleumdung begeht, sagt etwas über die mangelnde Integrität des Gerichts aus.

  3. 1.

    Stramme Leistung, schon nach fast drei Jahren das Verfahren zu beginnen.

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