An einer Häuserwand in Rathenow stehen Graffiti Tags (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Audio: Antenne Brandenburg | 12.02.2020 | Susanne Hakenjos | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

50 Euro zum Übermalen - Rathenow plant städtischen Anti-Graffiti-Fonds

Illegale Wandmalereien sollen aus dem Stadtbild in Rathenow verschwinden. Hausbesitzer sollen fürs Übermalen besprühter Flächen finanzielle Unterstützung bekommen. Doch es gibt viel zu wenig Flächen für legales Sprühen, sagen Kritiker. Von Susanne Hakenjos

Direkt im Rathenower Stadtzentrum, gleich neben dem Rathaus, prangen farbige Kritzeleien und sogenannte Graffiti-Tags an der Wand eines alten Industriebaus. Aber auch an Mehrfamilienhäusern oder alten Stadtvillen haben illegale Wandmalereien in letzter Zeit wieder zugenommen, ärgern sich viele Bewohner der havelländischen Kreisstadt. "Das stört extrem", schimpft eine junge Frau, deren eigenes Haus betroffen ist. Auch zwei ältere Passanten sind sich einig: "Schön ist das nicht", sagt der eine, "das ist doch Schmiererei, ganz fürchterlich, was hier überall ist", sagt der andere. "Da muss dringend etwas passieren."

Motivation aus dem Geld-Topf

Seit längerem sind bereits die Hausmeister der Wohnungsbaugesellschaften unermüdlich mit Pinsel und Farbe im Einsatz. Innerhalb von 48 Stunden übertünchen sie die Fassaden wieder weiß. Doch das allein reicht nicht, sagt Ordnungsamtsleiter Reinbern Erben. Er will jetzt mit einem Geld-Topf auch die privaten Hausbesitzer motivieren, aktiv zu werden. Sie sollen 50 Euro pro Einsatz erhalten, bei dem sie die unerwünschte Wandbemalung beseitigen: "Wir wollen Geld zur Verfügung stellen, mit dem man machen kann, was auch immer zielführend ist: Farbe kaufen, Pinsel kaufen, oder auch einfach nur Farbe aus dem Keller holen und aktiv werden", erklärt der Ordnungsamtsleiter das Konzept für den städtischen Anti-Graffiti-Fonds.

An einer Häuserwand in Rathenow stehen Graffiti Tags (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Durch regelmäßiges Reinigen und Übermalen sollen Sprayer entmutigt werden | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

Eine zeitliche Vorgabe fürs Entfernen soll es dabei nicht geben: "Wir wollen mit einer unkomplizierten Überweisung von 50 Euro einfach den Anreiz bieten, aktiv zu werden. Und wenn da ein Graffiti ist, das schon länger da ist und beseitigt wird, haben wir auch unsere Aufgabe erledigt." Schließlich ist der Griff zur Dose und das Besprühen fremden Eigentums nicht nur ein Ärgernis für viele, sondern vor allem auch eine Sachbeschädigung, also Straftat, betont Erben weiter.

Ziel des geplanten Anti-Graffiti-Fonds sei es, durch regelmäßiges Reinigen und Übermalen die Sprayer zu entmutigen, indem ihre Zeichen schnell wieder aus dem öffentlichen Raum verschwinden, erklärt Ordnungsamtsleiter Erben: "Der Sinn der Schmiererei ist ja nicht, zu schmieren, sondern eine Spur zu hinterlassen, um zu zeigen, ich war hier, ich habe mich was getraut. Und das Beseitigen ist ein Ansatz, den Erfolg zu minimieren." Sein Vorschlag, dafür 5.000 Euro den Haushalt einzustellen, stieß im Ordnungsausschuss bei den Stadtverordneten bereits informell auf große Zustimmung. Am 26. Februar wird der Anti-Graffiti-Fonds in der nächsten Stadtverordnetenversammlung vorgestellt und könnte dann beschlossen werden.

"Gibt es zu wenig legalen Flächen, muss man illegal malen"

Auf viel Skepsis dagegen stößt der Plan allerdings bei jungen Leuten in Rathenow. Viele glauben nicht, dass ein Anti-Graffiti-Fonds Wirkung zeigen wird, und erst recht nicht, dass das Säubern und Überstreichen Täter entmutigt. Eine Gruppe Jugendlicher an der Skate-Anlage am Rideplatz geht noch weiter: "Ich finde, wenn sie das weg machen, dann sollen auf jeden Fall mehr legale Flächen angeboten werden, weil das sonst gar nichts bringt", meint der junge Mann. "Die machen das innerhalb von 24 Stunden weg und innerhalb von 24 Stunden sind auch neue Bilder da." Denn wenn es keine legalen Flächen gibt, müsse man illegal malen. Junge Leute und Jugendsozialarbeiter kritisieren schon länger, dass es in der 25.000 Einwohnerstadt im Westhavelland offiziell gerade einmal drei legale Flächen gibt, an denen sich Sprayer kreativ austoben können, dazu zählt die sogenannte "Wall" - die Rückwand des Gebäudes der Rathenower Wärmeversorgung GmbH in Rathenow-Ost.

"Es sollte mehr legale Orte geben"

Meterhohe gesprühte Buchstaben und andere, aufwändiger gestaltete Graffiti-Bilder zieren den langen Wellblechzaun an der Körgrabenpromenade. Auch am Jugendtreff der "Halle" auf der Magazin-Insel kann in Absprache gesprüht werden. Die legalen Flächen aber reichen nicht aus, die Stadt muss dringend mehr Angebote für legales Sprühen schaffen, sagen selbst Rathenower, die sonst von den Sprayern genervt sind: "Unbedingt, es sollte mehr legale Orte geben. Denn es gibt ja auch einige, die das als Hobby und als Kunst machen. Und das finde auch cool", betont die junge Frau, die sich zuvor über die Verunzierung ihres Hauses verärgert geäußert hat. Verständnis kommt auch von Älteren für den Drang, sich mit der Farbdose zu betätigen: "Sollen sie doch alte Bauten nehmen und den Jugendlichen zum Bemalen frei geben, da können die dann malen wie sie wollen. Wir waren ja auch mal jung", lautet ein Vorschlag.

Wände für legales kreatives Sprayen gesucht

Der Wunsch Jugendlicher, gerade auch im Zentrum Rathenows einen legalen Ort für Graffiti als Kunstform zu finden, läuft bislang aber ins Leere. Weitere legale Wände fürs Sprayen zu finden, sei nicht einfach, erklärt Ordnungsamtsleiter Erben. Die Stadt selbst habe dafür keine Flächen, die dafür in Frage kämen. "Aber wenn es Ideen gibt, private Eigentümer zu mobilisieren, sind wir aber gern dabei", betont Erben.

Aktuell unterstützt die Stadt mit 630 Euro aus dem Jugendhaushalt ein Projekt der Bahn: Im Fußgängertunnel unterm Rathenower Bahnof wurden die langen, weißen Kachel-Wände regelmäßig besprüht, zuletzt - zum Unmut vieler - auch mit Polit-Parolen. Nun sollen dort bald große spezielle Wand-Tafeln hängen. Diese will die Bahn zuvor für kreative Aktionen zur Verfügung stellen. Dabei können Jugendliche die Tafeln nach ihren Vorstellungen gestalten, die zum echten Hingucker im Fußgängertunnel werden könnten.

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.02.2020, 16:10 Uhr

Beitrag von Susanne Hakenjos

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2 Kommentare

  1. 2.

    Erst einmal gebe ich Mario recht. Legale Flächen werden nur von denen genutzt die Graffiti als Kunst verstehen. Ich habe sogar schon gesehen, wie solche Bilder von diesen Illegalen beschmiert wurden.
    Wenn es wirklich mal gelingt, solche Dreckfinken zu erwischen, dann muss es heißen: „Schrubb, Schrubb“ und nicht „du, du“.

  2. 1.

    Offizielle Sprühflächen würden sicher denen helfen, die sich tatsächlich künstlerisch verwirklichen oder mal ausprobieren wollen. Diese Möglichkeiten sollte man schaffen, ggf. auch gegen geringe, kostendeckende Gebühren. Den Schmierfinken, welche nur auf das in den oberen Bildern gezeigte Gekrakel aus sind, sollte man hingegen die Singapur-Lösung angedeihen lassen, konsequent, allabendlich, bis sie das Geschmiere SELBST wieder entfernt haben. Nur müssten die Ordnungskräfte ihrer dafür erst mal habhaft werden...

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