Festnahme bei einer Razzia am 12.02.2020 in Nordrhein Westfalen gegen eine Betrüger-Bande, die mit der Falsche-Polizisten-Masche Geld erbeutet hatten (Bild: rbb/Althammer)
Audio: Inforadio | 12.02.2020 | René Althammer | Bild: rbb/Althammer

Razzien in NRW und Türkei - Ermittlern gelingt Schlag gegen Falsche-Polizisten-Bande

Eine Betrügerbande soll bundesweit Rentner um Millionen betrogen haben. Am Mittwoch gab es eine große Razzia in NRW und in der Türkei. Opfer in der Region gibt es zwar nicht, aber der Falsche-Polizisten-Trick nimmt auch hier zu. Von R. Althammer und O. Sundermeyer

Bislang gab es zwischen Deutschland und der Türkei kaum eine Zusammenarbeit von Justiz und Polizei - das könnte sich seit Mittwoch geändert haben: Der deutschen und türkischen Polizei ist zeitgleich ein gemeinsamer Schlag gegen die sogenannte Call-Center-Mafia gelungen.

Eine 60-köpfige Bande soll bundesweit Personen über fingierte Anrufe durch falsche Polizisten um Millionen betrogen haben. Chef der Bande war nach Informationen von rbb24-Recherche der älteste von vier Brüdern der türkischstämmigen Großfamilie Ö. aus dem Ruhrgebiet. Dieser soll aus seiner Villa in Istanbul über Jahre das kriminelle Familiengeschäft geführt haben.

Mit der Festnahme der Brüder Ö. in der Türkei und in Deutschland gelang es den Behörden zum ersten Mal, Hinterleute der organisierten Kriminalität in Form des Falsche-Polizisten-Tricks zu überführen. Mit dieser Masche werden seit einigen Jahren vor allem arglose Rentner um ihr Vermögen gebracht. Die türkische Polizei hat nun Call-Centern in Istanbul und Antalya stillgelegt, aus denen Anrufe kamen.

Polizei ermittelte seit 2017

Die Ermittlungen wurden seit 2017 durch die Polizeidirektion Osnabrück geführt - zunächst gegen einen einzelnen Beschuldigten. Als diesem vor dem Landgericht in Osnabrück schließlich der Prozess gemacht wurde, packte er nach Informationen von rbb24-Recherche aus, Struktur und Vorgehensweise der Bande wurden sichtbar. In der Folge sorgten Verbindungsbeamte aus dem Bundeskriminalamt (BKA) für die Zusammenarbeit mit der Türkei. Demnach bemühen sich die türkischen Behörden um die Abschöpfung des kriminell erlangten Vermögens der Großfamilie vor Ort.

Polizisten durchsuchten gleichzeitig in der Türkei und Deutschland Wohnungen, Geschäftsräume und Fahrzeuge und zwei Call-Center. In Datteln und Rheine wurden fünf Tatverdächtige festgenommen, darunter die Ehefrau des Clanchefs. Nach Polizeiangaben können der Bande mindestens 100 vollendete Betrugstaten mit einer Beute von mehr als drei Millionen Euro nachgewiesen werden.

Opfer wurden unter Druck gesetzt

Aus ihren türkischen Call-Centern gaben sich die Betrüger am Telefon als Polizisten aus, die behaupteten, sie würden ihre Opfer vor Einbrecherbanden schützen und ihnen helfen, Gold und Schmuck in Sicherheit zu bringen. Die Angerufenen wurden so unter Druck gesetzt, dass sie bereit waren, Geld und Wertgegenstände an angebliche Polizisten zu übergeben. Letztere waren jedoch nur die lokalen Abholer vom unteren Hierarchieende der Bande. Ihre Opfer fand die Bande vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern sowie in fünf weiteren Bundesländern. Betroffen sind in diesem Fall offenbar keine Menschen in Berlin und Brandenburg.

Ermittlungsgruppe in Berlin seit 2018 im Einsatz

Seit 2017 sind die Fälle, in denen organisierte Banden als "falsche Polizisten" vor allem ältere Menschen ausplündern, stark angestiegen. Eine bundesweite Abfrage der Redaktion rbb24-Recherche zeigt den Trend: Für das Jahr 2017 melden elf von 16 angefragten Landeskriminalämter 7.592 Betrugsfälle mit einem Gesamtschaden von über 20 Millionen Euro. Im Folgejahr (2018) lag die Gesamtzahl der nunmehr von 14 Landeskriminalämtern erfassten Betrugstaten bereits bei 17.438, die Schadenssumme bei über 40 Millionen Euro. Ermittler gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus, weil sich einige Betrugsopfer aus Scham erst gar nicht bei der Polizei melden.

Betroffen sind vor allem die großen westdeutschen Flächenbundesländer, in geringerem Maße aber auch Berlin und Brandenburg. In der Hauptstadtregion wurden 2018 insgesamt 125 vollendete Betrugstaten nach dieser Masche registriert, mit einem Schaden über rund 550.000 Euro. Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) hatte deshalb noch im selben Jahr eine Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung dieses relativ neuen Kriminalitätsphänomens eingerichtet. Eine Sprecherin der Berliner Polizei erwähnt in diesem Zusammenhang "hohe Schadenssummen, eine erhebliche Betroffenheit der oft hochbetagten Geschädigten", überdies würden diese Straftaten "das Ansehen der Polizei in der Bevölkerung in beträchtlichem Maße schädigen".

Lukrativer als Drogenhandel, Raub oder Einbrüche

Zu dieser Masche finden sich Banden mit ganz unterschiedlicher Täterherkunft zusammen. Einige Verfahren werden eindeutig der Clankriminalität zugeordnet. Erfahrene Ermittler aus diesem Bereich vermuten gar, dass einzelne Clans mit den Erträgen aus dem Telefonbetrug inzwischen mehr Geld verdienen als mit dem organisierten Drogenhandel, Raub oder Einbrüchen.

Nach Erkenntnissen von rbb24-Recherche haben deutsche Behörden auch konkrete Hinweise auf Angehörige aus dem bekannten Miri-Clan, die zur Call-Center-Mafia in der Türkei gehören sollen. Ein Mitglied dieser Großfamilie sitzt bereits in Münster eine entsprechende Haftstrafe als "falscher Polizist" ab. Im vergangenen November wurde ein Mitglied des kriminellen Al Zein Clans aus Berlin in Bayern verhaftet, als er versuchte, von einer Rentnerin Geld abzuholen. Der Mann galt bis zu seinem Freispruch als einer von fünf Tatverdächtigen des KaDeWe-Raubes aus 2014.

Bisher schwierige Zusammenarbeit unter den Behörden

Bislang haben Ermittler des Berliner LKA regelmäßig von einer "Blockade" gesprochen, wenn es darum ging, Straftäter ausfindig zu machen, die aus Deutschland in die Türkei geflohen waren oder von dort aus operieren. Bei der Berliner Staatsanwaltschaft, immerhin der größten in Deutschland, war bei erfahrenen Staatsanwälten der organisierten Kriminalität gar die Rede davon, dass man sich "das Faxpapier für entsprechende Rechtshilfeersuchen an die Türkei sparen" könne.

Dabei wäre eine Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden beider Länder vor allem bei der Bekämpfung krimineller Berliner Clans wesentlich, da ihre Mitglieder in vielen Fällen aus der Türkei stammen und das Land bislang als sicheren Rückzugsort genutzt haben. In dieser Woche hieß es nun beim Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage von rbb24-Recherche: "Mit Zunahme der polizeilichen Zusammenarbeitsanlässe haben sich belastbare Strukturen der Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Polizeibehörden entwickelt."

FAQ

rbb24: Welche Bedeutung hat die Betrugsmasche "Falsche Polizisten" in Berlin?

Polizei Berlin: Die in Rede stehenden Straftaten verursachen regelmäßig hohe Schadenssummen, führen zu einer erheblichen Betroffenheit bei den oft hochbetagten Geschädigten, binden beträchtliche Kräfte der Berliner Polizei auf allen Ebenen und schädigen darüber hinaus das Ansehen der Polizei in der Bevölkerung insgesamt in beträchtlichem Maße. In der vorliegenden Begehungsform sind die Taten zumindest der gewerbsmäßigen Bandenkriminalität zuzurechnen. Die Polizei Berlin hat daraufhin im September 2018 eine Ermittlungsgruppe beim Landeskriminalamt (LKA 26) eingerichtet, um derartige Straftaten nachhaltig zu bekämpfen.

Wer sind die Opfer?

Opfer sind überwiegend alleinstehende, ältere Personen.

Woran erkennt man, dass man es mit "Falschen Polizisten" zu tun hat?

Im Regelfall fragt der Anrufer im Laufe des Gespräches nach Wertsachen, Bargeld und/oder Schmuck, die beispielsweise bei einem Einbruch in Gefahr sein könnten. Nachfolgend bietet der Anrufer an, die Wertsachen (vorübergehend) zu sichern, indem ein Kollege zur Abholung vorbeigeschickt wird.

Die echte Polizei erkundigt sich nie telefonisch nach Wertsachen und bietet auch nicht an, diese dann abzuholen und in Verwahrung zu nehmen.

Daher gilt der Grundsatz: Lassen Sie keinen Fremden in Ihre Wohnung und übergeben Sie Wertsachen nie an fremde Personen!

Weitergehende Informationen zu dem in Rede stehenden Delikt sowie Verhaltenstipps der Polizei sind im Internet u.a. auf der Seite der Polizei Berlin unter www.berlin.de oder auf der Seite der Polizeilichen Kriminalprävention unter www.polizei-beratung.de zu finden.

Wie können sich die älteren Menschen schützen, worauf sollten sie achten?

Derartige Anrufe sollten generell sofort und ohne weitere Diskussion beendet werden: Hörer auflegen oder rote Taste "Gespräch beenden" am Hand-/Mobilteil des Telefons drücken.

Nachfolgend sollte die (echte) Polizei unter der bundeseinheitlichen Notrufnummer 110 angerufen und über den Sachverhalt in Kenntnis gesetzt werden.

Sendung: Inforadio, 12.02.2020, 8:40 Uhr

In einer früheren Version dieses Beitrags wurden statt der Anzahl der entsprechenden Betrugsdelikte für Berlin die Zahlen für das Saarland genannt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.   

Beitrag von René Althammer und Olaf Sundermeyer, rbb24 Recherche

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    Alte Leute zu beklauen ist einfach nur schäbich. In der Türkei einbuchten und nicht wieder rauslassen.

  2. 6.

    Gott sei Dank wurden endlich mal diese Verbrecher geschnappt. Hoffentlich werden sie hart bestraft.
    Schlimm genug wenn immerwieder ältere so betrogen werden.

  3. 5.

    Es ist sehr zu begrüßen und leider notwendig, dass die Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei offensichtlich besser wird. Und eine vermutete hohe Dunkelziffer mal nicht nur, wenn es um Rechte geht? Ich bin beeindruckt.

  4. 4.

    Wir sehen gern "Täter-Opfer-Polizei. Den Ganoven fallen immer wieder neue Tricks ein. Kürzlich; nur einen Zettel schreiben für eine nicht anwesende Nachbarin und was daraus wurde. S.d. i.d. Mediathek des rbb.

  5. 3.

    Ist es nicht schon eine Verharmlosung und Vereinfachung von einem Verdienst dieser Verbrecher zu reden?
    Es ist kein Verdienst es ist die unrechtmäßig erfolgte Bereicherung!
    Verdient haben die entsprechenden Personen eine gerechte Verurteilung und Bestrafung!

  6. 2.

    Bitte lesen Sie den Artikel vollständig und nicht nur die Überschrift. Da fängt's doch schon an. Dann erfahren Sie nämlich auch, daß vor allem ältere Menschen Opfer sind. Werden Sie erst mal 75. Und dann berichten Sie uns bitte, wie taff Sie dann mit beginnender Demenz noch sind.

  7. 1.

    Erstaunlich das da immer wieder Leute drauf reinfallen. Diese Betrugsmasche ist doch schon so oft thematisiert worden.

Das könnte Sie auch interessieren