Blick in einen Krankenhausflur, aufgenommen am Donnerstag (08.05.2008) in Berlin in der Klinik für Innere Medizin und Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums. (Quelle: dpa/Peer Grimm)
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Audio: Inforadio | 18.02.2020 | Interview von Dörte Nath | Bild: dpa/Peer Grimm

Weggang der Infektiologie-Abteilung - Kritik an Massenkündigung am Auguste-Viktoria-Klinikum

Paukenschlag in der Berliner Krankenhauslandschaft: Fast die gesamte Infektiologie-Abteilung des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums meutert gegen den Vivantes-Konzern. Die Linke kritisiert die Aktion - und bezweifelt, dass sie den Medizinern nützt.

Der überraschende Weggang einer ganzen Abteilung vom Auguste-Viktoria-Klinikum zum St. Joseph-Krankenhaus sorgt in der Berliner Politik für Unverständnis und Kritik. "Es ist offensichtlich das Ergebnis einer langen und wohl nicht glücklich verlaufenen Diskussion gewesen", sagte Linken-Politiker Wolfgang Albers, der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, dem rbb.

Zwar sei der Wechsel von 11 Ärzten und 27 Pflegekräften kein Skandal, gesundheitspolitisch aber auch keine kluge Lösung. "Durch solche Aktionen schafft man nicht mehr Personal, und auch nicht weniger Patienten, insofern ist das nicht wirklich eine Lösung", sagt Albers. Individuell könnte der Weggang vom Vivantes-Konzern eine gute Lösung sein, aber für die Patientenversorgung sei das kein Ausweg, so Albers.

St. Joseph Krankenhaus freut sich über neue Fachkräfte

Am Montag hatte der rbb exklusiv darüber berichtet, dass ein Großteil der Belegschaft auf der Station für Infektiologie im Auguste-Viktoria-Klinikum den Arbeitgeber wechseln wird - aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen.

Es stelle sich nun die Frage, warum das nicht verhindert wurde, sagte Albers dem rbb-Inforadio. Denn die Unzufriedenheit sei bekannt gewesen. Diskussionen habe es auch gegeben, "weil mit dem Ausscheiden des Chefarztes auch Umstrukturierungen geplant waren, die nicht einvernehmlich gelöst wurden", so Albers. Dass es am Ende so ausginge wie jetzt, sei keine glückliche Entscheidung.

Die Mediziner und Pfleger sollen ab 1. April am St. Joseph-Krankenhaus eine neue Abteilung für Infektiologie aufbauen. "Infektiologische Krankheiten nehmen wieder zu, wir sehen es gerade durch die Entwicklung in China, wie wichtig das Thema ist", sagte Tobias Dreißigacker, Geschäftsführer des St. Joseph Krankenhauses, der rbb-Abendschau. Daher freue er sich darauf, sein Krankenhaus mit dem Schwerpunkt Infektiologie positionieren zu können.

Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum
Bild: Bildagentur-online/Schöning

Albers übt Kritik an kirchlichen Krankenhäusern

Gesundheitspolitiker Albers hingegen kritisierte, dass "die eine Klinik der anderen Klinik aus Wettbewerbsgründen Personal abwirbt". Dass den Betroffenen die Arbeitsbedingungen in einem kirchlichen Krankenhaus attraktiver erschienen, als in einem landeseigenen Klinikum, überrasche ihn. "Bisher sind die konfessionellen Träger – auch das St. Joseph-Krankenhaus – nicht gerade dadurch aufgefallen, dass sie nun besonders günstige Tarifbedingungen anbieten oder deutlich bessere Arbeitsbedingungen anböten", sagt Albers. Gerade der Umgang mit den Personalvertretungen lasse oft eher zu wünschen übrig. Ob sich Mediziner und Pfleger damit auf längerer Sicht einen guten Dienst erwiesen haben, werde sich zeigen.

Sendung:Inforadio, 18.02.2020, 10.20 Uhr

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15 Kommentare

  1. 15.

    Der „liebe“ Politiker ist gar nicht eingeschnappt, der saß gute 16 Jahre im Betriebsrat von Vivantes und wurde von den Kollegialen und Kollegen viermal wiedergewählt. Also erzählen Sie dem nichts von den Bedingungen der Arbeitnehmer.
    Und eine Westsozialisation hat er auch noch, also nix „gute, alte DDR“.
    Was soll‘s also?
    Die Kolleginnen und Kollegen haben jede Freiheit, sich bessere Arbeitsbedingungen zu suchen, aber sind Sie denn sicher,
    dass Sie sie dort auch finden? Sei es ihnen gegönnt, sie haben sehr schwere Arbeit über viele Jahre sehr gut gemacht.
    Und trotzdem sehe ich ihre Reaktion jetzt kritisch. Bisher jedenfalls war von himmlischen Arbeitsbedingungen in konfessionellen Häusern ausgesprochen selten zu hören und für die Vergütung dort gilt Ähnliches. Aber vielleicht ist das ja jetzt alles anders. Das wäre ja dann im Sinne der Alt-Beschäftigten dort und der neu Hinzugekommenen eine positive Entwicklung.
    Aber so wie es aussieht, scheint das ja wohl ein frommer Wunsch.

  2. 14.

    Da klingt der liebe Politiker der Linken wohl ein wenig eingeschnappt?! Ist schon doof, wenn man sich selbst gern als Anwalt der kleinen Leute aufspielt, es aber nicht mal schafft, die Bedingungen für die eigenen Arbeitnehmer annehmbar zu gestalten! Jahrelang nur labern ändert halt nichts. Diese Menschen werden sich das schon gut überlegt und abgewogen haben. Ist schon irgendwie doof, dass man denen nicht wie in der guten alten DDR den Arbeitsplatz vorschreiben kann und die die Freiheit haben, sich den Arbeitgeber mit den besseren Bedingungen auszusuchen. Ich fürchte nur, die Verantwortlichen lernen trotzdem nichts daraus.
    Bei der BVG ist es ja auch nicht viel anders. Auch da wechselt jeder der kann zur Bahn oder S-Bahn.

  3. 13.

    Welche Politikerin bzw Politiker hat denn heute noch Ahnung vom realen Leben???
    Meines Erachtens keiner.
    Das fängt bei der Bundespolitik an und hört in den Bundesländern auf.
    Das Geschrei ist dann immer groß wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

  4. 11.

    In den ersten beiden Sätzen die Wörter "überraschend" und "Ergebnis einer langen und wohl nicht glücklich verlaufenen Diskussion".. finde den Fehler.
    RRG ist einfach unfähig zum regieren. Radwege und Betonpoller sind einfach viel wichtiger.
    Wenn man Arbeitnehmer mit Niedriglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen erpressen kann (Vermieter müssen es ja mit dem Mietendeckel ausbaden), dann ist alles ok. Aber wenn die sich das nicht gefallen lassen ist alles böse.

    Ich finde, es sollten endlich Köpfe rollen. Neuwahlen bringen gar nichts, denn Berlin ist von diesem Menschenschlag überrannt und die Bevölkerung fast komplett ersetzt worden.

  5. 10.

    Jetzt jammert die Politik weil Pflegekräfte und Mediziner so handeln, wie in der markt- und gewinnorientierten (von der Politik ja so gewollt) Gesundheitswirtschaft leider noch zu selten üblich. Die "Lieben Mitarbeiter" suchen sich die besten Bedingungen für ihre schwere Arbeit. Aus eigener Innenansicht weiß ich wie unzumutbar z.T. die Arbeitsbedingungen bei Vivantes sind, nicht nur im AVK. Aber an die Wurzel der Misere will niemand gehen. Miese Bezahlung, Schichtarbeit, nicht vorhandene Work- Life Balance, katastrophal starre Schichtsysteme, Anrufe der Station an freien Tagen wg. Personalmangel etc. Daher kein Nachwuchs, hohe Fluktuation, Wechsel ins Studium, hohe Teilzeitquote und Ausweichen in Leasing- Arbeitsverhältnisse.

  6. 9.

    Sauber gemacht! Wehrt euch weiter und setzt Zeichen.
    Man muss das Personal intensiver hevorheben, als das Wohl der Patienten. Patienten sterben nicht aus - die Pflege schon.
    Wurde alles verschnarcht - jetzt müssen es die Leidtragenden austragen.
    Ich begrüße weitere solcher Maßnahmen - viell. haben wir dann 2067 im Januar die Möglichkeit auf ethisch vertretbares Handeln.

  7. 8.

    Kann mich dem Kommentar von Steven ebenfalls anschließen. Wenn es im Leben steht, muß man sich bewegen. Und das haben die Menschen gemacht. Viel Glück in der neuen Abteilung.

  8. 7.

    Endlich traut mal sich jemand was zu unternehmen. Ist die Arbeitssituation und die Pflegesituation nun in den Vorständen der Kliniken und im Senat angekommen? Ich hoffe es!

  9. 6.

    "Individuell könnte der Weggang vom Vivantes-Konzern eine gute Lösung sein, aber für die Patientenversorgung sei das kein Ausweg, so Albers." Tja jetzt haben die Angesprochenen tatsächlich zu Abwechslung mal an sich gedacht.

    "Gesundheitspolitiker Albers hingegen kritisierte, dass "die eine Klinik der anderen Klinik aus Wettbewerbsgründen Personal abwirbt"." Dass Krankenhäuser unter wirtschaftlichen Aspekten arbeiten, hat doch die Politik selbst zu verantworten und jetzt kritisiert ein Politiker, dass entsprechend gehandelt wird? Das ganze Interview ist ein Armutszeugnis für die verantwortliche Politik und das ist gut so - leider.

  10. 5.

    Da haben wenigstens mal Menschen gehandelt und nicht wie unsere Politikergilde gelabert, gelabert, gelabert... weil nur durch Laberei bewegt sich nichts!!!
    Und irgendwann haben die Leute die Schnauze voll und tun ihr eigenes Ding.
    Ich hoffe die neue Abteilung wird ein Erfolg!!!

  11. 4.

    Dem Kommentar kann ich nur uneingeschränkt zustimmen.
    Über Jahre wurde die Krankenhauslandschaft in Berlin runtergewirtschaftet, Hilferufe von Seiten des Personals komplett ignoriert und, im Gegenteil, die Arbeitsbedingungen noch weiter verschlechtert. Es hat auch massive Auswirkungen auf die Patienten, wenn das Personal permanent überfordert wird und anstatt Entlastung immer weitere Belastungen erzeugt werden.
    Jetzt kommt von politischer Seite nur die große Missbilligung als Reaktion auf diese völlig legitime Notwehr-Reaktion.
    Wer hat es zu verantworten? Eindeutig die politischen Entscheidungsträger, die über lange Jahre einfach nur unverbesserlich die Augen und Ohren vor den Tatsachen verschlossen haben.
    Meine Hochachtung gilt allen Beteiligten für diesen mutigen Schritt mit großer Symbolwirkung.

  12. 3.

    "Dass den Betroffenen die Arbeitsbedingungen in einem kirchlichen Krankenhaus attraktiver erschienen, als in einem landeseigenen Klinikum, überrasche ihn". Die Überraschung seitens eines Gesundheitspolitikers überrascht nun mich. Er sollte schon die Bedingungen konkreter kennen als nur vom Hörensagen. Und das Personal ist ja nicht deppert. Die wechseln nicht zum Spaß.

  13. 2.

    ...Der überraschende Weggang einer ganzen Abteilung vom Auguste-Viktoria-Klinikum zum St. Joseph-Krankenhaus sorgt in der Berliner Politik für Unverständnis und Kritik...
    Hallooho??
    Liebe Politiker und -Innen und, und... ach liebe Politikbetreibende!
    Jahrzehntelang alles von sich schieben, was mit medizinischer Betreuung und Pflege zu tun hat, und jetzt das elbständige, völlig richtige und von mir komplett begrüßenswerte Handeln der Ärzte und Helfer kritisieren? Bitte, überdenken Sie hier mal Ihre demokratische Grundeinstellung.
    Ich hoffe, dass in diesem politikverkorksten Land endlich die mündigen Bürger endlich wieder aufstehen, um mal zu zeigen, dass die Macht tatsächlich vom Volke ausgeht und nicht von irgendwelchen, sich selbst am wichtigsten nehmenden Randpolitikfiguren, die weder Ahnung vom Bürger und erst recht nicht von ihrer eigenen Arbeit haben.
    Dann hat das auch ein Ende mit der komplett hirnrissigen Vergentrifizierung - wir haben anderes zu tun.

  14. 1.

    Das Problem erfolgt aus der Tatsache das Verwaltungsangestellte, Kaufmänner und Politiker über Sachen entscheiden von denen sie keine Ahnung haben. Zusätzlich schenken sie den Mitarbeitern an der Basis kein Gehör. Wenn jene Basis dann eine konsequente Entscheidung trifft, verhalten sie sich auch noch wie beleidigte Kinder.

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