Archiv: Ein junges Mädchen, das mit einer Gruppe Jugendlicher unterwegs ist, klebt in einem Park zwischen den U-Bahnhöfen Johannisthaler Chaussee und Britz-Süd Flugblätter an einen Laternenpfahl. Mit ihnen wollen sie um Hinweise im Fall der vermissten Rebecca bitten (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Audio: rbb|24 | 17.02.2020 | O-Ton Axel Petermann | Bild: dpa/Christoph Soeder

Interview | Profiler Axel Petermann - "Ich glaube nicht, dass der Fall Rebecca ein 'Cold Case' ist"

Vor einem Jahr verschwand die 15-jährige Schülerin Rebecca aus Berlin. Bis heute fehlt jede Spur. Profiler Axel Petermann sagt im Interview, warum er trotzdem nicht an einen "Cold Case" glaubt - und was den Fall so ungewöhnlich macht.

Vor einem Jahr, am 18. Februar 2019, verschwand die damals 15-jährige Berliner Schülerin Rebecca spurlos. Sie hatte bei ihrer Schwester übernachtet und soll nach Polizeiangaben deren Haus am Morgen nicht mehr lebend verlassen haben. Schnell geriet der Schwager des Mädchens in Verdacht - doch nach wenigen Tagen musste er wieder aus der U-Haft entlassen werden. Eine umfangreiche Suche nach der vermissten Schülerin begann - in Berlin und auch in Brandenburg. Doch bis heute gibt es keine Spur von Rebecca.

rbb|24: Herr Petermann, seit einem Jahr nun ist die damals 15-jährige Schülerin Rebecca aus Berlin spurlos verschwunden. Sehen Sie eine realistische Chance, dass das Mädchen noch am Leben sein könnte?

Axel Petermann: Das ist natürlich eine schwierige Frage. Man kann vermutlich ausschließen, dass Rebecca freiwillig verschwunden ist. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich irgendwo aufhält, ohne dass sie seit einem Jahr Kontakt zu ihren Eltern und zu ihrem Freundeskreis gehalten hat. Wenn sie noch leben sollte, dürfte ein Verbrechen vorliegen. Aber man muss mit dem Schlimmsten rechnen, nämlich dass sie nicht mehr lebt.

Davon ging die Polizei ja in diesem Fall schon nach wenigen Tagen aus…

In der Tat gingen die Ermittler sehr schnell schon davon aus, dass Rebecca nicht mehr leben würde, und sie hatten ja auch einen Verdächtigen gefunden, der sie getötet haben sollte.

Sie meinen den Schwager Rebeccas. Dem aber, wenn er es denn gewesen sein sollte, konnte die Tat nicht nachgewiesen werden.

Das stimmt. Man ist von Vermutungen und Beweisen ausgegangen, die gegen den Schwager sprechen dürften. Aber davon scheint nicht allzu viel übrig geblieben zu sein. Denn letztendlich hat man den Schwager nach einigen Tagen in Untersuchungshaft wieder freigelassen.

Die Polizei hatte sich ja wirklich sehr schnell auf den Schwager als mutmaßlichen Täter festgelegt und ihn quasi den Medien zum Fraß vorgeworfen. Hätte da die Unschuldsvermutung nicht mehr wiegen müssen - oder waren die Verdachtsmomente vermutlich viel konkreter, als nach außen hin klar war?

Die Verdachtsmomente werden sicherlich sehr groß gewesen sein. Doch sie ließen sich nicht durch die kriminaltechnischen Untersuchungen und auch nicht durch die Beweisführung durch Vernehmungen und durch Suchmaßnahmen bestätigen. Ich könnte mir vorstellen, dass immer noch eine Vielzahl von Ermittlern davon ausgeht, den Richtigen zu haben, es aber – momentan - nicht beweisen zu können.

Täter Opfer Polizei - Für immer verschwunden? (04.12.2019, 21:00)
Kurz nach dem Verschwinden Rebeccas untersuchte die Spurensicherung das Haus des Schwagers Bild: rbb

Das heißt, da hat jemand das perfekte Verbrechen begangen? Einen Mord ohne Zeugen und vor allen Dingen ohne Leiche?

Es muss ja nicht unbedingt ein Mord sein. Der Tod von Rebecca kann ja auch anders eingetreten sein. Da sind ja mehrere Szenarien denkbar: Es könnte ein Unglücksfall gewesen sein, es könnte auch ein Tötungsdelikt ohne die Merkmale eines Mordes sein. Man müsste herausfinden können, was genau geschehen ist – helfen würde da, wenn man Rebecca fände und die Gelegenheit hätte, sie zu untersuchen.

Was könnte jetzt noch zu einem Ermittlungserfolg der Polizei führen. Nur der Zufall?

Wenn es ein Tötungsdelikt ist, könnte es sein, dass der Täter den Druck, den er in sich haben muss, weil er eine junge Frau getötet hat, nicht mehr aushalten kann und von sich aus gesteht, was er getan hat. Möglicherweise gibt es auch Mitwisser – die könnten auch aussagen. Man könnte auch Rebecca finden und an ihrem Körper Spuren finden, die auf den Täter hindeuten. Aber es ist schwierig nach einem Jahr. Anscheinend ist Rebecca ja von einer Sekunde auf die nächste wie vom Erdboden verschwunden. Man scheint ja nicht die kleinste Vorstellung darüber zu haben, wo sie sein könnte.

Jetzt ist der Fall Rebecca dann leider doch zu einem klassischen "Cold Case" geworden, oder?

Ich glaube nicht, dass es sich bei Rebecca um einen "Cold Case" handelt. Die Staatsanwaltschaft hat ja gesagt, sie arbeite immer noch Spuren ab. Die Ermittlungen scheinen aber nicht mehr zu neuen Ansätzen geführt zu haben. Sie ruhen mehr oder weniger. Doch das Bemühen der Ermittler, da noch Licht in das Dunkel zu bringen, wird schon groß sein. Auch dürfte es durch den Jahrestag des Verschwindens wieder den einen oder anderen Hinweis geben. Vermutlich wird man auch die Personen, von denen man sich Auskunft erhofft oder denen man eine solche Tat zutraut, noch einmal befragen.

Ab wann ist ein Fall ein "Cold Case"?

Wenn es keine realistischen Hinweise und keine Ideen mehr gibt, denen man nachgehen kann. Wenn einem der Bleistift quasi aus der Hand fällt, weil man wirklich nicht mehr weiß, was man tun kann. Aber das bedeutet nicht, dass der Fall gar nicht mehr angefasst wird. Ich hatte selbst Fälle, bei denen ich dachte, dass ich den Täter nie finden würde. Doch dann gab es neue Hinweise oder bessere Untersuchungsmöglichkeiten – und es gelang doch noch.

Was die Suche betrifft, hat die Kripo ja einiges aufgeboten: Es wurde nach einer Leiche Rebeccas im Wald gesucht, in Flüssen und Seen. Mit Hubschraubern, Hunden, Verkehrsauswertung. Hätte es irgendwas gegeben, das man noch hätte machen sollen – oder jetzt noch machen müsste?

Um da Ratschläge zu geben, weiß ich zu wenig über den Fall. Ich würde immer denken, man muss genau die Situation besehen, die herrschte, als Rebeccas Schwester noch im Haus war. Oder konkreter noch: die Situation ab dem letzten Lebenszeichen, das wirklich von Rebecca ausgegangen ist. Dass man prüft, was da eigentlich gewesen ist, mit wem sie zuletzt Kontakt hatte und warum sie auf einmal weg war.

Ist dieser ganze Fall eigentlich sehr ungewöhnlich? Also dass es gar keine Spuren gibt und das Mädchen, fast noch ein Kind, einfach verschwunden ist? Oder gibt es das öfter als man gemeinhin denkt?

Rebeccas Fall ist in gewisser Weise einzigartig, weil er so durch die Medien gegangen ist. Die Eltern und die Freunde haben doch sehr intensiv die Öffentlichkeit gesucht. Sehr ungewöhnlich ist auch, dass die Polizei sich so schnell festgelegt hat und den Schwager des Mädchens in der Öffentlichkeit quasi vorgestellt und ihn eines Tötungsdeliktes bezichtigt hat. Andererseits verschwinden natürlich immer wieder Menschen – 200 am Tag, sagt man. Die meisten von ihnen kommen wieder – aber es gibt auch leider immer wieder Tötungsdelikte.

Polizei fahndet im Wald nach Rebecca (Quelle: rbb)Immer wieder durchsuchte die Polizei 2019 ein Waldstück in Brandenburg nach Rebecca

Die Familie Rebeccas hat sich ja ungewöhnlich offensiv verhalten. Sowohl den Medien gegenüber als auch was den Zusammenhalt mit dem verdächtigen Schwager betrifft. Hat das den Ermittlungen geholfen?

Das Verhalten der Familie ist schon ungewöhnlich. Andererseits: Was würden wir tun, wenn eines unserer Kinder verschwände? Vielleicht würden wir auch die Öffentlichkeit suchen. Man muss sich aber natürlich auch fragen, warum sie so überzeugt sind, dass der Schwager nichts mit Rebeccas Verschwinden zu tun hat. Gibt es da eine andere Wahrheit im Hintergrund, die die Familie weiß und die der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt wird?

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Sendung: Inforadio, 18.02.2020, 07:25 Uhr

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Lies mal hier nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Cold-Case-Ermittlungen Da ist es ausführlich beschrieben.

  2. 13.

    Das weiß sie bestimmt schon und auch, daß weiterbilden ein zusammenhängendes Wort ist. Bloß was soll ihr ein 'Translater' hier noch nützen? Late ist doch irgendwas mit spät oder verspätet und trans sind doch Leute, die leider inner Öffentlichkeit ständig angepöbelt und ekelhaft beleidigt werden.

  3. 12.

    Das "interview" wimmelt nur so von "könnte" und "scheint" und anderen Vermutungen sowie Spekulationen. Ein pensionierter Kriminalbeamter aus Bremen, der nicht eine Zeile der Ermittlungsberichte in diesem Fall kennen kann, verbreitet sich in unverantwortlicher Weise. Ebenso unverantwortlich ist der rbb, der solch ein "Interview" veröffentlicht. Es heizt nur den Medienhype an, ist weder informativ noch hilfreich für irgendwas. Sprechblasen im Konjunktiv.

  4. 11.

    Ich bestätige Ihre Aussage: In meiner DDR-Provinzschule gab es nur das Fremdsprachenfach "Russisch". Für andere Fremdsprachen hat es überhaupt keine Lehrkräfte an meiner Polytechnischen Oberschule gegeben. An anderen DDR-Schulen mag es wieder anders gewesen sein. Die DDR-Realität war nicht einheitlich trotz Einheitspartei...

  5. 10.

    Das dürfte regional verschieden gewesen sein. Bei uns in der norddeutschen Provinz gab es Englisch nur als freiwillige AG.
    Und Französisch natürlich überhaupt nicht.

  6. 9.

    Frau Gisela, falls Tesla kommt, wird in grünheide sicherlich häufiger englisch statt russisch gesprochen. Ich hoffe, dass Rebecca 's verschwinden aufgeklärt wird und kein Cold Case mehr sein wird.

  7. 8.

    Englisch stand in der DDR sehr wohl auf dem Lehrplan. Teilweise konnte man sogar Französisch wählen (habe ich getan). Nur wer in Deutsch oder Russisch schlechter als "3" (oder war es "4"?) stand, durfte keine zweite Fremdsprache wählen.
    Ansonsten stimme ich aber zu, dass man ruhig auch "ungelöster Fall" hätte schreiben können.

  8. 7.

    Im Fall der ermordeten Frau Paulus bei Bonn hat der Ehemann 5 Jahre lang geschworen, von nichts zu wissen. Es gab sogar Auftritte bei Aktenzeichen XY. Am Ende musste er zugeben, dass die Leiche im Keller einbetoniert war. Wenn sich im Laufe der Ermittlungen ein dringender Tatverdacht ergibt, muss damit auch offen umgegangen werden. Immerhin ist der Schwager ja mitten in der Nacht mit seinem PKW auf der Autobahn unterwegs gewesen. Von Seiten der Polizei also richtig. Dass die Medien das bis ins Letzte ausgeschlachtet haben war verwerflich. Der Polizei wird es um reine Zeugensuche und Aufklärung gegangen sein.

  9. 6.

    Liebe Tina und liebe Gisela, was haben Ihre Kommentare jetzt mit Rebecca und ihrem verschwinden zu tun....das ist wirklich traurig, sich über so etwas aufzuregen. Ein "Translater" im Netz hilft weiter. Aber das wissen Sie wahrscheinlich ganz alleine.
    Wenn ich es richtig gelesen habe, ist Herr Petermann in diesem Fall nicht mit einbezogen worden war. Vielleicht sollte man das noch einmal überdenken.

  10. 5.

    Zustimmung! Ich finde es geradezu unverschämt, ausschließlich den (offenbar fachsprachlichen) englischen Begriff zu verwenden.

  11. 3.

    Warum übersetzt der RBB das Fremdwort "Cold Case" nicht ins Deutsche? Nicht alle Leser haben Englisch-Kenntnisse!
    Ich z.B. habe nur zu DDR-Zeiten die Schule besucht. Wir mussten nur die russische Sprache lernen. Englisch stand nicht im Lehrplan. Der RBB trägt Verantwortung gegenüber allen GEZ-Zahlern. Es würde mir und anderen Nicht-Fremdsprachlern ausreichen, wenn man hinter fremdsprachigen Begriffen bzw. Sätzen die deutsche Übersetzung (in Klammern) anfügt. Danke!

  12. 2.

    Vermutungen sind sicher fehl am Platz.
    Parallelen zum Fall aus Franziska aus Cottbus sind möglich.
    Hier gab es auch solche medialen Auftritte der Familie.

    https://m.tagesspiegel.de/berlin/missbrauchsprozess-in-cottbus-im-fall-franziska-ist-ein-ende-in-sicht/25300606.html.
    Es sollte kein Versuch unterbleiben, auch bei Verwandten etc zu suchen.

  13. 1.

    Mir hat die Rolle der Medien in dem Fall überhaupt nicht gefallen, auch nicht die der öffentlich-rechtlichen. So eine intensive mediale Berichterstattung finde ich unangemessen. Sie war in meinen Augen sogar skandalös! Das Niveau der BILD-Zeitung allerorten.

    Auch die öffentliche Vorverurteilung des Schwagers, die allem rechtsstaatlichen Prinzipien widerspricht. Auch wenn die Familie zu Interviews bereit war, die Medien hätten zu einem so frühen Zeitpunkt nicht so reißerisch und intensiv einsteigen dürfen. Das ist keine Live-Dokumentation eines Ereignisses, sondern ein Verbrechen an einem Kind! Wo bleibt hier der Opferschutz?

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