Handyfoto: Wildschweine galoppieren durch Kleinmachnow. (Quelle: rbb/Brandenburg Aktuell)
Bild: rbb/Brandenburg Aktuell

Neue Munition gegen Wildschweinplage? - "Wir brauchen alle möglichen Jagdmethoden in Stahnsdorf"

Wildschwein versus Mensch: In Stahnsdorf ist es häufiger zu Begegnungen gekommen. Jetzt wurde erstmals ein Moped-Fahrer verletzt. Und eine Wildschwein-Rotte bedrohte eine Familie mit Kindern. Kann Spezial-Munition das Problem lösen? Von Susanne Hakenjos

Im Moment heißt es in Stahnsdorf: Besser weglaufen, wenn plötzlich ein Keiler oder eine Bache mit Frischlingen auf dem Grundstück oder Gehweg auftaucht, sagen die Menschen in der Gemeinde in Potsdam-Mittelmark. Und das kommt häufiger vor, als ihnen lieb ist. "Ich habe schon öfter Auge in Auge so einer Bache gestanden. Und ich weiß auch ganz genau, wo ich hinrennen muss, wenn die nicht bloß gucken", berichtet ein älterer Mann.

Vor allem um die Kinder im Ort machen sich die Einwohner Sorgen. "Das muss endlich reduziert werden", ist eine vielgehörte Forderung. Abschießen ist innerorts aber zu gefährlich. Zu groß ist das Risiko, dass Querschläger Menschen verletzen könnten. Die innerörtliche Jagd mit dem Gewehr könnte nun aber möglicherweise doch eine Chance bekommen, dank einer ganz besonderen Spezial-Munition, erklärt Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger BfB). Denn die neuste Idee im Kampf gegen die Wildschweinplage heißt: "energiereduzierte Munition". 

Spezialmunition, die im Wildschwein stecken bleibt

"Es gibt eine Spezialmunition, die zerlegt sich im Körper des Tieres. Sie kommt ursprünglich aus der Terrorbekämpfung und soll verhindern, dass Geiseln oder andere Personen bei einem Einsatz von Spezialkräften durch wieder austretende Geschosse auch noch in Gefahr gebracht werden", erklärt der Stahnsdorfer Bürgermeister das Wirkprinzip. Bleibt eine solche Kugel im Tier stecken, kann sie nicht mehr von Häuser-Wänden abprallen und damit Menschen gefährden, das ist der Unterschied zur klassischen Gewehr-Kugel.

Wird sie zugelassen, könnten Jäger dann auch innerorts schießen. Befragte Stahnsdorfer würden das begrüßen. "Wenn sie sowas machen können, dann sollen sie das auch machen. Ich kann dem Jäger gerne auch zeigen, wo er die Wildschweine findet: Gegenüber von unserem Haus, keine zwanzig Meter entfernt, da liegen die und schlafen immer," dringen Betroffene auf einen baldigen Einsatz.  

Gutachten zu energiereduzierter Munition ist in Arbeit

So schnell wie manche Stahnsdorfer es sich wünschen, geht es aber nicht: Ins Spiel gebracht hat die Spezial-Munition der neue brandenburgische Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen). Sein Ministerium als oberste Jagdbehörde lässt derzeit durch ein Gutachten klären, ob die speziellen Kugeln tatsächlich innerorts eingesetzt werden könnten. Geklärt werden soll, wie viel Energie wirklich mindestens für das zuverlässige Töten eines Wildschweines nötig ist, ohne dass dabei die Umgebung gefährdet wird.

In zwei bis drei Monaten soll das Ergebnis vorliegen, eine Genehmigung könnte dann folgen. Ob die Jagdpächter und ihre Jäger die Spezialmunition dann aber wirklich auch benutzen, steht auf einem anderen Blatt, weiß Stahnsdorfs Bürgermeister Albers.

Die Spezialmunition und die dafür benötigten Gewehre sind teuer

"Man muss wissen, dass die entsprechenden Jagdwaffen und die Munition erheblich teurer sind als normale Jagdgewehre und Kugeln. Nicht jeder Jagdpächter und Jäger kann sich die sofort leisten", gibt Albers zu bedenken. Offen sind auch weitere wichtige Fragen: "Wenn die Munition sich im Körper des Tieres zerlegt, wie ist es mit der Verwertbarkeit des Fleisches? Und vor allen Dingen: Welchen Anreiz hat der Jäger, wenn er solche Schweine mit solcher Munition schießt nicht verwerten kann? Ist die Bereitschaft zu jagen dann noch genauso groß wie mit herkömmlichen Waffen? All das sind Fragen, die wir noch klären müssen und bei denen ich nicht ganz so optimistisch bin, ob das den gewünschten Erfolg erzielt," bremst Albers die Hoffnungen.

"Wir brauchen alle Jagdmethoden"

Stahnsdorfs Bürgermeister setzt weiter auf alle Möglichkeiten der Jagd. Zwei Schweine-Fallen sind im Ort mittlerweile in Betrieb, eine weitere in Kleinmachnow. Bei der Fallenjagd aber ist der Aufwand sehr groß, betont Albers. Sie darf nur scharf gestellt werden, wenn der Jäger direkt vor Ort ist und gefangene Tiere sofort töten kann. Dabei geht es darum, den Stresszeitraum für die gefangenen Tiere so kurz wie möglich zu halten.

Um die steigende Wildschweinpopulation in den Griff zu bekommen, müssten alle Möglichkeiten genutzt werden, fordert Albers. "Wir brauchen alle Jagdmethoden, speziell auch die Bogenjagd gehört weiter dazu", betont Albers. Mehr Aufklärung über diese spezielle Jagdmethode würde seiner Ansicht nach auch für mehr Akzeptanz sorgen.

So werde in Spanien die erfolgreiche Bogenjagd auf Wildschweine in Städten wie Madrid demonstriert, sagt Albers und erneuert die Forderung der Gemeinde Stahnsdorf, dass auch die Jagd mit modernem Hochleistungsbogen und Carbon-Pfeilen als wissenschaftlich begleiteter zeitlich begrenzter Pilotversuch vom Minister erlaubt wird. "Ich werde so lange nicht ruhen, bis auch diese Jagdmethode zumindest örtlich und zeitlich begrenzt als Ausnahmeversuch, wie es das Land Brandenburg zulassen kann, eingeführt wird."

Sendung: Antenne Brandenburg, 25.02.2020, 16:12 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Die werden aber auch z.B. durch Eicheln., Bucheckern und Blumenzwiebeln angelockt. Soll man jetzt deshalb die Bäume fällen und alle Blumenzwiebeln ausbuddeln?

  2. 4.

    Du kannst nicht auf dem Land wohnen und dich dann über Schweinderl und Füchse beklagen! Was sollen die Tiere denn sagen? Die haben sich die Neuzugezogenen auch nicht nach draußen in den Speggürtelgewünscht!

    Kompost zu, dort keine Küchenabfälle sondern nur max. Gemüseschalen reinschmeißen, Zaun ums Grundstück. Fertig.

    Jagd verändert die Population nur kurzfristig (O-Ton: Derk Ehlert, Vortrag Kammerspiele Kleinmachnow). Aber blöde Lebensbedingungen lässt Schweinderl schon mal kurz nachdenken, ob es dort noch schön ist, wo sie ihren Küchenmüll bisher abgreifen...

  3. 3.

    Alles abknallen was nicht passt. Sehen wir auch bei Wölfen. Und es ist zu bezweifeln, ob es was bringt. Erwiesen ist, dass sich Wildschweine bei dezimierter Population noch mehr vermehren. Vielleicht mal bei den Ursachen ansetzen. Die Tiere gehen in die Stadt weil der Lebensraum auf dem Land schwindet. Ach übrigens, mehr Wölfe würden das Problem auch eindämmen.

  4. 2.

    Die Wildschweine werden doch bestimmt durch Essensreste angelockt. Dann sollten die Bewohner kein Essen mehr wegschmeissen.

  5. 1.

    "Welchen Anreiz hat der Jäger, wenn er solche Schweine mit solcher Munition schießt nicht verwerten kann? Ist die Bereitschaft zu jagen dann noch genauso groß wie mit herkömmlichen Waffen?"

    selten mal wird von dieser Seite so offen über die tatsächlichen Prioritäten und Gründe für die Jagd gesprochen.

    Das kann man leicht damit umgehen, dass man da nicht die normalen Jagdpächter einer Region damit beauftragt, sondern von Regierungsseite jemanden einstellt, der das in der Stadt ausführt. Damit ist auch das monetäre Argument vom Tisch (weil als Arbeitsmittel das der Staat erledigt) und auch die Arbeitszeit würde bezahlt werden, um Lebendfallen zu betreiben.

    Gleichzeitig würde man den Jägern diese Aufgaben in der Stadt entziehen- die haben hier IMHO nämlich absolut nichts zu suchen und wie man oben sind, oft von eigenen Interessen getrieben. Vielleicht gäbe es diese Problem dann in dieser Intensität gar nicht mehr.

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