Bis zu einer Brücke in Berlin-Köpenick funktioniert die Beleuchtung, während der andere Teil der Stadt ohne Strom ist, Archivbild vom 19.02.2019 (Quelle: dpa/Julian Stähle)
Video: Abendschau | 19.02.2020 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Julian Stähle

Ein Jahr nach Stromausfall in Köpenick - "Katastrophenhelfer bis heute nicht entsprechend ausgerüstet"

Am 19. Februar 2019 fiel in großen Teilen von Berlin-Köpenick der Strom aus. 31 Stunden lang blieben Telefone tot, es gab kein Internet und Kühlgut taute auf. Der Bezirk hat nach den Erfahrungen reagiert - doch es gibt noch viele Unsicherheiten. Von Thomas Rautenberg

Es ist der 19. Februar 2019. Torsten Kurz, der Katastrophenschutzbeauftragte des Bezirks Treptow-Köpenick, war gerade auf dem Weg nach Hause als am Nachmittag sein Telefon klingelte: "Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister Treptow-Köpenick, rief mich an: 'Herr Kurz, wir müssen uns sehen, wir haben keinen Strom, ich sitze im dunklen Rathaus'", erinnert er sich.

Krisenstab ging von schnellerem Ende aus

Die Köpenicker Altstadt lag komplett im Dunkeln. Bei Bauarbeiten an der Salvador-Allende-Brücke war ein Stromkabel so stark beschädigt worden, dass gegen 14 Uhr in Köpenick, Müggelheim, Grünau, Bohnsdorf, Schmöckwitz und Teilen von Lichtenberg das Licht ausging. Etwa 30.000 Haushalte und 2.000 Betriebe waren vom Blackout betroffen. Es funktionierten keine Heizungen und Telefone mehr, alle Geschäfte mussten schließen. 

Als der regionale Krisenstab das erste Mal zusammenkam, ging man davon aus, dass man an diesem Abend noch nach Hause geht und der Strom wieder da ist, berichtet Kurz. "Der erste Plan war, dass um 24 Uhr, spätestens zwei Uhr nachts alles vorbei sein sollte. Darauf hat man sich erstmal eingestellt."

Dieser Bereich war in Köpenick vom Stromausfall betroffen:

Ein Karte der vom Stromausfall betroffenen Haushalte in Köpenick (Bild: Abendschau)

Doch dann ist der Katastrophenschutzbeauftragte für anderthalb Tage nur zum Wäschewechsel nach Hause gekommen. Stattdessen wurde organisiert und telefoniert - glücklicherweise gingen Handys zu diesem Zeitpunkt noch. Die ersten Hilferufe gingen beim Krisenstab ein. "Es gab zum Beispiel eine Familie mit einem Kind, das ein Beatmungsgerät hatte. Aber es gab keinen Strom", berichtet Torsten Kurz. "Was macht man mit dem Menschen? Was passiert, wenn wir einen längeren Stromausfall haben? Wo bringen wir sie unter?" Es mussten also Notunterkünfte organisiert werden. Torsten Kurz und sein Team riefen Hotels an, ob sie Strom haben und wie viele Betten sie zu Verfügung stellen können.

Hardy Häusler, Katastrophenschutzbeauftragter des DRK Berlin (Quelle: rbb/Thomas/Rautenberg)Hardy Häusler ist Katastrophenschutzbeauftragter beim DRK Berlin

"Katastrophenschutz sollte besser integriert werden"

Inzwischen war auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) angerückt: 1.500 freiwillige Helfer installierten Notstromaggregate oder übernahmen Personentransporte. Viele, gerade aus der Region selbst, waren nicht mehr erreichbar, weil das Internet nicht mehr funktionierte und Sendemasten ausgefallen waren, sagt Hardy Häusler, Katatstrophenschutzbeauftragter des DRK Berlin.

Der Digitalfunk von Feuerwehr und Polizei funktionierte zwar, aber die Katastrophenhelfer waren - und sind bis heute - nicht entsprechend ausgerüstet, beklagt Häusler. "Aus unserer Sicht macht es Sinn, dass wir in das System integriert werden und auch mit sogenannten Piepern ausgestattet werden. So bekommen die Hilfsorganisationen die Möglichkeit, auch ihre eigenen Kräfte selber zu mobilisieren."

"Berlin braucht Logistikzentren"

Und wenn die Kräfte vor Ort sind, stellt sich schon die nächste Frage, sagt Häusler: Woher kommen Wasser und Lebensmittel, wenn die Supermärkte geschlossen sind? Woher kommen Betten, Decken und andere Sachen, wenn ein Blackout nicht nur einen Bezirk, sondern die ganze Stadt trifft? "Früher gab es eine Senatsreserve für solche Dinge. Heutzutage gibt es das nicht mehr. Hilfsorganisationen halten zum Teil Dinge vor", beschreibt Häusler. Auf der Bundesebene werde dies derzeit intensiv erörtert, dass es mehrere große Logistikzentren braucht, wo Material für diese Einsatzfälle vorgehalten wird. "Das wird auch in Berlin benötigt. Es braucht aber auch Konzepte, wie man in diesen Krisen Menschen schnell helfen kann."

Genauso wie Berlin ein Konzept für Trinkwasserbrunnen braucht. Seit langem wird darüber diskutiert, entscheiden ist aber nichts, sagt Häusler. Sensible Gebäude, wie Seniorenheime, sollten vorsorglich auf einen Stromausfall vorbereitet werden. "Am Köpenicker Beispiel waren es diese elfgeschossigen Seniorenwohnheime, wo es auch keine externe Strom-Einspeisung gab. Mit wenig Aufwand könnte man aber besondere Gebäude dazu ertüchtigen, weiter zu funktionieren."

Für solche Fälle müsste es meiner Meinung nach klare Vorgaben der Senatsinnenverwaltung geben, einschließlich der finanziellen Ressourcen und Verantwortlichkeiten in den Haushalten.

Torsten Kurz, Katastrophenschutzzbeuaftragter von Köpenick

Katastrophenschutz-Leuchtturm in Adlershof eingerichtet

Köpenick hat nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres reagiert. In Adlershof wurde der erste sogenannte Katastrohenschutz-Leuchturm in Betrieb genommen. Dabei handelt es sich um ein Bezirksamtsgebäude mit eigener Notstromversorgung - sozusagen als Einsatzzentrale für die Behörden und Inforamtionspunkt für die Anwohner. 350.000 Euro hat der Bezirk dafür locker gemacht.

Andere Bezirke sind da noch lange nicht so weit und deshalb sei der Senat am Zuge, sagt Köpenicks Katastrophenschutzzbeuaftragter Torsten Kurz: "Für solche Fälle müsste es meiner Meinung nach klare Vorgaben der Senatsinnenverwaltung geben, einschließlich der finanziellen Ressourcen und Verantwortlichkeiten in den Haushalten."

Das würde heißen, dass die Katastrophenschutzbehörden der Bezirke über die Innenverwaltung finanziert werden und beispielsweise überall Notstromaggregate einbauen können. Der Senat würde nicht nur das Geld zu Verfügung stellen, sondern auch das Know-how, so dass alle Bezirke gleich ausgestattet sind. "Doch das ist leider nicht so", kritisiert Kurz.

Am Ende muss natürlich auch jeder für sich selbst sorgen: mit Wasserflaschen, Konserven, einem Radio mit Batteriebetrieb und was man sonst noch braucht, um eine Zeitlang über die Runden zu kommen. Deutschland hat zwar die sichersten Stromnetze - aber was ist in diesen Zeiten schon wirklich sicher.

Sendung: Inforadio, 19.02.2020

Beitrag von Thomas Rautenberg

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich bin immer wieder erstaunt, dass es viele Leute gibt die tatsächlich keine Vorräte zu Hause haben. Man sollte doch wenigstens Nahrung, Wasser, Kerzen usw. für 7-10 Tage vorrätig haben. Das nimmt auch gar nicht Mal soviel Platz weg wie viele denken. Unabhängig davon wäre eine erneute Senatsreserve natürlich gar nicht schlecht.

  2. 2.

    Darf ich fragen, was Sie an "seit dem Zweiten Weltkrieg" stört? Ich finde das absolut in Ordnung und weiß nicht, was daran "leider" sein soll.

  3. 1.

    Vorletzte Bild der Fotogalerie: der Text mit der Zeitangabe "zweiter Weltkrieg" . Diese Angaben könnte doch auch durch Jahreszahl ( zB. Seit 1945) ersetzt werden, Leider wird Ihre Variante viel zu oft genutzt.

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