Auf sechs Spuren rollt der Verkehr am 31.05.2016 in Berlin auf der Bundesautobahn A113 kurz vor der Abfahrt Stubenrauchstraße bzw. Adlershof (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Audio: Inforadio | 15.02.2020 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Soeren Stache

Telematik-Tarif bei Kfz-Versicherung - Der Sensor fährt mit

In Deutschland sind Kfz-Versicherungen teuer - vor allem für Fahranfänger. Manche entscheiden sich deshalb für einen so genannten Telematik-Tarif. Dabei überwacht ein Sensor im Auto das Fahrverhalten. Ein Rabatt, der nicht umsonst ist. Von Thomas Rautenberg

Die 19-jährige Studentin Marta nimmt mich mit nach Köpenick. Mit ihrem kleinen roten Auto fahren wir in Tempelhof auf die Stadtautobahn. Sie wirkt sehr sicher im Großstadtverkehr. "Ich bin eher eine defensive Fahrerin und halte mich an die Geschwindigkeitsvorgaben, auch weil ich noch in der Probezeit bin", erzählt sie.

In der Frontscheibenecke ihres Twingos ist ein kleiner schwarzer Sensor eingeklebt, der via App die ständige Verbindung zum Versicherer hält. Marta ist bei ihrer Mutter mitversichert, die den Vertrag mit dem sogenannten Telematik-Tarif abgeschlossen hat. "Wenn wir fahren, werden wir von dieser App sozusagen beobachtet - und wenn wir gut fahren, sparen wir beim Versicherungsbeitrag."

Studentin Marta sitzt in ihrem Auto, an der Windschutzscheibe hängt der Sensor (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
An der Winschutzscheibe unten links hängt der Sensor, der Martas Fahrverhalten aufzeichnet | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Viel Geld einsparen - und viele Daten preisgeben

Mutter und Tochter können gut 200 Euro jährlich bei der Kfz-Versicherung einsparen. Das ist viel Geld, aber es sind auch viele Daten. An den Versicherer werden das Fahrverhalten, der Streckenverlauf und das Ziel übermittelt. Das alles wird auf Servern gespeichert. Wie hoch der Versicherungsrabatt auf Dauer ausfallen wird, hängt vom errechneten Score ab. Von diesem Wert ist die Studentin allerdings enttäuscht. "Meine Werte pendeln sich immer um die 70 ein. Bei meiner Mutter sind sie bei 80. Aber ich habe immer das Gefühl, dass man es gar nicht nachvollziehen kann, warum man diesen Wert hat."

Für Lars Gatschke von der Verbraucherzentrale Bundesverband ist das intransparent. Bis zu 30 Prozent weniger Kosten für die Kfz-Versicherung? Theoretisch ja, doch schon eine Nachtfahrt gelte in den Augen der Versicherer als erhöhtes Risiko. Seiner Meinung nach versucht man über diese Tarife an entsprechende Datenmengen zu kommen, um das Modellierungsverfahren weiter zu verfeinern. "Man ist quasi ein Versuchskaninchen und die Frage ist, ob man ein Versuchskaninchen sein will."

Wie werden exakte Geschwindigkeiten erfasst, wenn es zu kurzfristigen Verkehrseinschränkungen kommt? Bremst ein Fahrzeugführer scharf, weil er zu schnell unterwegs war oder weil er den Fehler eines anderen ausbügeln musste? Da die Antworten auf diese Fragen offen sind, will der Verbraucherschützer keine Empfehlung aussprechen: "Das hängt damit zusammen, dass die Ersparnis im Augenblick noch relativ gering ist. Man weiß auch nicht, welche Ersparnis man tatsächlich erzielen kann. Auf der anderen Seite steht die große Frage, was mit den Daten passiert. Vor diesem Hintergrund sagen wir, dass die Risiken wesentlich größer sind als die Vorteile."

Der Screenshot zeigt den Score-Wert (links) und die gefahrene Strecke (Quelle: privat)
Der Screenshot zeigt den Score-Wert von Marta (links) und die gefahrene Strecke ohne Beanstandungen | Bild: privat

"Es ist ein grusliges Gefühl"

Wir haben den Britzer Tunnel mittlerweile hinter uns gelassen und fahren Richtung Süden. Marta setzt den Blinker und ordnet sich rechts ein. Der Sensor in der Frontscheibenecke wird registrieren, dass wir jetzt die Ausfahrt nehmen.

Die App sendet aber nicht nur aus dem Auto heraus. Die 19-Jährige soll die App stets und ständig scharf gestellt haben. So heißt es vom Versicherer: "Damit die App funktioniert, ist es notwendig, dass Sie die Nutzung Ihres Standorts immer zulassen. Die App erkennt so die Veränderung Ihres Standorts."

Marta macht das auch, meistens jedenfalls, denn sie will keinen Stress mit der Versicherung bekommen. Eine Kontrolle rund um die Uhr ist für sie allerdings ein Problem. "Es ist ein grusliges Gefühl. Vor allem weil es Leute gibt, die wissen, wo ich wann am Tag bin und mich jeder Zeit auffinden können."

Überwiegend ausländische Telematik-Dienstleister

Um den Datenschutz zu wahren, funktioniert die Telematik in einem Zwei-Kreis-System: Der Versicherer kennt den Namen des Kunden. Die aktuellen Fahrdaten bekommt er nicht. Diese werden von einem Dienstleister erfasst und ausgewertet, der wiederum den Namen des Kunden nicht zuordnen kann. Der errechnete Score-Wert geht dann zurück an die Versicherung. Im besten Fall können also weder Versicherer noch Dienstleister die Bewegungsprofile und die dazugehörigen Fahrernamen übereinander legen.

Christoph Brömmelmeyer (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Rechtsprofessor Christoph Brömmelmeyer | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Bleibt die Frage, wer die Dienstleister sind, die die Daten erfassen, sagt Professor Christoph Brömmelmeyer, geschäftsführender Direktor des Instituts für das Recht der Europäischen Union an der Frankfurter Viadrina. "Überwiegend handelt es sich um ausländische Unternehmen", so der Rechtsprofessor. Die Firmen hätten ihren Sitz nicht im EU-Ausland, sondern beispielsweise in Kanada oder Südafrika. "Während wir mit der Datenschutzgrundverordnung ein außerordentlich strenges Datenschutzrecht haben, sind es Unternehmen in ganz anderen Rechtsordnungen, in denen das Datenschutzrecht vielleicht sehr viel liberaler gehandhabt wird", so der Rechtsexperte.

Marta will später anderen Versicherungstarif

Die beiden großen Kfz-Versicherer HUK und Allianz kommen deutschlandweit zusammen auf über 170.000 Versicherungsverträge mit Telematik-Tarif bei knapp 50 Millionen Fahrzeugen, die hierzulande unterwegs sind. Das ist noch nicht das ganz große Geschäft. Dabei sieht Christoph Brömmelmeyer durchaus positive Effekte, weil Telematik-Tarife Fahrer disziplinieren können. Andererseits können die Versicherer mit den Daten mehr anfangen, als sich der Laie vorstellen kann, meint Christoph Brömmelmeyer.  

Studentin Marta ist in Köpenick angekommen, wenig später ist die Auswertung da. Die App hat nichts zu meckern: kein hartes Lenken oder scharfes Bremsen, Marta ist auch nicht zu schnell gefahren. Richtig freuen kann sie sich nicht, denn ihre Gesamtbewertung liegt unverändert  bei nicht so üppigen 73 von 100 Punkten. Sollte Marta eines Tages allein für ihre Versicherung zahlen, wird sie sich für einen anderen Versicherungstarif entscheiden. Ohne Sensor, ohne App und ohne den Versicherer als ständigen Beifahrer zu haben - da ist sich die 19-Jährige sicher.

Sendung: Inforadio, 15.02.2020, 07:05 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenber

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6 Kommentare

  1. 6.

    200,-€ Ersparnis, bei wieviel Prozent, 100 ?
    Worauf beziehen sich 200,-€ Ersparnis ???
    Bei Anfängern, spart man 200,- € von 2.000,- € Teil- und Voll-Kasko eines Mittelklassewagens ???

  2. 4.

    Ich bin immer wieder entsetzt für wie wenig Geld Menschen so viel von sich Preis geben. Es sind 200,-€ "Ersparnis" im Jahr?!?!? Sorry das ist einfach lächerlich.

  3. 3.

    Die Verschleierung der Kund*innendaten mit den Bewegungsdaten schlägt in dem Augenblick fehl, in dem man ausblendet, dass es sich um eine App handelt: Bewegungsprofile, Handlungen und Personendaten werden damit ganz zwangsläufig zugänglich, egal, wie sehr die Unternehmen das Gegenteil behaupten. Bewegungsdaten zählen zudem zu den empfindlichsten Datensätzen, da aus ihnen sehr viele Informationen über eine Person hervorgehen. Für 200€ im Jahr freiwillig von "Big Brother" profitieren - in eine Demokratie gehören solche Bürger*innen jedenfalls nicht.

    Ich kann Hernn Brömmelmeyer auch nicht zustimmen hinsichtlich der Disziplinierung. Nicht nur, dass es dafür keine Empirie gibt - man müsste ja zugeben, die Daten miteinander zu verknüpfen - die Einhaltung der StVO würde durch regelmäßige, humane Tests der Fahrtauglichkeit sehr viel besser berücksichtigt, z.B gestaffelt zunächst alle fünf, dann alle zehn Jahre o.ä. nach Führerscheinerwerb.

  4. 2.

    Solange Fahranfänger in der Probezeit ohne echte Konsequenzen einen A-Verstoß begehen kann braucht man hier nicht über Vernunfts-Tracking reden.
    https://www.bussgeldkatalog.org/probezeit/

  5. 1.

    Für 54 Cent am Tag wird das Leben offen gelegt. Mir graust es.

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