Das Haus in der Englischen Straße in Charlottenburg soll einem sechsstöckigen Neubau weichen, welches als Bordell genutzt werden soll. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 27.02.2020 | Stefan Sperfeld | Bild: rbb/Ulf Morling

Berlin-Charlottenburg - Pläne für neues Großbordell beschäftigen Verwaltungsgericht

93 "Nutzungseinheiten" für Prostituierte auf fast 4.000 Quadratmetern - gegen diese Pläne für ein Grundstück in Berlin-Charlottenburg gehen Anrainer gerichtlich vor. Am Donnerstag schauten sich Richter das Umfeld am Salzufer genauer an. Von Ulf Morling

Bei einem Ortstermin hat das Berliner Verwaltungsgericht am Donnerstag den Ort in Charlottenburg besucht, an dem das größte Bordell Deutschlands entstehen soll. Eine Immobiliengesellschaft klagt dagegen, um einen möglichen unliebsamen Nachbarn loswerden.

Eigentümer des Nachbargrundstücks nennt Pläne "rücksichtslos"

Es geht um das 130 Jahre alte Wohnhaus in der Englischen Straße 29 in Charlottenburg. Der Bau soll abgerissen werden; dafür soll ein sechsstöckiges Bordell dort gebaut werden, so der Plan der wechselnden Eigentümer des vierstöckigen, inzwischen wohl entmieteten Hauses. Auf 3.880 Quadratmetern sollen bis zu 93 "Nutzungseinheiten" für Prostituierte und deren Kunden entstehen.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hatte diese Vorplanung genehmigt. Der Eigentümer des Nachbargrundstücks, das unter anderem an Mercedes Benz vermietet ist, klagt gegen die beiden Vorbescheide des Bezirkes zugunsten des geplanten Bordells: Ein Bordell an dem vorgesehenen Standort sei nicht zulässig und gegenüber den Nachbarn rücksichtslos. Die zuständige 19. Kammer des Verwaltungsgerichts machte sich jetzt vor Ort ein Bild und wird, falls die Nachbarn vor Ort sich nicht in den nächsten Wochen außergerichtlich einigen, frühestens am 15. Mai ein Urteil fällen.

Dauerstreit spitzte sich über Jahre zu

In den letzten 20 Jahren wurde das altehrwürdige Haus in der Englischen Straße 29 zunehmend mit Nachbarhäusern eingebaut: darunter der "Mercedes-Welt", dem Bau des 13-stöckigen Smart-Verkaufscenters plus Empfangsbau und Werkstatt mit jeweils sieben Etagen. Bereits 2010 ist der Bebauungsplan vom Oberverwaltungsgericht zwar für "unwirksam" erklärt worden, doch die Fakten waren geschaffen: Der 130 Jahre alte Altbau war an drei Seiten von Bürotürmen umringt.

Kurz darauf hatten die früheren Eigentümer des einzig verbliebenen Wohnhauses in direkter Nähe des Salzufers beim Bezirk den Abriss ihres Hauses und den Bau des strittigen sechsstöckigen Großbordells beantragt. In sogenannten Vorbescheiden vom August 2014 und Juni 2015 war das Bordell vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf genehmigt worden.

Remzi Karaalp, Leiter der Stelle für Rechtsangelegenheiten des Bezirks, sagte beim Ortstermin des Verwaltungsgerichts: "Wo, wenn nicht hier, wäre ein Bordell genehmigungsfähig gewesen?" Die Gegend um das Salzufer sei ein Bereich, in den sich ein Bordell einfügen würde. In einem reinen Wohngebiet oder einem Gebiet mit Mischnutzung sei das hingegen undenkbar für den Bezirk.

Ortstermin vor verschlossener Tür

Zwar können die Richterinnen und Richter der 19. Kammer beim Lokaltermin um das umstrittene Haus, an dessen Stelle ein Bordellneubau geplant ist, herumgehen - das Haus selbst ist aber fest verschlossen. Die Seitenscheibe einer Haustür ist zersplittert, die Rollläden sind im Erdgeschoss hinuntergelassen. Auf die Frage des Gerichts, ob das Haus entmietet sei, antwortet der Vertreter der Eigentümer, dass er das nicht wisse.

Beim Ablaufen der Straßen rund um das Haus sind neben Mercedes- und Smart-Verwaltungsgebäuden auch ein Studentenwohnheim, eine internationale Schule und, direkt an der Spree, eine Wohnanlage zu entdecken.

Nachbarn verhandeln weiter

2016/17 hatten die Eigentümer der Englischen Straße 29 ihr Mietshaus an den jetzigen Eigentümer verkauft. Aus dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf verlautete gegenüber rbb|24, dass man nicht wisse, was der neue Eigentümer mit dem Haus vorhabe - nach wie vor lägen aber die Bordellpläne auf dem Tisch.

Durfte nun das Bezirksamt in seinen Vorbescheiden das Großbordell in Nachbarschaft zu Mercedes und Smart prinzipiell genehmigen? Zuletzt 2015 hatte sich das Verwaltungsgericht eindeutig auf Seiten des potentiellen Bordellbetreibers gestellt. Dazu kam es diesmal jedoch nicht.

Stattdessen lautete das Resultat des Ortstermins: Die Verhandlungen über eine außergerichtliche Einigung bei dem Nachbarschaftsstreits sollen nun doch noch weiter geführt werden. Man sei optimistisch, eine einvernehmliche Lösung zu finden, hieß es am Ende von den Vertretern beider Immobiliengesellschaften, die Eigentümer benachbarter Grundstücke in der Englischen Straße sind.

Entscheidung im Mai erwartet

Eine der Möglichkeiten könnte sein, dass die Immobiliengesellschaft, die unter anderem die "Mercedes-Welt" besitzt, das Nachbargrundstück und Mietshaus dem derzeitigen Eigentümer abkauft. Trotz einer gewissen Festlegung des Bezirksamtes durch die beiden umstrittenen Vorbescheide auf den Bau eines Bordells, ist nicht sicher, dass das Genehmigungsverfahren weiter jede Hürde überwindet; so muss eine Baugenehmigung nicht zwingend erteilt werden, nur weil die Vorbescheide positiv ausfielen. Denkmalsschutzrechtliche Aspekte wegen des Abrisses des 130 Jahre alten Hauses könnten ebenfalls zu Problemen führen. Frühestens in ein paar Jahren könnte dann gebaut werden, so Remzi Karaalp vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf.    

Sollte keine gütliche Einigung der Grundstückseigentümer erfolgen, wird ab 15. Mai das Gericht entscheiden, ob die bisherigen Genehmigungen zum Bau des größten Bordells Deutschlands weiter ihre Gültigkeit haben.

Sendung: Inforadio, 27.02.2020, 15 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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12 Kommentare

  1. 10.

    Entspricht das 40 m2 pro Nutzungseinheit. Wären sicherlich fast 100 schöne 1-2 Zimmer Wohnungen für Wohnungssuchende.

  2. 8.

    In Anbetracht der aktuell sehr grassierenden Wohnungsnot kann ich nur sagen: Ein Wohnhaus, in dem etliche Menschen dauerhaft wohnen können, ist ja wohl wichtiger als ein Puff.

  3. 7.

    In diesem Altbau sind doch früher schon die Prostituierten, die an der Straße des 17. Juni standen, mit ihren Kunden verschwunden. In diesem Haus waren nämlich die Zimmer für die Prostituierten! Somit wäre es im Grunde nichts neues was an diesem Standort angesiedelt wird.

  4. 6.

    Das war auch mein Gedanke. Wenn man sich aber anschaut, wer im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf schon immer das Sagen hat, wundert man sich nicht, dass sie Mercedes-Benz den roten Teppich ausgerollt haben. Das nennen sie dort Wirtschaftsförderung, und es soll gut für uns alle sein, denn: Arbeitsplätze! Standort! Steuereinnahmen! Bruttosozialprodukt!

  5. 5.

    In einem Großbordell werden Sie keine Kinder antreffen. Das heißt nicht, dass es dort menschenwürdig zugeht; es heißt nur, dass die Betreiber einer solchen Einrichtung klug genug sind, sich an Gesetze zu halten.
    Es wehren sich auch keine Anwohner_innen, sondern ein Grundstücksbeseitzer, der eine Wertminderung seines Eigentums fürchtet. Wetten, dass der überhaupt nichts gegen Prostitution hat – außer dort, wo sie seine Rendite schmälert?

  6. 4.

    "Bereits 2010 ist der Bebauungsplan vom Oberverwaltungsgericht zwar für "unwirksam" erklärt worden, doch die Fakten waren geschaffen: Der 130 Jahre alte Altbau war an drei Seiten von Bürotürmen umringt."

    Ein Glück bloß, dass man in unserem Rechtsstaat mit genügend Geld nicht machen kann, was man will!

  7. 3.

    Berlin ist eine Hochburg organisierter Kriminalität und die Richter gehen jetzt einmal den Ort anschauen. Mit Prostitution von Frauen, Männern und Kindern, mit Menschenhandel und Mißhandlungen werden Millionen über Millionen verdient. Ein neues Bordell? In Berlin kein Problem, es sei denn, AnwohnerInnen wehren sich. Wo leben wir eigentlich?

  8. 2.

    Größer als das Pascha in Köln wird das kaum werden können. Mit Superlativen soll man vorsichtig sein. Außerdem kommt es ja nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität an. Und die war in den Kleinbetrieben, gegen die Stadtrat Gröhler vorgegangen ist, Beispiel Kamilla Dee in der Blissestraße, einfach höher. Ich trauere immer noch dem Café Pssssst in der Brandenburgischen Straße nach, dort allerdings waren es wohl eher wirtschaftliche Fehler der Betreiberin, die zum Ende führten. Das Artemis ist mir persönlich zu international, ich bevorzuge ganz normale Berlinerinnen. Und die findet man heute eher in den entsprechenden Internetbörsen. So einen Großbetrieb brauche ich jedenfalls nicht.

  9. 1.

    Warum nicht, ist doch eine gute Idee, besser als der Straßenstrich in Schöneberg.

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