Symbolbild: Ein Schild weißt auf das Amtsgericht Tiergarten. (Quelle: dpa/S. Braun)
Audio: rbb 88.8 | 14.02.2020 | Ulf Morling | Bild: dpa/S. Braun

Berufungsprozess in Berlin - Vierjähriger tödlich verletzt: Bewährungsstrafe für Autofahrer

Ein 24-jähriger Berliner Autofahrer ist wegen fahrlässiger Tötung eines Vierjährigen zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten und einem dreimonatigen Fahrverbot verurteilt worden. Das Landgericht Berlin hob damit im Berufungsprozess am Freitag das Urteil des Amtsgerichts Tiergarten auf. Dieses hatte den Mann vor acht Monaten zu 200 Euro Geldstrafe verurteilt. Dagegen hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Fahrer Berufung eingelegt.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Autofahrer rücksichtslos und mit nicht angemessener Geschwindigkeit unterwegs war. Deshalb sei der tragische Unfall geschehen. Der Angeklagte erklärte zu Beginn des neuen Prozesses, er sei "nicht schneller als 50 Stundenkilometer" gefahren. Sein Verteidiger hatte entsprechend auf Freispruch plädiert, der Staatsanwalt auf eine Geldstrafe in Höhe von 150 Tagessätze zu je fünf Euro. Der Anwalt des 24-Jährigen kündigte nach dem Urteil erneut Rechtsmittel an.

Kind lief von der Mittelinsel los

Das Unglück hatte sich im Oktober 2017 im Stadtteil Heinersdorf ereignet. Der Fahrer, der zu einem Fitnessstudio wollte, hatte laut Anklage auf der Romain-Rolland-Straße vorschriftswidrig auf der Busspur rechts an den staubedingt haltenden Fahrzeugen vorbeifahren wollen. Laut einem Gutachten war er mit seinem Auto mit mindestens 66 Kilometern pro Stunde unterwegs. Mutter und Kind hätten zunächst auf einer Mittelinsel gestanden. Als der Junge losrannte, sei es von dem linken Seitenspiegel erfasst worden. Der kleine Junge erlag zwei Wochen später seinen schweren Kopfverletzungen.

Amtsgericht sah Fehlverhalten der Mutter

Auch das Amtsgericht war zuvor zu der Ansicht gekommen, der Unfall wäre bei angepasster Geschwindigkeit vermeidbar gewesen. Es stellte aber auch ein Fehlverhalten der Mutter fest, die mit ihrem Sohn vom Einkaufen kam. Die Ampel habe für Fußgänger auf Rot gestanden, als das Kind plötzlich auf die Straße gelaufen sei.

Der nicht vorbestrafte Student hatte im damaligen Prozess unter Tränen sein Bedauern geäußert. Er sei etwa 70 Meter auf der Busspur gefahren und habe dann rechts abbiegen wollen. "Als das Kind auf der Straße lag, war ich geschockt."

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

11 Kommentare

  1. 11.

    Bei Stau sind 50 Km/h auf der Busspur auch noch zu viel. Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, neigen dazu, zwischen den wartenden Autos im Stau zur anderen Straßenseite zu eilen, ohne an die Busspur zu denken.
    Und die sind vom Fahrer auf der Busspur teilweise garnicht zu sehen. Ist mir schon oft genug passiert (ich darf berufsbedingt Bussdpuren benutzen). Deswegen passe ich immer die Geschwindigkeit der Situation an. Und wenn ich nur 30 Km/h fahre oder mich an bestimmten Stellen noch langsamer rantaste. Das ärgert dann zwar den Taxi-, oder Busfahrer hinter mir, da sch.... ich aber drauf. Bin selber erstaunt, wie eigentlich erfahrene Kraftfahrer, diese Gefahr ignorieren. Denn auch wenn einem rechtlich keine Schuld treffen sollte, wird man bei einem Unfall doch nicht mehr glücklich. Schade. das Zeit und Pünktlichkeit wichtiger ist, als die Sicherheit anderer.

  2. 10.

    Hätte er sich an das für ihn geltende Benutzungsverbot gehalten, hätte der Unfall nicht stattgefunden. Unabhängig von Geschwindigkeit, Aufmerksamkeit der Mutter oder anderen. Wäre er stattdessen auf dem Gehweg gefahren und hätte das Kind ein Fahrrad gehabt, wahrscheinlich würde hier auch noch diskutiert werden, warum das Kind keinen Helm auf hatte...

  3. 9.

    Aus meiner laienhaften Sichtweise kann das eventuelle Mitverschulden der Mutter kaum derart strafmildernd wirken, wenn doch der KFZ-Fahrer durch bewußtes Fehlverhalten - nur auf den eigenen Vorteil und sein Vorankommen fokussiert - mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und auf einer für ihn unzulässigen Fahrspur den Taterfolg herbeigeführt hat. Mit angepaßter (d.h. bis 50 km/h) Geschindigkeit wären die schlimmen Folgen entweder gar nicht oder aber nicht in diesem schrecklichen Ausmaß eingetreten, so daß es im Verfahren vor dem LG jetzt auch schlimmer kommen könnte...

  4. 8.

    Unabhängig vom Fehlverhalten des Fahrers, im Betrag steht, dass die Fußgängerampel ROT zeigte, vermutlich hatten die Autofahrer dann grün und die Mutter ebenfalls ein Fehlverhalten hatte, in dem sie nicht auf ihr Kind aufgepasst hat.
    Die alleinige Schuld liegt also n i c h t nur beim Fahrer, sondern auch bei der Mutter.
    Bitte den Beitrag richtig und vollständig lesen.

  5. 7.

    Nach Ansicht der ersten Instanz gab es ein Mitverschulden der Kindesmutter beim Unfall, das geht zugunsten des Fahrers. Die -übliche- Geldstrafe bei Fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr- hängt vom Einkommen des Angeklagten ab. Wer viel verdient, zahlt mehr, wer kein Einkommen hat, weniger.

    Es steht jedem Verurteilten zu, gegen jedwedes Urteil in die Nächste Instanz zu ziehen. Man kann diesen Antrag auch immer wieder zurück ziehen. Das nennt sich Rechtsstaat. Kann man mögen, muss man aber natürlich auch nicht.

  6. 6.

    Das ist ein alter Artikel in diesem hier verlinkt....dort steht es:

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2019/06/kind-berlin-toedlicher-unfall-urteil-200-euro.html

  7. 5.

    Es sind nicht 200 € für ein Menschenleben, sondern 40 Tagessätze a 5 €, dem Einkommen des Fahrers angepasst. Dazu kommt ein Eintrag ins Strafregister wegen fahrlässiger Tötung, was bei einer weiteren Verurteilung innerhalb von 5 Jahren ggf. zum Tragen kommt.

    siehe auch hier... https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2019/06/kind-berlin-toedlicher-unfall-urteil-200-euro.html ...

  8. 4.

    Das unangepasste, viel zu milde, Urteil, hat damals schon viele auf die sprichwörtliche Palme gebracht! Unfassbar, dass er dagegen in Berufung gegangen ist! Mal schnell super cool auf der Busspur am Stau vorbei HEIZEN, wie es so viele "Schlaue" tun. Mal eben die anderen "übervorteilen"! Fakt ist doch, das er da nichts zu suchen hatte! In der STVO steht, das man Kindern, Älteren und Kranken nicht zutrauen darf, sich korrekt im Verkehr zu verhalten! Auch 74 Km/h sprechen für sich! Kinder am Straßenrand und auf Mittelinseln, sollten für jeden Autofahrer ein Grund zum Abbremsen sein! Ich hoffe das die Strafe im zweiten Verfahren drastisch erhöht wird!!!!

  9. 3.

    Was hatte dir StA gefordert?

  10. 2.

    Aha, vor Gericht weinen und dann gegen eine Strafe von 200 Euro (!!!)in Berufung gehen - das passt (zumindest mit den vorhandenen Infos) nicht wirklich zusammen, finde ich.

    Interessieren würde mich auch, ob der Täter wenigstens den Führerschein dauerhaft bzw. für mehrere Jahre verloren hat.

    Ich weiß, dass sich solche Unfälle mit der vorhandenen, viel zu autofreundlichen Infrastruktur leider nicht verhindern lassen. Aber ein bisschen Signalwirkung darf schon sein.

  11. 1.

    200€ Geldstrafe für ein Menschenleben... Ohne Worte! Mein Beileid gilt den Angehörigen des kleinen Jungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Symbolbild: Ein Kunde zahlt an der Kasse (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
dpa-Symbolbild/Jens Kalaene

Sozialbericht - Jeder sechste Berliner von Armut bedroht

In Berlin und Brandenburg bleibt Armut ein großes Problem. Besonders junge Menschen und Alleinerziehende sind gefährdet. Doch auch in der Altersgruppe der Senioren besteht Grund zur Sorge. Vor allem in Berlin verschlechtert sich die soziale Lage weiter.