Aussenansicht des Auguste Viktoria Krankenhaus Vivantes. Berlin Schöneberg, Rubensstraße. 38 Ärzte und Pflegekräfte haben im Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum gekündigt - aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen. (Quelle: imago-images)
Video: Abendschau | 18.02.2020 | Susanne Bruha | Bild: imago-images

Abteilung verlässt Vivantes-Klinikum - "Massenflucht aus städtischer Klinik kommt nicht überraschend"

38 Ärzte und Pflegekräfte verlassen geschlossen das Auguste-Viktoria-Klinikum - und wechseln aus Protest zum St. Joseph-Krankenhaus. Die Berliner Aids-Hilfe spricht von einer Zäsur in der Patientenversorgung, der Finanzsenator von einem Verlust. Von Anna Corves

Nachdem ein Großteil der Belegschaft der Infektiologie-Abteilung des Auguste-Viktoria-Klinikums (AvK) gekündigt und geschlossen an das St. Joseph-Krankenhaus in Tempelhof gewechselt ist - worüber der rbb am Montag exklusiv berichtete - sind weitere Hintergründe zu den Motiven bekannt geworden, die den Wechsel veranlasst haben.

Wie der rbb am Dienstag aus Belegschaftskreisen erfuhr, soll auch eine geplante Verkleinerung des Fachbereichs der Infektiologie am AvK den Wechsel der elf Ärzte und 27 Pfleger ausgelöst haben. Der Stellenabbau im Fachbereich hätte demnach zu einem Personal- und Kompetenzverlust geführt. Beim St. Joseph Krankenhaus könne man mit einem besseren Betreuungsschlüssel für die Patienten arbeiten, heißt es.

Dort nicht mit dabei sein wird der bisherige Chefarzt der Infektiologie am AvK, Keikawus Arastéh. Wie eine Sprecherin des St. Joseph Klinikums dem rbb am Dienstag bestätigte, soll Hartmut Stocker, bisheriger Oberarzt am AvK, Chefarzt werden.

Kollatz: Weggang ist ein Verlust

Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz bedauere die Massenabwanderung von Ärzten und Pflegern aus dem Fachbereich Infektiologie einer Klinik des landeseigenen Vivantes-Konzerns. Der Weggang eines so leistungsstarken Teams sei für die Klinik ein Verlust, sagte der SPD-Politiker, der auch Vivantes-Aufsichtsratschef ist, am Dienstag. "Zielsetzung wird nun sein, mit neuen Leuten ein modernes, vielleicht sogar noch moderneres und zeitgemäßeres Angebot zu entwickeln", so Kollatz. "Darüber wird in den nächsten Wochen zu diskutieren sein." Unstrittig sei, dass eine moderne Infektionsmedizin "ambulanter" aufgestellt werden müsse als in der Vergangenheit.

FDP: Pflegenotstand in städtischen Kliniken besonders hoch

Die FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus kritisierte den Weggang des kompletten Personals. "Die Massenflucht aus dem städtischen Klinikkonzern Vivantes kommt eigentlich nicht überraschend", wird der pflegepolitische Sprecher der Fraktion, Thomas Seerig, in einer Pressemitteilung zitiert. Der Wechsel von Vivantes zum St. Joseph zeige, dass Arbeitsbelastungen und Pflegenotstand offensichtlich in den städtischen Kliniken Berlins besonders hoch seien. "Hier sollte Frau Kalayci mit ihrer Arbeit endlich mal anfangen und in der eigenen Verantwortung Verbesserungen realisieren", so Seerig weiter.

Ähnlich hatte sich am Dienstag der Linken-Politiker Wolfgang Albers, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, im rbb geäußert. Es stelle sich die Frage, warum das nicht verhindert wurde, sagte Albers dem rbb-Inforadio. Denn die Unzufriedenheit sei bekannt gewesen. Diskussionen habe es auch gegeben, "weil mit dem Ausscheiden des Chefarztes Umstrukturierungen geplant waren, die nicht einvernehmlich gelöst wurden", so Albers. Dass es am Ende so ausginge wie jetzt, sei keine glückliche Entscheidung.

Große Bedeutung für "Schöneberger Modell"

Der Fachbereich der Infektiologie am AvK war jahrzehntelang von enormer Bedeutung für das "Schöneberger Modell", das Berliner Behandlungskonzept für HIV- und Aids-Patienten. Das bereits seit 1985 in Schöneberg erfolgreich praktizierte Modell gilt als bahnbrechend in punkto Behandlung der Infektionskrankheit. Kern des Konzepts, das sich an jenes des San Francisco General Hospital anlehnt, ist die enge Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten, Pflegediensten und dem Krankenhaus. Diese Zusammenarbeit macht vor allem für die HIV-Infizierten einen schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Einrichtungen möglich.

Aids-Hilfe: "Zäsur in der Patientenversorgung"

Einer der Träger, die das Schöneberger Modell unterstützen, ist auch die Berliner Aids-Hilfe, die seit mehr als 30 Jahren mit dem Team der Infektiologie des Auguste-Viktoria-Klinikums auf haupt- und ehrenamtlicher Basis zusammenarbeitet. "Insofern stellt der anstehende Wechsel des nahezu gesamten Personals der Infektiologischen Station eine Zäsur in unserer Zusammenarbeit und in der Patientenversorgung dar", teilte die Berliner Aids-Hilfe dem rbb am Dienstag in einer Stellungnahme mit.

Durch den Personalwechsel ans St. Joseph-Krankenhaus erwarte die Berliner Aids-Hilfe jedoch keine Verschlechterung für die Patienten. Im Gegenteil: Da die Infektiologische Station im AvK erhalten bleiben dürfte, sollten im Idealfall zusätzliche Versorgungsmöglichkeiten für Menschen mit HIV/Aids entstehen. "Dies könnte im Rahmen der Fast-Track Cities Strategie, Aids bis zum Jahr 2030 in Berlin zu beenden, sogar einen strategischen Vorteil bedeuten", heißt es weiter.

Die Berliner Aids-Hilfe wolle die Neuaufstellung der Infektiologischen Station im AvK im Interesse der Menschen mit HIV/Aids aufmerksam begleiten.

Sendung: Inforadio, 18.02.2020, 10.20 Uhr

Beitrag von Anna Corves

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    So ist es. Was für ein Hohn. Rot-Rot-Grün. Die Sozialen haben offensichtlich einen sehr unsozialen Pflegeschlüssel installiert und das auch nur mit Hilfe des Länderfinanzausgleichs.

  2. 6.

    Haben Sie eine Wahlempfehlung? Welche Partei hat denn nicht zum Ziel den öffentlichen Dienst und die öffentlichen Betriebe effizient zu führen - ergo kaputt zu sparen? Im letzten Wahlkampf konnte ich das bei keiner Partei lesen, dass sie was Gutes für die Mitarbeiter im öD wollen...

  3. 5.

    Dass Herr Kollatz überrascht ist, wundert mich nicht. Er hat ja auch schon bei den Tarifverhandlungen den Vorsitz für die Tarifverträge der Länder gehabt und auch dort Lohndrückerei betrieben. Irgendwie will der Sozialdemokrat scheinbar nicht verstehen, dass geringere Löhne als bei Kommunen, Ländern oder anderen Trägern in einer teuer gewordenen Stadt nicht mehr zeitgemäß sind und auch nie waren. Traurig, denn dass es in Berlin nicht rund läuft liegt neben schlechten Arbeitsbedingungen auch an schlechteren Löhnen als in anderen Städten. Im Endeffekt heißt das aus meiner Sicht, dass die guten gehen und der Rest resigniert. So lassen sich weder Probleme der Zukunft noch die zahlreichen Probleme der Gegenwart lösen.

  4. 4.

    Ihr solltet besser nachdenken, bevor ihr wählen geht. Man bekommt die Politiker, die man verdient.

  5. 3.

    Dieser Kommentar von dem Kollatz ist eine einzige Frechheit. Sitzt als SPD Politiker im Aufsichtsrat bei Vivantes. Nichts mitbekommen in dieser Funktion von den Menschen, die dort arbeiten müssen? Aber selbst dran verdienen. Allein diese Aussage müsste zu einem sofortigem Streik aller Vivantesmitarbeiter und eigentlich aller Menschen in Berlin führen. Wir sind alle potentielle Patienten, spätestens wenn mal ein Rettungseinsatz erfolgt.
    Was macht ein Aufsichtsrat eigentlich?
    Wie kann ein SPD Politker sich so in der Öffentlichkeit mit diesen Äusserungen ungekündigt blank machen? Er selbst wird Privatpatient sein und keine Ahnung haben, was in der Regelversorgung einer Berliner Klinik aktuell möglich ist. Entscheidet jedoch über die finanzielle Ausstattung von Kliniken selbst mit.
    In Frankreich wäre spätestens heute die Hölle los auf den Strassen der Hauptstadt.

  6. 2.

    Und warum erst jetzt und nicht schon vorher??
    Hätte man damit die Massenkündigung verhindern können?

  7. 1.

    " "Zielsetzung wird nun sein, mit neuen Leuten ein modernes, vielleicht sogar noch moderneres und zeitgemäßeres Angebot zu entwickeln", so Kollatz. "
    und woher sollen die Fachkräfte kommen ? wenn eine ganze Abteilung gekündigt hat wegen unhaltbarer Zustände ?

Das könnte Sie auch interessieren