Monteure einer Spezialfirma räumen am 03.02.2020 die abgestürzten Teile einer Windkraftanlage weg. Am 31.01.2020 war der obere Teil eines etwa 70 Meter hohen Windrades abgestürzt. (Quelle: dpa/Jens Büttner)
Audio: Antenne Brandenburg | 06.02.2020 | Wolfgang Heidelk | Bild: dpa/Jens Büttner

Forderungen nach Tüv - Windrad-Havarie bei Wittstock befeuert Zweifel an Sicherheit

Ein Windrad bei Wittstock bricht auseinander - zu starker Wind, so die erste Erklärung. Experten sind anderer Meinung. Sie werfen dem Betreiber mangelnde Wartung vor. Ist es Zeit für einen "Windrad-Tüv?" Von Efthymis Angeloudis und Wolfgang Heidelk

Rotorblätter sind auf dem Feld verstreut, der halbe Sockel liegt quer vor dem 30 Meter hohen Restturm - nach der Havarie einer Windkraftanlage im Windpark Groß Haßlow bei Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) am vorigen Freitag, erhebt eine Wartungsfirma aus der Region nun schwere Vorwürfe gegen den Betreiber: Nicht eine Windböe, wie es die Polizei zunächst mitgeteilt hatte, sondern die mangelnde Wartung der Windkraftanlagen soll zum Unfall geführt haben.

Der Betreiber habe laut der Wartungsfirma seit 2012 keine regelmäßigen Prüfungen durchführen lassen. Nach Informationen des rbb seien im vergangenen Jahr zwar fünf der insgesamt zehn Anlagen des Windparks überprüft worden - allerdings nicht das zuletzt abgestürzte Windrad.

Betreiber: Schrauben haben sich abgenutzt

Ursache des Unfalls sollen die Rotorblätter gewesen sein, die laut der Wartungsfirma erhebliche Herstellungsmängel aufweisen - vor allem bei der Verklebung, die sich nach einiger Zeit lösen würde.

Der Betreiber weist die Vorwürfe auf rbb-Nachfrage zurück. Die Anlagen in Groß Haßlow würden alle vier Monate überprüft. Ursache für den Absturz der Rotorblätter und der Windradgondel sind nach Angaben des Betreibers Schrauben gewesen, die sich abgenutzt hätten und abgebrochen waren. Derzeit würden alle weiteren Windkraftanlagen vor Ort per Ultraschall untersucht. Ein Ergebnis soll kommende Woche vorliegen, sagte der Betreiber Antenne Brandenburg.

Keine Tüv-Pflicht für Windräder

In Kommunen, die in der Nähe von Windparks liegen, besteht unterdessen die Angst, dass die Havarie kein Einzelfall bleiben wird. Zuletzt war im September ein 70 Meter hohes Windrad bei Luckau im Landkreis Dahme-Spreewald umgestürzt und in mehrere Teile zerbrochen. Der erneute Absturz lässt nun die Zweifel an der Sicherheit der Anlagen wachsen, Forderungen nach einem Tüv für Windräder werden laut.

So erwartet der Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke (CDU) nach dem Vorfall Konsequenzen. "Wir haben Anlagen, die bald über 200 Meter hoch sind und den enormen Belastungen ausgesetzt sind", sagt der Abgeordnete dem rbb. Bei diesen Anlagen bestehe keine Tüv-Pflicht für die gesamte Anlage, sondern nur für den Aufzug, so Steineke weiter. "Wenn man weiß, dass man jeden Kraftfahrzeug dem Tüv vorführen, aber nicht eine so große Anlage prüfen muss, ist da sicherlich Nachholbedarf."

Bundesverband: "Übertriebene Panikmache"

Laut Christoph Zipf, Sprecher des Bundesverbandes Windenergie, liege die Zahl der Unfälle bei zehn pro Jahr. "Bei 30.000 Windkraftanlagen ist das ein wirklich geringes Ausmaß."  

Statistisch werden Brände und Havarien bei Windkraftanlagen nicht erfasst, weder auf Landes- noch auf Bundesebene. Für einen Windrad-Tüv bestehe dem Verband zufolge trotztdem kein Anlass. "Wir sehen im Vorstoß des Tüv den Versuch, neue Geschäftsfelder zu erschließen", sagt Zipf im Gespräch mit rbb|24. "Der Verband scheint die übertriebene Panikmache nutzen zu wollen, um die qualitativ hochwertigen Prüfverfahren an Windenergieanlagen zu diskreditieren."

Neu- wie Altanlagen werden laut dem Bundesverband auf Basis der Richtlinie des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) typengeprüft und genehmigt. Alle zwei bis vier Jahre finde in der Betriebsphase eine umfangreiche Prüfung statt. Dabei soll der Anlagenzustand durch anerkannte Sachverständige im Hinblick auf Sicherheit und ordnungsgemäße Wartung untersucht werden. Turnusgemäß werden zudem Steuerelemente, Rotorblätter, Triebstrang und alle weiteren sicherheitsrelevanten Verschleißteile geprüft.

Kommunen mit Überprüfung überfordert

Wer aber überprüft, ob die regelmäßigen Kontrollen auch durchgeführt werden? "Die Dokumentationspflicht liegt beim Eigentümer, die Überprüfungspflicht jedoch bei den kommunalen Behörden", sagt der Sprecher des Bundesverbands Windenergie, Zipf. Die aber seien mit dieser Aufgabe überfordert.

Eine mangelhafte Instandhaltung durch den Eigentümer ist also möglich, da die vorgesehenen turnusmäßigen Wartungen nicht wirklich überprüft werden können. Einen Grund strengere Regeln einzuführen, sieht der Verband trotzdem nicht.

Bundesregierung: Nein zum Windrad-Tüv

So sieht das auch die Bundesregierung: Auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion unterstrich die Bundesregierung im Mai letzten Jahes ihre Entscheidung, an dem derzeit bestehenden Prüfverfahren für Windenergie-Anlagen festhalten zu wollen. "In Deutschland besteht ein anerkannter und praxisbewährter Ansatz zur regelmäßigen Überwachung und Prüfung der Sicherheit von Windenergie-Anlagen", heißt es in der Antwort.

Dabei könnte sich mit der Untersuchung der Überreste der Windkraftanlage in Wittstock schon nächste Woche zeigen, ob mangelnde Wartung der Grund für die Havarie war. In diesem Fall müsste sich auch die Bundesregierung Gedanken machen, ob bereits bestehende Kontrollen strenger durchgesetzt werden müssen, oder ob es doch einen Windrad-Tüv braucht.

Für den Tüv-Verband seien regelmäßige Prüfungen von Windenergieanlagen der richtige Weg, um Akzeptanz für erneuerbare Energien zu schaffen. "Dafür müssen Windenergieanlagen in den Regelungsbereich der Betriebssicherheitsverordnung fallen", kommentierte der Verband kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels auf Twitter.

Sendung: Antenne Brandenburg 06.02.2020, 10 Uhr

Beitrag von Efthymis Angeloudis und Wolfgang Heidelk

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12 Kommentare

  1. 12.

    Eins ist klar durch Stürme kommen mehr Menschen "so" um als durch windräder, aber das werden manche Bürger mit Wut im Bauch einfach nie verstehen.
    Wie wäre es denn mal damit sich um sie wirklich wichtigen KlimaProbleme zu kümmern und nicht bei jedem Windrad Artikel abstruse Theorien aufzustellen.

  2. 11.

    Selbstverständlich besteht eine Prüfpflicht für Windenergieanlagen - und das bereits seit den 1980er Jahren! Die Anlagen müssen durch anerkannte Sachverständige alle 4 Jahre wiederkehrend geprüft werden. Sind die Anlagen älter als 20 Jahre müssen sie alle 2 Jahre geprüft werden!

  3. 9.

    Für alle die hier Angst vor dem nächsten Sturmtief haben......
    Windkraftanlagen sind auf Extremwindböen von min. 180km/h ausgelegt und das auch noch mit relativ hohen Sicherheitsfaktoren.
    Bei Sturm ist es im Windpark also bestimmt sicherer als in der Stadt.

  4. 8.

    Wahrscheinlich Made in Germany, vielleicht hätte man die Windräder besser in China gekauft und von Chinesen warten lassen.

  5. 7.

    Sie sind sicherlich auch dafür, dass ältere PKW häufiger einer Hauptuntersuchung zugeführt werden und zudem dabei auch die Wartungsnachweise vorgelegt werden müssen. Schließlich ist das Verletzungsrisiko durch eine technischen Defekt am PKW um ein Vielfaches höher als bei Windkraftanlagen.

  6. 6.

    Die Rollatoren müssen eben nicht durch den TÜV. Der Hersteller bestätigt einfach, dass die Geräte den Vorschriften entsprechen würden. Wiederkehrende Prüfungen sind auch nicht vorgeschrieben, erst Recht keine "Hauptuntersuchung" durch anerkannte Sachverständige.

  7. 5.

    " Meteorologen warnen vor einem Sturmtief, das am kommenden Sonntag auch Berlin und Brandenburg erreichen soll. "

    weitere Windrad-Havarien sind da durchaus möglich

  8. 4.

    Jedes Rollatorrädchen muss in DE durch den TüV/Dekra. Als das hier passiert ist war wirklich nur starker Wind. Was passiert bei einem richtigen Sturm?

  9. 3.

    Für die nächsten Tage ist in Deutschland ein starker Orkan angekündigt das bedeutet für unsere Windmühlen wieder Domino Day Alarm.

  10. 2.

    Eigentlich wäre es doch eine Selbstverständlichkeit das es für Windkraftanlagen einen TÜV gibt.
    Wo liegt das Problem. Schließlich geht es um Sicherheit.

  11. 1.

    Wenn bestehende Anlage gemäß Bundesverband eh schon regelmäßig durch anerkannte Sachverständige überprüft werden, gibt es doch schon eine "TÜV"-Prüfung. Der Vorwurf, der TÜV wolle sich neue Geschäftsfelder erschließen, läuft damit ins Leere.

    Bis weitere Ergebnisse zur Ursache vorliegen, bedarf es jedenfalls keines Aktionismus. Man muss aber im Nachgang schauen, inwieweit das geltende Regelwerk noch zeitgemäß ist.

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