Festnahme nach einer Razzia am 03.03.2020 (Quelle: rbb/Joachim Goll)
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Video: rbb|24 | 03.03.2020 | Jan Wiese | Bild: rbb

Aktion in Berlin und weiteren Bundesländern - Polizei geht mit Groß-Razzia gegen vietnamesische Schleuser vor

Ihr Netzwerk erstreckt sich über Kontinente, die Gewinnmargen sind enorm: Mit einer bundesweiten Großrazzia ist die Polizei gegen die vietnamesische Schleppermafia vorgegangen. Einer ihrer Hotspots: Berlin. Von Adrian Bartocha, Jo Goll und Jan Wiese

Vom frühen Dienstagmorgen an haben rund 700 Beamte der Bundespolizei zahlreiche Objekte in sieben Bundesländern, darunter Berlin, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und Niedersachsen durchsucht. Nach Informationen von rbb24 Recherche ist damit eines der größten Verfahren gegen Schleuserkriminalität in seine entscheidende Phase getreten.

Der Schwerpunkt der Aktion lag im Großraum Berlin. In den Bezirken Mitte, Friedrichshain und Marzahn durchsuchten die Beamten am Dienstag 21 Wohnungen und Gewerberäume. Die Ermittlungen richteten sich gegen 13 Beschuldigte. In sogenannten "Safe Houses", also Wohnungen in denen die Schlepper geschleuste Vietnamesen unterbringen, stellten die Ermittler Datenträger und weitere Unterlagen sicher. Dort trafen sie auch auf junge Vietnamesen, die häufig auf ihren Weitertransport nach Westdeutschland, Frankreich, Holland oder Großbritannien warten.

Der Weg führt über Osteuropa

Damit ist der Bundespolizei ein gezielter Schlag gegen die organisierte Schleusung von Vietnamesen nach Westeuropa gelungen. Seit Jahren werden Vietnamesen über Osteuropa nach Deutschland eingeschleust. Allein in Polen gab es in den vergangenen Jahren mehrere Prozesse und Ermittlungsverfahren, die ahnen lassen, wie groß die Dimension Menschenschmuggels Richtung Westen ist.  Einer in Poznan angeklagten Bande allein zwischen Dezember 2014 und Oktober 2015 mindestens 300 Schleusungen nachgewiesen. Weitere 220 Schleusungen stellte der polnische Grenzschutz in Zgorzelec fest: nur im Jahr 2018, durch eine einzige Bande. Auch die Ermittlungen, die in die Großrazzia am Dienstag mündeten, begannen mit der Festnahme eines slowakischen Schleusers auf der A17 nahe Dresden, als er 26 Vietnamesen nach Deutschland bringen wollte.

Sowohl der polnische Grenzschutz als auch die Bundespolizei bestätigen, dass sie Jahr für Jahr mehr Vietnamesen aufgreifen, die über die polnische oder tschechische Grenze nach Deutschland eingeschleust werden. Die Dunkelziffer, die Zahl derer also, die unbemerkt die Grenze passieren, liegt um ein Vielfaches höher - darüber ist man sich in Ermittlerkreisen beiderseits der Oder und Neiße einig.

Razzia gegen vietnamesische Schleuser (Quelle: rbb)
Polnischer Grenzschutz entdeckte Menschen in Lkw | Bild: rbb

Mafiöse Strukturen organisieren das Geschäft

Dahinter stecken hierarchisch organisierte Gruppierungen, geführt von Vietnamesen, die als Anwerber, Auftraggeber und Organisatoren im Hintergrund fungieren. Neben Ermittlern bestätigt das rbb 24 Recherche auch ein polnischer Schleuser:  Ein mehrfach vorbestrafter Schwerkrimineller aus Warschau. Im Auftrag der vietnamesischen Mafia schleuste er mit zwei Fahrern Hunderte von Vietnamesen nach Belgien, Frankreich und Berlin. Zuvor holte er diese Menschen aus Litauen nach Polen.

"Das war immer bestens organisiert. Wo und wohin. Eine SMS und fertig", erzählt der bullige Pole mit den zahlreichen Tätowierungen im Interview. "Da waren Mädchen dabei, Frauen, junge Männer." Das Geschäft sei sehr lukrativ, die Gewinnspanne hoch. "Manchmal sind zwei Busse gefahren und ein PKW vorneweg, zur Sicherung. Und pro Kopf gibt es dann 650 Euro nach Frankreich zum Bespiel, und 500 Euro nach Berlin."

Razzia gegen vietnamesische Schleuser (Quelle: rbb)
Menschen sitzen eng gedrängt in einem Fahrzeug | Bild: rbb

Großbritannien ist häufig Zielland

Nach Angaben der Bundespolizei muss ein Vietnamese für eine solche „Reise“ zwischen 5.000 und 20.000 Dollar aufbringen. Die Route führt über Russland und die baltischen Staaten oder über die Ukraine, die Slowakei, Polen oder Tschechien in die Bundesrepublik. Deshalb sind auch Europol und Ermittler aus einigen der Transitländer in den Einsatz der Bundespolizei involviert.

Als Endziel vieler Vietnamesen gilt oft Großbritannien.  "Das ist ein Riesengeschäft", sagt Debbie Beadle von "Ecpat UK", einer NGO in London, die sich um Opfer von Menschenhandel kümmert. "Wir sprechen über Millionen Pfund, die jedes Jahr mit illegaler Einwanderung und Menschenhandel umgesetzt werden", sagt sie rbb24-Recherche im Interview. "Die Geschleusten müssen nicht nur die Schulden bei ihren Schleppern abbezahlen. Sie landen am Ende in ausbeuterischen Verhältnissen wie der Cannabisproduktion oder in Nagelstudios, mit denen die Schleppernetzwerke noch mehr Geld machen."

Auch in Großbritannien stieg in den letzten Jahren die Zahl der illegal eingereisten Vietnamesen. Wie skrupellos die Schleuser dabei vorgehen, zeigt der Fall der im November vergangenen Jahres qualvoll in einem Lkw erstickten 39 Vietnamesen im englischen Essex.  Mindestens einer von ihnen war zuvor - nach rbb24 Recherchen - in Berlin.  

Razzia gegen vietnamesische Schleuser (Quelle: rbb)
Spurensuche in Essex | Bild: rbb

Menschenschmuggel – Menschenhandel

Der Razzia vom Dienstag ging eine monatelange, verdeckte Ermittlungsarbeit voraus. Die Sprachbarriere, der kulturelle Hintergrund, nicht zuletzt die Furcht vieler Vietnamesen vor staatlichen Behörden machen Ermittlungen in diesem Bereich äußerst schwierig.

Die Beamten hatten auch Nagelstudios und Asia-Imbisse im Visier, denn dort werden viele der Geschleusten zur Arbeit gezwungen, um ihre Schulden bei den Schleppen zu begleichen. Bereits auf ihrem Weg nach Deutschland arbeiten viele Vietnamesen unter sehr schlechten Bedingungen in Nagelstudios, Restaurants, auf Baustellen und nicht zuletzt in der Produktion von Drogen wie Cannabis oder Crystal Meth.

Oft entsteht so eine jahrelange Abhängigkeit zwischen den Geschleusten und ihren Schleppern - und aus Menschenschmuggel wird ausbeuterischer Menschenhandel. Wann die Schulden abbezahlt sind oder zu welchem Stundenlohn, liegt im Ermessen der Schleuser. Ein Ausweg aus dieser Abhängigkeit ist schwierig. Die wenigen, die es versuchen, werden entweder direkt bedroht oder ihre Familien in Vietnam. Nicht selten mit dem Tod.

Razzia in einem Nagelstudio am 03.03.2020 (Quelle: rbb/Joachim Goll)
Razzia in einem Nagelstudio in Berlin | Bild: rbb/Joachim Goll

Dimension noch lange nicht erfasst

Die Großrazzia der Bundespolizei markiert einen der größten jemals stattgefundenen Einsätze gegen die international agierenden Netzwerke vietnamesischer Schleuserbanden. Die Ermittlungen in diesem Feld der Kriminalität sind damit aber nicht beendet. Denn die europaweite Dimension dieses Menschenschmuggels und des damit einhergehenden Menschenhandels sei noch lange nicht erfasst - heißt es aus Ermittlungskreisen.  

Beitrag von Adrian Bartocha, Jo Goll und Jan Wiese

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1 Kommentar

  1. 1.

    Eigentlich müsste die Frage lauten, warum machen die vietnamesischen Menschen die illegalen Einreisen. Warum spielen Vietnamesen mit ihren eigenen Leben? Und möchten in die EU? Der Grund ist einfach. Viele erhalten kein Visum weil ein A1 sprachnachweiß erforderlich ist. Eigentlich ist A1 von den Behörden aus gesehen nicht schwer,aber für einen vietnamesischen Menschen sehr schwer. Zbsp. Schreiben sie eine Email an den Konzertveranstalter. Sie brauchen 2 Karten für das Konzert der Toten Hosen. Niemand kennt die Musik in Vietnam bzw die Gruppe. Man hat 4 Wochen Zeit um alles zu lernen 180 Buchseiten. 120 Themenkarten. Dazu die weite Anreise ins Goetheinstitut. Ich und meine Frau warten seit 4 Jahren auf ein Visum für meine Frau. Wir haben uns in 4 Jahren zweimal gesehen. Das ist was unsere Regierung will. Es ist eine Schande für Deutschland. Die ehrlich sind und alles machen nur für einen sprachtest A1.. Werden bestraft. 18000€ hat bereits der Staat von uns genommen. Danke Frau Merkel

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