Archivbild: Der Angeklagte sitzt am 31.07.2019 vor Beginn der Verhandlung in einem Gerichtssaal. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau| 17.03.2020 | Kerstin Breining | Bild: dpa/Paul Zinken

Urteil ohne Leiche - Lebenslange Haft für den Mörder der 14-jährigen Georgine

Vor mehr als 13 Jahren verschwand die Schülerin Georgine Krüger aus Berlin-Moabit spurlos. Jetzt ist ein Sexualstraftäter, der ganz in der Nähe wohnte, zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden - obwohl die Leiche der 14-Jährigen nie gefunden wurde. Von Ulf Morling

Ein Mord ohne Leiche und ohne objektive Tatspuren - doch die 22. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin ist nach dem knapp acht Monate langen Prozess überzeugt davon, dass Ali K. die 14-jährige Georgine im Jahr 2006 vergewaltigt und ermordet hat. Grundlage der Überzeugung sei das Geständnis des Angeklagten, dass er im Oktober 2018 gegenüber einem verdeckt ermittelnden Polizisten abgelegt habe, so das Gericht im Urteil.

Der 44-Jährige habe glaubhaft und mit Detail- und Täterwissen gegenüber dem BKA-Mann ausgesagt, alles als Audio festgehalten und in der Verhandlung eingeführ, so die Richter. K. hatte dem verdeckten Ermittler gegenüber unter anderem geäußert, dass er "verrückt nach Georgine" gewesen sei. Im Prozess selbst schwieg der Angeklagte.

Keine besondere Schwere der Schuld

Aber auch sexuelle - und teilweise gewalttätige - Belästigungen anderer junger Mädchen ließen auf das Wesen des Angeklagten schließen, hieß es im Urteil. So sei der Angeklagte sechs Jahre nach Georgines Tod wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen verurteilt worden. Auch in diesem Fall habe K. sein Opfer in den Keller gelockt.

Auf die "besondere Schwere der Schuld", die eine erste Begutachtung auf vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren Haft verhindern würde, erkannte das Gericht im Urteil nicht. Die Staatsanwaltschaft hatte diese zusätzliche Strafverschärfung in ihrem Plädoyer beantragt, weil der "Fall" Georgine besonders aus gleichartigen Taten herausrage.

Öfter junge Mädchen belästigt

Im Urteil wurde das Bild eines Mannes gezeichnet, der in den Tag hinein lebt und die kleine Tochter nachmittags von der Kita in Moabit abholt, während seine Frau ins Hotel arbeiten geht. "Er gehörte zum Inventar auf der Stendaler Straße" in Moabit, habe dort den ganzen Tag lang herumgelungert und öfter junge Mädchen belästigt, hieß es im Urteil. Das jüngste soll 10 Jahre alt gewesen sein. Dort sei ihm auch die 14-jährige Georgine aufgefallen, die mit ihrer Familie ein paar Häuser weiter wohnte.

Von der "körperbetonte Kleidung" der Pubertierenden habe Ali K. gegenüber dem verdeckten Ermittler mit Arbeitsnamen Kara später vorgeschwärmt. "Sie ist ein Mädchen wie ein Mannequin", soll K. ihm berichtet haben. Er sei verrückt nach der 30 Jahre jüngeren gewesen und habe bedauert, dass er das Mädchen vergewaltigt und getötet habe "für die wenigen Minuten".

Später soll K. die Leiche des Mädchens in einen Teppich gewickelt, in einen Müllcontainer der BSR geworfen und mit Müll abgedeckt haben. Die Polizei stellte während der Ermittlungen nach, ob eine Leiche in der Müllverbrennung in Ruhleben unbemerkt verbrannt werden könnte. Bei der riesigen Müllmenge sei das möglich, wurde festgestellt.

Die 22. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin verhandelt zum Mordfall der 14-jährigen Georgine aus Berlin-Moabit. (Quelle: rbb/Ulf Morling)Die 22. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin

2016: Die Wende im Mordfall Georgine

Nachdem Ali K. wegen sexueller Nötigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, kam die Akte schließlich zur Mordkommission. Neben rund 150 anderen Männern in unmittelbarer Wohnnähe in Moabit, war Ali K. derjenige, der nun ins Visier der Ermittler kam. Drei verdeckte Ermittler wurden 2016 auf ihn angesetzt - darunter "Kara". Der führte nach zwei Jahren mit dem mittlerweile eng vertrauten K. das entscheidende Gespräch mit dem "Geständnis" des Angeklagten, das im Prozess die Grundlage für seine Verurteilung bildete.

Georgines Familie ist mit dem Urteil zufrieden

Der Nebenklageanwalt der Mutter Georgines, Roland Weber, lobte nach dem Urteilsspruch ausdrücklich die Berliner Polizei: Niemals hätten die Beamten das Verschwinden Georgines zu den ungelösten Fällen ins Regal gestellt, sondern immer weiter ermittelt. Dafür sei die Familie sehr dankbar. Die Schwester der Getöteten ist mit der Höhe des Urteils zufrieden. Für sie sei das Urteil ein Abschluss: "Hauptsache, so etwas läuft nicht mehr auf Berliner Straßen herum!" Die Mutter Georgines müsse jetzt endlich damit leben, dass ihr Kind wirklich ermordet wurde und nicht vielleicht noch irgendwo unerkannt leben könnte, so ihr Anwalt Weber. "Mit dem Urteil ist klar, dass Georgine tot ist. Bisher hatte meine Mandantin immer noch ein Fünkchen Hoffnung."

Staatsanwaltschaft und Verteidigung kündigten Revision gegen das Urteil an.

Sendung: Antenne Brandenburg, 17.03.2020, 7:30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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4 Kommentare

  1. 4.

    Und das ist gut so - bloß keine frühere Entlassung.

  2. 2.

    Gut für die Familie des Opfers, dass zumindest ein Urteil gesprochen wurde. Doch abgeschlossen kann erst werden, wenn sie ihre Tochter auch beisetzen können. Schade, dass der Verurteilte dieses Wissen nie preisgeben wird, denn dann müßte er schlußendlich doch zu seiner Tat stehen und Verantwortung übernehmen.
    Aber dann würde er sich ja selbst im Nachhinein der Tat überführen. So kann er immer weiter behaupten, unschuldig zu sein und entsprechende Rechtsmittel nutzen.

  3. 1.

    Die erste positive Nachricht des Tages.

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