Balletttänzerinnen während eines Trainings in einem Übungsraum. (Quelle: imago-images/Alexander Demianchuk)
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Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik Berlin - Kommissionsbericht sieht Kindeswohlgefährdung bestätigt

Eliteausbildung auf Kosten des Kindeswohls, gefördert durch eine "Kultur der Angst" – das wurde der Staatlichen Ballettschule Berlin vorgeworfen. Nun liegt der Zwischenbericht der Aufklärungskommission vor. Von Tina Friedrich und Torsten Mandalka, rbb24 Recherche

Jahrelang sollen an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Schülerinnen und Schüler unter Drill, Leistungsdruck und ständiger Angst vor dem Scheitern gelitten haben. Die Strukturen der Schule und die Haltung der Schulleitung sollen eine Kindeswohlgefährdung begünstigt haben. Über diese Missstände hatte der rbb seit Ende Januar regelmäßig berichtet. Die Expertenkommission, die unter dem Vorsitz des erfahrenen Schulleiters Klaus Brunswicker den Vorwürfen nachgehen sollte, hat nun einen ersten Zwischenbericht verfasst. Der Bericht liegt der Redaktion rbb24 Recherche vor.

Drei Monate lang sammelte das sechsköpfige Team um Brunswicker zusammen mit einer für die Betroffenen eigens eingerichteten Clearing-Stelle Erfahrungsberichte von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern sowie vielen Ehemaligen. Das Ergebnis: Die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik Berlin sei geprägt von einer "Kultur der Angst" und vermittle den "Eindruck von Günstlingswirtschaft". Es gebe einen "problematischen Umgang mit Schülerinnen und Schülern durch herabwürdigende, beleidigende und übergriffige Äußerungen", gegen die sich Schülerinnen nicht wehren könnten - aus Angst, dann die Schule verlassen zu müssen.

Der elf Seiten umfassende Zwischenbericht kritisiert darüber hinaus "eine Dominanz der Elitenausbildung gegenüber der Allgemeinbildung" im schulischen Alltag. Die Schilderungen legen nahe, dass dies auf Kosten des Kindeswohls geschah.

Imagepflege wichtiger als Fürsorgepflicht

Die Brunswicker-Kommission soll sowohl den Vorwürfen der Kindeswohlgefährdung nachgehen als auch Mängel in der Schulorganisation und -struktur untersuchen. Die Erkenntnisse der parallel arbeitenden unabhängigen Clearingstelle sind in den Bericht eingeflossen. Die Clearingstelle wurde eingerichtet, um Betroffenen eine Anlaufstelle zu bieten, die im Zweifel auch Anonymität garantiert. Eine erste Einschätzung des Teams der Kinderpsychologin Elke Nowotny und des Bildungsexperten Arthur Kröhnert lautet demnach, dass sich an der Schule "Kindeswohlgefährdung durch physische und psychische Misshandlung, emotionale Vernachlässigung, Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge sowie der Fürsorge- und Aufsichtspflicht erkennen lässt". Unter anderem hätten lange Arbeits- und Schultage zu Überlastung geführt. Darüber hinaus gebe es keinerlei Konzepte dafür, wie Schülerinnen und Schüler aufgefangen werden könnten, die dem Druck nicht standhielten.

Zahlreiche Auftritte während des Schuljahrs hätten vor allem das Image der Schule als Eliteeinrichtung gestärkt. Dafür sei aber in Kauf genommen worden, die Kinder körperlich zu überlasten, beispielsweise auch, indem Erkrankungen oder Verletzungen nicht vollständig auskuriert wurden.

Landesjugendballett ohne pädagogisches Konzept

Der Bericht stellt darüber hinaus den Wert des Landesjugendballetts für die Ausbildung in Frage. Es wurde 2017 gegründet und an die Ballettschule angegliedert, um den Schülerinnen und Schülern praktische Aufführungserfahrungen zu vermitteln. Doch im Bericht heißt es nun: "Auftritte sind aus Sicht der Kommission einseitig auf die Anerkennung künstlerisch besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler ausgerichtet und dienen damit in erster Linie der Reputation der Schule im professionellen und internationalen Ballettbetrieb." Es fehle außerdem ein Konzept für die pädagogische Aufarbeitung dieser Auftritte.

Der Fokus der Schule liegt nach Ansicht der Kommission auf ihrem Ruf im internationalen Ballettbetrieb. Das Renommee sollte demnach durch eine hohe Zahl von Auftritten gefördert werden. Dafür holte die Schule auch viele Kinder und Jugendliche aus der ganzen Welt nach Berlin. Die Kriterien, nach der diese Schülerinnen und Schüler ausgewählt werden, seien für die Kommission aber nicht nachvollziehbar. In diesem Zusammenhang zweifelt die Kommission an, "inwieweit die Ausbildung von international ausgewählten Schülerinnen und Schülern mit dem Potential, Spitzenballetttänzerinnen und Spitzenballetttänzer zu werden, zur Aufgabe des Berliner Schulwesens gehört". Zudem stellen sie die Frage, ob es gerechtfertigt sei, dass demgegenüber "bisherige Schülerinnen und Schüler, deren Leistungen dieser Perspektive nicht völlig entsprechen, die Schule wieder verlassen müssen".

Schulleitung wird im Mai angehört

Was aus dem Bericht ebenfalls hervorgeht: Bisher gab es offenbar noch keine Gespräche mit dem bisherigen Schulleiter Ralf Stabel und dem künstlerischen Leiter Gregor Seyffert. Dazu heißt es im Kommissionsbericht: "Das Gesprächsangebot der Expertenkommission an den freigestellten Schulleiter und den freigestellten künstlerischen Leiter ist für Mai angenommen worden."   

Obwohl sie deutliche Kritik an der Organisation und Führung der Schule übt, betont die Kommission auch: In allen Gesprächen habe sich der Eindruck verfestigt, dass es "ein gemeinsames Interesse aller Beteiligten gibt, die Schule mit ihren besonderen Angeboten im Bereich der Ballett- und Artistikausbildung zu erhalten".

Am Montag wird der Zwischenbericht, über den zuerst der "Tagesspiegel" berichtete, in der Schule vorgestellt und danach auch veröffentlicht. Der Abschlussbericht ist für den Herbst angekündigt.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Wegen solcher und noch viel schlimmerer Missstände braucht Deutschland dringend ein Gesetz zum Schutz von Whistleblowern. Sowas kann man schon früher stoppen.

  2. 2.

    Hier wäre für mich ein wichtiger Aspekt, inwieweit der Ehrgeiz der Eltern grösser ist, als das Leistungsvermögen ihrer Kinder. Wenn ich sehe, dass mein Kind leidet, nehme ich es aus dieser Schule. Es gibt für das Verhalten der Verantwortlichen der Schule keine Entschuldigung, dennoch kann man die Eltern durchaus auch hinterfragen.

  3. 1.

    Warum wird hier ' Günstlingswirtschaft'
    verurteilt, die in der Politik unseres Landes vorgelebt wird ?
    Mir tun aber die Schüler leid .

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