Ballettschuhe vor Balletttänzerinnen (Bild: imago images/westend61)
Audio: Inforadio | 14.05.2020 | Torsten Mandalka | Bild: imago images/westend61

"Kindeswohl gefährdet" - Clearingstelle erhebt schwere Vorwürfe gegen Ballettschule

An der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik sei Kindeswohl gefährdet worden. Zu diesem Ergebnis kommt der Zwischenbericht der unabhängigen Clearingstelle. Die Leiterin beschreibt "heftige Inhalte". Von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

Elke Nowotny holt tief Luft, bevor sie aufzählt, was ihr als Kinder- und Jugendpsychologin in den vergangenen drei Monaten über das Leben an der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik berichtet wurde: "Es waren heftige Inhalte: physische und psychische Gewalt, emotionale Vernachlässigung, Vernachlässigung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht und sexuelle Übergriffe." Deshalb lasse sich Kindeswohlgefährdung erkennen.

So lautet auch das Ergebnis des Zwischenberichts der Clearingstelle, die sich seit Februar mit den Vorwürfen beschäftigt. Sie war von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) als unabhängige Stelle geschaffen worden, an die sich Schüler, Schülerinnen, Mitarbeiter, Eltern und Ehemalige wenden können. Nowotny leitet sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Arthur Kröhnert. Am Donnerstag stellten die beiden das Ergebnis ihrer bisherigen Arbeit vor.

Vertrauensverhältnisse werden bewusst verhindert

Der Zwischenbericht kommt nicht nur zum Ergebnis, dass an der Schule Kindeswohl gefährdet wurde. Er beschreibt auch ein geschlossenes System, in dem der Gefährdung der Kinder nicht Einhalt geboten wurde. "Aus meiner Sicht ist die Schule keine Schule für Kinder, sondern die Kinder sind für die Schule da", beschreibt Kröhnert seinen Eindruck. "Manchmal werden die Kinder als Material bezeichnet. Das sagt viel aus, dass man so über Persönlichkeiten redet, die man zu großen Tänzern und Artisten ausbilden will."

Es gebe harte Direktiven, Probleme nicht anzusprechen, und Angst vor Konsequenzen, wenn man es doch tut. "Es wird bewusst kein Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Pädagogen zugelassen und kein Vertrauensverhältnis zwischen Pädagogen unterschiedlicher Hierarchien", sagt Kröhnert. Auch Eltern seien bewusst aus dem System ausgeschlossen worden.

Für den Zwischenbericht haben nach Angaben der beiden Kinderschützer über 200 Personen mit ihnen Kontakt aufgenommen. Mit 108 Personen seien schließlich Gespräche geführt worden, davon etwa zwei Drittel aktuelle und ein Drittel ehemalige Schüler, Eltern und Mitarbeiter, sowie sieben schulfremde Personen. "Was uns berichtet wurde, ist glaubhaft", sagt Kröhnert.

Kinder verlieren ihre Fröhlichkeit

Der psychische Druck sei besonders häufig beschrieben worden, berichtet Elke Nowotny. Bereits nach kurzer Aufenthaltszeit hätten sogar Außenstehende Veränderungen an den Kindern wahrnehmen können. "Nach einem halben Jahr haben die Kinder eine Maske entwickelt, die sie in der Schule zeigen. Da haben sie ihre Fröhlichkeit verloren."

Beispiele gebe es viele. Ein Lehrer habe einmal ein Kind an einem Treppengeländer über die Brüstung gedrückt, weil es nicht schnell genug zur Seite ging, und dabei gesagt: "Da ist auch schon einmal jemand hinuntergefallen." Kindern sei gedroht worden, Auftritte oder Auslandsreisen nicht wahrnehmen zu dürfen, wenn sie eine notwendige medizinische Untersuchung machen ließen. Fiebernde Kinder seien aus dem Bett geholt worden, weil die Trainer auf dem Auftritt beharrten. Um das zu verhindern, hätten sich Erzieherinnen Geschichten ausdenken müssen, um überhaupt ihrer Fürsorgepflicht nachkommen zu können.

Sexualisierte Sprache und Übergriffe

Nowotny und Kröhnert legen Wert darauf, dass es sich nicht um anonyme Vorwürfe und Berichte handelt. "Es ist nicht von einigen wenigen zusammengesponnen." Lediglich 17 der 108 hätten ihren Namen verschwiegen. Dennoch nennt der Bericht keine Namen, und einiges werde bewusst nicht öffentlich dargestellt, beispielsweise die Beschreibung sexueller Gewalt. Vergewaltigungen habe es nicht gegeben, aber beinahe jede andere Form sexueller Übergriffe.

Verbal sei die Intimsphäre oft durch Bemerkungen "weit unter der Gürtellinie" verletzt worden, sagt Elke Nowotny. Sätze wie "Du bist so fett geworden. Du nimmst die Pille, setz die doch mal ab!" seien im Training gefallen. Einem 11-jährigen Mädchen seien beim Auswahlverfahren auf dem Rücken liegend ohne weitere Erklärungen die Beine von oben zum Spagat gespreizt worden bis es weh tat. Die Kinder und Jugendlichen schämten sich dafür, dass sie Erlebnisse wie diese nicht einfach aushalten, erklärt Nowotny. "So entsteht Schweigen."

Langfristige psychische Erkrankungen

Die Kinderpsychologin sagt auch, dass mehrere Ehemalige angegeben hätten, durch die Erlebnisse an der Schule langfristig Depressionen oder Drogenprobleme entwickelt zu haben. Einige hätten selbstverletzendes Verhalten entwickelt. Hilfe für diese Schüler hätte es kaum gegeben. Manche suchen heute bei der Clearingstelle Hilfe. Die muss Elke Nowotny weiterschicken: "Wir sind keine therapeutische Einrichtung, aber wir haben in einigen Fällen therapeutische Unterstützung empfohlen."

Die Clearingstelle arbeitet zunächst ohne zeitliche Einschränkung weiter. Ein Abschlussbericht ist für den Herbst geplant. Dann will auch die Expertenkommission, die sich mit den strukturellen Problemen an der Schule beschäftigt, ihr Untersuchungsergebnis vorlegen.

Beitrag von Tina Friedrich und Torsten Mandalka (rbb24 Recherche)

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12 Kommentare

  1. 12.

    Es ist wirklich erschütternd. Und gut, dass solche Verhältnisse jetzt professionell aufgearbeitet werden. Ein großes Dankeschön an Frau Friedrich und Herrn Mandalka für Ihre Recherchen und an all die betroffenen Mitarbeiter*innen und Schüler*innen der Schule, die nicht mehr bereit waren zu schweigen!
    Mit der guten - und für die Betroffenen auch dringend notwendigen - Aufklärungsarbeit von Kommission und Clearingstelle wird jetzt das Fundament für eine Schule gelegt, in der die Gewährleistung von Kindeswohl und anspruchsvoller Ausbildung auf höchstem Niveau nicht mehr länger als gegeneinander stehende Begriffe gelebt werden, sondern sich gegenseitig verstärken können. Innerlich starke, nicht gebrochene Persönlichkeiten sind zum wirklich starken künstlerischen Ausdruck fähig.

  2. 11.

    Die Anzeigen sind längst erstattet, vieles ist noch nicht verjährt und die verjährten Delikte kommen als strafverschärfend hinzu. Wie bleiben am Ball!

  3. 10.

    Wegen der Corona-Krise sind weltweit sehr viele Ballettpädagogen `"frei" gestellt und könnten zum neuen Schuljahr durchaus ihre Stelle an der Ballettschule antreten!

  4. 8.

    Es scheint so, dass die Schulleitung ein bestimmtes Kind fördern möchte, und die 'Einschätzung der Fachkräfte' nicht hören will und unterdrückt. Stellen Sie bitte vor, wenn eine Fachkraft in der 'unteren Hierarchie' ein Kind einfach nicht mag und abschulen möchte? Die Schulleitung will davon nichts hören und diese Fachkraft nimmt die Sache in die eigene Hand - misshandelt, blamiert das Kind vor der Konkurrenz, mobbt es so lange, dass es zusammenbricht und freiwillig geht. Manche Fachkräfte sind narzisstisch und nicht mit ihrer niedrigeren Position zufrieden. Kindeswohlgefährdung hinter geschlossenen Türen, die Konkurrenz bekommt es mit und freut sich - besonders wenn das Kind eigentlich gut war.

  5. 7.

    Es gibt eine stellvertrende Schulleiterin, die früher dort Lehrerin war und aufgestiegen ist. Sie hatte alles in der Hand, alles die Schule betreffende. Sie sagte auch knallhart, dass es in der Schule 'kein Mobbing gibt, das Wort ist viel zu hart, und wenn es das gäbe, müsste es ja angezeigt werden'. Diese Leiterin wurde nicht entlassen. Der stellvertrende künstlerische Leiter, der den Posten jetzt übrigens übernommen hat, hat die ganzen Umstände gekannt und auch selbst praktiziert. So lange diese Personen da sind, wird sich nichts verbessern!

  6. 6.

    Wer hat eigentlich zugelassen, dass zwei Männer ohne Laufbahnhintergrund als Lehrer eine staatliche berufliche Schule leiten? Wie tief geht dieser Sumpf und bei wem endet er? Bei welchem Kopf beginnt der Fisch an zu stinken? Und: wird auch dieser zur Verantwortung gezogen? Fragen über Fragen. Ein Junge sagte mir mal: Ach weißt du - Scheiße fällt immer nur nach unten. Auch in diesem Fall ?

  7. 5.

    Hoffentlich kommt man zu dem Ergebnis, diese Einrichtung für immer zu schließen. Ich stand dieser Schule schon immer skeptisch gegenüber, hatte trotzdem gehofft dass es such eine kindgerechte Form von Ballett-Drill geben könne. Aber hier hat sich wohl übelste DDR-Tradition halten können. Es ist beschämend für die Bildungssenatotin, hier nicht hingeschaut zu haben. Mein Mitgefühl gilt den misshandelten Kindern und Jugendlichen!

  8. 4.

    Soweit ich weiß, gelten psychische Verletzungen nur dann als Körperverletzung, wenn daraus körperliche Beschwerden resultieren. Ich gehe also davon aus, dass gegen die Schädiger in keinster Weise vorgegangen wird.
    Hier sehe ich parallelen zum Missbrauch in der Kirche. Wir alle wissen, dass sich Priester massenhaft an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, passiert ist bis heute so gut wie nichts. Die Kirche ermittelt angeblich selbst, der Staat hält sich heraus. Nur, dass die Clearingstelle wenigstens nicht von der Balletschule ins Leben gerufen wurde.
    Gebäude abreißen, damit die Opfer nie wieder in einen dieser Räume müssen, indem sie gequält wurden. Sämtliches Personal kündigen. An einer anderen Stelle unter neuer Leitung und neuen Vorzeichen komplett neu aufbauen. So kann vielleicht irgendwann mal wieder etwas daraus entstehen. Ansonsten sollte das Land Berlin die Finger davon lassen.

  9. 3.

    Nach diesem Bericht gehören sowohl die Leitung als auch die ganzen Tanzlehrer sofort gekündigt und ausgewechselt.
    Es wird sich doch jemand anders für diese Schule finden, die einen menschlichen Umgangston haben.
    Solche vermeintlichen Halbgötter wie an dieser Staatlichen Ballettschule benötigt man nicht!!!

  10. 2.

    Ich hoffe, dass die Taten nicht verjährt sind und Anzeigen erstattet werden.
    Es ist schrecklich, dass sowas heutzutage immer noch möglich ist. Die Gesellschaft hat sich seit den 50/60er Jahren nicht wesentlich entwickelt. Ich gehe davon aus, dass die Täter ungeschoren davon kommen.

  11. 1.

    "Manchmal werden die Kinder als Material bezeichnet...." ob sich jetzt wieder Mütter hier melden und sagen, wie toll die Schule doch sei? Vielen Dank dem rbb für die Aufklärung, für den Anstoß dazu. Ich denke, es sind viele viele Kinderseelen gerettet worden, auch wenn noch mehr bereits zerstört sind...

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