Zwei Menschen auf dem Temeplhofer Feld in Berlin
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Video: rbb|24 | 07.05.2020 | Bild: imago images / ZUMA Wire

Geschichte und Geschichten um das Tempelhofer Feld - Seit zehn Jahren für die ganze Stadt offen

Am 8. Mai 2010 wurde das Tempelhofer Feld für die Freizeit der Berliner freigegeben. Es begann eine neue völlig neue Ära. Und es begannen Diskussionen, was aus der Fläche werden soll. Ein Rückblick von Thomas Rautenberg

Am 8. Mai 2010 hatte Berlins damalige Bausenatorin einen großen Auftritt. Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zückte einen goldenen Schlüssel, um das Tor zum Tempelhofer Feld aufzuschließen. Ein bewegender Moment sei das, sagte die Senatorin vor Hunderten Schaulustigen: "Ich habe mich sehr auf diesen Tag gefreut und ich bin mir auch bewusst, dass es etwas Einmaliges ist, so ein großes Gelände für die Berliner Bevölkerung wieder zurückzugewinnen. Und das berührt mich auch ganz persönlich."

Die Anwesenden waren wirklich begeistert. Die Größe des Areals, die Geschichte und der weite Blick verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein 40-Jähriger Mariendorfer, der Anfang Mai 2010 zur Eröffnung des Tempelhofer Feldes gekommen war, konnte es nicht glauben, dass er jetzt auf einer Rollbahn steht. Es sei ein wahnsinniges Gefühl über die Start- und Landebahnen zu gehen, auf denen einst die Rosinenbomber gelandet seien, schwärmt er. Das sei einfach ein Traum.

290 Jahre Geschichte auf dem Tempelhofer Feld

Die Zeit, in der die Rosinenbomber landeten, ist längst vorbei. Wie so vieles, was auf dem Gelände einmal stattgefunden hat. Einst Parade- und Exerzierplatz für das Militär. Ab Ende des 19. Jahrhunderts dann Übungsplatz für waghalsige Unternehmungen der Flugpioniere. Arnold Böcklin, vom Beruf her eigentlich Maler, startete und landete erstmals mit einem motorlosen Fluggerät. Ohne dabei den ganz großen Crash hinzulegen.

Andere hatten weniger Glück. Friedrich Hermann Wölfert beispielsweise, dessen Luftschiff in 1.000 Meter Höhe explodierte. Im Oktober 1923 bekommt Tempelhof die Lizenz für den dauerhaften Flugbetrieb - der Flughafen Tempelhof war geboren. Heute zeugt noch das originale Flugfeld mit Landepisten und Beobachtungspunkten von dieser Zeit. Und natürlich das historische Terminal. Einst das größte zusammenhängende Gebäude weltweit, bevor ihm

Luftbrücke 1948-1949

Das weite Flugfeld in Tempelhof war einst legendärer Mittelpunkt für die weltweit größte humane Hilfsaktion. Mit der von den USA initiierten Luftbrücke zur Versorgung von Westberlin starten und landeten hier die Transportmaschinen. Teilweise im 90-Sekunden-Takt kamen die Flieger vollgepackt nach Berlin und flogen anschließend leer wieder nach Westdeutschland.

Von Juni 1948 bis zum Mai 1949 dauerte die Versorgung des westlichen Teils von Berlin aus der Luft.

Flughafen Tempelhof wird geschlossen

30. Oktober 2008, wenige Minuten vor Mitternacht: Auf dem Flughafen Tempelhof wird es noch einmal laut: Zwei historische Flugzeuge, ein Rosinenbomber und eine JU 52 starten parallel auf beiden Bahnen in Tempelhof. Damit ist der Flughafen Geschichte.

Die Gesellschafter der Berliner Flughafengesellschaft Berlin, Brandenburg und der Bund hatten sich 1996 im sogenannten Konsensbeschluss für den Bau des neuen Airports BER in Schönefeld auf das Ende von Tempelhof oder später auch von Tegel geeinigt.

Ende als Neuanfang

Seitdem dem Ende des Flugbetriebes in Tempelhof wurde über die Nachnutzung des Geländes diskutiert und auch gestritten: Bäume pflanzen oder nicht, Wohnungen bauen oder alles so lassen, wie es ist.

Der Berliner Senat hatte auf dem Tempelhofer Feld Großes vor. Wohnungsbau zumindest in den Randlagen des Feldes habe Priorität, kündigte im Jahr 2014 Michael Müller, seinerzeit noch Bausenator in der Großen Koalition an: "Schon jetzt spüren wir, wie hoch der Druck auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist. Wir brauchen neue, wir brauchen bezahlbare Wohnungen und wo sollen und können die Wohnungen entstehen, wenn nicht auch hier."

Doch dem Senat kam im gleichen Jahr der erfolgreiche Volksentscheid "100 Prozent Tempelhofer Feld" in die Quere. Die Planungen von Wohnungsbau, einer neuen Zentralbibliothek oder auch einem Busbahnhof waren Makulatur.

Dennoch geht die Debatte weiter. Inzwischen sollen sich etwa 63 Prozent der Berliner doch eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes vorstellen können. Möglichweise wird es im Jahr 2021 mit der Abgeordnetenhauswahl auch einen Neuanlauf in dieser Frage geben.

Zehn Jahre Tempelhofer Feld

Bäume auf dem Tempelhofer Feld

Die Berliner CDU hat auch eine Teilaufforstung auf dem Gelände ins Spiel gebracht. Auf rund 100 Hektar, also einem Drittel der Fläche sollen danach Bäume stehen. Die ersten wurden Anfang des Jahres schon im Bereich der Oderstraße gepflanzt. Bauen und Wald, die Berliner sehen es, sagen wir mal, mit gemischten Gefühlen. Wald, sagt eine junge Berlinerin, würde sie nicht stören. Wenn aber gleichzeitig auch noch gebaut würde, wäre das nicht in Ordnung. Auch eine andere Besucherin des Tempelhofer Feldes fürchtet, dass mit einer teilweisen Aufforstung sofort auch neuer Druck in die Baudiskussion kommen würde.

Ein junger Neuköllner, der auf der alten Rollbahn einen Drachen steigen lässt, mag sich mit diesen Gedanken gar nicht erst beschäftigen. Das Feld sei einzigartig, sagt er, es solle bleiben, wie es ist und damit Schluss.

Der Flughafen Tempelhof

Im 18. und 19. Jahrhundert diente das Tempelhofer Feld als Exerzier- und Paradeplatz für das Militär. Zugleich war es ein beliebtes Naherholungsgebiet der Berliner. Schon früh wurden hier erste Flugversuche unternommen und Flugschauen gezeigt, die Tausende Zuschauer anzogen.

1923 wurde der erste reguläre Flughafen auf dem Gelände errichtet. Ab 1926 landeten auch Flugzeuge ausländischer Fluggesellschaften; die Zahl der beförderten Personen stieg von 150 im Jahr 1923 auf über 60.000 Mitte der 30er Jahre. Damit nahm Tempelhof unter den Flugplätzen in Europa die Spitzenposition vor London und Paris ein.

Auf Betreiben der Nationalsozialisten begannen 1934 Planungen für einen Großflughafen, Baubeginn war 1936. Es entstand das größte zusammenhängende Flughafengebäude der Welt mit einem 1,2 Kilometer langen, durch Treppentürme gegliederten Hallenbogen, auf dessen Dach Tribünen für bis zu 65.000 Zuschauer vorgesehen waren.

Während der Berliner Blockade wurde der Westteil der Stadt durch Flugzeuge der Amerikaner und Briten aus der Luft mit Lebensmitteln, Medizin, Kohle und Rohstoffen für die Industrie versorgt. Für die so genannten ”Rosinenbomber” der Amerikaner war von Juni 1948 bis Juli 1949 der Flughafen Tempelhof Hauptstart- und -landeplatz.

1951 wurde Tempelhof für den zivilen Flug- und Frachtverkehr freigegeben. Allerdings stieß der Flughafen in den 60er Jahren an seine Kapazitätsgrenzen und man stellte 1975, nach dem Bau des Flughafens Tegels, den Betrieb ein. Erst 1990 nach dem Mauerfall wurde Tempelhof als Flughafen - hauptsächlich für Inlandsflüge - wieder geöffnet.

Mit dem gemeinsamen Beschluss des Bundes, Berlins und Brandenburgs vom 28. Mai 1996, Schönefeld zum Flughafen Berlin Brandenburg auszubauen, waren die Tage des Tempelhofer Flughafens gezählt.

Der Volksentscheid im April 2008, bei dem die Mehrheit der abgegebenen Stimmen gegen eine Schließung votierte, änderte an den Plänen des Senats nichts, zumal insgesamt nicht genügend Stimmen zusammenkamen und somit das notwendige Quorum nicht erreicht wurde.

So wurde am 31.10.2008 der Flughafen Tempelhof offiziell geschlossen und der Flugbetrieb eingestellt. 2010 eröffnete auf dem Flughafengelände ein großes Park- und Freizeitgelände.

Sendung:Inforadio, 07.05.2020, 08:10 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

3 Kommentare

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  1. 3.

    Was m. E. wirklich fehlt, das ist der Bezug zur nationalsozialistischen Planung der Welthauptstadt Germania. Denn das seinerzeit größte Gebäude der Welt ist nicht einfach so entstanden, die Nazis haben das in ihrem Größenwahn so errichtet. Und es sollte noch größer werden: Der Wasserfall, der vom Kreuzberg in Richtung Großbeerenstraße zu Boden geht, sollte in Richtung Rollfeld gedreht werden, der südöstliche Teil des Rondells am Platz der Luftbrücke sollte zur Gänze in sämtliche Richtungen entwickelt werden.

    Mein Eindruck ist, dass Berlin - d. h. sowohl das vergangene West-Berlin als auch das vergangene Ost-Berlin - während der Nachkriegszeit die Aufarbeitung von derlei schlichtweg "überlagert", ja regelrecht nahezu unterdrückt hat: In Westteil durch vordergründig anderes Bauen, in Ostteil durch aufgehängte propagandistische Parolen.

  2. 2.

    Wer glaubt, es bleibt bei einer Randbebauung bzw. die Wohnungen bleiben auch Jahre nach dem Bau im Landesbesitz, der glaubt auch noch an den bärtigen Mann in rot und das hoppelnde Fellknäuel mit Korb auf dem Rücken.

  3. 1.

    Ich finde es gut, dass die zeitweise geplante Bebauung bisher nicht verwirklicht wurde, und hoffe dass es so bleibt. Es stimmt natürlich dass Wohnungen gebraucht werden, aber dafür sollte man lieber den Leerstand bekämpfen und die Wuchermieten und die Zweckentfremdung. Auch Freiflächen sind wichtig für die Lebensqualität, und das Klima einer Stadt, und die Gesundheit der Bewohner. Und das ganze Theater mit Demonstrationen und Volksabstimmung muss ich auch nicht nochmal haben.

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