Sternenhimmel über Lochow (Quelle: rbb/ Detlef Zemlin
Audio: Inforadio | 13.05.2020 | Oliver Soos | Bild: Detlef Zemlin

Sternenpark Westhavelland - Sechs Einwohner und 3.500 Sterne

Reisen ins Ausland werden in nächster Zeit wohl kaum möglich sein, das macht die Region attraktiver. Ein Tipp ist ein Astro-Ausflug nach Brandenburg in den Sternenpark Westhavelland, der den dunkelsten Nachthimmel Deutschlands verspricht. Von Oliver Soos

Zugegeben: Ich bin, was Astronomie angeht, eine ziemliche Niete. Meinen einzigen Planetariumsbesuch hatte ich zur Schulzeit und das war vor knapp 30 Jahren. Am Nachthimmel entdecke ich gerade mal den Mond und den Großen Wagen. Wenn etwas blinkt und sich bewegt, dann weiß ich immerhin, dass es sich um ein Flugzeug handelt. Per Zufall habe ich erfahren, dass es hier in der Region, im Havelland, einen der weltweit besten Spots zum Sternegucken gibt. Da man seit vergangenem Freitag wieder Ferienwohnungen mieten darf, hat mich das dann doch neugierig gemacht.

Ganz unvorbereitet will ich allerdings nicht hinfahren, deshalb treffe ich mich in der Nacht mit Stefan Gotthold im Treptower Park. Er ist dort in der Archenhold-Sternwarte für die Bildungsarbeit zuständig.

Üben für den Sternenpark

Die Sternwarte ist zwar wegen der Corona-Pandemie bis auf Weiteres geschlossen, doch Stefan Gotthold will mir im Garten eine kleine Einführung ins Sternegucken geben und zeigen, was man am Berliner Nachthimmel entdecken kann, trotz der großen Lichtverschmutzung.

Das erste, was wir sehen, überrascht mich ziemlich. Vier Sterne fliegen über den Himmel, direkt hintereinander, aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Flugzeuge können es nicht sein, denn sie blinken nicht, sie leuchten durchgehend weiß.

Stefan Gotthold rollt mit den Augen. Er erzählt, dass es sich bei diesen Objekten um ein Ärgernis für alle Astronomen handelt. Es sind Starlink-Satelliten, mit denen der US-Milliardär Elon Musk ein weltweites Internetnetzwerk aufbauen will. "Die Satelliten werden von der Sonne angestrahlt und hellen den Himmel auf, so dass wir Probleme bekommen, wenn wir Sterne fotografieren wollen", sagt Gotthold. Außerdem mache ihm Sorge, dass irgendwann immer mehr Weltraumschrott durchs All fliegen könnte.

In Berlin sind nur etwa 400 Sterne zu sehen

Nachdem die Satelliten vorbeigezogen sind, zeigt er mir ein paar Sternbilder. Wir legen den Kopf in den Nacken und sehen direkt über uns den mir wohlbekannten Großen Wagen. Doch dann lerne ich eine Menge Neues hinzu. "Wenn man der Wagen-Deichsel in ihrer Bogenform folgt und weitergeht, dann trifft man auf einen sehr hellen Stern mit dem Namen Arktur. Er gehört zum Sternbild des Bärenhüters", erzählt Gotthold.

Wir verfolgen diese Linie weiter bis über den Horizont und entdecken Spica, den hellsten Stern im Sternbild Jungfrau. Dann drehen wir uns nach rechts, in Richtung Westen und sehen ein Trapez und eine Biegung, die Andeutung eines Kopfes. Beides gehört zum Sternbild des Löwen. "Der linke Stern im Trapez des Löwen, Spica in der Jungfrau und Arktur im Bärenhüter ergeben das Frühlingsdreieck", sagt Gotthold.

Mir macht das richtig Spaß. Das sei noch gar nichts, so Gotthold: "In Berlin entdeckt man meist nur Teile der Sternbilder, denn am Berliner Nachthimmel kann man wegen der Lichtverschmutzung nur bis zu 400 Sterne sehen. Im Westhavelland, wo es richtig dunkel ist, sieht man 3.500 Sterne und auch das Band der Milchstraße. Das ist atemberaubend."

Gemeinden reduzieren ihr Licht für die Sterne

Die nächste Nacht ist wieder wolkenlos und ich mache mich auf den Weg in den Sternenpark. Nach anderthalb Autostunden Richtung Westen komme ich in Lochow an. Vom Park selbst bekommt man nichts mit, außer ein paar Schildern an der Straße. Doch die Gegend ist in der Tat sehr dunkel. Was auffällt: Es gibt nur wenige Straßenlaternen, und die leuchten alle nur nach unten. Es gibt keine Geschäfte mit Leuchtreklame und auch in den meisten Häusern sieht man kein Licht. Die Parkverwaltung kümmert sich darum, dass die Gemeinden ihr Licht reduzieren.

Lochow ist idyllisch. Ein Sechs-Einwohner-Ortsteil mit eigenem Badesee, der durch einen Wald von der Gemeinde Stechow-Ferchesar getrennt ist. Der Nachthimmel ist bombastisch. Ich glaube, dass ich das so noch nie gesehen habe, höchstens einmal in Indien in der Wüste. Der Himmel ist übersät mit Sternen und ich sehe auch das Band der Milchstraße. Meine erste Assoziation: eine leuchtende Salzkruste am Himmel.

Ich treffe das Ehepaar Zemlin im Garten ihrer Ferienhausanlage. Sie sind auf Astro-Tourismus spezialisiert. Detlef Zemlin hat einen Laserpointer, mit dem er immer wieder auf einzelne Sterne zeigt. Im Garten sind Teleskope aufgebaut, für Sternenführungen. Während Detlef Zemlin ein computergesteuertes Teleskop einstellt, erzählt seine Frau Liane, dass sie sich sehr freut, dass in Brandenburg wieder Ferienhäuser vermietet werden dürfen. "Es war eine sehr bedrückende Zeit für uns. Wir hatten im März und im April viele klare Nächte und viele Reservierungen, die wir alle absagen mussten", sagt Liane Zemlin.

Sternenführung bei den Zemlins (Quelle: rbb/ Detlef Zemlin)
Bild: rbb/Detlef Zemlin

Detlef Zemlin winkt mich ans Teleskop: "Wenn Sie durch das Okular gucken, dann schauen Sie einmal auf fünf Uhr und einmal auf elf Uhr." Ich sehe einige Sterne und zwei leuchtende milchige Flecke. Einer ist eine senkrechte Ellipse, einer eine waagerechte. "Das sind die Galaxien M81 und M82", erklärt Zemlin. Die Galaxien sind etwa zwölf Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt.

An diesem Abend sehe ich außerdem noch einen Kugelsternhaufen mit etwa einer halben Millionen Sternen (auch ein milchiger Fleck), ich sehe die Venus, einige Satelliten und eine Sternschnuppe. Für mich ist das eine beeindruckende Erfahrung. Zu Unrecht habe ich das Thema Astronomie jahrelang ignoriert. Doch ein Teleskop werde ich mir deswegen nicht unbedingt besorgen. Denn das hat seinen Preis: Die guten computer-gesteuerten fangen bei etwa 1.500 Euro an. Und mit einem billigen Handteleskop aus dem Discounter findet man sich am Himmel nur schwer zurecht, meint Detlef Zemlin.

Sendung: Inforadio, 13.05.2020, 09:45 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich danke Dir recht herzlich für deine sehr gut detaillierte Information. Wenn Du mal da bist, dann wünsche ich Dir viel Spaß bei der Sternebeobachtung.

  2. 2.

    Lochow ist in der Nähe von Nennhausen und Rathenow.
    Mit dem Auto fährt man am Besten über die B5 und B188 bis Stechow und von dort über eine Landstraße über Ferchesar direkt nach Lochow.
    Beim ÖPNV empfehle ich ganz klar das Fahrrad mit zu nehmen. Hier fährt man ab Berlin mit dem RE4 Richtung Rathenow bis Nennhausen und fährt mit dem Fahrrad knapp 8 Kilometer über Stechow und Ferchesar nach Lochow. Die Radwege sind dort auch gut ausgebaut und ausgeschildert.
    Wenn man eine Ferienwohnung gemietet hat und länger bleiben möchte kann man ab Nennhausen auch den Bus (683) nehmen und fährt bis Ferchesar, wovon es noch 2 Kilometer bis Lochow sind. Aber Vorsicht: Der letzte Bus fährt bereits kurz vor 5 und generell nicht am Wochenende.

  3. 1.

    Am interessantesten wird es dann sein wenn Ende Juli die Erde die Bahn des "Leonidenstroms" durchkreuzt. Dann sieht man auch die kleinste Sternschnuppe. Nur als Frage: Wo ist es genau und wie kommt man dorthin?

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