Der Flughafen Tegel am 06.04.2020 (Bild: dpa/Andreas Gora)
Bild: Audio: rbb 88.8 | 20.05.2020 | Sebastian Schöbel

Glosse | Abschied vom Flughafen TXL - Tolles Teil, kann weg

Der Flughafen Tegel macht zum 15. Juni dicht. Auch, wenn es offiziell nur temporär ist: Jeder weiß: Es ist der Abschied für immer, meint Sebastian Schöbel. Er hat seine Abschiedsglosse schon jetzt verfasst - TXL ist halt bei allem schneller als der BER.

Wenn das gastronomische Highlight des Flughafens eine Currywurst-Bude in einem alten S-Bahnwagen ist, dann isst du in TXL.

Wenn die angesagtesten Markenprodukte im Ampelmännchen-Laden verkauft werden, dann shoppst du in TXL.

Wenn die Leute in der Warteschlange vor dir sagen "Zum Glück musste ich nicht nach Schönefeld“, dann fliegst du von TXL.

Die besten Flughäfen der Welt sind ganz besondere Orte, unserem Alltag entrückt. Es ist ein geschlossenes Universum, zu dem nur der erlauchte Kreise der Reisenden Zutritt hat: Abenteurer, die voller Optimismus zu neuen Welten aufbrechen - oder aus ihnen zurückkehren, als neue, erfülltere Menschen. In Tegel stehen sie dann erstmal in einem engen Gang, der als Kulisse für einen preiswerten Tech-Noir-Streifen dienen könnte – sofern man die brummenden Snackautomaten, die Gittersitzbänke im Busbahnhof-Stil und die Ticketbuden fragwürdiger Nischen-Airlines entfernt.

Ein Airport des Jetsets

Wobei sich diese spezielle Tegel-Atmosphäre ja nur den Glücklichen bietet, die im legendären Terminal A unterwegs sein dürfen. Terminal E und D vermitteln den Charme eines mittelstädtischen Einkaufszentrums, während einem in Terminal C - gerade bei sehr frühen oder sehr späten Flügen - der böse Verdacht beschleichen könnte, aus Versehen doch in einer der Wellblechhallen von Schönefeld gelandet zu sein.

Der "echte" Flughafen Tegel ist in der Tat nur das legendäre Hexagon: Terminal A. Ein Bau, der vor allem bei der im (Hosen-)Anzug reisenden Gesellschaft geliebt wurde. Weil sie hier wenig Zeit verbringen musste: Mit der Laptoptaschen in der einen und dem 5-Euro-Kaffee in der anderen Hand waren sie innerhalb weniger Minuten vom Taxi in den Flieger gehuscht, den Blick kaum vom Handydisplay lösend.

Schnell noch ein Jubi im "Red Baron"

Für die Blade-Runner-esque Architektur des Terminals hatten sie aber ohnehin nie Zeit. Ihre Geduld war ja schon aufgebraucht, als sie sich auf dem Weg zum Gate an den Rucksacktouristen mit Ziel Palma de Mallorca vorbeiquetschen mussten, die sich zuvor beim "Red Baron" ein überteuertes Jubi reingestellt hatten. Tegel ist ein Handgepäck-Flughafen, das weiß man doch!

Dabei litt TXL natürlich immer darunter, dass man die Lust auf dessen Flair bereits bei der Anfahrt verlor. Ein Flughafen, dessen ikonisches Hauptgebäude man aus einem überfüllten, im Stau steckenden BVG-Bus intensiv studieren kann, birgt eben kaum noch Geheimnisse. Gleiches gilt für Reisende, die nach Ankunft von so einem BVG-Bus wieder in Empfang genommen werden – pilotiert von einem Busfahrer, dessen ausdrucksloses Tausend-Yard-Starren den kommenden Horror des Flughafenberufsverkehrs erahnen lässt.

Berlin hasst Flughäfen mit "T"

Dass nun die Fans von TXL aufheulen ob der angekündigten Schließung, kann man menschlich nachvollziehen: Sie haben mit Tempelhof doch schon einmal einen egoumschmeichelnden Großstadt-Airport verloren, in dem sich jeder in feinem Zwirn und mit Pan-Am-Tasche am Arm durch die Marmorhallen schlendern sehen konnte. Jetzt werden dort an der Sigmund Freud Universität vermutlich die psychologischen Spätfolgen dieses Traumas studiert.

Zumal TXL nun auch noch von einer in den märkischen Sand gezimmerten Flughafen-Peinlichkeit dahingerafft wird. Eine Monstrosität, der TXL die letzten zehn Jahre den Hintern nachgetragen hat und von der man jetzt nicht mal durch einen dieser super gelaunten Berliner Taxifahrer abgeholt werden kann. Tegel mag eine faltige Diva sein, deren Schönheit längst verblasst ist. Aber der BER ist … der BER. Ein Flughafen, dessen IATA-Kürzel allein schon als Beleidigung auf jedem Brennpunktschulhof ausreichen würde. "Du bist so dumm, du verlegst Kabel am BER!"

Menschen, die auf Flieger starren

So etwas Schlimmes konnte über TXL nie gesagt werden. Trotzdem muss jetzt mal Schluss sein mit diesem Flughafen.

Weil die Reinickendorfer ihren Biorhythmus nicht für immer und ewig an den Flugbewegungen ausrichten könne. ("Ah, die 10:45 nach Lissabon, Zeit fürs zweite Frühstück.")

Weil die Gefahr, doch noch an die U6 angeschlossen zu werden, für TXL noch nie so akut war.

Weil mindestens fünf neue Kaffeehausketten-Startups darauf warten, in der geplanten Urban Tech Republic die uralte Kunst des "Heißes Wasser auf gemahlene Kaffeebohnen"-Schüttens komplett neu zu erfinden.

Nutzen wir also die Monate bis Oktober, um den City Airport TXL wie eine lange und letztlich zum Scheitern verurteilte Beziehung zu beenden. Mit schönen Erinnerungen an die guten und wenig Reue für die schlechten Jahre.

Und in dem Bewusstsein, dass uns "der Neue" schon jetzt gehörig auf den Zeiger geht.

Monument der vergangenen Zukunft

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28 Kommentare

  1. 28.

    TXL war doch immer nur eine grandiose Blamage. Da red ich noch nicht mal von der komplett fehlenden Verkehrsanbindung an U- und S-Bahn. Kann ja sein, dass Architekten das von oben gesehen ziemlich geil finden, mit dem Koffer durch die schmalen Gänge zu schleichen ist aber die Hölle. Richtig irre wird es, wenn man durch die Sicherheitskontrolle durch ist und in einer Sardinendose aufs Boarding warten darf. Selbst der kleinste Inlandsflughafen auf der letzten Insel in Indonesien ist da komfortabler. Und da reden wir jetzt noch nicht über Sanitäranlagen, Imbiss, Ruhebereiche.....TXL ist sowas von aus der Zeit gefallen, wer da von untergehender Kultur spricht lebt echt noch in den 70er.....

  2. 27.

    Also das besondere geschichtliche Bauwerk Tempelhof haben wir erhalten. Steht schön. Auch das Umspannwerk Kreuzberg - erhalten, mit neuer Nutzung.

    Als Backup-Flughäfen ist Tegel leider nicht rentabel. Alle, die zwei Flughäfen wollen, müssten hier erklären, wie viel Steuer sind sie persönlich bereit dafür zu zahlen.

    Übrigens es gibt ja viele Großstädte mit nur einem Linienflughafen - Frankfurt, Madrid, München, Atlanta, Hong Kong, Singapur, Amsterdam... Wer viel fliegt möchte, sollte nur ein Flughafen wollen - wird einfacher zum Drehkreuz.

    (Ja, BER hat auch Steuern benötigt. Aber die Baukosten kriegen wir nicht zurück, jetzt steht er und ist das beste Option.)

  3. 26.

    Mal wieder spannend Altersgruppen und geographische Herkunft aus den Kommentaren zu lesen. Der TXL ist DAS Bauwerk, das das Tor zur Freiheit für die Westberliner bedeutete. Er wurde auch nur dafür konzipiert, weshalb die Hälfte der bisherigen Kommentare blanke Unwissenheit offenbaren. Abgesehen davon, dass das ursprüngliche Gebäude eine Klasse für sich, an Funktionalität war. Das gute Stück wurde für Westberlin und die damaligen Flugkapazitäten gebaut. Was TXL dann in den Folgejahren geleistet hat, ist unbeschreiblich und wie Insider wissen, teilweise sehr riskant gewesen, als der fehlende BER mitaufgefangen wurde. Es ist typisch für Berlin, besondere geschichtliche Bauwerke zu eliminieren u Zweck zu entfremden, sowohl im Ost als auch im Westteil.
    Es ist unfassbar kurzsichtig, nur einen einzigen Flughafen für die Hauptstadt zur Verfügung zu haben. Gewinner davon ist hoffentlich die Umwelt, aber das war sicher nicht das erklärte Ziel der Tegelschliessung.
    Tegel ick vermisse Dir!!!

  4. 25.

    Ich finde es auch schade dass es für Notfälle dann eben kein ausweichflughafen mehr gibt, das wird uns noch um die Ohren fliegen und viele jetzt Befürworter der Schließung werden das noch bitter bereuen.

  5. 24.

    Wie kommen dann ältere Menschen nach TXL Terminal C? Taxi, oder lange laufen (inkl Treppen) von Bushaltestelle oder Parkplatz?

    FDP & Co. fliegen von Terminal C natürlich aber nicht...

  6. 23.

    Der TXL ist ein ganz zauberhafter Flughafen mit eigenem Charme, ich war jedes mal glücklich wenn ich mit dem gleichnamigen Bus zu ihm hinauf fuhr und in das niedliche, wunderbar funktionale Terminal A gehen konnte. Es ist absurd, diesen grandios gut gelegenen Flughafen aufzugeben. Die meisten, die sich über den Fluglärm beschweren, wussten vorher, dass sie nahe am Flughafen wohnen (werden). Etliche, die jetzt über die Schliessung von TXL jubeln, werden sich noch wundern, wenn es dann nur mit dem BER bei plötzlichem Gewitter keinen Ausweichflughafen in Berlin mehr gibt, und sie dann irgendwo in Leipzig oder Hamburg stranden werden ..

  7. 22.

    wird Tegel endgültig geschlossen , dann bleibt nur der BER wenn man fliegen will. Blechterminal hin oder her. Ob Ffm. D, M oder HH , man will abfliegen oder kommt erleichtert an, Charme ? hektische Menschen , Shops , Wartende... wo ist da Charme ?

    @ AnjaBerlinMittwoch, 20.05.2020 | 15:51 Uhr ein sehr emotionaler Kommentar, Respekt dafür

  8. 21.

    Egal wie oft diese Anekdote noch erzählt wird, sie wird nicht richtiger: Unter dem Flughafen Tegel gibt es KEINEN U-Bahnhof, nicht mal eine Vorleistung. Gar nichts. Der nächste U-Bahn-Tunnel liegt zwei Kilometer entfernt am Jakob-Kaiser-Platz.

  9. 20.

    Ich weiss nicht was sie meckern über Tegel haben sie diese alte verdreckte SXF a gesehen. Das ist bestimmt
    Keine Alternative zum TXL.
    Sehr modern für ältere Menschen, Treppe rauf Treppe runter zum Blechterminal.
    Viel spass.

  10. 18.

    Mein persönlicher Rekord: 8 min nach Aufsetzen des Flugzeuges im abfahrenden Bus gesessen. Sowas geniales wird es wohl nie wieder geben. Tegel stammt aus einer Zeit, als man Visionen vom schnellen Reisen hatte. Heute zählt nur Sicherheit und Effizienz (für die Betreiber - nicht für die Reisenden).
    Man wird sehen, wie sich die Diegensche Fehlplanung BER im wahren Flugleben schlägt. Um wieder hunderttausende Menschen mit Lärm zuzumüllen, wird es auf jeden Fall reichen. Mit dem BER wird wohl alles anders aber kaum was besser (außer der Reisekomfort von Beitrag 1). Aber 2020 kann man sowieso abhaken, da ist das Tegel-Aus dann auch egal.

  11. 17.

    Eine frage habe noch.
    Was passiert wenn Nebel oder ein technischer Defekt am BER ist. Wo müssen unsere Flugzeuge hin? Ausweich Flughafen ist nicht mehr TXL sondern Leipzig oder vielleicht Rostock.
    Ich mochte die Berliner oder die Geschäftsleute hören wenn die über die Autobahn fahren muss nach Berlin.

  12. 16.

    Zeit wird es. Mir ist vollkommen unklar, wie man diesem komplett verschlissenen, verdreckten und insgesamt überaus unerfreulichen Dorfflughafen nachweinen kann. TXL weckt als großes Gefühl maximal Magenkrämpfe und noch nicht mal in Ansätzen Hauptstadtassoziationen. TXL ist wirklich peinlich: Weg damit!

  13. 15.

    Ich finde dieses Gejammer auf hohem Niveau um diesen heruntergekommenen Flughafen einfach nur noch nervend. Würde das Teil im Osten der Stadt oder in den nicht mehr so ganz neuen Bundesländern stehen, dann würde kein Hahn danach krähen, ob und wann dieser Flughafen geschlossen wird. Und dann das Gejammer darum, nun nach Schönefeld fahren zu müssen, weil ja Tegel so gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist; da bleibt einem ja das Lachen im Halse stecken. Es ist einfach nur die typische Bequemlichkeit hierzulande, einigen Leuten wäre es ja am liebsten, wenn das Flugzeug vor der eigenen Haustür abheben würde. Einfach mal ein paar Nummern herunterschalten beim Jammern!

  14. 14.

    Ich bin sehr traurig, ich arbeite am Berlin Tegel seit 01.08.1980
    40 Jahre, vielleicht darf ich mein Jubiläum nicht in Tegel erleben.
    Schade.
    Ich wurde versetzt nach Berlin Tegel von Großbritannien von der Fluggesellschaft DAN-AIR London.
    Das weiß kaum jemanden mehr diese Airline. Wir waren die größte Ferien Fluggesellschaft in West Berlin.
    Aufwiedersehen TXL.

  15. 13.

    Ja das ist äußerst traurig. Ich werde Tegel sehr vermissen und finde das die Regierung von Berlin hier einen riesigen Fehler macht. Warum kann sich Berlin keine 2 Flughäfen leisten. Dabei wissen wir doch jetzt schon das der BER niemals die Kapazität für alle Flüge für die Berliner haben wird. Die Auslastung der Flughäfen in Tegel und Schönefeld wird ein BER nicht auffangen können. Warum wird Tegel nicht für Inlandflüge weiter in Betrieb gehalten. Der BER muss erstmal beweisen das er funktioniert. ;)

  16. 12.

    Berlin, nun freue Dich! Die Zukunft kann endlich durchstarten und Ruhe kann endlich einkehren!

    Aber, ich glaube es erst, wenn er wirklich geschlossen ist. 2012 habe ich nicht vergessen!!!!!

  17. 11.

    TXL war nie ein Provisorium, er ging mit der 1. Ausbaustufe an den Start. Es war geplant, ein weiteres 8Eck hinzuzu fügen. Unten sind U-Bahnhöfe. Die den Anschluss zum Bahnhof Jungfernheide haben. Die U Bahn wurde leider nie fertig gestellt.

  18. 10.

    Hoffentlich bleibt er zu, dann muss man diesen Czaja und seine völlig überflüssige Partei nicht mehr ertragen. Die haben NICHTS ausser das Thema Tegel. Endlich Ruhe. Danke!

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