Ein Schwimmer krault durchs Wasser (Bild: imago stock&people)
Audio: rbb|24 | 20.05.2020 | Freischwimmer Thomas Langer | Bild: imago stock&people

Interview | Sportlich schwimmen im Freiwasser - "Viele kriegen in der Mitte des Sees Panik"

Das Schwimmbad? Noch geschlossen. Das Fitness-Studio? Zu. Wer jetzt Sport treiben will, kann sich in einen der vielen Seen Berlins und Brandenburgs stürzen und draufloskraulen. Doch es gibt einiges zu beachten, wie Freischwimmer Thomas Langer aus Berlin erklärt.

rbb|24: Herr Langer, werden Corona bedingt in dieser Saison mehr Berliner und Brandenburger die Seen nicht nur zum Abkühlen und Planschen, sondern auch zum sportlichen Schwimmen nutzen?

Thomas Langer: Jetzt, wo die Wassertemperatur steigt, wollen natürlich viele Leute sportlich schwimmen. Das geht in den Seen. Die öffentlichen Bäder sind vorerst noch geschlossen. Ich habe auch schon sehr viele Anfragen.

Und die Menschen fragen Sie, wie sie das am besten tun können im See? Also wie das geht mit dem sportlichen Schwimmen?

Ja. Ich trainiere sportliche Schwimmer und Freizeitschwimmer – die teils auch richtig viel schwimmen, aber besser werden wollen. Außerdem coache ich viele Triathleten. Die meisten von ihnen können nämlich einfach nicht gut schwimmen – auch wenn einige da widersprechen. Es kommen aber auch Anfänger zu mir, die Brustschwimmen können, aber Kraulen lernen möchten.

Jeder, der Brustschwimmen kann, kann auch ganz schnell Kraulen lernen. Denn es ist eigentlich viel leichter als Brustschwimmen. Es ist nur für die meisten Menschen, die es nicht gewohnt sind, erst mal unangenehm: Man zieht eine Schwimmbrille auf und macht den Kopf unter Wasser.

Warum muss es denn überhaupt unbedingt Kraulen sein? Geht es nicht auch, dass man einfach lange Strecken brustschwimmt?

Das Problem beim Brustschwimmen ist, dass es über den Nacken und damit über die Hals- und Lendenwirbelsäule läuft. Und durch die Grätschbewegung mit den Beinen belastet es auch Hüft- und Kniegelenke. Beim Kraulen ist man in einer komplett waagerechten Linie auf dem Wasser – das ist viel gesünder. Da wird die Wirbelsäule nicht groß belastet, es gibt nur eine leichte Rotationsbewegung an der Hüfte und der Antrieb kommt über die Arme. Die Beine zieht man eigentlich hinterher. Sie stabilisieren ein bisschen.

Muss ich besonders fit sein für sportliches Schwimmen im See?

Nein! Man kann auch mit 80 oder 90 Jahren immer noch schwimmen. Die Frage ist nur: wie und wie schnell.

Was ist mit Kindern?

Auch Kinder, die ein Seepferdchen haben, können unter Beaufsichtigung der Eltern im Freiwasser schwimmen. Natürlich nur im Strandbereich. So ab sieben, acht Jahren, wenn viele Kinder das Silberne Abzeichen machen, können sie schon ein paar hundert Meter schwimmen. Da kann man dann problemlos mit den Kindern rausgehen ins Freiwasser. Ich würde als Erwachsener aber immer mit ins Wasser gehen und eine Schwimmboje mitnehmen, an der sich das Kind, falls es erschöpft ist, festhalten und man es zurückziehen kann.

Welche Ausrüstung ist erforderlich?

Neben einem Neoprenanzug und einer Schwimmbrille ist eine Badekappe vorteilhaft. Sie hält die Haare aus dem Gesicht. Wenn man sie in einer Signalfarbe nimmt, wird man auch besser gesehen im Wasser. Die Schwimmbrille sollte man unbedingt im Fachgeschäft testen, denn nicht jede passt jedem Gesicht. Der Neoprenanzug sollte in jedem Fall ein Schwimmneoprenanzug sein und keiner zum Surfen oder Tauchen. Da sind Material und Bewegungsfreiheit anders.

Was sind die größten Herausforderungen beim Freiwasserschwimmen für Anfänger?

Für die, die das noch nie gemacht haben: die Angst. Insbesondere, weil es unter der Wasseroberfläche dunkel ist. Das versetzt viele in Panik. Da muss man ganz behutsam rangehen.

Gibt es auch Schwimmer, die Angst vor den Seebewohnern, den Fischen und Schlangen, haben? Angeblich gibt es ja immer mal "bissige" Welse.

Die Welse sind die größten Fische in unseren Seen. Wenn man ihnen in der Zeit, in der sie ihre Nester im Schilfgürtel bewachen, zu nahe kommt, kann einen schon mal einer attackieren. Aber der beißt ja nicht wirklich, denn der Wels hat keine Zähne, sondern nur Hornplatten. Das tut dann schon weh, passiert aber relativ selten. Vor Ringelnattern oder anderen Schlangen braucht man gar keine Angst zu haben. Letztes Jahr habe ich die in den frühen Morgenstunden, wenn nicht viele Leute da sind, fast täglich getroffen. Die schwimmen dann im Abstand von etwa einem Meter an einem vorbei. Nicht nur in Brandenburg, sondern auch in den Berliner Seen wie der Krummen Lanke oder dem Schlachtensee.

Während des Schwimmens sieht man auch kleine Fische oder Fischschwärme unter Wasser. Das ist ganz witzig und dann ist es nicht so langweilig. Wenn man mal einen großen Fisch sieht oder wenn Luftblasen aufsteigen, kriegt man meistens einen Schreck. Aber in unseren Gewässern kann da nichts passieren.

Apropos nichts passieren. Wie sorge ich als Schwimmer dafür, dass ich nicht in Lebensgefahr gerate?

Am besten ist es, mit einem Neoprenanzug zu schwimmen. Denn damit geht man nicht unter. Oder man verwendet eine Schwimmboje, die man sich um die Hüfte macht.

Wenn man anfängt, sollte man wirklich am Ufer entlang schwimmen, weil man dadurch die Möglichkeit hat, es jederzeit wieder zu erreichen. Viele wollen in den Seen gern quer rüber schwimmen. Oft bekommen sie in der Mitte des Sees Panik. Dadurch bringen sie sich selbst in Gefahr. Dann darf man auf keinen Fall einfach weitermachen. Man muss sich beruhigen. Dann kann man seine Kraft einteilen, kann wieder besser denken und kommt dann auch auf jeden Fall auf die andere Seite. Wer in Panik gerät, kann sich auf dem Rücken ins Wasser legen und ganz leicht mit den gestreckten Beinen schlagen. Dann bleibt man auf dem Wasser. Das ist auch nicht anstrengend.

Generell sollte jeder, der im Freiwasser schwimmt, testen, wie weit er oder sie schwimmen kann. Und auch, wie viele Sekunden er mit dem Kopf unter Wasser bleiben kann ohne Panik zu bekommen. Außerdem gilt: nie alkoholisiert schwimmen.

Ab welchen und bis zu welchen Temperaturen benutzt man denn einen Neoprenanzug? Bei 30 Grad wird das ja vermutlich schon eher unangenehm.

Bei einer Wassertemperatur von 13, 14 Grad kann man dann mit einem guten Neo schon schwimmen. Nur der Kopf kann eine Weile extrem wehtun. Wenn ich selbst alleine längere Distanzen schwimme, dann tue ich das auch bei 24 Grad Wassertemperatur mit Neoprenanzug – weil es sicherer ist.

Bei einer Wassertemperatur von 30 Grad wird es in einem Neo ziemlich warm. Wer seinen Körper kennt, weiß das. Wer das nicht weiß, könnte dann kurz vor dem Hitzschlag sein.

Im Wasser sind ja neben anderen Schwimmern auch Boote. Gibt es "Verkehrsregeln" beim Schwimmen?

Die Menschen im Boot sehen Schwimmer sehr schlecht. Auch kraulende Schwimmer sehen sich erst, wenn sie nur noch wenige Meter voneinander entfernt sind. Deshalb müssen sie mindestens alle fünf bis zehn Meter den Kopf aus dem Wasser heben und schauen, ob da was im Wasser ist - während sie weiterkraulen. Das macht man bei Wettkämpfen auch, um eine gerade Linie zu schwimmen und nicht im Kreis. Eine wirkliche Regel zwischen den Schwimmern, wer Vorfahrt hat, gibt es nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dass man mit einem Neoprenanzug nicht untergehen kann, wäre mir neu.

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