Eine Balletttänzerin näht ein Band an ihren Ballettschuh. (Quelle: dpa/NurPhoto)
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Staatliche Ballettschule Berlin - Koalitionsparteien stellen sich gegen "Retter des Tanzes"

Eine Initiative will den "Tanz retten" und stellt sich dabei gegen die Betroffenen im Berliner Ballettschul-Skandal. Jetzt schalten sich die Abgeordneten ein. Von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

"Spaltung und Polarisierung" haben die Mitglieder der Aufklärungskommissionen an der krisengeschüttelten Staatlichen Ballettschule Berlin erlebt, so steht es in den Zwischenberichten von Expertenkommission und Clearingstelle. Sie gehen den Vorwürfen der Kindeswohlgefährdung an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik in Berlin nach. Doch betroffene Kinder, Eltern und Lehrkräfte sehen sich immer wieder mit dem Versuch konfrontiert, ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen und anzugreifen.

Kompetenz der Aufklärer wird infrage gestellt

Die Initiative, die dies maßgeblich vorantreibt, nennt sich "Save The Dance" (Rette den Tanz) und bezeichnet sich selbst als "unabhängige Initiative von FreundInnen der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik". Das Ziel nach eigenen Angaben: die Schule "in ihrer jetzigen Form" zu erhalten. Rund 200 Unterstützer verzeichnet sie auf ihrer Website, viele von ihnen haben Stellungnahmen und Unterstützungserklärungen geschrieben. Meinungsäußerungen sollen niemanden diffamieren, heißt es zwar explizit. Dennoch werden in einigen Texten namentlich erwähnte Menschen aus dem Umfeld der Schule der Denunziation oder des Alkoholismus bezichtigt.

Die beiden kürzlich veröffentlichten Zwischenberichte von Aufklärungskommission und Clearingstelle - die die zuvor von rbb24-Recherche an die Öffentlichkeit gebrachten Vorwürfe nicht nur bestätigen, sondern deren Ausmaß weit umfangreicher feststellen als bisher bekannt - werden auf der Seite jedoch nicht erwähnt. Stattdessen wird die Kompetenz sowohl der Experten-Kommission als auch der Clearingstelle mit dem Einwand infrage gestellt, dass in den beiden Gruppen keine Ballettexperten dabei seien.

Bachelor-Abschluss gesichert

Der Tenor der meisten Texte: Wenn überhaupt etwas im Argen liegt an der Schule, dann handele es sich nur um Einzelfälle. Die Skandalisierung der Vorgänge hingegen sei eine Verschwörung von Medien und Bildungssenatorin, um die Schulleiter zu diskreditieren und die Berliner Ballettschule und Schule für Artistik zu zerstören.

Auftrieb bekamen all jene, die über eine angebliche Zerstörung der Schule fabulierten, durch die Freistellung der beiden Leiter der Ballettschule, Ralf Stabel und Gregor Seyffert. Der Schule fehlten nun die Professoren, die den Bachelor-Abschluss abnehmen können, so die Sorge. Inzwischen wurde bekannt, dass die Akkreditierung für den Bachelor-Studiengang, die bis Ende September 2020 befristet ist, neu beantragt werden wird. Nach Angaben des "Tagesspiegels" soll das geschehen, wenn die arbeitsrechtlichen Verfahren von Stabel und Seyffert abgeschlossen sind. Die amtierende Schulleitung hat unterdessen noch einmal versichert, dass der Bachelor-Abschluss auch für den Übergangszeitraum über den eigentlichen Akkreditierungszeitraum hinaus gesichert ist. Derzeit sind also weder die Schule noch der Bachelor-Abschluss gefährdet.  

Doch auf der Website von "Save The Dance" findet sich davon kein Wort. Stattdessen werden die angsterfüllten Fragen von Eltern, die Sorge haben, ihr Kind könnte bald keinen Abschluss mehr machen, unkommentiert stehen gelassen. Das schürt Ängste bei Kindern wie Eltern.

Falschinformationen behindern Aufklärung

Die bildungspolitischen Sprecherinnen der Koalitionsfraktionen stellen sich nun offen gegen die Einseitigkeiten und Verkürzungen von "Save The Dance". Für sie ist die Grenze zur Falschinformation überschritten. "Das ist nicht richtig", schreiben Regina Kittler (Linke), Marianne Burkert-Eulitz (Grüne) und Maja Lasic (SPD) deshalb in einer gemeinsamen Presseerklärung. "Es entsteht der Eindruck, dass die Verbreitung falscher Informationen darauf abzielt, die Verantwortung für ein System an der Schule zu verschleiern, das es zuließ, Schüler*innen bis zur Erkrankung unter Druck zu setzen."

Sie fordern, Schülerinnen und Schüler nicht länger zu instrumentalisieren. "Die Darstellung der eigenen Erlebnisse durch Schüler*innen, Lehrkräfte, Trainer*innen, Erzieher*innen oder Eltern darf nicht als Denunziantentum abgetan werden", verlangen die Abgeordneten. Der Einsatz für den Kinder- und Jugendschutz dürfe nicht untergraben werden. "Aufrufe zum Widerstand gegen die Aufklärung der Vorwürfe und zur Teilnahme an diesbezüglichen Kundgebungen halten wir für unangebracht und hinsichtlich der vollkommenen Aufklärung auch für gefährlich." Auf Nachfrage wollte die Bildungsverwaltung die Pressemitteilung nicht kommentieren.

Die Abgeordneten beziehen sich auch auf einen Aufruf, der in den sozialen Netzwerken kursiert. "Wir wollen unsere Schule, Auftritte, Tanzen mit dem Staatsballett, Landesjugendballett, und Bachelor und Abi", heißt es dort. Dafür sollen sich Unterstützer am Montag vor der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik einfinden.

Initiative kapert Facebook-Seite der Schule

So wie dieser Aufruf verbreiten sich viele Informationen rund um die Ballettschule und Schule für Artistik über Kanäle wie Facebook. Auch für die "unabhängige" Initiative "Save The Dance" ist das eine wichtige Plattform. Der Gründer der Initiative ist kein Mitarbeiter der Staatlichen Ballettschule. Trotzdem hat er jahrelang deren Facebook-Auftritt administriert. Und dann prangte vor einigen Tagen über der Facebook-Präsenz der "Staatlichen Ballettschule Berlin" plötzlich das fette, leuchtend grüne Logo der Gegeninitiative "Save The Dance" – darunter deren jüngste Einträge. Die Wirkung nach außen: "Save The Dance" repräsentiere die Ballettschule. Die kommissarische Schulleitung reagierte: "Sorry! Der Facebook-Account der Staatlichen Ballettschule wurde gehackt", ließ sie auf der Ballettschul-Website notieren. "Auf ihr befinden sich falsche, nicht durch die Schulleitung autorisierte Inhalte!" Kurz darauf war die Facebook-Seite, die über rund 10.000 Follower verfügte, offline. Eine neue "Save the Dance"-Seite mit etwa 100 Followern ploppte auf, im Impressum erneut der Gründer der Initiative, ein professioneller Medienmanager.

Wie er selbst diese Vorgänge bewertet, geht aus einer E-Mail hervor, die er der kommissarischen Schulleiterin geschrieben haben soll, und die dem rbb vorliegt. Darin führt er aus, er habe die Facebook-Seite im Jahr 2011 für die Schule eingerichtet und sie der Schule seither kostenfrei "für die Veröffentlichung von Inhalten zur Verfügung gestellt". Die Zusammenarbeit mit der Schule sei immer unkompliziert gewesen. Jetzt habe er sich entschieden, "die Seite wieder redaktionell persönlich zu betreuen". Weder er noch die Schulleitung oder die Senatsverwaltung für Bildung äußerten sich bislang zu diesem Vorfall.

Beitrag von Tina Friedrich und Torsten Mandalka, rbb24-Recherche

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9 Kommentare

  1. 9.

    Mir geht es überhaupt nicht darum, Herrn Prof. Seyffert zu beschuldigen. Ich halte viel von ihm und er hat meine Tochter unterstützt und gut behandelt, ich bin dafür dankbar. Auch mehrere andere Lehrkräfte waren sehr freundlich und ehrlich. Um so schwerer ist es für mich zu verstehen, warum sie eine Lehrkraft schützen und ein Kind so kaputt machen lassen, das es den grössten Traum aufgibt und als 'gescheitert' die Schule verlässt? Ohne ein klärendes Gespräch mit allen Beteiligten? Damit hätte man auch diese Lehrkraft zu Wort kommen lassen können? Das hat mit Respekt und Fürsorge für ein Kind zu tun, das machen alle Schuldirektoren. Sie belegen ihre Ansichten mit Klassenbüchern und Benotungen - verweigern keine Gespräche. Kinder und Eltern verstehen und schätzen doch Offenheit und Ehrlichkeit. Kaum jemand ist besessen von der Idee, ein ungeeignetes Kind an der Schule zu halten. Meine Tochter geriet in interne interessenkonflikte und wurde dabei fallen gelassen. Warum?

  2. 8.

    Ihre Argumente sind nachvollziehbar. Sie sollten aber aus der Deckung kommen und sich namentlich dazu bekennen. Das betrifft auch die anderen "Opfer" , welche bitte mit genauem Datum, Art und Weise der jeweiligen Verfehlung und nachweislicher Meldung bei der Schulleitung öffentlich werden sollen. Ich verstehe die Anonymität überhaupt nicht. Warum diese Feigheit und Niedertracht.Es ist absolut unehrenhaft, einen Zerstörung von Karrieren aus dem Hinterhalt zu betreiben. Das erweckt außerdem Zweifel an der Glaubhaftigkeit.

  3. 7.

    Ich habe hinterher von anerkannten Tanzpädagogen bestätigen lassen, dass meine Tochter NICHT für eine professionelle Tanzausbildung trotz ihres Talents (Tanzprüfungen bei mehr als einer Schule bestanden) körperlich geeignet ist. Die Verletzungsgefahr sei zu hoch. Warum war die Schulleitung nicht bereit, ihre Fehleinschätzung zuzugeben und meiner Tochter die Situation zu klären, das Mobbing zu unterbinden? Sie wussten Bescheid, haben nicht reagiert. Die Entscheidung für die Abschulung wurde uns selbst überlassen, so egal war es ihnen. Warum haben sie so gehandelt? Wir sind nicht die einzigen, darum gehts! Sie haben die ganze Zeit eine Möglichkeit gehabt, sich zu äussern! Es gibt nicht einmal Schülerakte vom Tanzbereich, keine Prüfungsprotolle! Und was mit den Kindern passiert, interessiert nach der Einschulung Niemandem - es sei denn, man ist bereits eine(r) von den Weltbesten, und für diese Kinder ist die Schule die Richtige. Sie werden fair und individuell unterstützt.

  4. 6.

    Ich bin absolut für eine Aufklärung der Vorfälle. Genauso wichtig ist es in dem Zusammenhang, dass BEIDE Seiten der Medaille betrachtet werden, und das findet eben zum größten Teil in den Medien nicht statt. Von Senats-Seite wurden die beiden Beschuldigten auch nicht angehört. Die seriösen Statements auf http://savethedance.de/statements halte ich für absolut lesenswert. Da äußern sich nicht nur Eltern und Schüler, u.a. auch ein Schülersprecher (Hochachtung vor seinen Ausführungen!!) sondern auch viele anerkannte Ballett- und Tanzexperten.

  5. 5.

    Wer sich als Vertretende der Kunst und der Freiheit selbstinszeniert, aber üble Nachrede oder Beleidigung begeht, handelt nicht nur widersprüchlich, sondern schlicht kriminell. Ebenso illegitim ist es, Kindeswohlgefährdung zu ignorieren, Aussagen von Betroffenen zu delegitmieren, anzugreifen. Verschwörungstheoretische Ansätze zur Begründung der eigenen Einstellung zu bedienen, unterstreicht die eigene Unseriosität.

    Wer tanzen bzw. sein/e Kind/er tanzen sehen will, kann nicht nur, der/ die muss sich auf die Einhaltung von Rechten stützen. Physische wie auch psychische Gewalt stellen nicht nur Kindeswohlgefährdung, sondern -verletzung dar. Das muss strafrechtliche Konsequenzen haben. So auch die verleumderischen Falschbehauptungen dieser ominösen Gruppe.

  6. 4.

    Ich vermutet, dass der Medienmanager befreundet ist mit der Schulleitung.
    Den Opfern wünsche ich, dass sie unbeirrt ihren Weg weitergehen.
    Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du. Mahatma Gandhi

  7. 3.

    Meine Tochter hat die Schule 'freiwillig' verlassen, weil ihre Hauptfachlehrerin bereits in der ersten Woche ihre körperliche Uneignung festgestellt hat (nach 2 Jahren Kindertanzklasse an der Ballettschule, dem Eignungstest und der zweitägigen Aufnahmeprüfung!) Da ihre Ansichten bei der Schulleitung kein Gehör fanden, mobbte sie meine Tochter täglich und hetzte die anderen Kinder der Jahrgangsstufe gegen sie. Wegen der körperlichen Uneignung wurde sie zu einer Witzfigur, die anderen fühlten sich dabei aufgewertet. Mit diesen mobbenden Kindern macht die Schule nun Werbung. Ich verstehe nicht, warum die Schule mein Kind jemals aufnahm und dann das alles geduldet hat? Ihre Tränen und Verzweiflung. Es gab kein Gespräch, um eine Lösung zu finden. War sie nur ein Quotenkind wegen einer staatlichen Schule, mit keiner Chance? Das denkt sie nun selbst. 'Safe the dance' unterstreicht die Vermutung, dass die Betroffenen von der Schule vorsätzlich so behandelt wurden, als Menschen 2. Klasse.

  8. 2.

    Die kranken Hirne machen auch vor gar nichts halt. Intrigen - Manipulationen - Denunziation. Das Gefühl der betroffenen SchülerInnen und Schüler wird nun auch dem Außenstehenden nicht mehr nur rational vermittelt. Schlimme Menschen, die in der sozialen und Bildungsarbeit nix zu suchen haben.

  9. 1.

    Der Name "Staatliche Ballettschule Berlin" bedeutet Grundrechtsverpflichtung. Kein Tanz wurde in Frage gestellt. - Also offensichtliche Chaotisierungsversuche und Panikmache.

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