Archivbild: Tödlicher Angriff auf von Weizsäcker (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: rbb | 18.05.2020 | Ulf Morling | Bild: dpa/Paul Zinken

Sohn des früheren Bundespräsidenten - Prozess gegen mutmaßlichen Weizsäcker-Mörder beginnt

Im November letzten Jahres wurde der Chefarzt für Innere Medizin der Schlosspark-Klinik, Fritz von Weizsäcker, getötet. Während eines Vortrags wurde er angegriffen und mit einem Messerstich in den Hals tödlich verletzt. Der mutmaßliche Mörder steht jetzt vor Gericht. Von Ulf Morling

"Fettleber – (kein) Grund zur Sorge" war das Thema des Vortrags, zu dem Chefarzt Fritz von Weizsäcker (59) vor ca. 20 Interessierten am Tattag im Kongressraum der Schlosspark-Klinik referiert hatte. Nach dem Ende seines Vortrags eilte Gregor S. (57) aus den Zuhörerreihen zu ihm und soll mit einem Klappmesser Weizsäcker gezielt in den Hals gestochen haben. Ein 33-jähriger Polizist, der als Zuhörer mit im Raum war, hatte von Weizsäcker helfen wollen. Nach einem dramatischen Kampf am Boden des Vortragssaales, bei dem der Beamte selbst schwer verletzt wurde, überwältigte er S..  Für Fritz von Weizsäcker kam allerdings jede Hilfe zu spät. Gregor S. werden jetzt Mord an Fritz von Weizsäcker vorgeworfen und versuchter Mord an dem Polizisten, der zu Hilfe gekommen war.

Im Prozess muss vor allem geklärt werden, ob der Angeklagte aufgrund seiner diagnostizierten psychischen Erkrankung erkennen und steuern konnte, was er tat. Ist er schuldunfähig und bleibt in der geschlossenen Psychiatrie? Oder trägt er eingeschränkte strafrechtliche Verantwortung, so dass das Gericht zwischen Haft und geschlossener Psychiatrie zu entscheiden hat?

Mordmotiv: Hass auf die Familie Weizsäcker?

Als S. direkt nach der Tat gefesselt aus dem Kongressraum geführt wurde, soll er den Polizisten gegenüber geäußert haben, dass er das Richtige getan habe und froh sei, wie alles gelaufen sei. Trotz der Belehrung, dass er nichts sagen müsse und einen Anwalt konsultieren dürfe, soll sein Redefluss kaum zu bremsen gewesen sein. Immer wieder soll S. erklärt haben, dass er aus Hass auf die Familie Weizsäcker die Tat beging. Seit der Lektüre eines "Spiegel"-Artikels 1991 über die Geschäftsführertätigkeit des Vaters von Fritz von Weizsäcker, Richard von Weizsäcker, bei dem Chemiekonzern Boeringer Ingelheim, habe er das Leben der Familie Weizsäcker in den Medien verfolgt. 

Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin (1981- 1984) und spätere Bundespräsident (1984 - 1994) Richard von Weizsäcker sei durch die Unterstützung des US-amerikanischen Konzerns Dow Chemical bei der Produktion des hochgiftigen Entlaubungsmittels Agent Orange für den Vietnamkrieg mitschuldig am Tod von zwei Millionen Vietnamesen. Richard von Weizsäcker sei 1962- 1966 Mitglied der Geschäftsführung des Chemiekonzerns gewesen. Zwar soll nach heutigem Kenntnisstand Boehringer Ingelheim bereit gewesen sein, den amerikanischen Konzern Dow Chemical bei der Herstellung von Agent Orange zu unterstützen. Doch der entsprechende Vertrag soll 1967, als Richard von Weizsäcker bereits aus der Firma ausgeschieden war, nicht zustande gekommen sein.

Trotzdem soll S. in seinen Vernehmungen immer wieder von einer familiären Kollektivschuld der Weizsäckers an dem Agent-Orange-Einsatz in den 1960er Jahren in Vietnam gesprochen haben, heisst es aus Ermittlerkreisen gegenüber dem rbb. Da Richard von Weizsäcker 2015 gestorben sei, habe S. im Internet u.a. nach dessen Kindern recherchiert und im August 2019 als einzigen Termin den Vortrag Fritz von Weizsäckers in der Schlosspark-Klinik gefunden, der für den Tattag um 18:00 Uhr angekündigt wurde. Ein minderjähriges Kind der Weizsäckers hätte er allerdings niemals als Opfer auserkoren, habe er in einer Vernehmung beteuert. Das Messer für die Tat soll der Angeklagte vier Tage vor der Tat für 19,50 Euro in Koblenz gekauft haben. Am Fahrkartenschalter des Hauptbahnhofs löste er für die Berlin-Fahrt auch ein Rückfahrtticket für wenige Stunden nach der Tat.

Wer ist Gregor S.?

Der 57-jährige Angeklagte arbeitete als Packer in einem Logistikzentrum von Amazon.  Zu seiner Mutter und seinen drei Geschwistern soll er wenig Kontakt gehabt haben. Mit den Arbeitskollegen kam er nach deren Aussagen gut zurecht. Einige seiner Verhaltensweisen sollen aufgefallen sein. So soll er die knapp zwanzig Kilometer von zu Hause zu seiner Arbeitsstelle oft zu Fuß zurückgelegt haben, um angeblich übelriechende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht ertragen zu müssen. Seinen gesamten Urlaub soll er zu Beginn jedes Jahres drei bis vier Monate in Thailand verbracht haben. Im Kollegenkreis schwärmte er von dem Wesen der Menschen in Thailand und den Prostituierten, von denen er respektvoll gesprochen habe. Die Berliner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Lektüre des Artikels im "Spiegel" 1991 wegen seiner Liebe zu Thailand schließlich zu Hassgefühlen auf Richard von Weizsäcker führte.

Prozess als Bühne für einen psychisch Kranken?

Immer wieder soll Gregor S. nach seiner Festnahme beteuert haben, nicht psychisch krank und kein Spinner zu sein.  Trotzdem wurde er einen knappen Tag nach der Tat zwei ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Beurteilung von Schuldfähigkeit von Patienten vorgestellt. In einem knapp zweistündigen intensiven Gespräch mit Gregor S. kommen die beiden Psychiater des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin zu der Überzeugung, dass S.  nicht in Untersuchungshaft gehöre, sondern aufgrund einer schwerwiegenden Krankheit in der Psychiatrie vorläufig untergebracht werden müsse. Nach einem Gerichtsbeschluss ist S. bis heute dort eingesperrt (nach § 126a Strafprozessordnung).

Nachdem anfänglich einer der erfahrensten Verteidiger Berlins, Alexander A. Wendt, mit der Vertretung des Angeklagten beauftragt wurde, hat S. inzwischen einen zweiten Verteidiger hinzugezogen. Anwalt Eckart Wähner offeriert auf seiner Homepage "konsequente und engagierte Interessenvertretung" seinen Mandanten, explizit in den Bereichen Betreuungs- und Unterbringungsrecht. Nachdem sich Gregor S. im Januar 2020 der Erstellung des Gutachtens eines Psychiaters zu seiner Schuldfähigkeit verweigerte und jede schwerwiegende psychische Krankheit wohl in Abrede stellt, befürchten Verfahrensbeteiligte auch mit Blick auf die hinterbliebenen Angehörigen, dass der psychisch kranke Angeklagte die Tötung Fritz von Weizsäckers vor Gericht rechtfertigen will und seinen Prozess für eine öffentliche "Abrechnung" mit der Familie Weizsäcker benutzen könnte.

Polizist und Familie von Weizsäcker als Nebenkläger

Der Polizist, der bei dem Angriff auf den Chefarzt der Schlosspark-Klinik schwer verletzt wurde, tritt im Prozess als einer von vier Nebenklägern auf. Auch drei Mitglieder der Weizsäcker-Familie nehmen an dem Verfahren teil: die Schwester des Getöteten, Beatrice von Weizsäcker, und die beiden minderjährigen Kinder von Fritz von Weizsäcker, heute 14 und 17 Jahre alt.

Bisher sind sechs Prozesstage vorgesehen bis zum 23. Juni 2020.

Beitrag von Ulf Morling

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9 Kommentare

  1. 9.

    @Helmut Krüger: Die Antwort eigentlich leicht: Soll jemand wegen einer Straftat verhaftet werden, dann muss er(neben weiteren Voraussetzungen) der Straftat "dringend verdächtig" sein (§ 112 Abs. 1 StPO). Das heißt, dass Tatsachen vorliegen müssen, wonach die überwiegende Wahrscheinlichkeit besteht, dass er am Ende der Hauptverhandlung wegen dieser Tat verurteilt wird. Sticht jemand (wie hier) jemandem vor Publikum ein Messer in den Hals und wird vor Ort festgehalten, reicht das grds. locker für nen Haftbefehl aus. Soll er aber später in der Hauptverhandlung verurteilt werden, reicht für die Verurteilung dringender Tatverdacht nicht mehr aus, sondern das Gericht muss von der Täterschaft (und ggf. Tatbegehung) ein Maß an Überzeugung haben, das jedem vernünftigen Zweifel schweigen gebietet. Steht am Ende fest, dass er schuldunfähig ist, kann er zwar nicht zur Freiheitsstrafe verurteilt aber in einer klinischen Einrichtung untergebracht werden, wo er im Ergebnis auch nicht frei ist.

  2. 8.

    Die Antwort ist schwierig und ich weiß mir da auch keinen überzeugenden Rat.

    Selbstverständlich ist es in einem Rechtsstaat so, dass Jede/r, solange er oder sie nicht rechtskräftig verurteilt ist, als unschuldig und unbescholten gilt. Nur die Inquisitionsblätter mit den übergroßen Buchstaben, bei deren Anblick mir fast schon die Augen wehtun, praktizieren das tagtäglich anders.

    Das andere: Mit welcher Logik soll jemand, der gerade mit einer Waffe einen Menschen erschießt und im Begriff ist, noch weitere Menschen zu erschießen, beigekommen werden, wenn auch für ihn in diesem Augenblick die Unschuldsvermutung gilt? Hier geht es klar nach Anschauung, aus einer Not heraus zu handeln. Hinterher erst wird in einem rechtstaatlichen Verfahren darüber entschieden, ob das Abhalten ggf. durch Erschießung verhältnismäßig war.

  3. 7.

    Viele Leser haben es offensichtlich noch immer nicht begriffen, so auch Wolfram Schulz nicht: Solange es keine Verurteilung gibt, ist es IMMER mutmaßlich.

  4. 6.

    Es waren gar keine persönlichen Gründe. Das macht S. ja so unberechenbar. Fritz von Weizsäcker hatte mit dem, das S. seinem Vater vorwirft, überhaupt nichts zu tun: Er war in der fraglichen Zeit sechs Jahre alt.

  5. 5.

    Leider nicht. Ich zeige nur die alltägliche Widersprüchlichkeit der Justiz auf: Fast JEDES Gewaltverbrechen beruht auf einer therapiewürdigen Veranlagung des Täters. Wenn man seine Gewalt jedoch für "normal" hält, wandert er in den Knast. Und hofft nach guter alter Art, dass er da im Wesentlichen vom Brummen besser wird. Hunderttausende Beispiele für das Gegenteil reichen offensichtlich nicht aus, diesen Irrglauben zu beenden.

  6. 4.

    Nach der Tat wurde bekannt dass das Attentat geplant war, aus persönlichen Gründen. Von daher stellt sich für mich nur die Frage, wann findet er wieder einen persönlichen Grund jemanden zu töten? Ob er krank ist oder nicht, wenn dass zur Debatte steht, wird dann wohl ein Gutachter raus finden, wenn nötig. Das wird dann entscheidend sein wie der Mann untergebracht wird, mehr nicht!

  7. 3.

    "Kann man S. therapieren, so dass eine Wiederholung extrem unwahrscheinlich ist?" Aber das ist eben die Frage nach "gesund" oder "krank". Sie widersprechen sich selbst.

  8. 2.

    Was ist an einem vielfach erkannten Mörder mutmaßlich?

  9. 1.

    Auch hier verstehe ich nicht, warum die Frage der Etikettierung als "krank" oder "gesund" offenbar absolute Priorität hat: Fakt ist, dass S. einen Menschen umgebracht hat, um Rache zu üben für etwas, mit dem Fritz von Weizsäcker definitiv überhaupt nichts zu tun hatte. Nach allen geltenden Maßstäben ist dies ein unberechenbares, hochgradig antisoziales Verhalten, vor dem die Gesellschaft sich schützen muss. Wichtigste Frage ist also, wie das am sichersten geschehen kann. Kann man S. therapieren, so dass eine Wiederholung extrem unwahrscheinlich ist? Oder kann man das vermutlich nicht, und muss ihn daher wegsperren? DAS ist die relevante Frage - und nicht eine überkommene und geradezu grotesk vereinfachende Kategorisierung als "eindeutig krank" oder "eindeutig gesund".

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