"Damaskus" - Konditorei in der Sonnennallee 93. (Quelle: Konditorei Damaskus)
Audio: Inforadio | 26.06.2020 | René Althammer | Bild: Konditorei Damaskus

Nazi-Schmierereien - Über Clans und Nazis in Neukölln

Hakenkreuz-Schmierereien auf zwei Häusern des arabischstämmigen Remmo-Clans sowie ein Brandanschlag in der Sonnenallee sorgen für Unruhe in Neukölln. Als sicher gilt nur, dass die Taten nicht zur bisherigen rechten Anschlagserie in dem Berliner Bezirk gehören. Von René Althammer und Olaf Sundermeyer

Die ganze Sache dreht sich um einen Wohnblock in Berlin-Neukölln, im Kiez um die Sonnenallee Ecke Wildenbruchstraße. In der Gegend, die als das Zentrum des multikulturellen Lebens in der Hauptstadt gilt, tauchen zuletzt immer wieder großflächige Hakenkreuzschmierereien auf. Und niemand weiß, wer es gewesen sein könnte: nicht die Polizei, nicht die Geschädigten, auch nicht die professionellen Szenekenner von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Eine lokale rechtsextreme Szene, die dort bekannt wäre, gibt es in diesem arabisch geprägten Teil Neuköllns jedenfalls nicht.

Seit am vergangenen Wochenende noch dazu ein Transporter vor einer syrischen Konditorei angezündet wurde, die wiederholt mit Hakenkreuzen und SS-Siegrunen beschmiert wurde, herrscht Unruhe im Kiez und in den sozialen Medien. Viele fühlen sich an die bislang nicht aufgeklärte rechte Anschlagsserie im Süden des Bezirks erinnert.

Seit Jahren Drohungen und Anschläge in Rudow

In Rudow geraten seit Jahren Menschen ins Visier mutmaßlicher Rechtsextremisten, die sich im Kampf gegen Rechts engagieren: Sie erhalten Drohungen, Hass-Mails, die Wände ihrer Wohnhäuser werden mit rechtsextremen Codes beschmiert, Schaufenster werden beschädigt. Vor zwei Jahren wurden die Autos von einem Kommunalpolitiker und einem Buchhändler angezündet. Die Polizei setzte eigens eine Ermittlungsgruppe zur Aufklärung der rechten Anschlagsserie ein, die Besondere Aufbauorganisation (BAO) "Fokus", die von bislang 72 Einzeltaten ausgeht, darunter 23 Brandstiftungen. Als tatverdächtig gelten bekannte rechtsextreme Aktivisten aus dem Süden Neuköllns, wo es schon seit langem eine entsprechende Szene gibt. Verurteilt wurde bislang kleiner von ihnen.

Matthias Müller, der sich beim MBR ausführlich mit dieser rechten Anschlagserie beschäftigt, sieht bei den aktuellen Fällen aber "vermutlich andere Täter, weil es hier ein anders Vorgehen ist". Das erklärt er beim Ortstermin vor einem der jüngst betroffenen Häuser in der Wildenbruchstraße, das im Juni und im Dezember mit plakativen Hakenkreuzen beschmiert wurde. Arabisch geführte Geschäfte dominieren in diesem Wohnblock das Straßenbild, dazwischen die wuchtige Polizeidienststelle, der "Abschnitt 54" im denkmalgeschützten Backsteinbau von 1902.

Staatsschutz ermittelt - aber auch Clan-Experten

Auch die Polizei sieht keinen "Tatzusammenhang zu den bisherigen rechtsmotivierten Straftaten in Neukölln", erklärt Michael Gassen aus der Pressestelle auf Anfrage. Das habe ein Abgleich der jeweiligen Taten durch seine Kollegen bei der BAO Fokus ergeben. Gleichwohl würde der für politische Straftaten zuständige polizeiliche Staatsschutz in dieser Sache ermitteln, wegen der eindeutigen NS-Symbolik, die bei den Taten im Umfeld der Sonnenallee angebracht wurde.

Unabhängig davon würde die Polizei auch in andere Richtungen ermitteln. Ein anderes als ein politisches Tatmotiv sei demnach nicht ausgeschlossen, sagt Gassen auf Anfrage. Der Berliner Polizei seien die Emotionen bewusst, die durch die Tatbegehung in Neukölln ausgelöst würden. Deshalb wolle man sich auf die Sachlage und die Ermittlungen in alle Richtungen konzentrieren. Nach Informationen von rbb24 Recherche wird der Sachverhalt auch von Fachleuten geprüft, die sich mit der Clankriminalität in Neukölln beschäftigen.

Überwachungskamera hat Anschlag gefilmt

Denn die betroffenen Häuser in der Sonnenallee und der Wildenbruchstraße werden dem arabischstämmigen Berliner Remmo-Clan zugeschrieben. Sie gehören zu den Immobilien, die 2018 von der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Geldwäsche beschlagnahmt worden sind. Vor dem Haus in der Sonnenallee steht noch immer das Wrack des ausgebrannten Mercedes-Sprinter mit polnischen Kennzeichen. Er gehört einem polnischen Handwerker, der in der Nachbarschaft wohnt, erzählt Sulaiman Alsaka. Die Familie des jungen Mannes betreibt die Konditorei "Damaskus" im Erdgeschoss, die immer wieder zum Ziel für Nazischmierereien wurde. Seit Juni des vergangenen Jahres sind drei Fälle bei der Polizei aktenkundig, Hakenkreuze und SS-Siegrunen auf der Schaufensterscheibe, an der Hauswand, auf der Haustür. Sulaiman Alsaka spricht von sieben unterschiedlichen Fällen.

Angst um sich und seine Familie habe er keine, seine Familie habe in Syrien schlimmeres erlebt, sagt er. Seit vier Jahren betrieben sie das Geschäft hier auf der Sonnenallee, unterhalten inzwischen Filialen im Wedding und in Moabit. "Ich gehe davon aus, dass es Nazis waren, die aus Rudow hierher kommen." Eine Überwachungskamera im Laden hat den Brandanschlag auf den Transporter durch die Schaufensterscheibe gefilmt. Das Video liegt auch bei der Polizei. Sulaiman Alsaka spielt es auf seinem Smartphone ab und kommentiert, was er sieht: "Die Gesichter sind schlecht zu erkennen, aber man sieht erst einen, dann zwei weitere Männer mit Caps, Rucksack, weißen Jacken und mit einem großen Bart. Und dann sieht man schon die Flammen und wie es leuchtet."

Soli-Demo gegen Nazis

Auch in der Wildenbruchstraße kennt niemand die Täter. Ein Mitglied der Remmo-Familie kommt aus einem Spätkauf im Erdgeschoss vor das Haus, sagt, dass die Bewohner hier nun Angst hätten, jetzt, da in der Sonnenallee schon Autos angezündet würden. Und was Hakenkreuze und dass "SS" bedeuteten, wüsste doch wohl jedes Kind. Matthias Müller jedenfalls spricht von einer neuen rechten Anschlagsserie in Neukölln. Auch wenn der Hintergrund noch viele Fragen aufwirft: "Weil es ja bislang keine Bedrohungen gab, auch keine Einschüchterungen von anderen Personen." Aus dem Haus der Remmos in der Wildenbruchstraße weht seit dieser Woche eine schwarze Fahne mit der Aufschrift "Gegen Nazis".

Am Freitag nun soll ab 17 Uhr eine "Soli-Demo gegen Nazi-Anschläge in Neukölln" stattfinden, vom nahen Hermannplatz aus bis hierher, vorbei auch an dem Haus in der Sonnenallee, in dem die Familie von Sulaiman Alsaka wie an jedem Tag Baklava verkauft.

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Beitrag von René Althammer und Olaf Sundermeyer

26 Kommentare

  1. 26.

    Liebe/r "Überschriften und Framing"!

    Dass die groesste rechtsextreme Gruppen die "Grauen Woelfe" sind, ist Ihen aber bekannt, oder?

    > https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/260333/graue-woelfe-die-groesste-rechtsextreme-organisation-in-deutschland

    Ich halte es ausgesprochen naiv, wenn hier Kommentatoren meinen, dass rechtsextreme Kriminalitaet grundsaetzlch nur von Deutschen ausgehen kann.

  2. 25.

    Lieber Ben, ich wohne - mit Unterbrechungen - fast 30 Jahre in Berlin-Neukoelln. Ich kenne die Klientel hier und ihre Ausfuehrungen bestehen nur aus Mutmassungen. Es ist nun mal so, dass jedes Hakenkreuz und aehnliche Schmierereien automatisch der "PKS rechts" zugeordnet werden, sofern sich keine anderen Anhaltspunkte ergeben. Solange niemand ermittelt und verteilt wurde, sind ihre Aussagen und die im Artikel lediglich Mutmassungen.

    Ich erinnere an den Bundeswehrsoldaten, der in Berlin-Neukoelln angeblich rassistisch beleidigt wurde. Es stellte sich spaeter heraus, dass der Soldat die Geschichte erfunden hatte.

    Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/berlin-bundeswehrsoldat-soll-rassistischen-angriff-vorgetaeuscht-haben-a-1296442.html

  3. 24.

    Ok, halten wir mal fest: der einzige Bezug, den die ganze Sache zu angeblichen "Clans" hat, ist, dass die beschädigten Gebäude einem solchen gehören sollen. Weder der Betrieb im beschmierten Ladenlokal noch das zerstörte Auto soll ihnen gehören.

    Was die Polizei daraus macht, ist eine Sache. Dass (nicht nur) die Polizei ein Rassismusproblem hat (#polizeifamilie klingt übrigens auch nach Clan), ist Fakt und da wundert mich sowieso schon lange nichts mehr.

    Aber wird der RBB also bei ähnlichen Taten dann künftig z.B. die Überschrift wählen "Über Deutsche Wohnen und Nazis", "Über einen norwegischen Pensionsfonds und Nazis" usw.?

    Oder haben es sich die beiden Autoren einfach zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst viele Artikel zu veröffentlichen, in denen der Begriff "Clan" vorkommt?

    Man weiß es nicht - aber es irritiert.

  4. 23.

    Weil es entsprechende Hinweise und Beschlagnahme von Beweisen gab. Es liegt an etwas anderen warum nicht gerichtsfest ermittelt wird. Die Täter sind polizeibekannt. Sehr gut sogar. Zu gut.

  5. 22.

    "Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass “Rechte” in Neukölln Anschläge verüben."

    Man muß entweder völlig ignorant oder Sympathisant der Szene sein um zu einer solchen Aussage zu kommen.

    "In Rudow geraten seit Jahren Menschen ins Visier mutmaßlicher Rechtsextremisten, die sich im Kampf gegen Rechts engagieren: Sie erhalten Drohungen, Hass-Mails, die Wände ihrer Wohnhäuser werden mit rechtsextremen Codes beschmiert, Schaufenster werden beschädigt. Vor zwei Jahren wurden die Autos von einem Kommunalpolitiker und einem Buchhändler angezündet. Die Polizei setzte eigens eine Ermittlungsgruppe zur Aufklärung der rechten Anschlagsserie ein, die Besondere Aufbauorganisation (BAO) "Fokus", die von bislang 72 Einzeltaten ausgeht, darunter 23 Brandstiftungen. Als tatverdächtig gelten bekannte rechtsextreme Aktivisten aus dem Süden Neuköllns, wo es schon seit langem eine entsprechende Szene gibt. Verurteilt wurde bislang keiner von ihnen."

  6. 21.

    "Nazi ist ein Kurzwort für einen Anhänger vom Nationalsozialismus." (Wikipedia)
    Sozialisten, die, wie man heute rückblickend weiß, offenbar alles andere wollten, als nationale Grenzen. Sie wollten, immer größenwahnsinniger geworden, ihre Ideologie durchsetzen, ihre kruden Ideen vom Zusammenleben, in Europa und der Welt.

  7. 20.

    Würden Sie bitte zukünftig die Begriffe ausschreiben und nicht immer die Abkürzungen verwenden.
    Nationalsozialisten statt Nazis. Oder passt dann nichts mehr zusammen ?

  8. 19.

    Wie andere hier bereits schrieben, werden unweigerlich Erinnerungen an die Ermittlungen im NSU-Komplex und im Zusammenhang mit der Entführung und dem Mord am kleinen Mo-hamed wach, bei dem die Berliner Polizei die Familie der Vortäuschung einer Straftat ver-dächtigte.
    Für ein Klima, in der die Polizei aufgrund eines (nicht nur innerhalb der Polizei vorhandenen!) strukturellen Rassismus derart bei den Ermittlungen versagt, sind auch Journalist*innen und Politiker*innen mitverantwortlich.
    Es wäre schön, wenn hier ENDLICH einmal dazugelernt werden würde.

  9. 18.

    Hallo liebe rbb-Redaktion,
    die Darstellung im Artikel, wonach es im Dezember 2019 erstmals Nazi-Schmierereien oder Nazi-Anschläge in Nord-Neukölln gab, ist ganz eindeutig falsch. Es gab bereits mehrfach An-griffe auf das linke Projekt „k-fetisch“, u.a. bereits 2016.
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/polizei-und-justiz-brandanschlag-auf-linkes-cafe-in-neukoelln/14968298.html

    Wenn Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, werden Sie weitere Meldungen aus dem Zeit-raum von vor Ende 2019 finden. Ich finde, so viel journalistische Sorgfalt darf ich von Ihnen erwarten.

    Im Übrigen ist nur ein Bruchteil der Mitglieder der im Artikel erwähnten vermeintl. „Großfa-milien“ kriminell, viele haben sogar (wie viele andere Familien in der BRD) kaum Kontakt untereinander. Und selbst wenn jedes einzelne Mitglied dieser Familien ab dem sechsten Le-bensjahr Intensivtäter*in würde, könnten die Familien bzw. ihr Eigentum dennoch von rassis-tischen Anschlägen betroffen sein.

  10. 17.

    na Sie schreiben es ja: "nach wie vor nicht aufgeklärte Anschlagsserie" wenn etwas nicht aufgeklärt ist, woher will man dann aber wissen, dass es eine bestimmte Richtung war?

  11. 16.

    Besser noch, man verbietet ab sofort Ermittlungen in andere Richtungen als die augenscheinliche.
    Schließlich hat das "Mitglied der Familie" doch ganz klar und deutlich formuliert, was " wohl jedes Kind weiß".
    Schon allein der Gedanke daran, dass in einer Straße, die einem "Cla..." äh einer "Familie" gehört, die mit Delikten wie schweren Gewalt- bzw. Körperverletzungsdelikten, Schutzgelderpressung, Raub, Drogengeschäften, Hehlerei, Diebstahl, illegalen Waffenbesitzes und Mord in Verbindung steht, es auch andere Gründe für "Argumentationshilfe" geben könnte, dürfte doch "für jedes Kind" völlig abwegig sein.

  12. 15.

    Im Gegenteil.
    Die Polizei und Staatsanwaltschaft sind verpflichtet in alle Richtungen zu ermitteln.

  13. 14.

    am besten, es wird eine Soko "Clan" gebildet, so wie schon einmal die Soko "Bosporus"

  14. 13.

    Sinn und Zweck der angekündigte Demo soll vermutlich die Inszenierung der Remmos als "rechte Opfer" sein.
    Aufmerksamkeit und Unterstützung gibt es nur dann.

  15. 12.

    Beides gleich furchtbar.

  16. 11.

    Bisher ist ja alles offen. Vielleicht war es ja auch ein anderer Clan, der mit den Schmiererein die Ermittlungen in die rechte Richtung lenken will. Wer weiß.

  17. 10.

    Hakenkreuze und sonstige Insignien rechter Gesinnung kann jeder anbringen, um seine Taten zu vertuschen oder in eine andere Richtung zu lenken. Teilweise sind es dumme Jugendliche, die einfach nur Mist im Kopf haben als wirklich eine rechte Gesinnung. Wie oft sehe ich in Berlin Hakenkreuze, die falsch gekritzelt wurden.

  18. 9.

    Wirklich nett und aufschlussreich von den Autoren, die Remmos liebevoll als "Familie" zu bezeichnen. Und wenn dann so ein "Familienmitglied" äußert: "Und was Hakenkreuze und dass "SS" bedeuteten, wüsste doch wohl jedes Kind.", dürfte doch den (noch in allen Richtungen) ermittelnden Ermittlern auch klar sein, wohin sich das Ganze entwickeln könnte.

    Für die Opfer könnte es letztendlich entscheidend sein, wer als Täter ermittelt wird.

  19. 8.

    Was sie für "nahezu ausgeschlossen" halten hat leider Tradition. Die nach wie vor nicht aufgeklärte Anschlagsserie wird in diesem Artikel ja auch erwähnt. Aus: https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/11/innenausschuss-abgeordnetenhaus-berlin-schutz-juedischer-einrich.html

    "Die mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus zählte in den vergangenen drei Jahren 55 Anschläge in Neukölln. Mutmaßlich rechtsextremistische Täter hatten mehrfach Autos von bekannten Mitgliedern linker Parteien und Einrichtungen angezündet und Drohungen verschickt."

  20. 7.

    Der größte Fehler bei den Ermittlungen zu den NSU Morden war doch gerade, dass man _nicht_ i alle Richtungen ernsthaft ermittelt hatte!?!

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