Symbolbild: Ein junger Schüler sitzt zu Hause am Schreibtisch in frustriert wirkender Pose und lernt. (Quelle: dpa/A. Waelischmiller)
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Audio: Inforadio | 22.06.2020 | Interview mit Kai Maaz | Bild: dpa/A. Waelischmiller

Interview | Zeugnisse während Corona - "Wir wissen im Prinzip nicht, was die Kinder in den letzten Monaten gemacht haben"

Seit Montag werden in Berlin und Brandenburg Zeugnisse ausgeteilt. Aber wie kann man einen Zeitraum bewerten, in dem so gut wie kein regulärer Unterricht stattgefunden hat? Mit normalen Maßstäben sollte man sehr vorsichtig sein, sagt Bildungsforscher Kai Maaz.

rbb: Herr Maaz, ist es im Corona-Jahr 2020 überhaupt sinnvoll, Zeugnisse auszustellen?

Kai Maaz: Die jetzige Zeit ist sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, Zeugnisse oder Benotung grundsätzlich abzuschaffen. Aber ich finde, man sollte überlegen, ob Zeugnisse und Benotung allein der richtige Weg sind, denn wir wissen im Prinzip nicht wirklich, was die Kinder und Jugendlichen in den letzten drei Monaten gemacht haben.

Aber es gibt sehr unterschiedliche Bewertungskriterien. In Berlin zum Beispiel fließen auch die Leistungen während des Homeschoolings in die Bewertung ein - teilweise zumindest. In Brandenburg ist das nicht der Fall, da hat man Ende März aufgehört, Zensuren dort einzupflegen. Wie gerecht ist das?

Die Frage der Gerechtigkeit ist eine ganz wichtige: Wir wissen nicht, welche Möglichkeiten die Schülerinnen und Schüler in der Zeit der Schulschließung hatten, welche technischen Möglichkeiten sie hatten, um am Fernunterricht teilzunehmen. Und insofern würde ich eher dazu neigen, in diesem Schuljahr weniger auf die ausschließliche Ziffernnote zu setzen, sondern stattdessen über andere Möglichkeiten der Leistungsdokumentation nachzudenken, die dichter an den wirklichen Lernständen der einzelnen Schülerinnen und Schüler sind.

Der Sprecher des Landeselternausschusses rät den Eltern, sie sollten Widerspruch einlegen, wenn sie an der Leistungsbewertung der Kinder Zweifel hätten. Was meinen Sie?

Das ist eine ganz persönliche Sache. Ich würde es persönlich nicht machen, weil ich denke, man sollte jetzt die Kraft und Energie darauf verwenden, schon in das neue Schuljahr zu schauen und das vorzubereiten. Und da scheint es mir wichtiger zu sein, die Lernstände der Schülerinnen und Schüler in den unterschiedlichen Fächern gut festzustellen, zu dokumentieren und den Unterricht auf den Stoff, der behandelt werden soll, auszurichten. Auch zu überlegen: Wo habe ich Schülerinnen und Schüler mit größeren Lernrückständen? Wo kann ich Förderung anbieten? Wie kann ich die integrativ in den Unterricht einbringen? Das wäre das, was ich jetzt wichtiger finde, als gegen eine Zensur oder gegen ein Zeugnis rechtlich vorzugehen.

Vieles aus der Corona-Zeit wird ja auszuwerten und zu diskutieren sein. Ist da auch in Sachen Leistungsbewertung einiges, was für die Zukunft nachdenklich stimmen kann?

Ich würde das so sehen: Die Chance in der jetzigen Situation liegt darin, dass wir einige Dinge auch nach der Corona-Krise weiterverfolgen und darüber nachdenken, ob das sinnvoll ist. Die Frage, wie und ob bewertet werden soll, wird seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv diskutiert. Und im Prinzip gibt es viel vernünftigere Formen der Leistungsbewertung und Dokumentationen als die Ziffernnote. Ich finde es schön, wenn in der jetzigen Zeit darüber nachgedacht wird, wie ich den Schülerinnen und Schüler Feedback geben kann, das dichter an den Leistungen ist, die sie erbracht haben.

Ich glaube nicht, dass wir die Ziffernnote abschaffen sollten. Sie wird auch von Schülerinnen und Schülern und auch von Eltern gefordert. Aber wir sollten überlegen, dass wir sie mit anderen Formen des Feedbacks ergänzen und vielleicht auch über alternative Formen der der Prüfungsleistungen nachdenken.

Was ist mit den Lehrplänen? Kann man jetzt schon eine Art Bilanz ziehen, wie viel von den Lerninhalten im Corona-Jahr 2020 auf der Strecke geblieben ist?

Das kann man meines Erachtens nicht, denn der Unterschied zwischen den Schulen wird sehr groß sein. Es wird Schulen und Klassen und Schülerinnen und Schülern geben, die alles wunderbar geschafft haben - und möglicherweise auch noch mehr, als in den Lehrplänen steht. Und es wird halt auch das Gegenteil geben: dass die Lehrpläne nicht abgearbeitet werden konnten. Meines Erachtens ist das eine der zentralen Aufgaben, zum Beginn des neuen Schuljahres zu schauen, wo die einzelnen Schülerinnen und Schüler stehen.

Und dann muss man auch überlegen, was der Inhalt einer Prüfung sein soll. Und ich glaube, es ist völlig klar, dass nur das geprüft werden kann, darf und soll, was auch wirklich behandelt wurde. Insofern müsste man sich überlegen, wie man die Prüfungen entsprechend anpassen kann.

Das müsste aber jetzt anfangen, denn es darf nicht so sein, dass Prüfungen, die im nächsten Schuljahr stattfinden, dann zu einer Corona-Kohorte führen, sondern sie müssen von der Qualität und von den Anforderungen gleich sein. Aber möglicherweise können sie etwas ausgedünnt sein. Die Diskussion muss man jetzt führen mit den Fachdidaktikern, um zu schauen: Wie kann man diese Situation für das neue Schuljahr gestalten?

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dietmar Ringel, Inforadio. Das Gespräch ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das gesamte Interview hören Sie, wenn Sie auf den Audio-Button im Titelbild klicken.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Deswegen ist das Berliner Abitur dieses Jahres auch das beste ever. Mitleidsabitur und unfair + abwertend für alle anderen Jahrgänge.

  2. 4.

    Hallo Herr Ringel, schade, dass Sie Brandenburg nicht einbezogen haben.
    Ich sehe für nächstes und übernächstes Jahr tiefschwarz. Die Inhalte fehlen, wer kommendes Schuljahr beispielsweise MSA Prüfung hat, wird gnadenlos durchgereicht. Die Qualifikation für die Oberstufe ist fraglich. Alles mit einem Mal Realschüler...

    Ich kann mir nur einen weiteren, lange Lockdown wünschen, damit nächstes Schuljahr auch nicht zählt. Denn mit diesem versauten Schuljahr, das aber insgesamt keine abweichende Bewertung in der Schullaufbahn erhält, wird sehr vielen der Weg in den Beruf/die Zukunft verbaut.

    Nur dadurch, dass man im Lockdown ein paar Arbeitsblätter ausfüllt (mit Eltern) hat man den Stoff nicht GELERNT. Nur mal angeschaut, nicht verinnerlicht.

    Das wird eine elendige Katastrophe...

  3. 3.

    Das wundert mich persönlich überhaupt nicht, dass das niemand weiß, was die Schüler so gemacht haben. Was ich bei meiner Tochter so beobachten konnte, war teilweise wirklich eine Zumutung für die Kinder. Da wurden in Schlüsselfächern wie Physik in der ganzen Schließzeit gerade mal drei Arbeitsblätter verschickt und einen Tag später die Lösung. Korrektur der Arbeitsblätter, persönliches Feedback, Online-Stunde mit Möglichkeit Fragen loszuwerden - alles Fehlanzeige. Es gab wirklich auch engagierte Lehrerinnen - aber gefühlt 1/3 der Lehrerschaft hat jetzt wahrscheinlich 1A hergerichtet Wohnungen und Gärten (auf Kosten der Kinder). Ich hoffe, für unsere Kinder, dass sich das nie nie wiederholt und Bildungsforschung für diese Art von "Unterricht" obsolet ist!

  4. 2.

    "Wir wissen im Prinzip nicht, was die Kinder in den letzten Monaten gemacht haben"
    Mal die Eltern fragen. Die sollten es doch eigentlich wissen oder? ;-)

  5. 1.

    dann finden Sie es halt raus !

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