Mehrere Plastiktüten stehen auf dem Boden (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Audio: Inforadio | 30.06.2020 | Wolf Siebert | Bild: rbb/Wolf Siebert

Markt am Maybachufer in Neukölln - Warum der Umstieg von Einweg zu Mehrweg so schwierig ist

Berlin will zur "Zero waste"-Stadt werden. Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln arbeiten an Ideen, wie man von Einweg- auf Mehrwegverpackungen umsteigen könnte. Die Hürden sind hoch, wie der Wochenmarkt am Maybachufer zeigt. Von Wolf Siebert

Freitagnachmittag kommen Kunden vom Markt am Berliner Maybachufer mit Kartoffeln, Zucchini, Äpfeln und Kirschen. Ihre Einkäufe transportieren sie in roten oder weißen Plastiktüten.

Auf dem Markt an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln wird fast alles in Plastik angeboten: frisch gepresste Säfte, Brot, Fisch und Fleisch. Und zwischen den Ständen steht neue Ware auf Paletten, eingeschweißt in Kunststoff-Folie.

Marktleiter Nikolaus Fink steht vor einem Gemüsestand (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Marktleiter Nikolaus Fink produziert Recyclingtaschen | Bild: rbb/Wolf Siebert

Überzeugungsarbeit bei Händlern und Kunden

Nikolaus Fink ist nicht nur Leiter des Marktes am Maybachufer, sondern auch von neun anderen Märkten in Berlin. Gemeinsam mit dem Bezirksamt und mit Umweltorganisationen arbeitet er schon lange an Mehrweglösungen. 2016 hat Fink angefangen, Einkaufstaschen aus recycelten Kunststoffflaschen zu produzieren und versucht, Markthändler und Kunden von Mehrweg beim Einkaufen zu überzeugen.

Der Erfolg ist abhängig von der sozialen Lage und vom Bewusstsein, sagt er. Gut angenommen wurde der Mehrweg-Gedanke auf dem Markt am Südstern, auf einigen anderen Märkten in Neukölln und auf dem Onkel Tom-Markt in Zehlendorf.

Dünne Plastiktüten zu billig

"Auf dem Markt am Maybachufer gibt es aber ein gespaltenes Verhältnis zu Müll und Verpackung", sagt Fink. Vielleicht liegt das auch an den Kosten: 1 Euro müssen die Händler für Finks Recyclingtasche zahlen, die kleine Plastiktüte kaufen sie für 1 Cent. Und deshalb griffen die Händler und die bis zu 5.000 Käufer in Vor-Corona-Zeiten gerne zur Billiglösung, auch wenn das eine Menge Müll macht. Dünne Plastiktüten mit einer Wandstärke von weniger als 15 Mikrometern sind nämlich auch nach Änderung des Verpackungsgesetzes erlaubt, kritisiert Nikolaus Fink.

"Das ist ein Fehler des Gesetzgebers. Man hätte von unten durchsteuern und auch diese Tüten verbieten sollen." Es gebe genügend Alternativen. Rechnen würde sich das aber nur, wenn auch Coffeeläden, Backshops in Supermärkten, Spätis und Tankstellen mitmachten und auf Mehrwegsysteme setzten. "Wenn alle die gleichen Grundsätze und Bedingungen haben, müsste man schauen, wer die klügsten Ideen und die beste Logistik hat, das umzusetzen", meint Fink.

"Leihgeschirr lohnt sich nicht"

Marktleiter Fink ist auch mit den 15 Caterern auf dem Markt am Maybachufer im Öko-Dialog. Bei Charlotte Köndgen, die ein Kaffee-Mobil betreibt, hat er Erfolg gehabt. Sie bringt ihr Geschirr immer mit. Sie hat Espresso-Tassen dabei, gibt aber auch Recup-Becher gegen Pfand heraus. "Viele Kunden bringen auch ihren eigenen Becher mit – dann gibt es einen Rabatt." An diesem Tag hat sie auch To-Go-Becher auf der Kaffeemaschine. Das sei wegen Corona, sagt sie. Niemand soll an ihrem Kaffeemobil stehenbleiben wegen des Infektionsschutzes.

Leihgeschirr ist keine Alternative für Nikolaus Fink. Das lohne sich mehr für Großveranstaltungen wie Festivals, sagt der Marktleiter.

Eine Tüte mit Plastikmüll (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Auf dem Wochenmarkt am Maybachufer sammelt sich schnell Plastikmüll an | Bild: rbb/Wolf Siebert

Es geht nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit

Er will auch nach Corona auf seinen Märkten weiter an Mehrweglösungen und "Zero Waste" arbeiten, braucht dafür aber auch die Politik. "Zero Waste" sei zwar ökologisch nachhaltig. Die Politik müsse aber dafür sorgen, "dass die einzelnen Maßnahmen auch ökonomisch und sozial nachhaltig - soll heißen: gerecht - werden."

Wenige Kilometer vom Markt entfernt, im Regierungsviertel, wird auch über "Zero Waste" nachgedacht. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ist gerade dabei, eine europäische Initiative in deutsches Recht umzusetzen. Das Ziel: Ab 2021 sollen einige Wegwerfprodukte aus Plastik verboten sein. Außerdem wird diskutiert, die Hersteller von Verpackungsmaterialien an den Kosten der Müllentsorgung zu beteiligen, verbindliche Mehrwegquoten vorzugeben und die Recyclingquote zu erhöhen. Es wird wohl noch eine Weile dauern.

 

Sendung: Inforadio, 30.06.2020

Beitrag von Wolf Siebert

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12 Kommentare

  1. 12.

    In den Hochburgen der Grünen aber den Rest der Berliner was von Umweltschutz erklären wollen. Ha,Ha,Ha die sollen mal Lieber vor Ihrer eigenen Haustür kehren.

  2. 11.

    In Pankow leben ja die Ökos und da fallen die Ausländer schon auf. Selbst im Supermarkt gibt es Leute die sich mit Obsttüten eindecken und ihren gesamten Einkauf darin verpacken. Denen wird dann an der Kasse erklärt, dass das nicht erwünscht ist, aber nicht aus Umweltgründen.

  3. 10.

    Ich verwende schon seit Jahren meinen Rucksack und Mehrwegtaschen für meinen Einkauf- auf den Plastikmüllberg in meinem "gelben Sack" hat das keinen wirklichen Einfluss. So beeindruckend die Zahlen für die ganze BRD bei eingesparten Plastiktüten sind- sie verblassen gegen die Zahlen, wie viel Plastik insgesamt hergestellt wird.

    Auch wenn man es nicht gerne hört- ohne dass es finanziell sichtbar wehtut oder noch besser Verboten (Afrika kann das, wieso wir nicht?), wird sich wie immer nichts ändern. Der Mensch ist nun mal bequem, kurzsichtig und egoistisch. Das liegt einfach in seiner Natur und hat evolutionäre Gründe/Vorteile, ist also nicht als Wertung gemeint. Sondern als Problemstellung, die man mit berücksichtigen muss.

  4. 9.

    Ich denke der meiste Müll kommt von den Verpackungen in Supermärkten und im Versandhandel. Einerseits das Obst in Karton plus Plastik, andererseits alle Joghurtbecher, Essigflaschen, Mineralwasser usw. Für diejenigen, die auf ein Auto verzichten ist aber das Pfandsystem schon eine große Strafe, weil man seine Pfandflaschen nicht im Auto zum Supermarkt bringen kann.
    Vielleicht wäre der Ausbau der Lieferdienste a la Märkische Kiste sinnvoll. Wenn viele angefahren werden, vielleicht auch Stützpunkte pro Häuserblock, spart das Verpackung, CO2, und ist sogar bequemer. Ein Weg dorthin wäre öfter Berichte auch in den Medien, in denen die Kosten und die Verpflichtungen und Möglichkeiten klar dargestellt werden.

  5. 8.

    Solange Plastikmüll eine Ware ist, die gewinnbringend weiterverkauft und noch in großen Mengen exportiert wird, lässt es sich m.E. nicht vermeiden, dass der Dreck in der Umwelt/im Meer landet. Vielleicht ist es besser, die Plastik im Hausmüll zu entsorgen. Durch die Verbrennung entstehen bei PE-Tüten nur Kohlendioxid und Wasser.

  6. 7.

    Dann müssten auch die Gesetze zum Thema Recycling geändert werden. Solange von dem recyclten Materialien kaum was wieder benutzt wird, lohnt es sich auch nicht. Für Verpackungen von Lebensmitteln, darf kein recycltes Plastik verwendet werden.
    Die einmal Plastiktüten lohnen sich bei Spontankäufen, wenn es keinen Sinn macht sich eine neue Stofftasche oder eine Papiertüte zu kaufen für den Einkauf. In der Ökobilanz schneiden die Papiertüten bei einmaligen Gebrauch am schlechtesten ab. Außerdem was bringt es Plastiktüten zu verbieten, wenn ich sie dann als Mülltüten noch kaufen kann? Ich hab meine Plastiktüten zumindest dann immer als Mülltüte verwendet, jetzt kaufe ich die Mülltüten halt direkt.

    Wie wäre es wenn mal eine Lösung dagegen gefunden wird, dass Leute ihren Müll einfach wahllos in die Gegend werfen, damit würde man der Umwelt einen viel größeren Gefallen tun. Der Müll in der Tonne ist erstmal das kleinere Problem gegenüber dem in den Hecken, auf der Wiese und im Fluss.

  7. 6.

    Mit Mehrwegnetzen kaufe ich nicht nur Obst und Gemüse im Supermarkt sondern auch auf dem Markt ein und habe statt Tüten einen Einkaufskorb oder/und den Einkaufssrolli. Im Auto habe ich einen Korb und Mehrwegtaschen als Reserve. Jutebeutel kann man,immer wieder gewaschen,ewig benutzen und sie nehmen nicht viel Platz weg. Leider wurde all das erwähnte Platik schon produziert und muss irgendwann entsorgt werden,auch wenn ich darauf verzichte ,es zu kaufen/ zu benutzen.

  8. 5.

    Viele verwenden die dünnen Plastiktüten als Mülltüten statt diese auch noch zu kaufen. Zum Kauf werden Mülltüten fast überall angeboten. Bei manchen häufen sich die dicken "Mehrwegbeutel", die auch überall angeboten werden. Einfach mal zählen ;) Oder landen ebenso wie die dünnen Tüten in den Mülltonnen :(
    Ähnlich wie die "Mehrwegkartons", die in manchen Supermärkten jetzt ebenso für 1 Euro (gewinnbringend!) verkauft werden, während gleichzeitig die Verpackungskartons nun konsequent zerkleinert im Supermarktmüll landen ;) Auf den Märkten landen sehr viele Verpackungskisten auch auf den großen Müllhaufen, die die BSR dann abholt.
    @rbb Was sagen Verpackungsdesigner und Logistiker dazu?!
    Selbst in den Biosupermärkten wird nur zum Teil im regionalen Sortiment mit Mehrwegklappkisten gearbeitet.
    Klar gehts auch ohne Mülltüten, dann wäscht mensch nach dem Leeren wie früher den Mülleimer. So wie es die BSR regelmäßig mit ihren befallenen Biotonnen machen muss :)

  9. 4.

    das sehe ich anders, irgendwo muss man anfangen und es sind unmengen von plastiktüten und diese herzustellen ist doch schon das problem, nicht die entsorgung alleine!

  10. 3.

    Es ist aber ein Problem, denn es bleibt, egal wo entsorgt, in der Umwelt. Man kann auf den Wochenmarkt gut einen Einkaufskorb oder Stofftaschen mitnehmen. Ich nähe meine Beutel aus alten Jeans. Biogemüse und Plastik geht gar nicht. Wenn jeder bei sich selbst anfängt, ist schon viel getan.

  11. 2.

    Das Problem ist nicht neu, sondern im Prinzip nahezu uralt. Bereits Anfang der 1990er, als Minimüll-Kampagnen liefen, hat sich die damalige Regierung Kohl / Genscher nicht etwa für ein Pfandsystem, sondern für das Duale System Deutschland entschieden: Mithin keine Müllvermeidung, sondern so bezeichnetes Recycling, was immer auch produziert werde. Die Mehrwegquote bei Getränken ging rapide nach unten, das zu Recycelnde lag hinter Bäumen und unter Büschen und so wurde dann gut 20 Jahre später nach gründlichem Mahlen der Behördenmühlen doch ein Pfandsystem beschlossen, ein zweitklassiges.

    Die Phantasie, es anders zu machen, ist jedenfalls seit Jahrzehnten vorhanden, das know how auch.

  12. 1.

    Die Plastiktüten auf dem Wochenmarkt sind sicherlich nicht der Erden Umweltproblem.
    Sondern falsche oder fehlende Entsorgung durch den Menschen.
    Ebenso kann man auch Tüten wiederverwenden.

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