Ein toter Baum vor dem Alexa Einkaufszentrum in Berlin (Bild: dpa/Thomas Born)
Audio: rbb|24 | 02.06.2020 | Baumexperte Nicolas A. Klöhn | Bild: dpa/Thomas Born

Interview | Baumdiagnostiker Nicolas A. Klöhn - Berliner Stadtbäume ziehen oft Salzplörre statt Wasser

Den Stadtbäumen in Berlin geht es schlecht. Schon im April hatten Umweltverbände die Hauptstadtbewohner zum Gießen aufgerufen. Baumdiagnostiker Nicolas A. Klöhn über die Ursachen für den Baumstress - und Sorten, die verschwinden könnten.

rbb|24: Herr Klöhn, wenn Sie Stadtbaum wären, welche Stadt würden Sie sich dann aussuchen?

Nicolas A. Klöhn: Die Stadt wäre mir da relativ unwichtig. Ich würde mir einen möglichst guten Standort in einem Pflegerevier aussuchen, wo jemand sehr kundig ist.

Wie geht es denn den Berliner Stadtbäumen?

Allein wenn man den Schnitt der Straßenbäume betrachtet, kann man erhebliche Stressbelastungen beobachten. Einem größeren Teil als sonst geht es schlechter oder sehr schlecht - und nur einem Teil der Stadtbäume sehr gut.

Und die haben alle unkundige Pfleger?

Nicht unbedingt. Wenn es einem Baum nicht gut geht, führen meist ganz viele Faktoren gemeinsam dazu. Aber im Regelfall gibt es keinen Einzelverantwortlichen. Man spricht von einem multifaktoriellen Schadbild. Manchmal schlägt aber auch ein Faktor voll durch. Das kann auch etwas Überraschendes sein: Im vergangenen Hitzesommer gab es viele Linden und Ahornbäume an Hauptstraßen, die mitten im Sommer akute Salzschäden zeigten. So, als wären die Straßen enorm gesalzen worden im Winter. Doch da die letzten Jahre noch trockener als sonst waren, sind die Salzfrachten der kalten Winter von vor ein paar Jahren nicht mehr durchgespült worden. Sie haben sich dort gesammelt, wo sie für die Wurzeln erreichbar sind, sodass die Bäume im Sommer, wenn sie Wasser ziehen, gewissermaßen Salzplörre ziehen. Dabei ist der Streusalzeinsatz schon lange her.

Dass die Trockenheit der letzten Jahre den Stadtbäumen zusetzt, ist aber unbestritten, oder?

Das ist unbestritten. Trockenheit ist immer ein Problem und für viele Bäume ganz gewiss einer der wesentlichen Stressfaktoren. Der größte Teil der Bäume dürfte erheblich darunter leiden. Viele sind ja auch bereits abgestorben. Andere mussten drastisch eingekürzt und gekappt werden, weil große Teile ihrer Kronen abgestorben waren.

Man soll ja wieder gießen. Warum macht das die Stadt denn nicht selbst? In manchen Bezirken haben neu gepflanzte Bäume ja immerhin Wassersäcke.

Die beiden trockenen Sommer, die wir jetzt hatten, sind für die Grünflächenämter quasi eine Vollkatastrophe. Da ist ein Pflegebedarf entstanden an den Stadtbäumen, der mit den normalen Etats und der Menge der Mitarbeiter überhaupt nicht bewältigt werden kann.

In Berlin kommt es auch ganz auf den jeweiligen Bezirk an, wie beispielsweise beim Bewässern vorgegangen wird. Die Wassersäcke ein paar Jahre zu verwenden, kann wahrscheinlich eine unterstützende Maßnahme sein. Richtiges Wässern sieht aber anders aus.

Wie viel Wasser sollte ich denn als Stadtbewohner in die Baumscheibe gießen? 50 Liter, 100? Und wie viel ist zu viel?

Zuviel ist es dann, wenn der Baum wegen Staunässe abstirbt oder umfällt, weil er nicht mehr fest im Boden steht, weil beim Gießen alles in einen Morast verwandelt wurde. Das schafft sowieso niemand. Was die Menge betrifft: ein Wischeimer voll nutzt fast nichts. Wenn man drei Mal die Woche etwa hundert Liter gießt, wäre das schon ziemlich gut.

Das Problem beim Wässern – was aber niemanden davon abhalten sollte – ist allerdings, dass kein Mensch das Wasser dorthin bringen kann, wo der Baum es wirklich braucht. Wässern kann also immer nur eine unterstützende Maßnahme sein.

Bei größeren Bäumen sollte man auch möglichst nicht nur die Baumscheibe gießen, sondern auch das Kleinpflaster drumherum – natürlich ohne größere Abflüsse zu produzieren. Denn darunter liegen bei großen Bäumen die Wurzeln, die das Wasser aufnehmen können.

Ist die Stadt für die Bäume nicht sowieso viel zu sehr ein Zementgarten?

Generell wären größere Baumscheiben vielerorts sicherlich günstiger. Wichtiger ist aber, dass die angewachsenen Bäume nicht mehr permanent durch Baumaßnahmen beschädigt werden. Kleinpflaster, das nicht in Zement verlegt ist, muss für einen Baum – mit großer Baumscheibe - kein ungünstiger Standort sein. Viele Bäume sind aber auch viel Sonnenreflexion ausgesetzt. Das ist eine ganz andere Hitzebelastung für einen Baum als wenn er auf einer Wiese stände.

Was passiert mit den Stadtbäumen, wenn das mit der Trockenheit und Hitze jetzt immer so weitergeht?

Da wird man keine sichere Prognose treffen können. Es wird sich aber vermutlich erweisen, dass bestimmte Baumsorten, die jetzt noch gepflanzt werden, verschwinden werden. Andere Arten oder Sorten werden sich möglicherweise als geeigneter erweisen. Aber der Weg dahin könnte ein verdammt teurer werden.

Derzeit ist es ja so: wenn wir eine Linde oder eine Eiche pflanzen, die scheinbar ein einheimischer Baum ist, wissen wir nicht, ob es ein berlin-brandenburger Baum ist oder ob er genetisch aus Schleswig-Holstein oder den Niederlanden stammt. Aus Gegenden also, wo es im Sommer nie so trocken wird und im Winter nicht so kalt. Dann hat man nur scheinbar einheimische Bäume in die Stadt gepflanzt, die tatsächlich eine sehr viel geringere Kompensationsfähigkeit gegenüber Klimaextremen haben als wirklich einheimische Bäume aus der Region. Die haben nämlich gelernt, Klimaprobleme, die es hier schon immer gibt, über eine Art lokale Evolution etwas abzufedern.

Wie könnte man dafür sorgen, dass tatsächlich einheimische Bäume gepflanzt werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Angebote der Baumschulen vielfältiger werden. Und dass gewissermaßen für bestimmte Regionen Bäume produziert werden, die genetisch geeigneter sind. Für die großen Handelsbaumschulen ist das eher ungünstig, weil sie ganz Deutschland mit einem gewaltigen Programm beliefern. Wenn aber auch die Besteller der Pflanzen – wie etwa Ämter – auf so etwas stärker achten würden, könnte das kleinere lokale Betriebe fördern.

Da wird man generell umdenken müssen. Denn neben den Klimaproblemen hat die Thematik mit den wenig diversen Baumsorten noch einen anderen Nachteil. Der Klimawandel bringt nämlich nicht nur anderes Klima, sondern auch andere Schädlinge. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass es von einer sehr geschätzten gezüchteten Baumsorte wie einer speziellen Linde zehn- oder hunderttausende Exemplare gibt, die genetisch sehr eng verwandt sind, und diese einem Schädling gut schmeckt, dann hat man ihm eine ideale Situation geschaffen.

Wenn wir nicht eine hohe genetische Diversität anpflanzen, nehmen wir den Baumarten auch die Chance, sich anzupassen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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