Mila aus Forst erzählt von einer Transition in der Kleinstadt. (Quelle: privat/Mila)
Bild: privat/Mila

Interview | Transition in einer Kleinstadt - "Endlich konnte ich Mila sein"

33 Jahre lang versuchte Mila aus Forst, sich in die Rolle als Mann einzufinden, obwohl sie  wusste, dass das nicht passt. Nach ihrem Coming-out folgte die Transition. Steven Meyer hat mit Mila über ihr Outing und das Leben als queere Person in einer Kleinstadt gesprochen.

rbb: Seit wann wissen Sie, dass Sie trans sind?

Mila: Ich schätze, ich wusste es schon seitdem ich sieben Jahre alt war. Damals musste ich mir widerwillig für ein Schulfoto die Haare abschneiden und sagte zu meiner Mutter: "Ich fühle mich nicht wohl in meinem Körper." Geoutet habe ich mich dann aber erst mit 33 Jahren.

Wie konnten Sie es solange verheimlichen?

Ich habe lange versucht, es zu verdrängen und habe immer versucht, mich in die männliche Rolle einzufügen. Mein Auftreten war deshalb auch immer sehr maskulin. Wenn ich mich aber wohl gefühlt habe, wurde meine Gestik und Mimik unbewusst femininer. Ich habe meine Geschlechtsidentität über Jahre hinweg heimlich ausgelebt, wenn ich allein war. Dann habe ich meine Perücke ausgepackt, mich geschminkt und feminine Kleidung angezogen. So bin ich sogar jahrelang nachts Zeitungen austragen gegangen.

Wie hat sich das Verstecken auf Sie ausgewirkt?

Ich hatte vor meinem Outing zwei Suizid-Versuche - und zwar immer dann, wenn die Beziehung zu meinen damaligen Freundinnen auseinandergebrochen ist. Ich bin dann immer in ein großes Loch gefallen. Rückblickend betrachtet muss ich zugeben, dass ich mich insgeheim immer gefragt habe, wieso ich nicht selbst als Frau leben kann.

Wie haben Sie die Entscheidung getroffen, sich zu outen?

Im Jahr meines Outings habe ich mir für meinen Geburtstag das Motto "Rollentausch" überlegt und bin als Frau aufgetreten. Ich wollte einfach einen Tag so sein und auftreten, wie ich mich innerlich fühlte. All meine Freundinnen und Freunde meinten daraufhin zu mir, dass ich an diesem Abend offen, froh und mehr als ich selbst wirkte als sonst. Danach war für mich klar: Ich kann es nicht mehr verheimlichen. Irgendwann habe ich mich dann bei meiner Psychotherapeutin geoutet und war in den Sitzungen schon Mila. Nach und nach habe ich dann Freundinnen und Freunde, meine Familie und die Menschen in meiner Arbeit eingeweiht.

Wie haben sie auf das Outing reagiert?

Die meisten meiner Freundinnen und Freunde akzeptierten es sofort und ich konnte endlich Mila sein. Meine Schwester ahnte es bereits, wohingegen meine Mutter anfangs noch Probleme hatte. Mein Sohn und meine Tochter waren beide noch jung, aber meine Tochter war begeistert. Sie wollte gleich meine Klamotten sehen und hat Outfits für mich rausgesucht. Sie sagt mittlerweile immer: 'Ich habe eine Mama und eine Mami.' Meine damalige Frau - die Mutter meiner Kinder - war auch verständnisvoll. Sie trennte sich aber zwei Monate nach meinem Outing von mir.   

Mein Vater tut sich noch immer schwer. Er war auch der Letzte, dem ich davon erzählt habe. Er benutzt bis heute noch oft falsche Pronomen und sagte zu mir: 'Du wirst immer mein Sohn bleiben.' Ich soll ihn auch nur in seiner Wohnung besuchen und nicht in seiner Gartenkolonie – er möchte nicht, dass seine Freunde von meiner Transition erfahren.

Gab es auch andere negative Reaktionen?

Einige meiner Freundinnen und Freunde haben den Kontakt abgebrochen. Ich weiß, dass sie auch absichtlich noch immer falsche Pronomen verwenden, wenn sie über mich sprechen. Außerdem schrieb mir ein Cousin, zu dem ich früher immer ein gutes Verhältnis hatte, eine ziemlich schockierende Nachricht auf Facebook: 'Du gehörst in die Gaskammer!' Ich konnte es nicht fassen, vor allem auch, weil seine Mutter ihn verteidigte und ihm zustimmte. Den Kontakt habe ich danach abgebrochen.

Denken Sie, die Transition wäre in einer größeren Stadt leichter gewesen?

Ich weiß es nicht. Nach meinem Outing wollte ich eigentlich nach Berlin ziehen. Das habe ich aber nicht gemacht, weil meine beiden Kinder in Forst leben. Ich schätze, trans Personen, die auch als trans erkannt werden, haben es schwerer und werden öfter beschimpft. Ich hatte nur einmal eine unangenehme Situation an einer Supermarktkasse – am Anfang meiner Transition. Ein junger Mann sah mich, während ich meinen Einkauf einpackte, und sagte zu seiner Mutter: 'Geh nicht so nah ran, der ist schwul!'

Kennen Sie andere Menschen in Forst, die trans sind?

Ja, sogar jemanden, der mit mir in der gleichen Kitagruppe und in der gleichen Grundschulklasse war. Er outete sich als Mann und kam irgendwann auf mich zu. Er sagte, dass er durch mein Outing den Mut fand, den Schritt selbst zu gehen. Das hat mich wirklich gefreut. Abgesehen von ihm kenne ich noch einige andere trans Personen in Forst. Mittlerweile leite ich in Cottbus, knapp eine halbe Stunde von Forst entfernt, einen Stammtisch für trans Personen, der auch immer gut besucht ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Mila führte Steven Meyer, rbb|24

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ich habe Mila vor ca. 3 Jahren kennengelernt.
    Ich hab es schon gewusst das eine Frau mit trans Hintergrund in unseren Verein kommt.
    Mittlerweile sind wir seit ca. 2 Jahren ein Paar.
    Für mich ist das kein Problem das sie früher ein Mann war.

  2. 3.

    Ich finde es so traurig dass man sich immer noch outen muss. Mila meine Anerkennung für den Weg den Du gegangen bist. Für alle die Hilfe brauchen, egal welcher Art, gibt es den Verein Liebe wenn du willst. Traut euch. Drüber reden ist so wichtig.

  3. 2.

    Früher dachte ich immer, dass gerade junge Leute offen sind. Der erwähnte junge Mann ist wohl eher dumm, unwissend und verbohrt. Auch der Vater hat wohl meh Probleme mit sich selbst als andere Menschen.
    Vermutlich tut jede einzelne Ablehnung mehr weh, als bei einem Menschen, der von Beginn an im richtigen Körper zuhause war.
    @Mila, ich möchte mir nicht ausmalen, wie Sie sich bis zum Coming-Out gequält haben. Nun sind Sie hoffentlich angekommen. Sie sehen sehr sympathisch und hübsch aus. Also: Krönchen richten und weiter in die nun richtige Richtung laufen.

  4. 1.

    Ein sehr persönliches und spannendes Interview, Respekt für den Mut dazu. Zum Glück wirkt es, als hätte der Großteil Ihres persönlichen Umfeldes positiv auf diesen Schritt reagiert - trotzdem möchte ich mir nicht vorstellen, wie verletzend all die anderen Reaktionen sein müssen.

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