Übungsmodell für Rettungsdienst (Quelle: imago-images/Kraufl)
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Interview | Forscherin zu Geschlechtermedizin - Medizin ist männlich und 80 Kilo schwer

Bevor Medikamente zugelassen werden, testen Forscher sie meistens an Männern. Zum Nachteil von Frauen, die dann mehr Nebenwirkungen hätten, sagt die Berliner Professorin Regitz-Zagrosek. Sie fordert ein neues medizinisches Grundmodell.

rbb|24: Sie fordern, dass die Medizin die Frauen stärker in den Blick nimmt. Was läuft aus Ihrer Sicht schief?

Vera Regitz-Zagrosek: Die Medizin war in den letzten Jahren, Jahrzehnten, ganz stark auf die Männer ausgerichtet, weil diese als das Grundmodell galten. Die frühen klinischen Studien wurden fast nur an Männern durchgeführt.

Was bedeutet das für die aktuelle Forschung?

Schauen wir uns die zum Beispiel die Medikamentenforschung an. Die Dosierung von Medikamenten wird im Schnitt für den 80-Kilo-Mann berechnet. Es hat recht lange gedauert, bis man sich entschlossen hat, dass man auch Frauen in klinische Studien einschließend sollte. Und es hat noch länger gedauert, bis man angefangen hat, das auch wirklich umzusetzen. In vielen der großen klinischen Studien sind tatsächlich die Nebenwirkungen der Substanzen für Männer und Frauen dargestellt. Das ist im Bereich der Herzerkrankungen allerdings weniger als zehn Prozent.

Wie gefährlich ist es für Frauen, wenn sie Medikamente einnehmen, die nicht an Frauen getestet wurden?

Sie haben mehr Nebenwirkungen oder setzen die Medikamente ab, weil sie sich über die starken Nebenwirkungen beklagen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich erinnere mich da an eine ältere Freundin von mir, die mit einer Standard-Dosis von Betablockern von ihrem Hausarzt behandelt worden ist. Sie war so erschöpft, dass sie sagte, sie sei überhaupt nicht mehr auf die Beine gekommen. Ihr war nur noch schwindelig, sie war so schwach, dass sie gar nicht mehr aufstehen konnte. Sie hat sehr unter der Medikation gelitten. Und hat sie dann natürlich auch abgesetzt, was auch nicht gut für sie war. Wer Betablocker absetzt, kann lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen bekommen. Bei der Freundin hat es dann ziemlich lange gedauert, bis man eine Medikation für sie gefunden hat, die richtig war: etwa ein Viertel der handelsüblichen Dosierung.
 

Kann die handelsübliche Standard-Dosis auch für Männer gefährlich sein?

Ich kenne das auch bei Männern aus dem engen eigenen Bekanntenkreis. Da setze ich mich dann hin und passe die Dosierung der Medikamente individuell an, weil diese Männer nicht 80, sondern nur 60 Kilo wiegen. Aber ist es nicht so, dass man alle negativen Effekte wegrechnet, wenn man für Alter und Körpergewicht adjustiert. Man hat eben auch unterschiedliche Effekte beim Geschlecht.

Können Sie einschätzen, wie es bei anderen Krankheiten aussieht?

Für Krebserkrankungen weiß ich, dass die Leute sich bemühen, die Daten für Männer und Frauen zusammenzustellen, dass man aber ein ähnliches Problem wie in der Kardiologie hat: Es gibt einfach nicht genügend Studien, in denen systematisch die Wirkung für Männer und Frauen dargestellt sind.

Trotzdem leben Frauen im Schnitt länger als Männer…

Was wollen Sie denn damit sagen? Frauen, leben länger, also kann man sie ein bisschen schlechter behandeln, damit sie ein bisschen früher sterben - so ungefähr die Logik? Das würde ich jetzt so nicht unterschreiben.

Die Frage ist, ob diese Effekte, die Sie beschreiben, nicht so stark reinhauen.

Doch, die hauen schon rein. Wenn Sie sich die Statistiken zur Arzneimittel-Nebenwirkungen angucken, sind die Frauen immer häufiger betroffen.

Wenn jetzt wie bei Covid-19 an einem neuen Impfstoffen geforscht wird, wird dann auch wieder nur an männlichen Tieren und Männern getestet?

Im Prinzip ist es so, dass die weiblichen Tiere die bessere Immunantwort haben, auch auf die meisten Impfungen gegen Influenza zum Beispiel, oder gegen Masern. Häufig haben die Immunologen deshalb weibliche Tiermodelle. Bei der Impfung aber haben die Frauen meistens mehr Nebenwirkungen. Das heißt, man würde eigentlich eine niedrigere Dosis brauchen, um Frauen zu immunisieren. Das muss man aber im Einzelfall herausfinden. Und das kann im Einzelfall recht mühsam und zeitraubend und anstrengend sein. Für Details müssten Sie einen Immunologen fragen.

Warum werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede noch so selten erforscht?

Ich glaube, das liegt einfach daran, dass man in der Medizin daran gewöhnt war, Menschen als Neutrum darzustellen. Und das Neutrum hatte eben männliche Züge. Man hat früher  Geschlechterunterschiede eigentlich nur im Bereich der Sexualorgane gesehen, Genderforscherinnen sprechen vom "Bikinidreieck". Und man hat gar nicht darüber nachgedacht, dass es im Bereich von Herz, Leber und Niere auch Geschlechterunterschiede gibt. Seit gut 2000 wird geschlechtsspezifische Forschung in der Medizin vermehrt eingefordert, und man hat gelernt, dass Frauen nicht nur kleinere Männer sind, sondern sich auch in anderen Dingen als in der Größe von den Männern unterscheiden. In einigen Bereichen hält dieser Lernprozess an - oder findet hoffentlich wenigstens statt.

Collage: Zeichnung von Leonardo Da Vinci. <<Les proportions humaines, 1490, d'apres Vitruve (L'homme de Vitruve ; Uomo dei Vitruvio ; Vitruvian Man)>>. (Quelle: dpa/Luisa Ricciarini/Leemage)Leonardo da Vinci

Ist es tatsächlich nur die Gewöhnung, hauptsächlich an Männern zu forschen? Oder ist es nicht auch teurer und dauert länger, Frauen mit einzubeziehen? Frauen unterliegen zyklischen Schwankungen - so ein Argument.

Für die einzelne Firma, die eine klinische Studie macht, ist es möglicherweise am einfachsten, das nur an einer homogenen Männergruppe zu testen und schnell auf den Markt zu bringen. Aber danach werden die Substanzen dann in einer möglich unangepassten Dosis allen Menschen, also auch Frauen, gegeben, und führen dann vermehrt zu Nebenwirkungen. Volkswirtschaftlich gesehen ist das am Ende mit Sicherheit teurer. Und die Gesundheit unserer Frauen sollte es uns wert sein, auch sie in die Forschung mit einzubeziehen.

Wenn nachkommende Mediziner-Generationen sich dem Thema stärker annehmen, vielleicht ändert sich dann etwas. Wie gut sind deutsche Universitäten da Ihrer Meinung nach aufgestellt?

Die Charité ist tatsächlich die einzige Universität in Deutschland, die geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin in der Pflichtlehre hat. Das heißt, die Studenten werden dazu auch wirklich geprüft. Und müssen sich dazu auch wirklich äußern. In den anderen Bundesländern gibt es freiwillige Veranstaltungen, die meistens nur einen Bruchteil der Studierenden treffen und die nicht prüfungsrelevant sind. Und die dann im Ernstfall vernachlässigt werden.

Tut sich da etwas?

Da tut sich im Moment nicht viel. Das Gesundheitsministerium hat mal eine Studie veranlasst, um den Zustand zu beschreiben. Der Zustand ist aber relativ gut bekannt. Ich bin selbst an diesem Projekt beteiligt, wir machen das halt. Aber es wäre viel besser, die Mittel aufzuwenden, um die Zustände zu ändern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Vanessa Klüber

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6 Kommentare

  1. 6.

    Leider ist dieser Artikel sehr einseitig. Mir fehlt schlicht und ergreifend die Aussage, ob vorrangig männliche Bewerber für Medikamententests rekrutiert werden oder ob es schlicht an weiblichen Bewerbern fehlt.
    Desweiteren, wenn bekannt ist, dass die Dosierung vor allem für 80kg schwere Männer ausgelegt ist, ist eine Fehldosierung nicht zwangsläufig ein Fehler der zugegeben profitorientierten Pharmaindustrie ist, sondern ggf. auch als Versäumnis des Arztes angesehen werden kann, wenn wie oben erwähnt, mal eine 60kg Person die Medis bekommt.
    Ich empfinde obigen Artiekl als unseriös, mind. jedoch als unreflektierte Einzelmeinung.

  2. 5.

    Die Kommentare sind zum Teil sehr bezeichnend: zum Einen misogyn, zum Anderen rechtsextremen Duktus, "Genderwahn", verbreitend.

    Es ist wie in so vielen Aspekten unseres Gesundheitssystems, dass Fehlanreize gesetzt werden, in erster Linie vom Gesetzgeber. Nähmen die achso wirtschaftlich Rechnenden sich selbst ernst, müssten sie sich selbst verpflichten, keine in erster Linie auf Männer zugeschnitte Medikamentenforschung sowie Medizin im Allgemeinen anzuvisieren. Dass öffentliche Gesundheit mehr Zielgruppen einschließt als nur die einer männlichen Geschlechtsidentität muss man ganz offensichtlich zu einem obligatorischen Bestandteil von Studium und Lehre machen.

    Im Allgemeinen werden viele Studien zu Medikamenten vor deren Zulassung rein ökonomischen Kriterien unterworfen. So kommt es vor, dass viele z.B. Blutdrucksenker an Personen getestet wurden, die deutlich jünger sind als diejenigen, die diese Medikamente letztlich erhalten.

  3. 4.

    Also ich passe genau in das Schema und habe teilweise schlimmste Nebenwirkungen, so doll kann es nicht her sein mit diesen angeblichen auf Männer zugeschnittenen Tests.

  4. 3.

    ...das hat mit Genderwahnsinn nichts zu tun. Der nervt mich im Übrigen auch. Es macht für die Dosierung aber einen erheblichen Unterschied, ob man 80 kg oder nur 40 kg wiegt. Darauf wird aber idR nicht geachtet.
    Es ist medizinisch auch nachgewiesen, dass Frauen z. B. bei einem Herzinfarkt völlig andere Symptome zeigen, als Männer. Es macht also durchaus Sinn, genauer zu schauen, wie Männer und Frauen auf die Medikamente reagieren.
    Was soll der Verweis, lieber Friedrich, dass sich Frau Professor als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen soll? Haben Frauen bisher prinzipiell abgelehnt, Medikamente zu testen? Nein! Sie wurden einfach nicht in dem Maße herangezogen, weil es zusätzliche Arbeit bedeutet...

  5. 2.

    Dieser Genderquatsch nervt nur noch!

  6. 1.

    Soso, Männer als Versuchskaninchen sei vor allem ein Nachteil für Frauen. Und die Gesundheit der männl. Testpersonen zählt offensichtlich nicht. Das ist zynisch. Dürfen wir annehmen, daß Frau Professor mit gutem Besipiel vorangeht und sich künftig bereitwillig als Testperson zur Verfügung stellen wird?

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