Modelle von Erregern von Geschlechtskrankheiten (Quelle: rbb/Steven Meyer)
Video : rbb|24 | 21.06.2020 | Steven Meyer | Victor Pfannmöller | Bild: rbb/Steven Meyer

Geschlechtskrankheiten nehmen zu - Die stille Epidemie

Immer mehr Menschen infizieren sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Chlamydien. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer stillen, gefährlichen Epidemie. Doch die Corona-Krise könnte hier eine einmalige Chance bieten. Von Steven Meyer

"Es war eine ungewohnte Situation", erzählt Enrico, als er sich an seinen ersten Test auf Geschlechtskrankheiten erinnert. Der liegt mittlerweile schon zwölf Jahre zurück. "Damals juckte und brannte es im Schritt", sagt der 33-Jährige. Die Diagnose: Chlamydien. Eine Woche Antibiotikum, danach war er die Krankheit wieder los. Seither hat sich Enrico, der in Leipzig lebt und beruflich oft nach Berlin kommt, mehrfach wieder mit sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert. Sein Partner und er führen eine offene Beziehung, Sex mit anderen Männern ist also erlaubt. Deshalb sei der regelmäßige Gang zum Test für ihn mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Das war nicht immer so: "Früher hatte ich Bedenken und wusste nicht, wie ich mit dem Ergebnis umgehen soll."

Enrico (Quelle: rbb/Steven Meyer)
Enrico ist ein offener Umgang mit Geschlechtskrankheiten wichtig | Bild: rbb/Steven Meyer

Viele werden unvorsichtiger

Die Zahl der Neuinfektionen mit Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Tripper, steigt laut Epidemiologischen Bulletin vom Robert-Koch-Institut [rki.de] in Europa seit Jahren an. Die Weltgesundheitsorganisation spricht deshalb sogar schon von einer stillen, gefährlichen Epidemie – es klingt zwar absurd, aber die Tatsache, dass sich immer mehr Frauen und Männer anstecken, hängt auch mit der verbesserten Therapie zusammen. Die Angst, sich mit HIV zu infizieren, nimmt ab – viele Menschen sind deshalb unvorsichtiger und benutzen keine Kondome mehr.

Gerade der Anteil heterosexueller Menschen, die HIV-positiv sind, nimmt seit Jahren zu. Das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), hat die Entwicklung der Syphilis für 30 europäische Staaten von 2007 bis 2017 analysiert. Das Ergebnis: Die Zahl der bestätigten Fälle stieg um 70 Prozent [ecdc.europa.eu]. In Berlin gibt es, laut Epidemiologischen Bulletin vom Robert-Koch-Institut [rki.de], deutschlandweit die meisten Ansteckungen mit der Krankheit pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, die Zahl geht aber wieder deutlich zurück. In Brandenburg wiederum gibt es nach Thüringen die wenigsten Fälle.

"Es sind nicht mehr nur die üblichen Geschlechtskrankheiten"

Was für Enrico mit der Zeit zur Routine wurde, ist für Sven Schellberg beruflicher Alltag. Er leitet eine Schwerpunktpraxis zu sexueller Gesundheit in Berlin-Mitte und beschäftigt sich täglich mit Krankheiten wie Syphilis oder Chlamydien. Auch er bestätigt: "Es gibt eine deutliche Zunahme an sexuell übertragbaren Krankheiten." Mittlerweile kämen außerdem viele Patientinnen und Patienten mit Krankheiten in seine Praxis, die er früher nie diagnostizierte. "Es sind nicht mehr nur die üblichen Geschlechtskrankheiten."

Nach einer Diagnose werden die meisten sexuell übertragbaren Krankheiten mit Antibiotika behandelt. Deshalb kommt es mittlerweile verstärkt zu Resistenzen. 2018 gab es die ersten Fälle eines sogenannten Super-Trippers in England, der auf kein Antibiotikum mehr anspricht. Außerdem führe die Einnahme der PrEP - einer Pille, die bei täglicher oder anlassbezogener Einnahme vor HI-Viren schützt – dazu, dass sich andere Krankheiten schneller verbreiten, da immer mehr Menschen auf Kondome verzichten.

Sven Schellberg (Quelle: rbb/Steven Meyer)Sven Schellberg leitet in Berlin eine Schwerpunktpraxis zu sexueller Gesundheit

Regelmäßige Tests müssen Routine werden

"Sexualität ist durch Dating-Apps und Partys freier verfügbar", sagt Sven Schellberg. Menschen hätten weniger lange Sexualkontakte und häufig wechselnde Partnerinnen und Partner. "Eine Geschlechtskrankheit ist nicht unanständiger als ein Schnupfen", sagt er und plädiert für einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit diesen Krankheiten. Nur so könne man mehr Menschen dazu bringen, zum Test zu gehen. "Wir müssen aufhören, uns für diese Krankheiten zu schämen."

Weil viele dieser Geschlechtskrankheiten asymptomatisch verlaufen, also ohne dass die infizierte Person irgendwas davon merkt, sei es wichtig, dass der regelmäßige Test Routine wird. Aufgrund der weltweit verhängten Kontaktsperren während der Corona-Krise sieht John McSorley, der Präsident der British Association for Sexual Health and HIV, einen möglichen Wendepunkt. Deshalb rief er in der BBC dazu auf, sich auf Geschlechtskrankheiten testen zu lassen – unabhängig davon, ob man Symptome zeigt.

Aufklärung über ein "schambehaftetes Thema"

Enrico ist der offene Umgang mit Geschlechtskrankheiten wichtig und engagiert sich deshalb seit Jahren bei der Aids Hilfe. "Ich merke immer wieder, wie schambehaftet das Thema ist", sagt er. Er verstehe, wieso es manchen Menschen schwer fällt, über eine positive Diagnose zu sprechen. Aus diesem Grund informiere er Interessierte auf Veranstaltungen der Aids Hilfe oder verteile Kondome auf Partys.

Manche reagieren zurückhaltend, die meisten fassen aber schnell Vertrauen und seien dankbar über die Informationen. Da Enrico selbst betroffen war, kann er mittlerweile selbstbewusst darüber sprechen. Er möchte so dafür sorgen, dass das ein oder andere Vorurteil abgebaut und Wissen über die unangenehmen Krankheiten verbreitet wird.

Beitrag von Steven Meyer

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13 Kommentare

  1. 13.

    Die Mehrheit der Bevölkerung sollte dies auch endlich begriffen haben. Aber wenn u.a. besonders die kath. Kirche, weiterhin das Kondom als ein“Übel„ bezeichnet und es rigoros ablehnt, ja dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn bes. in Asien( Thailand läßt grüßen) und Afrika weiterhin die Ansteckungsgefahr besonders hoch ist.

  2. 12.

    Leider muß ich Dich hier enttäuschen. In der Schwulenscene gibt es sehr viele Privat-Sexpartys in Wohnungen, mit einer gehörigen Portion an heftigen Drogen. Abgekürzt auch Chem-SEX Partys genannt. Auch Crystal Met. Dabei werden sogar absichtlich keine Kondome benutzt. Auch Bareback genannt. Dadurch hat nicht nur das HIV Virus weiterhin Zutritt zu diesen Gruppen. Denn merke, bei solch Drogencoctails hilft auch PreP nur ganz wenigen. Dadurch kam u.a. auch die Syphilis wieder zurück. LG.

  3. 11.

    Das Potsdamer Gesundheitsamt bietet anonyme und kostenfreie Tests (HIV, Syphilis, Chlamydien, Tripper, Hepatitis A/B/C) an. Dienstag 08:00 Uhr - 12:00 Uhr sowie 13:00 Uhr bis 17:00 Uhr und Donnerstag 08:00 Uhr bis 12:00 Uhr.

  4. 10.

    Ich habe ja noch das aufkommen einer "anderen" Viruswelle miterleben dürfen. Die Zeit davor - die Zeit des Rätselratens - und die Zeit der Erkenntnis und Ernüchterung. Das Leben hatte sich 100 %ig geändert, und das hatte nix mit Supermarkt und Maskenpflicht zu tun. Noch heute gibt es keine Impfung, höchstens PreP.

    Was war das also bei anderen Krankheiten für ein Segen, dass man sich impfen lassen konnte - denn meine Eltern kennen noch Pockenausbrüche im Rheinland (!)und mein Vater ging nicht ins Grimberg oder den Rhein-Herne-Kanal schwimmen, da holte man sich Polio.... beides durch Impfen "verschwunden".

    Nicht aber HIV.
    Und das Leben ist immer noch anders als davor.

    Und es sind keine "Schwulen-Seuchen", weder Chlamydien, noch HIV.

    Ob Corona so ein HIV II wird??

  5. 9.

    Einfach mal sich schützen egal ob homosexuell oder hetero wäre doch mal ne Maßnahme

  6. 8.

    Ich denke der Artikel nennt das Problem beim Namen. Es ist die Scham, die Menschen davon abhält sich testen zu lassen. Ich bin seit gut 45 Jahren sexuell aktiv. Schon vor HIV gehörte es zum guten Ton, sich regelmäßig auf STD untersuchen zu lassen. In der Regel alle 3 - 6 Monate. Bis zum heutigen Tag musste ich nie auch nur einen Cent für diese Untersuchungen bezahlen. Es findet sich immer ein Grund um das vor der Kasse zu rechtfertigen. Außerdem kann man In Berlin zum Beispiel zum Checkpoint (Nähe Hermannplatz) gehen. Dort wird man als Geringverdiener kostenfrei getestet. Ansonsten kostet es € 10. Alles komplett anonym. Es gibt weitere Anlaufstellen, wie die Gesundheitsämter, die die Tests zu ähnlichen Preisen anbieten. Vor diesem Hintergrund würde ich mal behaupten, dass es wohl kaum diese möglicherweise entstehenden, sehr geringen Kosten sind, die Menschen davon abhalten, sich testen zu lassen.

  7. 7.

    Es soll sogar so sein, dass man als Arzt die Differenzialdiagnose „HIV“ nur mit Einverständnis des Patienten abklären darf. Habe ich mal gehört;)

  8. 6.

    Weil es vielleicht, wenigstens hier in Berlin, einfach ein Hotspot ist?
    Im Bezug auf Syphilis wurde das schon vor einiger Zeit berichtet.

  9. 5.

    Vielleicht sollte man vorher mal über eine Schutz nachdenken bevor man Sex hat.

  10. 4.

    Wann war der Höhepunkt unserer Entwicklung, 1999, 2005, 2015, .. ?
    bzw. Wann war der Zeitpunkt, an dem es bergab ging:
    bei denen Schulabgänger immer schlechter rechnen und schreiben und damit auch denken können;
    bei denen durch die brutalen Eingriffe in unser Wirtschafts- und Rechts-system die Axt an unser Gesellschaft gelegt wurde;
    bei denen die Hemmnisse sinken und die sexuelle Triebbefriedigung ungezügelt wird, ja auch eine Animalisierung erfolgt.

  11. 3.

    Warum wird das wohl so sein? Wehe dem der Böses dabei denkt.

  12. 2.

    Gutes Thema! Sie blenden leider völlig aus, warum in Deutschland kaum Leute regelmäßig zum Test gehen: Weil es dir Krankenkassen nicht bezahlen. Es ist die gleiche Diskussion, wie bei Corona; wenn keine Symptome da sind, sei es nicht notwendig zu testen. Wir wissen, dass dieses Argument bei Corona Quatsch ist, und auch bei Chlamydien uÄ ist es Quatsch. Benennen Sie doch einfach woran es hakt.

  13. 1.

    Mir ist unklar, warum hier wieder nur auf schwules Leben als Hotspot von Geschlechtskrankheiten gezeigt wird. In der Sexindustrie, Prostitution in allen ihren Facetten, sind doch längst viel größere Infektionsherde zu finden. Aber über die armen Puffgänger als Träger und Überträger von Geschlechtskrankheiten schreibt keine*r. Tatsächlich sind die Einschränkungen als Bekämpfung der Corona-Pandemie hier vorbeugend gegenüber der Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten, da offiziell Prostitution gerade eingeschränkt ist.

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