Ein Siegel des Polizeipräsidiums Münster klebt an einer Haustüre in dem Ort, einem Ortsteil der Gemeinde Schorfheide
Video: Brandenburg Aktuell | 06.06.2020 | Christine Stellmacher | Bild: dpa/Paul Zinken

Missbrauchsskandal in Münster - "Erdrückende Beweise" gegen Verdächtigen aus Brandenburg

Ein weiterer Missbrauchsskandal erschüttert Deutschland: Mehrere Personen werden verdächtigt, Kinder zum Teil massiv sexuell misshandelt zu haben. Die mutmaßlichen Täter kommen aus mehreren Bundesländern - darunter einer auch aus Brandenburg.

In einem bundesweiten Missbrauchsfall sind elf Tatverdächtige festgenommen worden. Wie die Polizei Münster am Samstag mitteilte, wurde für sieben Beschuldigte Untersuchungshaft angeordnet. Es handele sich um sechs Männer und eine Frau.

Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-jähriger IT-Technikeraus Münster. Außerdem handele es sich um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Kassel, Köln und der brandenburgischen Gemeinde Schorfheide (Barnim). Die Ermittler hätten "unfassbare" Bilder sehen müssen, sagte der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll. 

In einer Gartenlaube und in einem Keller in der westfälischen Stadt Münster fanden die Ermittler hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung und riesige Mengen versiert verschlüsselter Daten. Die Täter nutzten Handys, auf denen ein Großteil der Spuren gelöscht war. Bislang haben die Ermittler mehr als 500 Terabyte sichergestellt. Viele der Daten müssen noch entschlüsselt werden. 

Durchsuchungen in Finowfurt

Die Polizei in Frankfurt (Oder) hatte am Freitagmorgen Durchsuchungen im brandenburgischen Finowfurt (Teil der Gemeinde Schorfheide im Landkreis Barnim) in einem Wohnhaus und einem Kleingarten bestätigt. Dabei sei es um Kinderpornografie gegangen. Ein Mann wurde nach Angaben der Polizei festgenommen. Erste Hinweise auf den Mann habe ein zehnjähriges Opfer gegeben, berichteten die Ermittler am Samstag in Münster. Er sei schon länger im Visier der Ermittler gewesen: Es gebe "erdrückende Beweise" gegen den Mann. Er soll sich an der Misshandlung von Kindern in einer Kleingartenanlage in Münster beteiligt haben.

Erste Opfer identifiziert

Drei Kinder wurden bislang als Opfer identifiziert. Sie seien fünf, zehn und zwölf Jahre alt, teilten die Ermittler am Samstag in Münster mit. Bei den beiden Opfern handelt es sich laut den Ermittlern um den zehnjährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den fünfjährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hätten, sagte Poll. 

Bei dem dritten Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den 12-jährigen Neffen des Beschuldigten aus Kassel. Dieser soll den Jungen missbraucht haben, wie aus sichergestellten Daten des 27-jährigen Münsteraners hervorgehe. Alle Opfer, die aus Münster, sowie Staufenberg und Kassel in Hessen kommen, werden derzeit von den zuständigen Jugendämtern betreut. Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen haben sie nicht davon getragen, sagte Poll. Die Kinder seien von Rechtsmedizinern untersucht worden.  

Mindestens vier der Männer sollen wechselweise den fün- und den zehnjährigen Jungen in einer Gartenlaube in Münsters Norden über Stunden schwer sexuell missbraucht und die Taten teils gefilmt haben. Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte im Stadtteil Kinderhaus; sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben. 

Nur die Spitze des Eisbergs

Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten übereinstimmend Ermittlungsleiter Poll und Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: "Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus."

Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln. Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen. Der 27-Jährige aus Münster sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen. 

Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Verfahren aus dem Jahr 2018 gewesen. Damals habe eine unbekannte Person Daten mit Kinderpornografie übers Internet angeboten. Über eine ermittelte IP-Adresse habe die Spur zu dem landwirtschaftlichen Betrieb geführt.

Der 27-Jährige war in den Jahren 2016 und 2017 zweimal wegen der Verbreitung und des Besitzes von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Wegen einer offen bekundeten pädophilen Neigung sei er vom Gericht auch zu einer Therapie verpflichtet worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist er dieser Aufforderung auch nachgekommen.

Weitere Fälle in NRW

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.

Sendung: Brandenburg aktuell, 06.06.2020, 19:30 Uhr

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29 Kommentare

  1. 29.

    "Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich. "
    Muss es aber nicht sein, konnten Sie ja nicht wissen! Alles gut.
    Ich dachte ja auch immer,Sie sind eine Frau.;) Letztendlich zählt doch nur diese Menschlichkeit einer Person, der Rest ist Nebensache.
    Also dann reiche ich Ihnen schwesterlich die Hand!
    Schönen Start in die Woche!

  2. 28.

    Ups, da habe ich Sie doch fälschlicherweise für eine männliche Person gehalten. Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich.
    Wo wir doch beides“Schwestern“ sind;-) Ich hoffe Sie verstehen mich! Vorher nannte ich mich hier Lotte(wie Lotte Lenya).
    Doch dann wurde mein Spitzname mehrfach von anderen Usern hier benutzt. Deshalb nun Schwester Constructa( So nannten wir im Kinderheim eine Nonne, welche für die Waschküche tätig war). Diesen Nickname möchte sich hier niemand anheften;-) Ganz Liebe Grüße.

  3. 27.

    Lieber Lothar,
    wegen mir hätten Sie jetzt aber nicht Ihren richtigen Nahmen angeben müssen, hoffe, Sie bereuen das nicht irgendwann! (Gibt ja zu anderen Themen manchmal schon grenzwertige Gegenkommentare)
    Ich benutze auch aus gutem Grund nur meine Initialen, kann auch nur offen über das Erlebte schreiben, die Scham, die man in sich trägt, ist doch sehr hoch.
    Übrigens: "Lieber B.H." - netter Verschreiber ;) Aber soviel kann ich ja 'verraten', ja, ich bin eine Frau.

    @alle: Ich bedanke mich für alle lieben Kommentare hier, das hat mich wirklich sehr be- und gerührt!

  4. 26.

    Vielen lieben Dank!
    Ich glaube, dass es nicht nur am Staat liegt. Soweit ich weiß (bin aber nicht zu 100% sicher), entscheidet der GBA darüber, was in den Leitlinien aufgenommen wird.
    Der Staat hat für Betroffene einen Fonds eingerichtet. Daraus kann man Mittel bis zu einer Höhe von 10000 Euro beantragen, wobei der Antrag nicht ganz ohne ist (empfehle unbedingt Unterstützung von einer Beratungsstelle!) und man sehr lange auf den Bescheid wartet. Es hört sich erstmal viel an, aber wenn man bedenkt, was eine Therapiestunde kostet, ist das ziemlich schnell aufgebraucht und eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber besser als gar nichts !
    Ich bin dankbar, dass es das (NOCH) gibt.

  5. 25.

    Lieber B.H.
    Gerne dürfen Sie mich bei meinen richtigen Vornamen anschreiben. Ich hatte mir aus gutem Grund diesen etwas provokanten Nickname zugelegt.
    Liebe Grüße
    Lothar

  6. 24.

    Danke für Ihre Offenheit hier! Ich habe den Verlauf hier verfolgt und muss sagen, es ist schon schwer zu ertragen, von Ihrem Leiden zu lesen. Da kommt schon beim Lesen hilflose Wut hoch. Das erlebte kann man sich als Nichtbetroffener gar nicht ausmalen. Umso wütender macht es, dass unser Staat (die Kasse handelt ja nach politischen Vorgaben) sich dann noch feige aus seiner Fürsorgepflicht stiehlt und Ihnen wichtige und hilfreiche Therapien aus Kostengründen vorenthält. Ich überlege gerade ernsthaft, Mal meinen Bundestagsabgeordneten anzuschreiben, was seine Partei hier zu tun gedenkt. Das darf aus meiner Sicht so nicht bleiben!!! Nein, ich werde es tun! Ich wünsche Ihnen alle Kraft der Welt, das Erlebte zu bewältigen!

  7. 23.

    Furchtbar kann ich nur sagen!!!
    Besonders schlimm finde ich die derzeitige Situation gerade in den Kindergärten: Betretungsverbot!!!! Obwohl es keine Auflage mehr ist, wird es weiter umgesetzt. Die Kitas können mit unseren Kindern machen was sie wollen und wir kriegen nichts mit. Keine Transparenz, ein Missstand ist das. Die Politik sollte zusehen, dass dieser Spuck in den Kitas aufhört, damit Kinder vor Schreckenserlebnissen bewahrt werden.

  8. 22.

    Vielen Dank für Ihre Worte!
    Es ist sehr schwer, auch deshalb, weil es viel zu lange dauert, bis man einen geeigneten Therapieplatz bekommt. Hinzu kommt, dass wirklich hilfreiche Therapieformen wie z.B. NARM, SE, oder Kunsttherapie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt werden. Gespräche allein nützen da nicht viel, weil das Leid auch so tief und fest im Körper verankert ist.
    Ich kämpfe jeden Tag auf's Neue.

  9. 21.

    Danke gleichfalls!
    Sie können sehr stolz auf sich sein, denn so couragiert ist leider nicht jeder, schon gar nicht mit 13!
    Die meisten Menschen sind leider immernoch Meister im Wegsehen!
    Sende Ihnen eine virtuelle Umarmung!
    (Das geht wenigstens, in echt kann ich noch immer keine körperliche Nähe ertragen!)
    Alles Liebe Ihnen

  10. 20.

    Ich habe länger gezögert und hoffe, dass ich Ihnen nicht zu nahe trete. Es wäre anmaßend zu behaupten, ich könne nachfühlen, was Sie als Opfer erleben mussten. Niemand kann das so recht, glaub ich. Aber es geht mir nahe und ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie gut mit den furchtbaren Erlebnissen leben können.

  11. 19.

    Ich schrieb hier schon einmal sehr ausführlich darüber, was mit Kinderschändern passiert, würden diese zu den anderen Gefängnisinsassen gesperrt werden. rbb24 hatte damals meinen Kommentar nicht freigeschaltet. Mal sehen, ob dieser sehr abgeschwächte Kommentar von mir nun zugelassen wird.

  12. 18.

    und @rbb24
    Das verstehe ich auch nicht. Es gibt ja eben auch entsprechende Hinweise bei Berichten über Suizide. Im öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es auch Hinweise für Opfer von Missbrauch. Auch wenn sich jemand erstmal sich nicht traut anzurufen, ist es bestimmt eine Unterstützung zu wissen, dass er oder sie es tun kann, jederzeit. Und dass er oder sie nicht der einzige Mensch ist, der das erlebt hat, wenn es sogar Hilfsangebote gibt, sehr einfach ausgedrückt.

  13. 17.

    Habe diesen, wie ich finde, sehr wichtigen Beitrag von Ihnen erst gelesen, nachdem ich schon meine zusätzliche Antwort an Sie abgeschickt hatte. Ich kannte einen Sozialarbeiter, der bei „Subway“ i.Berlin tätig war. Dieser war irgendwann so ausgelaugt von seiner Tätigkeit, das er das Handtuch warf. Die meisten Stricher, mit denen er zu tun hatte, sind Missbrauchsopfer. In Berlin leben ca. 3000 Jugendliche auf der Straße.

  14. 16.

    Die Höhe der angedrohten Strafe hindert Täter leider nicht. Das kennen wir aus Untersuchungen. Was Täter hindert, ist die Gefahr, entdeckt und verurteilt zu werden. Dazu zählt auch eine deutliche Verlängerung der Verjährungsfrist.
    Das wäre, finde ich, auch ein Teil von Opferschutz wenn klar ist: Die kommen nicht davon, auch wenn es lange her ist.

  15. 15.

    Vielen, vielen Dank für Ihre ehrlichen Worte. 10 Jahre lang. Das stimmt mich sehr traurig und wütend zugleich. Als gebürtiger Münsteraner fehlen mir einfach die Worte über solch grausamen Taten. Wenn ich eins noch zu meiner vorherigen Anmerkung über diese Stationsnonne mitteilen darf, so habe ich sehr vehement später mit 13 Jahren im Kinderheim dafür gesorgt, dass diese Nonne versetzt wurde. Dies ging aber nur, da die Schwester Oberin zu mir wie eine zweite Mutter war und meine Homosexuallität voll unterstützte.

  16. 14.

    Es ist erschütternd, aber in gewisser Weise auch "begrüssenswert", dass pädophile Netzwerke aufgrund verstärkter Ermittlertätigkeit in letzter Zeit vermehrt ans Licht kommen. Man mag sich nur schmerzlich vorstellen wie viele Kinder weiterhin unerkannt leiden müssen.

    Für diese Personen, die regelrecht kommerzielle Netzwerke organisiert haben, kann m. E. nach abgegoltener Strafe nur eine Sicherungsverwahrung in Frage kommen.

  17. 13.

    Keine Meinung und Pressefreiheit bei rbb 25 gut das es BR gibt

  18. 12.

    Eine tolle Aufforderung! Sämtliche Versuche von mir bei unterschiedlichen Medien auf dieses Thema aufmerksam zu machen, blieben unerhört oder wurden mit der "Trigger-Begründung" abgelehnt! Dabei triggern allein schon Berichte wie diese und es sollte doch möglich sein, wie auch bei Berichten über Suizid, zumindest die Nummerdes Hilfetelefons (0800/2255530)- für Menschen, die sich um ein Kind sorgen oder einen Missbrauchsverdacht haben- unter den Beitrag zu setzen!

    Weitere Anlaufstellen wären z.Bsp. Gewaltschutzambulanzen, LARA, Wildwasser und viele weitere.
    Nur weiß das kaum einer und die Opfer müssen sich selbst durch den Hilfedschungel boxen. Meist gehen sie daran zugrunde und geben auf. Echt sehr traurig!

  19. 10.

    An das rbb24-Team:

    Bitte ergänzen sie Artikel zu sexuellem Missbrauch an Kindern unbedingt zumindest um Hinweise,
    - wo Opfer Hilfe finden können,
    - an wen sich Angehörige oder andere Personen wenden können, die einen entsprechenden Verdacht oder Kenntnis davon haben,
    - wo Personen Hilfe finden, die bei sich pädophile Neigungen feststellen, damit diese nicht zu Tätern werden!

    Jede Hilfestellung lohnt, damit solche Taten verhindert oder wenigstens frühestmöglich gestoppt werden.

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