Frauen stehen auf einem Bahnsteig eines Bahnhofs. (Quelle: imago images)
Audio: rbb Kultur, 24.06.2020, 19:04 Uhr, Kulturtermin | Bild: imago images/Klaus Fische

DDR-Geschichte - "Guten Morgen, hier meldet sich der Zugfunk"

Die Deutsche Reichsbahn in der DDR stattete seit den 1950er-Jahren viele Züge mit Lautsprechern aus. Daraus tönte der Zugfunk, ein extra an Bord produziertes Live-Programm mit Musik, Infos, Reisetipps – und Propaganda. Von Tim Köhler und Torsten Föste

In den trüben Morgenstunden rattert ein Schnellzug aus Sachsen kommend übers Schienenbett Richtung Berlin. Der Dampf der Lokomotive legt sich als weißer Schleier über den ländlichen Süden der DDR. Die Reisenden sinken in die Kunstlederpolster der Deutschen Reichsbahn. Da wird das schlagende Fahrtgeräusch plötzlich von einer Stimme aus dem Lautsprecher übertönt: "Guten Morgen, liebe Fahrgäste, hier meldet sich der Zugfunk!". Schlagermusik blendet auf.

So oder ähnlich erlebt es der Fahrgast in den frühen 1950er-Jahren. Der Zugfunk ist für die Fahrgäste eine Überraschung. Bei der Deutschen Reichsbahn verspricht man sich viel davon – nichts Geringeres als ein neues Kapitel Eisenbahngeschichte zwischen Reiseerlebnis und Politpropaganda.

"Das war meine Chance"

In immer mehr Schnellzügen ist von nun an ein eigens für die Bahnfahrt produziertes "Radio" zu hören. Das neue Programm bietet neben Informationen über Fahrtverlauf und Anschlusszüge, auch Nachrichten und Berichte, vor allem aber Unterhaltung – live präsentiert von Zugfunkern und Zugfunkerinnen.

Eine von ihnen ist Helga Deglmann. Als junge Frau kommt die heute über 80-Jährige zur Berliner Zugfunkbrigade. Später arbeitet sie beim Berliner Rundfunk und anschließend fast 30 Jahre lang beim Kinderradio. Ihre Stimme ist bald in den Schnellzügen nach Bad Schandau im Elbsandsteingebirge oder Wernigerode im Harz zu hören. Sie erinnert sich: "Das war meine Chance, der Zugfunk. Ich sah eine Annonce in der Zeitung. Die Deutsche Reichsbahn sucht Zugfunksprecher. Keiner wusste so richtig, was das ist – Zugfunksprecher."

Im Vorstellungsgespräch, sagt sie, wird ihr schnell klar, worum es wirklich geht: Nach einer Ausbildung, in der technische Grundkenntnisse zur Bedienung der Geräte vermittelt werden, geht es für sie "auf" den Zug.

Der Doppelstock-Gliederzug kurz vor der Abfahrt nach Leipzig. (Quelle: dpa/adn)
Der erste Doppelstock-Gliederzug kurz vor der Abfahrt am 22.01.1958 nach Leipzig. | Bild: dpa/Weiss/ADN

Hier fährt der Zugfunk mit

Die Geschichte des Zugfunks beginnt 1949. Junge Eisenbahner – auch aus Berlin – haben als Freiwillige der Freien Deutschen Jugend in tausenden Arbeitsstunden einige im Krieg schwer beschädigte D-Zug-Wagen wieder flott gemacht. Diese sollten dann die FDJ-Delegation zu den Weltfestspielen der Jugend in die ungarische Hauptstadt Budapest bringen. Um die lange Reise unterhaltsamer zu gestalten, bauen sie in die Wagen einige Lautsprecher ein. In den Gepäckwagen kommt ein kleines Tonstudio. Zurück in der DDR werden diese Wagen nun im normalen Reiseverkehr eingesetzt. Zunächst auf den beiden Strecken: Berlin-Halberstadt und Berlin-Dresden.

Bald schon lässt die Reichsbahn auch in neue Schnellzugwagen Lautsprecher einbauen. Im Sommerfahrplan 1953 kündet davon ein neues Symbol im Fahrplan. Ein Blitz bedeutet: Hier fährt der Zugfunk mit.

Der Zugfunk gehört zur Politischen Verwaltung der Deutschen Reichsbahn, zur Abteilung Agitation und Propaganda. Die Zugfunksprecher begleiten die Bahnfahrt zwar mit leichter Unterhaltung, sie verlesen aber auch Manuskripte zu aktuellen Themen aus Wirtschaft und Kultur und Politik.

Dampflok der Deutschen Reichsbahn. (Quelle: dpa/Manfred Dietsch)
| Bild: dpa/Manfred Dietsch

"Bitte schauen Sie doch einmal rechts aus dem Fenster"

Kritik lässt so nicht lange auf sich warten. Gerade die politischen Beiträge sind steif und stören. Einen Bezug zur durchfahrenen Landschaft, zur Reichsbahn selbst, suchen viele Reisende vergebens. Ein Fahrgast wendet sich mit einem Leserbrief an die Nationalzeitung: "Leider wird häufig nicht die notwendige, frische, packende und damit überzeugende Form gefunden. Die Hörer schütteln die Köpfe und denken: Das habe ich doch schon im Radio gehört, in den Zeitungen gelesen und in den Versammlungen gesagt bekommen. Meiner Meinung nach sollte man solche Schema-F-Berichte nicht bringen, sondern sie durch eine andere Art ersetzen, die mit der Fahrtstrecke in einer gewissen Beziehung steht. Hier müsste gesagt werden: Bitte, schauen Sie doch einmal rechts aus dem Fenster!"

Infolgedessen bringt auch Helga Deglmann lieber Beiträge mit Streckenbezug anstatt Loblieder auf sozialistische Errungenschaften mit Ernteschlacht oder Planübererfüllung. "Wir wollten die Leute auch unterhalten – auch mit Heimatgeschichte. Ich erinnere mich an ein sehr schönes Manuskript über die Keule am Stadttor von Jüterbog. Das Band habe ich gerne aufgelegt, wenn wir von Berlin nach Karl-Marx-Stadt gefahren sind, damit die Leute wissen – Jüterbog könnte man sich ja mal angucken!"

Konzeptionelle und technische Nöte

Wie Helga Deglmann halten es auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Doch damit leidet der propagandistische Anspruch. Der Bahnbetrieb selbst verursacht aber auch ganz eigene Probleme: Steht ein Zug zu lange, laufen die Musikbänder irgendwann immer langsamer. Die Akkus können erst bei voller Fahrt wieder geladen werden. Rollt aber der Zug, stören die Fahrtgeräusche das Bordprogramm.

Konzeptionelle und technische Nöte begleiten den Zugfunk so durch die 1950er-Jahre. Inzwischen fahren über 40 Zugfunk-Schnellzüge täglich durchs Land. Immer wieder versagen auch die Tonbandmaschinen. Die eigentlich gedachte Zusammenarbeit mit dem Rundfunk ist schwierig. Der Zugfunk gerät finanziell unter Druck. Der Bau neuer Wagen wird gestoppt. Die Einstellung des Zugfunks wird gleich mehrfach beschlossen, aufgelöst wird er dennoch nicht.

Im berühmten Touristenexpress Tourex ans Schwarze Meer ist er in den 1970er-Jahren noch zu hören, auch in internationalen Zügen auf dem Weg in die DDR: Mit Musik und Werbung für das sozialistische Deutschland geht es zur Messe nach Leipzig, auf den reichsbahneigenen Ostsee-Fähren läuft sogar ein Zugfunkprogramm auf Schwedisch und Dänisch.

Doch spätestens mit der DDR ist auch der Zugfunk endgültig Geschichte. Was davon bleibt, sind nur die Lautsprecherdurchsagen im Zug.

Sendung: rbb Kultur, 24.06.2020, 19:04 Uhr

Beitrag von Tim Köhler, Torsten Föste

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17 Kommentare

  1. 17.

    Ich glaube nicht, daß Zugfunker den gleichen Dienstrang und die gleichen Schulterstücke hatten, wie Leiter großer Bahnhöfe. Sie hatten vielleicht genau so viele Sterne. Aber es kam nicht nur auf die Anzahl der Sterne an, sondern auch auf den Untergrund. War er nur blau, waren es Assistenten (Hilfskräfte) Reichsbahn-Unterassistent 1 Stern, Reichsbahn-Assistent 2 Sterne, Reichsbahn-Oberassistent 3*, Reichsbahn-Hauptassistent 4*. War er blau mit gelber Umrahmung, waren es Sekretäre (Fachkräfte) Reichsbahn-Untersekretär 1*, Reichsbahn-Sekretär 2*, Reichsbahn-Obersekretär 3*, Reichsbahn-Hauptsekretär 4*. War er ganz gelb =Hoch/Fachschulstudiumabschluß: 1* Reichsbahn-Inspektor, 2* Reichsbahn-Oberinspektor, 3* Reichsbahn-Amtmann, 4* Reichsbahn-Oberamtmann, schwarz-gelb geflochten = höhere studierte Führungskräfte 1 Reichsbahnrat, 2* Reichsbahnoberrat, 3* Reichsbahnhauptrat, reingelb geflochen: 3* Reichsbahnhauptdirektor = Präsident einer Reichsbahndirektion oder Hauptabteilungsleiter im MfV..

  2. 16.

    Warum das so ist, wissen Sie wirklich nicht? Vielleicht sollten Sie Ihre Meinungsäußerung, die nicht veröffentlicht wurde, mal mit der "veröffentlichten Meinung" abgleichen. In aller Regel merken Sie dann, woher der Hase gelaufen kommt. -)))

  3. 15.

    Danke für die Buchempfehlung; es sieht auf jeden Fall interessant aus. Mal so nebenbei: Als Ossi war mir der Begriff "Taigatrommel" ja bekannt, die "Ludmilla" musste ich allerdings googeln; habe ich zu Ostzeiten noch nie gehört. Ja, diese Lok hat man damals oft gesehen (und gehört). Ansonsten ist mir noch die 52er Dampflokbaureihe in gter Erinnerung. Damit sind wir damals von Schöneweide direkt an die Ostsee gefahren.

  4. 13.

    Dieses Kapitel deutscher Kulturgeschichte war mir als Wessi komplett unbekannt, besten Dank dem RBB für die Wissenserweiterung.

  5. 12.

    Hast du geprüft, ob dein Kommentar wirklich abgesendet wurde? Ich brauche dazu fast immer 2 Versuche. Beim 1. Versuch kommt fast immer eine Fehlermeldung: "Bei Ihrer Eingabe ist ein Fehler aufgetreten!" Beim 2. Versuch mit unverändertem Text klappt es dann. Mir passierte es auch schon, daß ein Kommentar von mir beim RBB unter den Tisch fiel. Da sendete ich ihn noch mal, und er wurde veröffentlicht. @RBB: Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel. @alle: In der Jungen Welt stand mitte der 80er Jahre ein Beitrag zum Zugfunk der DR in den 50er Jahren ua. mit dem Satz: Das schönste waren die Pausen wegen der schlechten Tonqualität.

  6. 11.

    Nö! Wie kommen Sie darauf? Und wenn Sie mich meinen sollten: Ich bin nicht privilegiert und diverse meiner Kommentare wurden vom rbb nicht veröffentlicht (warum das so ist, weiss ich allerdings auch nicht...). Ansonsten: Was möchten Sie uns denn mitteilen?

  7. 8.

    Ja, so ist das mit der Liebe: Bei mir ist es die auch von vielen anderen Nerds angehimmelte "Ludmilla"-Diesellok aus der Ukraine... - Vllt darf ich Ihnen an dieser Stelle das Buch "Geschichte der Eisenbahn in Deutschland" von Andreas Knipping empfehlen (Ich hab da keinerlei geschäftliches Interesse dran). Dieses Buch stellt m.E. ganz besonders gut dar, wie Eisenbahn, wirtschaftliche UND gesellschaftliche Entwicklung einander seit dem 19 Jh ganz massiv beeinflusst haben. Dabei betrachtet es auch die dunklen bis düstersten Kapitel: Die entscheidende Rolle der Eisenbahn in den beiden Weltkriegen und vor allem bei den entsetzlichen Deportationen im faschistischen Deutschland. Es wird klar, dass, wie bei jeder großen technischen Errungenschaft, es auch bei der Eisenbahn nur von den Menschen abhängt, ob sie Gutes bringt oder eben auch unsägliches Leid verursacht.

  8. 7.

    Hallo Frank, danke für die Antwort. Mich faszinieren die Bahnen immer; leider habe ich jedoch überhaupt keine Ahnung. Einen Liebling habe ich allerdings: Das Krokodil aus der Schweiz...

  9. 6.

    Ist die Kommentarmöglichkeit hier nur eine Veranstaltung für gewünschte Beiträge sowie für einen privilegierten Kreis von immer gleichen Schreibern?
    Wen dem so ist sollten Sie es unmissverständlich in Ihre Netiquette erkennbar machen.

  10. 5.

    Hallo Markus, danke für die Blumen. Beruflich habe ich nur selten mit der Bahn zu tun, und wenn, dann nur sehr indirekt. Leider throne ich weder auf Tf-Sitzen noch schraube ich an Rollmaterial rum :-( Wie es dem Klischee des älteren weißen Mannes entspricht, empfinde ich einfach eine gewisse Faszination für diesen Bereich. Die ist allerdings recht oberflächlich: Ich könnte Ihnen z.B. weder bei der E- noch bei der Dampflok auf obigen Bildern die Achsfolge benennen...

  11. 4.

    Sie bringen ja immer wieder lesenswerte Beiträge zum Nah- und Fernverkehr. Darf man fragen, ob das Ihr Hobby ist oder haben Sie auch beruflich damit zu tun?

  12. 3.

    Zu den besten Zeiten gab es sogar acht Programme im ICE. Irgendwann in den Nuller Jahren wurde man aufgefordert abzustimmen: "Wollen Sie Netz-Steckdosen oder Kopfhörer-Anschlüsse?" Die Mehrheit hatte sich für Netzsteckdosen entschieden. Ich fand das Verschwinden der Kopfhörerbuchsen als damaliger Vielfahrer schade: Teils gab es interessante Musik oder auch gute Hörbücher, auf die ich sonst wohl nicht gekommen wäre. Auch in den Kopfhörern wurden aber leider die Durchsagen der Zugbegleiter übertragen: Damals wie heute teils ebenso schwer verständlich wie schwer erträglich- Im Ruhrpott z.B. gibt's ja alle paar Minuten eine Durchsage mit gefühlt 100 Anschlusszügen - in Englisch dann oft (nicht immer) radebrechend und verkürzt. Da klang das DDR-Fähr(i)enprogramm des Zugfunks in Schwedisch und Dänisch wahrscheinlich deutlich schöner...

  13. 2.

    Schon am Eingangsfoto - der Schnellzugwagen 1958 - ist zu erkennen, dass Prototypen und die erste Serie moderner waren als das geprägt von Materialmangel später dann Gebaute. Nicht nur bei der Straßenbahn (Vgl. Prototyp KT 4 D mit der danach gebauten Serie), auch bei nahezu allem anderen war das so: Die Einführung mit hohen Erwartungen, dann das Ankommen in der Niedrigkeit beengter Materialwirtschaft.

    Die DDR galt wirtschaftlich international als Mittelstand. Das war das gefundene Durchschnittsmaß. Es musste niemand verhungern, doch es riss an allen Ecken und Enden. Ansonsten: Den allgem. Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und politischer Propaganda thematisierte sehr gut eine Ausstellung im Potsdamer Museum Barbarini, vor ein oder zwei Jahren.

  14. 1.

    Im ICE gab es doch mal den Kopfhöhreranschluss in der Armlehne... gab es da nicht auch zwei oder drei wählbare Programme? Klassische Musik und Popmusik, oder so?

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