Symbolbild - Altkleiderspenden stehen zur Sortierung bereit (Bild: dpa/Hans Ringhofer)
Bild: dpa/Hans Ringhofer

Interview | Altkleiderflut bei Hilfsorganisationen - "Bitte bringen Sie uns Secondhand-Artikel nur in kleinen Mengen"

60 Kleidungsstücke kaufen sich Deutsche im Schnitt im Jahr – davon landet vieles nach kurzer Zeit im Altkleidercontainer. Nun bittet Oxfam, nur noch in kleinen Mengen zu spenden. Was das mit Corona zu tun hat, erklärt Udo Rabenau, der Regionalleiter der Oxfam-Shops.

Nach Aufhebung der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie nahm das Spendenaufkommen bei Hilfsorganisation wie dem Roten Kreuz oder Oxfam zu – denn viele Kleiderkammern und Anlaufstellen für Spenden hatten von März bis Mai geschlossen.

Doch die Altkleiderflut ruft bei Hilfsorganisationen nicht nur Begeisterung hervor [br.de].

rbb|24: Herr Rabenau, in Folge der Ausgangsbeschränkungen haben viele Haushalte Keller entrümpelt und Schränke von nicht mehr benutzten Kleidungsgegenständen geleert. Auf ihrer Seite rufen Sie Menschen dazu auf Spenden in kleineren Beuteln abzugeben. Haben Sie momentan ein zu hohes Aufkommen an Spenden und Anfragen und worauf ist die zurückzuführen?

Udo Rabenau: Die Oxfam Shops – in Berlin haben wir sieben Secondhand-Läden, bundesweit insgesamt 54 – waren vom 16. März bis Anfang/Mitte Mai geschlossen. In den ersten Wochen nach den Wiedereröffnungen gab es tatsächlich ein deutlich erhöhtes Spendenaufkommen – die Berliner*innen haben fleißig aussortiert. Nicht nur Kleidung, auch Bücher, CDs, DVDs oder Haushaltsgegenstände sind bei uns in größerer Zahl abgegeben worden.

Inzwischen hat sich das wieder normalisiert. Wir bitten die Sachspender*innen jedoch nach wie vor, uns nur die Secondhand-Artikel nur in kleinen Mengen zu bringen – also alles, was sie selbst in einer Tasche oder einem Karton gut tragen können. Bei Kleidung freuen wir uns über alles, was zur Saison passt – im Sommer T-Shirts und kurze Hosen, im Herbst und Winter dann die warmen Pullis und dicken Jacken. Wer sich unsicher ist, kann auch gerne vorher im Oxfam Shop anrufen.

Der Hintergrund: Unsere Läden haben keine großen Lagerkapazitäten – und die Regale sind noch voll. Außerdem haben wir aktuell in vielen Filialen weniger Personal als vor den Geschäftsschließungen. Das liegt an der besonderen Struktur der Oxfam Shops: Sie werden ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben – und etliche von ihnen gehören zu einer Risikogruppe und pausieren ihr Engagement daher sicherheitshalber.

Es gibt in einzelnen Shops also gerade weniger helfende Hände, die die Spenden annehmen, sortieren, auspreisen und im Laden einräumen können. Zudem haben einige Geschäfte – ebenfalls wegen des Personalmangels – verringerte Öffnungszeiten. Dadurch und weil aufgrund der Abstandsregeln weniger Kund*innen gleichzeitig bei uns Stöbern und Shoppen können, verkaufen wir weniger.

Kleiderspenden sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie bei manchen Einrichtungen nicht zugelassen. Oxfam nimmt Spenden weiterhin an. Gibt es Sicherheitsbedenken oder werden Kleidungsstücke oder andere Gegenstände nach der Spendenannahme desinfiziert?

Nach aktuellem Stand gilt die Ansteckungsgefahr über Oberflächen und Textilien als sehr gering. Waren, die in unseren Shops angenommen werden, desinfizieren wir daher nicht extra. Wir bitten die Menschen, die uns ihre gebrauchten Dinge spenden möchten, jedoch darum, dass sie die Secondhand-Ware sauber und Kleidung gewaschen bei uns abgeben. Das galt schon immer – während der Corona-Pandemie natürlich erst recht. Die Waren gehen zudem nicht direkt, sondern erst nach ein paar Tagen in den Verkauf – so lange überleben die Corona-Viren nicht. Zusätzlich geben wir unseren Kund*innen die grundsätzliche Empfehlung, Secondhand-Kleidung nach dem Kauf und vor dem ersten Tragen zu waschen.

Bei Sachspenden, zum Beispiel Kleidung, achten wir sehr auf die Qualität der Ware: Wir nehmen ausschließlich gut erhaltene, unbeschädigte Artikel an – alles, was Sie selbst noch guten Gewissens ihrer besten Freundin oder ihrem besten Freund schenken würden. Bei sogenannter Fast Fashion ist das leider oft nicht der Fall. Für Oxfams guten Zweck verkaufen wir aber nur weiter, woran die neue Besitzerin oder der neue Besitzer möglichst noch lange Freude haben kann. Das macht Secondhand so nachhaltig: Es hält hochwertige Dinge länger im Warenkreislauf und gibt ihnen eine zweite Chance. Das spart Müll und schont Ressourcen. Das ist der genaue Gegentrend zur oft günstigen und nicht so haltbaren Ex- und-hopp-Mode.

Allein in Deutschland fallen inzwischen jährlich eine Million Tonnen Altkleider an – das füllt mehr als 62.000 Lastwagen. Aneinandergereiht entspricht das einer Strecke von Flensburg bis Innsbruck. Wir spüren das höhere Aufkommen an Waren auf dem Textilmarkt natürlich auch – und haben in den einzelnen Secondhand-Shops nur geringe Lagerkapazitäten. Das Zuviel geben wir zum Teil an textile Weiterverwerter. Wir wollen künftig aber noch mehr der uns anvertrauten Sachspenden verkaufen und dem Auftrag unserer Sachspender*innen noch stärker gerecht werden: Die Menschen überlassen uns die Waren ja, damit wir aus den Erlösen Oxfams weltweite Arbeit in der Nothilfe, der Entwicklungs- und Kampagnenarbeit finanzieren. Deshalb öffnen wir im September in Berlin-Weißensee einen weiteren Oxfam Shop, der dieses Zuviel an Waren aus den anderen 54 Geschäften teilweise auffangen soll.

Wie hoch darf der Kleidungskonsum ausfallen, um den Kreislauf von Spenden und Wiederverwertung aufrecht zu erhalten? Müssen wir uns auf eine Hose und zwei Pullis im Jahr beschränken?

Mit Fast Fashion hat das Tempo auf dem Modemarkt in den letzten Jahren extrem zugenommen: Kollektionen kommen in immer kürzeren Zyklen in die Läden. Und es wird immer mehr konsumiert. Der Absatz neuer Kleidung hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Laut einer Studie von Greenpeace kauft sich jede*r Deutsche durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr – vieles wird dann aber gar nicht oder selten getragen, nach circa einem Jahr ausgemistet und landet auf dem Müll. Sogar 40 Prozent der unverkauften Neuware wird weggeworfen. Das verschwendet wertvolle Ressourcen. Und davon verbraucht allein die Produktion der Kleidung schon enorm viel: Für die Herstellung einer Jeans sind 7.000 Liter Wasser nötig. Damit können Sie 46 Vollbäder nehmen!

Man sieht es den Preisschildern nicht an. Doch Fast Fashion ist teuer – für Mensch, Umwelt und Natur. Das ist die Kehrseite des Klamottenrausches. Das ist vielen, die sich über spottbillige Shirts und Jeans freuen, beim Shoppingbummel vielleicht nicht klar. Aber die Textilindustrie verursacht über fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen – das ist mehr als das Reisen mit Flugzeugen oder Schiffen zusammen. Tendenz steigend! Unsere Klamotten sind also echte Umwelt- und Klimasünder. Deshalb ist unser Appell: Kauft weniger und kauft hochwertiger! Gern natürlich auch Schönes aus zweiter Hand. Wenn sich mehr Menschen daran orientieren, ist ein erster Schritt zu nachhaltigerem Modekonsum getan, für den wir uns mit den Oxfam Shops ja einsetzen.

Landet die Mehrheit der gespendeten Kleidung bei bedürftigen Menschen oder wird diese in den Shops verkauft, um das Geld für dringend benötigte Hilfsmittel zu verwenden?

Das Besondere am Prinzip der Oxfam Shops ist, dass wir gespendete Kleidung, Bücher, Spiele, Medien, Haushaltswaren und Dekogegenstände in den Geschäften für den guten Zweck verkaufen. Das Motto der Oxfam Shops lautet "Wir machen Überflüssiges flüssig". Wir geben die Sachspenden also nicht direkt an Menschen in Not, sondern erwirtschaften über die Oxfam Shops finanzielle Mittel für wohltätige Zwecke.

Die Gewinne aus den Shops fließen an Oxfam, einen weltweiten Verbund aus 20 Mitgliedsorganisationen. Der kann die Mittel als ungebundene Gelder dort einsetzen, wo sie gerade dringend gebraucht werden. Das kann in der Nothilfe sein – wie aktuell im Jemen. In armen Ländern des Globalen Südens setzt Oxfam sich derzeit außerdem speziell im Kampf gegen die Corona-Pandemie ein, stellt Trinkwasser und Seife zur Verfügung und klärt über Hygienemaßnahmen auf.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Efthymis Angeloudis.

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2 Kommentare

  1. 2.

    Sie können Ihre Altkleiderspenden nach Bad Freienwalde bringen oder schicken (gibt auch Sammelstellen in Berlin). Dort wird seit etlichen Monaten gesammelt und ein voller Truck nach dem anderen nach Griechenland geschickt.
    https://wir-packens-an.info/

  2. 1.

    Zumindest im östlichen Umland von Berlin wird man seine Altkleidersäcke nicht mehr los.
    Die Sammelbehälter sind brechend voll und werden anscheinend nicht mehr geleert.

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